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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 48. Samstag, den 13. Juai 1896.
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Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser besichtigte am Mittwoch aus dem Bornstedter Feld das Regiment Gardes du Korps und das Leib-Garde-Husaren-Regiment. An die Besichtigung schloß sich eine Gefechtsübung, nach welcher der Vorbeimarsch stattfand. Der Kaiser ritt vom Bornstedter Felde mit den Truppen nach Potsdam und zwar nach dem Kasernement der Gardes du Korps, wo er mit dem von den Krönungsfeierlichkeiten im Moskau zu- rückgekehrten Prinzen Heinrich zusammentraf.
— Anläßlich des Hinscheidens von Jules Simon hat der Kaiser folgendes Telegramm an den Präsidenten Faure gerichtet: „Von neuem weint Frankreich am Grabe eines seiner großen Söhne. Herr Jules Simon ist todt. Der Zauber seiner Persönlichkeit wird mir unvergeßlich bleiben, ebenso wie ich mich stets der Tage erinnern werde, an denen er mir seine werthvolle Unterstützung lieh, um das Loos der Arbeiterklasse zu verbessern. Herr Präsident, empfangen Sie den Ausdruck meiner lebhaften Antheilnahme. Wilhelm."
— Zu den Kaisermanövern. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, wird am 8. und 9. September eine großartige Kavallerie-AufklärungsÜbung zwischen Bautzen und Görlitz stattfinden. Dieselbe wird von der beim 6. Armeekorps einerseits und von der beim 12. Armeekorps andererseits auszustellenden Kavalleriedivision (12 Regimenter und reitende Artillerie) durchgeführt und vom Kaiser selbst geleitet werden. Erst darauf beginnen die Kaisermanöver, die drei Tage dauern werden. Es wird sich bei dieser großen Kavallerie- AufklärungsÜbung um sehr eingehende und eigenartige Versuche in strategischer Hinsicht handeln, und man wird vielfach von neuen Gesichtspunkten ausgchen
— Nach der „Freisinnigen Zeitung" soll vor Kurzem der Justizminister einem jüdischen Assessor gegenüber sich dahin ausgesprochen haben, daß er von dem Grundsatz ausgehe, nur so viele jüdische Richter anzustellen, als das Verhältniß der Zahl der christlichen Bevölkerung zur jüdischen Bevölkerung ergebe. Diese Mittheilung beruht auf Erfindung. Der Justizministcr hat weder eine solche, noch eine ähnliche Aeußerung gethan.
* — Zur Vermeidung von Ueberanstrengung der im äußeren Betriebsdienste beschäftigten Eisenbahnbediensteten sind im Zusammenhänge mit der durch die Reorganisation der Eisenbahnverwaltung bedingten Neuordnung des Verwaltungsdienstes Vorschriften über die zulässigen Grenzen der täglichen Dauer des planmäßigen Dienstes dieser Bediensteten erlassen worden. Die Durchführung dieser Vorschrift ist nunmehr bis auf einzelne Abweichungen in allen Eisenbahndirektionsbezirken im Wesentlichen zum Abschluß gelangt, und es haben sich dabei die in jenen allgemeinen Vorschriften gezogenen Grenzen als richtig bemessen erwiesen. Es sind auch die bis dahin vorhanden gewesenen Einzelabwetchungen theils alsbald aufgehoben, theils ist deren Aufhebung für den Beginn des nächsten Winterfahrplanes in Aussicht genommen, damit überall dem im äußeren Betriebsdienste beschäftigten Personal im Bereich der preußischen Eisenbahnverwaltung die nöihige Ruhezeit gesichert wird.
— Der Verband deutscher Müller hat beschlossen, bei der Reichsregierung die Zulassung zweier Mehltypen zu 60 oder 65 und 75 vom Hundert Ausbeute zu be antragen. Ferner soll hinsichtlich der Arbeitsdauer und Sonntagsruhe im Müllergewerbe eine thunlichste Gleichmäßigkeit unter größerem Schutze der kleineren Betriebe herbeigeführt werden und zwar durch den Verband selbst, nicht durch die Gesetzgebung. Auch wurde beschlossen, gegen den Gesetzentwurf, betr. die Regelung des Verkehrs mit Futtermitteln, und etwa später in Aussicht stehenden Gesetzentwürfe ähnlicher Art, zu stimmen und zu agitiren.
— Nach der letzten Volkszählung vom 2. Dezember 1895 betrug die Bevölkerung Deutschlands an diesem Tage 52 Millionen, 246 589 Personen. Seit 1890 ist die Bevölkerung um fast 3 Millionen gestiegen. Das Wachsthum der großen Städte ist gegen früher geringer geworden. Die weibliche Bevölkerung ist immer noch um etwa 1 Million stärker als die männliche, doch war in
letzten fünf Jahren die Zunahme der männlichen Bevölkerung zum ersten Male stärker als die der weiblichen.
— Die überseeische Auswanderung, die in den letzten Jahren ganz bedeutend abgenommen hatte, war im ersten Vierteljahr 1896 wieder etwas stärker als im gleichen Zeitraum 1895.
— Grenzsperre Preußens gegen die Geflügelausfuhr Oesterreichs und Rußlands. Die preußische Regierung beabsichtigt, wie es scheint, gegen die Geflügelausfuhr Oesterreich-Ungarns und Rußlands die Grenzsperre aus- zusprechen. Falls die Maßregel durchgeführt wird, dürfte sie mit veterinärpolizeilichen Rücksichten, mit dem Streben, die Einschleppung der Geflügelcholera zu verhindern, begründet werden. Der preußische Landwirthschaftsminister hat denn auch dringliche Erhebungen veranlaßt, ob und in welchem Umfange in neuerer Zeit Landwirthe und Arbeiter jährlich Gänse, Enten oder Hühner aus Rußland oder Oesterreich-Ungarn beziehen, um sie zu mästen oder auf Stoppelfelder und sonstige Weiden zu treiben. Der Landwirthschaftsminister hat deshalb die Regierungspräsidenten ersucht, sich auch darüber zu äußern, ob etwa ein Verbot der Geflügeleinfuhr eine erhebliche Steigerung der Geflügelzucht in Preußen zur Folge haben oder ob wegen der Art der in Betracht kommenden landwirth- schaftlichen Betriebe eine solche Folge des Einfuhrverbotes nicht zu erwarten sein würde. Der gesammte Geflügel- export Oesterreich-Ungarns nach Deutschland betrug im Jahre 1895 70869 D. Ctr. und bewerthete sich auf rund 5 ’/a Millionen Gulden.
Elbcrfeld. Ein recht eigenartiger Fall wurde im vorigen Monat vor dem Schwurgericht Elberfcld verhandelt. Ein Bürger aus Neu-Hückeswagen war der vorsätzlichen Brandstiftung angeklagt. Wie der Bürgermeister als Zeuge bekundete, ist es in dortiger Gegend üblich, daß bei einem Brande der Eigenthümer des brennenden Hauses — notabene wenn er gut versichert ist — seinen getreuen Nachbarn reichlich Branntwein zum Besten giebt, wogegen diese ihm den Gefallen erweisen, ihm zu einem Totalschaden zu verhelfen. Das erleichtert bekanntlich die Abrechnung mit der Versicherungsgesellschaft ganz außerordentlich. Dieses Ziel zu erreichen giebt es verschiedene Wege. Am einfachsten ist es, wenn die freundlichen Nachbarn noch während des Brandes unter dem Vorwande, Löschhilfe zu leisten, das brennende Gebäude niederreißen. Nun giebt es aber an den meisten Orten Feuerwehr und Polizei, die für solche Scherze kein Verständniß haben und sich in ihrer Löscharbeit nicht stören lassen. Dann bleibt freilich nichts Anderes übrig, als das eben gelöschte Feuer noch einmal anzuzünden und unter dem Schutze der Nacht den Freundschaftsdienst zu vollenden. Die Schilderung, die der Zeuge von dem Hergänge des der Anklage zu Grunde liegenden Brandes machte, ist außerordentlich charakteristisch. Zunächst ist] die Spritze unbrauchbar, weil das Ventil durch einen Holzkeil verstopft ist. Dann wird der Spritzenschlanch auf ein ganz anderes als das brennende Haus gerichtet, und der Schlauchführer redressirt diesen Irrthum erst, als ihn der Bürgermeister recht energisch darauf aufmerksam macht. Um 11 Uhr Abends sängt es wieder an zu brennen und wird abermals gelöscht. Als der Bürgermeister in der Nacht die Brandstätte revidirt, findet er Brandwache und Polizei vergnüglich im Wirths- Hause sitzen, während eine Anzahl Personen eben dabei sind, das Haus wiederum anzustecken. Leider gelang es nicht, diese menschenfreundlichen Leute zu fassen, und dem Einen, den man ergriffen hatte, ließ sich nichts Bestimmtes nachweisen. Uebrigens ist die Sache doch nicht so ganz ungefährlich. Das Reichsgericht hat einmal einer Anzahl von Personen, die in freundnachbarlicher Weise das brennende Haus mit Ketten und Hebebäumen niederlegten, klar gemacht, daß es im Strafgesetzbuch einen Paragraphen giebt, der vom Landfriedensbruch handelt.
Darmstadt, 8. Juni. In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer antwortete der Finanzminister Weber auf eine Anfrage des Grafen Oriola wegen der Bahn Frankfurt—Stockheim, daß diese Angelegenheit sich nach dem Sinne Hessens zugleich mit der Verstaatlichung der hessischen Ludwigsbahn erledigen werde, falls der deshalb mit Preußen abgeschlossene Staatsvertrag in Kraft trete.
Kaiserslautern, 10. Juni. Der Geschäftsmann Spork in Ludwigshafen wurde von der Strafkammer in Frankenthal wegen Untreue zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt; unmittelbar nach der Urtheilsverkündigung erschoß der Verurtheilte sich im Gerichtssaal.
Ausland.
Moskau. Ein bemerkenswerther Vorfall bei den Feierlichkeiten in Moskau wird über Wien gemeldet: An dem Bankett, das die deutsche Colonie Moskaus gab, nahmen Prinz Heinrich von Preußen und die übrigen
deutschen Prinzen Theil. Präsident Camesasm brächte einen Toast auf den Prinzen Heinrich und alle Fürsten, die im Gefolge dieses Vertreters des deutschen Kaisers in Moskau erschienen seien. Sofort erhob sich Prinz Ludwig von Bayern, um gegen den Ausdruck „Gefolge" Verwahrung einznlegen. Er sagte: „Wir sind nicht ein Gefolge, nicht Vasallen, sondern Verbündete des deutschen Kaisers. Als solche standen wir, wie Kaiser Wilhelm I. immer anerkannt hat, vor 25 Jahren an der Seite des Königs von Preußen, als solche werden wir wieder zu- sammenstchen, falls Deutschland wieder in Gefahr käme. Dies mögen die Deutschen allerorten bedenken und neben dem großen Vaterland auch die engere Heimath und Anhänglichkeit an die angestammte Dynastie nicht vergessen. Nach der Rede verließen er, Prinz Heinrich von Preußen, die übrigen Prinzen und der deutsche Botschafter Fürst Radolin den Saal. Der Präsident der deutschen Colonie, der den Zwischenfall veranlaßte, der Kaufmann Camesasea, ist auch der Vorsteher des deutschen Viktoriastiftes in Moskau.
Wien, 9. Juni. In St. Johann bei Leibnitz schlug der Blitz in die vollgefüllte Kirche. Zwei Personen wurden schwer, dreißig leicht verletzt. In der Panik wurden viele zu Boden getreten.
Frankreich. Der Philosoph und Staatsmann Jules Simon ist im Alter von 82 Jahren in Paris gestorben. Nach dem Sturze des Kaiserreiches wurde er Mitglied der nationalen Vertheidigung und Mitglied des öffentlichen Unterrichts. Kurz vor Thiers Sturze sah er sich zum Rücktritt genöthigt, da er in seiner persönlichen Stimmung weder die Monarchisten, noch die Republikaner zufrieden zu stellen vermochte. 1876 wurde er der Präsident eines Kabinets, in welchem er zugleich das Ministerium des Innern übernahm, doch wurde er von Mac Mahpn entlassen. ^890 vertrat er Frankreich auf der internationalen Ärbeittrschutzkonferenz in Berlin. — Der Redaktenr der chauvinistischen „Patrie", welcher bei diesem Anlaß den deutschen Botschafter Grafen Münster über die elsaß-lothringische Frage interviewte, besam von dem Botschafter die Antwort: „Sie haben Elsaß-Lothringen zweihundert Jahre lang besessen. Gut, lassen Sie es nun einmal uns zweihundert Jahre lang, nachher werden wir weiter sehen."
Spanien. Ueber Barcelona, wo binnen wenigen Jahren am Sonntag das dritte anarchistische Bombenattentat mit schrecklichen Folgen stattgefunden hat, ist der Belagerungszustand verhängt worden. Im Ganzen sind 8 Personen getödtet und gegen 40 verwundet worden. Der Anblick des Unglücksortes war schrecklich: Gliedmassen, Stücke von Schädeln lagen überall herum. Die Bombe war nach dem System der Orsinibomben hergestellt und hatte mehr als 53 Kapseln. Man glaubt, dieselbe sei von dem Balkon eines Miethshauses geworfen worden. Die Kammer nahm einen Antrag an, in welchem der Empörung über die Urheber des Attentats und dem Mitgefühl mit den Opfern Ausdruck gegeben wird.
Athen, 8. Juni. Vorgestern hat bei Vukolies auf Kreta ein Kampf zwischen türkischen Truppen und Aufständischen stattgefunden. Der Sieg blieb auf Seite der Christen, welche den Türken 4 Kanonen und 200 Martinigewehre Wegnahmen. Die Verluste auf beiden Seiten sind groß.
Kairo, 8. Juni. Die Derwische verloren in dem Gefecht bei Firket gegen 1000 Mann, darunter ihren Führer, den Emir von Hamuda; der egyptische Verlust beträgt 20 Todte und 80 Verwundete. Hunderte von Derwischen wurden gefangen genommen.
Amcrka. Neuerdings sind im Nordamerikanischen Bundesstaat Utah bedeutende Asphaltlager gefunden worden, die um so wichtiger sind, weil in den Vereinigten Staaten von Nordamerika bisher natürliche Asphaltlager von Bedeutung nicht bekannt waren und man den steigenden Bedarf so ziemlich gänzlich mit Asphalt von der Insel Trinidad deckte. Für Utah bedeutet die Entdeckung der großartigen Lagerstätten dieses Minerals eine, Quelle großen Reichthums, und man schätzt, daß selbst wenn der Staat keine Edelmetalle oder Edelsteine hat, er durch seinen Asphalt zu einem der reichsten Mineralländer der Union würde. Nach Ansicht des Senators Best würde der entdeckte Borrath an Asphalt genügen, um den amerikanischen Bedarf auf Jahrhunderte zu decken. Neben gewöhnlichem Pflasterungsasphalt finden sich große Mengen der unter dem Namen Gilsenit bekannten reinsten Art, die zum Jsoliren elektrischer Dräthe, zumFarbenmischen und zurLack- undFirnißbereitungdient,