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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

32 46. Samstag, den 6. Juni 1896.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat sofort nach Empsang der Nachricht über die Katastrophe auf dem Chodinskistlde bei Moskau ein Beileidstelegramm an den Zaren gesandt.

Aus der letzte Sitzung der Budgetkommission des Reichstages sind die Erklärungen hervorzuheben, welche der Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf abgab. Danach ist die Militärverwaltung aufrichtig und ehrlich an den Bersuch herangetreten, die zweijährige Dienstzeit einzuführen. Bis 1899 läßt sich aber ein abschließends Urtheil nicht gewinnen. Die Manöver haben jedenfalls gezeigt, daß die Ausbildung durch die zweijährige Dienst­zeit nicht gelitten hat. Darüber, wie sie sich im Kriege bewähren würde, haben wir keine Erfahrungen. Man darf der Militärverwaltung nicht zutrauen, daß sie durch die Vorlage die dreijährige Dienstzeit auf einem Umwege vorbereiten oder festlegen wolle. Was die 19 Mann betrifft, die jedes Bataillon abgeben soll, so kann diese geringe Zahl unmöglich so ins Gewicht fallen, daß die weitere Fortsetzung der zweijährigen Dienstzeit dadurch in Frage gestellt werden könnte. Die Aufgaben, die den Halbbataillonen zugewiesen waren ^Verminderung des Wacht- und Arbeitsdienstes, Ausbildung des Nachersatzes, der Einjährigfreiwilligen rc.), werden die Vollbataillone in einzelnen Fällen leichter, in anderen weniger leicht lösen; doch die Kommandeure werden die Vollmacht zu einer gewissen Ausgleichung erhalten. Dem Bedenken, daß zu den zwei Vollbataillonen ein drittes hinzugefordert werden könnte, begegnete der Kriegsminister mit dem Hinweise, daß die Menschen, die dazu nöthig wären, noch gar nicht geboren sind, und daß die Kosten ganz gewaltige sein würden. Das sollte uns also jetzt über­haupt nicht beschäftigen. Die Armee müßte sich selbst­verständlich immer im Verhältniß zur Stärke der Be­völkerung halten. Wahrscheinlich kämen wir in Zukunft zu kleineren Truppenverbänden, die lenksamer als große seien. Betreffs der Vorgeschichte der zweijährigen Dienst- zeit theilte Herr v. Bronsart mit, daß ein Drittel der Kommandobehörden bei einer Umfrage ablehnend, zwei Drittel zustimmend geantwortet haben, die letzteren indeß unter bestimmten Bedingungen. Thatsächlich hat bisher die zweijährige Dienstzeit, wie erwähnt, gute Ausbildungs­resultate geliefert. Der Versuch mit der zweijährigen Dlenstzeit soll nicht unterbrochen werden.

Daß Deutschland ein Industriestaat wird, kann jeder sehen, der mit offenen Augen die Entwicklung der deutschen Industrie im eigenen Lande und ihre Erfolge auf dem Weltmarkt verfolgt. In kurzen, treffenden Zügen schildert die Handelskammer zu Breslau in ihrem Jahresbericht diese Entwicklung Deutschlands zum In­dustriestaat mit den Worten:An der Gesammtfabrikaten- Ausfuhr aller Länder der Erde dürfte im abgelaufenen Jahre England mit 30 Prozent, Deutschland mit 20 Prozent dem Werth nach betheiligt gewesen sein; von Jahr zu Jahr immer mehr nähern wir uns Groß­britannien in dieser Hinsicht, lassen wir Frankreich, das nur mit 13,5 Prozent daran betheiligt ist, hinter uns; um so wichtiger wird für unser Wirtschaftsleben die Regelung und Sicherung unseres Handelsverkehrs mit anderen Nationen; heute schon übertrifft der Werth unserer Ausfuhr weitaus den des inländischen Körner­baues."

Viel Kopfzerbrechen macht den Berliner Gewerk schaffen der große Andrang von Arbeitskräften aus der Provinz. Die Schilderungen von der Gewerbeausstellung und vor allem die Angabe, daß die Ausstellung noch nicht fertig sei, haben die Bauarbeiter aus allen Theilen des Reichs zur Wanderung nach Berlin veranlaßt. Die Leute hoffen dort auf goldene Berge 'und sind höchst überrascht, wenn sie erfahren, daß in der Ausstellungs­stadt das Angebot die Nachfrage in allen Berufen bedeutend übersteigt.

Aus Ostpreußen. Die russische Armee ist, wie aus Ostpreußen berichtet wird, dauernd bemüht, aus den ost- preußischen Gestüten Halb- und Vollbluthengste aufzu- kaufen, um die Qualität des russischen Pferdematerials durch Kreuzung zu verbessern. Da die russische Armee erhebliche Mittel für diesen Zweck verwendet, so sind die Abgesandten der dortigen Remontekomission in den oft« preußischen Landbezirken gern gesehene Gäste. Die preußische Heeresleitung dagegen hat, da das ^bisher zur Bespannung unserer Geschütze benutzte vstpreußische Pierd w mancher Beziehung etwas zu leicht ist, neuerdings Versuche angestellt, inwieweit sich das schwere dänische

Pferd zu Artilleriezwecken eignet. Diese Versuche scheinen sehr zufriedenstellende Ergebnisse gehabt zu haben, denn die preußische Regierung beabsichtigt, daselbst ein großes Gestüt anzulegen. Sie unterhandelt zur Zeit wegen des Ankaufs eines großen Bodeukomplexcs mit mehreren Grundbesitzern in Lüdersholm, Kreis Tondern. In einem Kruge zu Pillwißken übernachtete ein Bärentreiber. Seinem Baren wurde der noch Tages vorher von einem inzwischen verkauften fetten Schweine bewohnte Stall zur Schlafstättc angewiesen. In der Nacht nun wurden die Bewohner des Hauses durch einen furchtbares Geschrei und Gebrüll aus dem Schlafe geweckt. Der Bärenführer war sofort auf dem Platze. Er fand den Stall erbrochen und darin einen Menschen, der von Meister Petz in fester Umarmung gehalten wurde. Auf den Zuruf des Bärenführers wurde er losgelaffen und gestand nun zitternd und wehklagend dem Gastwirthe ein, daß er das Schwein habe stehlen wollen. Als er diesem aber den Strick um den Hals geworfen, sei er von ihm gefaßt und so gedrückt worden, daß ihm alle Knochen krachten. Da der Mann, wie die Köln. Allg. Ztg. mittheilt, einen Arm bei dem Rekontre gebrochen und über große Schmerzen in der Brust klagte, so mußte die Polizei­behörde ihn sogleich in ärztliche Behandlung geben. Der Appetit auf Schweinebraten dürfte ihm aber für lange Zeit vergangen sein

Bom Kyffhänser, Die Kriegervereine marschiren am Einweihungstage, in drei getrennten Kolonnen, jede in einer annähernden Stärke von 8000 Mann zur Spalierbildung und hierauf in Parade vor Sr. Majestät dem Kaiser und den anderen Fürstlichkeiten nach dem Kyffhäuser. Herr Hauptmann Herschenz führt die sog. Südkolonne, welche in Berga die Eisenbahn verläßt. Die Ostkolonne führt Herr Hauptmann Rabe auf der neuangelegten Fahrstraße von Roßla über Sittcndorf. Die dritte, die Westkolonne, von Frankenhausen kommend, ) führt Herr Premierlieutenant Hornung. Jeder Kolonnen- führer ist selbständig und wird von berittenen und Offizieren zu Fuß der Reserve und Landwehr aus der Umgegend unterstützt.

Aus Thüringen schreibt man: Die Proklamirung des Prinzen Sizzo von Leutenberg, Sohnes des verstorbenen regierenden Fürsten Friedrich Günther, zum Thronerben in Schwarzburg-Rudolstadt ruft ein an dessen Person sich knüpfendes Vorkommniß wieder ins Gedächtniß zurück, welches im Herbste 1865 durch ganz Deutschland be­rechtigtes Aussehen erregte. Es ist dies der Prinzenraub ä la Kunz von Kaufungen, den der Frankenhäuser Arzt Dr. Weise damals auszuführen plante, ein verschrobener Kopf, der mit allen möglichen Behörden sich in den Haaren lag, zu seinen Gunsten den Fürsten Fried­rich Günther von Schwarzburg - Rudolstadt vergeb­lich in seine Verwicklungen hineinzuziehen versucht hatte und nun auf diese Weise sich an dem Fürsten zu rächen und dabei gleichzeitig zu Gelde zu kommen trachtete. Er beabsichtigte, den Prinzen aus dem Schlosse zu Frankenhausen, in welchem damals das fürstliche Hof­lager war, in eine Gypsschlottc am Kyffhäusergebirge, die davon noch heutePrinzenhöhle" heißt, und von da auf einen einsam gelegenen Bauerhof in dem preußischen Dorfe Hackpfiffel zu entführen und ihn dann nur gegen 20000 Thaler Lösegcld sowie Zusicherung voller Straf­freiheit wieder loszulassen. Ein Vertrauensmann ver­rieth jecoch die Sache dem Fürsten, und Dr. Weise mußte in die Frankenhäuser Frohnfeste wandern. Fürst Friedrich Günther ließ jedoch Gnade für Recht ergehen und gab dem verschrobenen Manne das Reisegeld nach Amerika. Dort ist er später verschollen.

Ein Eisenberger Wurstfabrikant, welcher in einem Falle Cervelatwurst künstlich gefärbt und in den Handel gebracht hatte, wurde vom Landgericht Altenburg zu 200 Mark Geldstrafe verurtheilt. Das Erkenntniß wurde auf Kosten des Bestraften in zwei Zeitungen be­kannt gemacht.

Köln. Ein auffälliges Urtheil in Preßsachen wird aus Köln mitgetheilt. Ein zu Bensberg wohnender Kaufmann klagte gegen einen Gerichtsberichterstatter aus Kalk wegen Beleidigung. Eine Kölnische Zeitung brächte i seiner Zeit einen Bericht über eine Gerichtsverhandlung, durch welchen sich der Privatkläger beleidigt fühlte, f Der Berichterstatter zeichnete damals als verantwortlicher ; Redakteur der betreffenden Zeitung. Der Kläger be­hauptete, die Zeitung habe nicht das Recht, Aeußerungen i aus Zeugenaussagen und Vertheidigungsreden, die ge­

eignet seien, Jemanden zu beleidigen, in ihren Berichten wiederzugeben. Das Gericht schloß sich dieser Ansicht an und erkannte auf 30 Mk. Geldstrafe. Das Gericht erkannte an, daß der fragliche Bericht im Allgemeinen richtig wiedergegeben sei. Die Presse aber sei nicht be­rechtigt, irgend welche kränkenden Bekundigungen aus Gerichtsverhandlungen weiter zu verbreiten, da die Oeffentlichkeit sich nur auf die im Gerichtssaal an­wesenden Personen erstrecke. Gegen dieses Urtheil hat der Verurtheilte Berufung eingelegt, und wir zweifeln keinen Augenblick an deren Erfolg. Wenn sich die Oeffentlichkeit nur auf die im Gerichtssaal anwesenden Personen erstreckte, so dürfte überhaupt kein Bericht über eine öffentliche Gerichtsverhandlung veröffentlicht werden.

Ausland.

Rußland. In Rußland herrscht überall Trauer und Klagen, da viele Familien von dem Massenunglück schwer heimgesucht sind, andere widerum in banger Sorge um die Ihrigen leben, da die Zahl und die Identität der Verunglückten bisher nicht festgestellt worden ist und auch schwerlich je wird festgestellt werden können. In der Umgebung des Chodynskifeldes, bis in die ersten Dörfer hinein, wurden auf der Straße und im Gebüsch am Wege Todte gefunden. Es waren Personen, die sich schwer verwundet fortgeschleppt hatten und ohne Hilfe elend zu Grunde gingen. Die weiteren Berichte, die allmählich über das große Unglück in Moskau ein­laufen, lassen deutlich erkennen, daß mangelhafte An­ordnungen der Behörden einen Theil der Schuld tragen und ferner, daß man sich zu Gunsten des ungestörten Fortganges der Festlichkeiten bemüht hat, von der ent­setzlichen Katastrophe möglichst wenig Aufhebens zu machen. DirKöln. Ztg." meldet aus Moskau, daß die Zahl der Opfer der Katastrophe thatsächlich sich auf 2700 beläuft. Man hat aus neueren Zeiten, so bemerkt dieMagd. Ftg.", vier etwas ähnliche Vorfälle zu ver­zeichnen gehabt, von denen leider zwei in Berlin passirtrn: das Massengedränge bei dem großen Zapfenstreich zur Feier der Dreikaiserbegegnung im September 1872 und das Unglück beim Einzug des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. mit der neu vermählten Prinzessin Elisabeth von Bayern im November 1823; bei dem späteren tragischen Schicksal jenes hochbegabten Monarchen hat man wohl an dieses düstere Vorzeichen erinnert. Noch mehr ist dies der Fall bei dem weit umfangreicheren Unglück gewesen, das aus denselben Ursachen den Einzug der späteren Königin Marie Antoinettc in Paris im Frühsommer 1770 begleitete; inDichtung und Wahr- Heit" hat Goethe den entsetzlichen Eindruck verewigt, den wenige Tage nach dem Straßburger Durchzuge der ge­feierten jungen Fürstin die Pariser Nachricht dort hervor- rief. Endlich kann man auch das große Ballfcst zu Ehren der Kaiserin Marie Luise anführen, daß 1810 als öster­reichischer Spezialbotschafter der nachherige Feldmarschall Fürst Schwarzenberg in Paris gab und das mit fürchter­lichem Brandunglück und dem Verluste einer großen Zahl von Menschenleben endete; auch in diesen beiden Fällen ist nach den späteren Katastrophen die Erinnerung an jene traurigen Vorzeichen wachgerufen worden. Neuere Mittheilungen aus Moskau beziffern die Anzahl der am letzten Sonnabend Morgen bei dem Gedränge um« gekommenen Menschen auf 4 bis 5000 und die der Ver­wundeten auf über 10,000. Genau wird man es wohl nie erfahren, da Viele der Umgekommenen buchstäblich in Stücke zerrissen oder zu Brei getreten worden sind. Die eingeleitete Untersuchung wird ergeben, wem die Schuld an dieser beispiellosen Katastrophe zufällt und ob es wahr ist, daß, wie behauptet wird, dies Gedränge absichtlich herbeigeführt worden ist, um die vielen Be­trügereien, welche von den Unternehmern für das Volks­fest begangen, zu verwischen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 5. Juni.

* Kreissekretär Falkenthal in Felsberg, früher in Schlüchtern, ist nach Hünfeld versetzt worden.

* Der Bote bei der Königlichen Kreiskasse dahier, J. Staab, ist als Kreisboie an das Landrathsamt zu Oschersleben bei Magdeburg versetzt worden.

* Dem Herrn Forstmeister Raffel in Mottgers ist der Rothe Adler-Orden III. Cl. verliehen worden.

* Mit dem 1. Oktober d. J. wird das hiesige