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M 44.
Samstag, den 30. Mai
1896.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Mai. Das Kaiserpaar und die Prinzen besuchten in der Ausstellung auch die Fischerei-Ausstellung, das Marine- und Alpenpanorama. Hierauf besuchte der Kaiser das Hauptindustriegebäude, während die Kaiserin mit den 5 Prinzen sich nach „Kairo" begab.
— Nach einer Meldung des „Hamb. Corresp." verlautet in Berlin mit Bestimmtheit, daß sich der Zar und seine Gemahlin diesen Sommer nach Darmstadt begeben und aus dieser Reise mehrere Tage als Gäste des Kaiserpaares in Potsdam verweilen werden.
— Dem Oberpräsidenten Grafen Wilhelm v. Bis- marck ist gestern Nachmittag zu Königsberg ein kräftiger Sohn geboren worden; für den Fürsten Bismarck der erste Enkel seines Namens.
* — Der Saatenstand ist in Deutschland wegen des im allgemeinen sehr rauhen Wetters kein günstiger. Zwar hat der Frost größeren Schaden nicht angerichlet, doch haben im Osten andauernde Regenschauer und im Westen andauernde Trockenheit, überall aber rauhe Nord- und Ostwinde die Entwickelung der Wintersaaten be- nachtheiligt und die Bestellung der Sommersaaten verzögert.
— Die Preise in den Berliner Hotels, so schreibt eine Berliner Ztg., wurden von den Provinzblättern neuerdings erörtert. Förster Fabrikanten haben bittere Klagen erhoben, daß ihnen bei ihrer Anwesenheit gelegentlich der letzten Wollauktion „mit Rücksicht auf die Ge- werbeausstellung" fast die doppelten Preise in den Hotels, wo sie regelmäßig Einkehr halten, abverlangt sind. Nach den Ermittelungen der „Post" sind allerdings in manchen Hotels, vornehmlich in den großen, die Preise unver- hältnißmäßig in die Höhe geschraubt. Ein Reisender will in einem Hotel im nördlichen Theile der Friedrichstraße 1,50 Mk. für Stiefelputzen bezahlt haben. (!) Demgegenüber wird von anderer Seite betont, daß die Preise in mittleren und kleineren Hotels als mäßige bezeichnet werden können. Die Besucher wenden nichts dagegen ein, wenn während der Dauer der Ausstellung ein kleiner Preisausschlag eintritt.
— In dem Strafverfahren wider denBernsteinwaaren- fabrikanren Westphal zu Stolp i. P. soll Zeitungsnachrichten zufolge festgestellt worden sein, daß der Ge- Heime Kommerzienrath Becker zu Königsberg i. Pr. sich mehrfach hoher Verbindungen gerühmt und dabei Aeußerungen gethan habe, welche geeignet wären, die Integrität der bei der Verwaltung des Bernsteinregals beteiligten Beamten in Frage zu stellen. Falls solche Aeußerungen des Becker wirklich nachgewiesen würden, so wird der Minister für Landwirlhschaft, Domänen und Forsten selbstverständlich die nöthigen Schritte thun, um die strafrechtliche Verfolgung des qu. Becker herbeizuführen. Die hierfür erforderlichen Maßnahmen müssen aber, da über den jene Aeußerungen des Becker betreffenden Thatbestand nur Zeitungsnachrichten vorliegen uud es daher für die Beurtheilung desselben zur Zeit an jedem amtlichen Materiale fehlt, ausgesetzt bleiben, bis das in dem Strafverfahren wider Westphal ergangene Urtheil vom 15. d. Mts. ausgefertigt und dem genannten Minister gemäß seinem schon am 17. d. Mts. gestellten Ersuchen mitgetheilt sein wird.
Bremen. Der Norddeutsche Lloyd hat auch im Jahre 1895, in welchem bekanntlich infolge der ungünstigen wirthschaftlichen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten von Nordamerika der Passagierverkehr nur einen geringen Umfang aufwies, nach den amtlichen Feststellungen von den sämmtlichen, an der Passagierbeförderung betheiligten Dampfschiffsahrtsgesellschaften den größten Antheil zu verzeichnen. Die Ziffern der verschiedenen Linien stellen sich wie folgt: Norddeutscher Lloyd 68887 Personen, American Red Star Linie 53170 Personen, Hamburg America Linie 45191 Personen, White Star Linie 42 530 Personen, Cunard Linie 41500 Personen, Anchor Linie 26 493 Personen, General Transatlantique 24056 Personen, Nieder!. Amerikan. Dampf.-Gesellschaft 16848. Dann folgen noch 8 weitere Linien, die sämmtlich unter 10 000 Personen bleiben.
— Furchtbare Wolkenbrüche und Hagelschläge haben die Provinz Schlesien heimgesucht. So ging in Gleiwitz tin schweres Gewitter mit Wolkenbruch und Hagelschlag Nleder. Die Baumblüthe ist vernichtet; die Gärten suchen Schneefeldern, die Bahnho^straße und Nikokai- nraße reißenden Strömen. Gegen 150 Wohnungen Rw unter Wasser, etwa 1000 Personen sind obdachlos.
Der Schaden ist groß. Feuerwehren aus Gleiwitz und Umgegend räumten die gefährdeten Häuser und brachten die Einwohner in Sicherheit. Auch in Schweidnitz, Nimptsch und Reichenbach hat das Unwetter entsetzlich gewüthet. Die Eisenbahnstrecke Großwilkau-Nimptsch steht unter Wasser, zwschen Reichenbach und Gnadenfrei hat ein Dammrutsch stattgefunden, so daß die Eisenbahn- züge nur bis Reichenbach kursieren können. Die Flüsse und sonstigen Gewässer sind ausgetreten.
Darmstadt. Die Verstaatlichung der Ludwigsbahn dürfte für eine große Anzahl hessischer Gemeinden eine recht empfindliche Nebenwirkung haben. Die Hessische Bahn hat bekanntlich an die von ihrem Schienennetze berührten Gemeinden mitunter erhebliche Communal- steuern zu entrichten. Durch die Verstaatlichung der Bahn würden indessen diese Beträge voraussichtlich in Wegfall kommen und dadurch die betreffenden Gemeinden merklich geschädigt werden. Man hat darum im Kreise Erbach eine an die maßgebende Stelle zu richtende Ge- sammlvorstellung aller betheiligten Gemeinden in's Auge gefaßt, welche die Wahrung der gefährdeten Interessen bezweckt. Die Gemeinde Schöllerbach deckte bisher die Hälfte ihrer Gesammtumlagen aus den Communal- Iteuern der Ludwigsbahn, welche im diesseitigen Kreise ein bedeutendes Steuerkapital besitzt.
während der versicherte Landwirth gleichmüthig abwarten kann, was das Wetter bringt, in dem Bewußtsein, für alle Fälle vorgesorgt zu haben. So Mancher mag, wenn die Wolken sich drohend am Himmel thürmen, im Innern sich geloben, wenn es dieses Mal noch vorübergeht aber auch ganz gewiß zu versichern. Der lachende Sonnenschein des folgenden Tages aber läßt den Vorsatz ebenso rasch vergessen, als er gefaßt war. So handelt nur der Leichtsinnige. Wer sich seiner Verantwortlichkeit gegen sich selbst und die Seinen voll bewußt ist, wird die Mahnung einer ernsten Stunde beherzigen oder besser garnicht erst abwarten. Es kostet ja so wenig Mühe und Geld, sich die Befreiung von diesen Sorgen durch rechtzeitige Versicherung gegen Hagelschaden zu erkaufen.
* — Die Frankfurter Eisenbahndirekton gibt folgenden Erlaß bekannt: Den Bahnhofswirthschaften ist es strengstens untersagt, ordinären Branntwein, sogenannten Fusel, zu verabreichen. Dagegen wird ihnen vorgeschrieben, zu jeder Zeit während des Verkehrs Kaffee bereitzuhalten und zwar zum Preise von 5 Pfg. ohne Milch und von 10 Pfg. mit Milch und Zucker. Diese Verfügung wird demnächst in jeder Bahnhofswirthschast des Direktionsbezirks durch große Plakate angezeigt. <x
* — Die freiwilligen Feuerwehren können in diesen? Monat ein Jubiläum begehen. Im Monat Mai 1846 gründete ein Baumeister Christian Hengst zu Durlach i. B. die erste freiwillige Feuerwehr. Deren erfolgreiche Thätigkeit hatte alsbald allgemeine Aufmerksamkeit erregt und die Ausbreitung des modernen Systems zur Folge. Heute, nach 50 Jahren, bestehen über 10 000 Wehren mit nahezu einer Million Mitgliedern.
— In den Kreisen der Hessen-Nassauischen Bau- gewerks-Berufsgenoffenschaft macht sich eine Agitation gegen die Verwaltung geltend, die angeblich zu theuer wirthschafte und jährlich etwa 90 000 Mark Ausgaben verursacht.
Romsthal, 26. Mai. Die Bienenzüchter wird eS interessiren, zu erfahren, daß der Bauer Peter MatheiS hier von seinen Bienen am 13. und 15. Mai je einen Hauptschwarm und am 25. Mai d. Js. einen After- jchwarm hatte, was bei der jetzigen kalten Witterung für hiesige Gegend eine Seltenheit ist.
Orb. Die Badesaison hat begonnen und verspricht nach den Feiertagen recht lebhaft zu werden. Die Kurgäste werden manches verändert finden; die neue Kuranlage schreitet stetig weiter vor und manches Wahrzeichen aus alten Tagen verschwindet, um den Straßen ein moderneres Aussehen zu geben; selbst in den ältesten Stadttheilen müssen alle Dungstätten verschwinden oder unsichtbar gemacht werden. Diese und andere Maßregeln unseres kommissarischen Bürgermeistrs beseitigen in kurzer Zeit einige alte Erbübel unserer Stadt, so daß unsere „bürgermeisterlose" Zeit recht heilsam gewesen ist. Die Bauthätigkeit, eine Folge des Aufschwungs unseres Bades, wird in diesem Sommer von neuem beginnen; ein Bau für Nervenkranke ist begonnen, für ein großes Kurhotel ist der Platz von der Stadt und für eine Pension von Privaten gekauft. Es macht sich demnach überall ein Fortschritt bemerkbar; hoffentlich gelingt es nun auch bald, die Bahn hierher zu bringen.
Gelnhausen, 27. Mai. Der hiesige Königliche Landrath erläßt folgende Bekanntmachung: „Der Wleder- aufgang der Jagd veranlaßt mich, die Ortspolizeibehörden des Kreises sowie die Jagdinteressenten daraus hinzuweisen, daß sowohl im vormals bayerischen als auch im vormals kurhessifchen Theile Jagdgäste die Jagd nur in Gegenwart der Jagdinhaber oder deren Jäger ausüben dürfen. Ich bemerke hierbei, daß das Kammergericht durch Urtheil vom 14. Oktober 1895 ausdrücklich für die vormals kurhessifchen Theile den Grundsatz ausgestellt hat, daß der Besitz eines Erlaubnißscheines nicht genügt und daß nichtjagdberechtigte Personen, welche im Besitze eines solches Scheines aber ohne Begleitung des Jagd- berechtigten oder seines Jägers jagend angetroffen werden, in die Strafe des § 30 Nr. 5 des kurhessifchen Jagdgesetzes vom 7. September 1865 verfallen. Des Weiteren weise ich darauf hin, daß in dem vormals bayerischen Kreistheile das Erlegen von Roth- und Damwild nur mit der Kugel gestattet ist."
Aus dem Biebergrunde, 22. Mai. Ueber das Gehalt der Bahnhofs-Vorsteher zu Roßbach und Lanzingen wird dem „Fr. Vbl." jetzt Einiges für die Oeffenllich- leit mitgetheilt: Als die Spessartbahn im Dezember 1895
Ausland.
In Kreta ist die Erregung der christlichen Griechen gegen die türkische Regierung im Wachsen. Von dem englischen Consul in Konstantinopel liegt jetzt eine aus- lührliche Schilderung des Gemetzels zu Urfa (Türkisch- Armenien) im Dezember vorigen Jahres vor. Die Zahl der armenischen Opfer, die von den Türken in zwei Tagen abgeschlachtet wurden, betrug 8000, wovon 3000 Männer, Frauen und Kinder in der Kirche getödtet wurden. Die Metzelei wurde mit Wissen der Behörden, geplant und ausgeführt.
New-Aork, 27. Mai. Eine Depesche aus Detroit beziffert den Verlust an Menschenleben durch den gestrigen Cyclon auf 100 Todte. Dem Cyclon war ein Gewitter mit unaufhörlichen Blitzen voraufgegangen. Die Erde zitterte wie bei einem Erdbeben. Die Erderschütterung verwüstete ein 30 Meilen langes, nur % Meilen breites Gebiet. — Nach den letzten Nachrichten war die durch den Cyklon in ^aint Louis hervorgerufene Katastrophe noch viel schlimmer, als es zuerst den Anschein hatte. Die Zahl der in Saint Louis allein Umge- kommenen wird auf 1000, der im östlichen Saint Louis Gctödtetcn auf 300 geschätzt. Der Schaden soll viele Millionen betragen.
New Aork. Es stellt sich heraus, daß der lutherische Geistliche Hermann in Saltlake City in Amerika, der beschuldigt wurde, seine erste und zweite Frau ermordet zu haben, sieben Frauen gehabt und ermordet hat. In den Kellern der Kirche des geistlichen Blaubartes wurden drei weitere Leichname bereits entdeckt.
China beginnt sich der westlichen Cultur immer mehr zu erschließen. Zahlreiche Chinesen werden, wie schon seit Jahren die Japaner, nach Europa gesandt, um dort ihre Ausbildung zu erhalten. In China selbst wird eine Universität errichtet und Eisenbahnen werden gebaut. Der frühere deutsche Gesandte in China, Herr von Brandt, ist vom Kaiser von China zum Berather in auswärtigen Angelegenheiten mit dem Range eines Ministers ernannt worden.
Lokales und Provinzielles.
* Schlichtern, 29. Mai.
* — Versichert eure Felder! Diese Mahnung ruft jeder neue Morgen den Landwirthen zu. Mit der vorrückenden Jahreszeit kommt auch die Periode der Hagelwetter täglich näher; eine Stunde kann alle Hoffnungen zerstören und die Frucht langer Arbeit vernichten. Es ist ein Gebot der Vorsicht und der unerläßlichen Fürsorge für die Zukunft, dieser Gefahr gegenüber von dem Schutzmittel Gebrauch zu machen, das die Versicherung bietet, und das nur sie allein bieten kann. Aber nicht nur gegen Hagel versichern soll man, sondern man soll zeitig versichern und nicht den letzten Moment abwarten. Wie leicht kann unver- muthct früh ein Hagelschlag die Fluren heimsuchen, und dann ist das Unglück nicht mehr ungeschehen zu machen. Jede aufziehende Wolke bedroht den Unversicherten mit herbem Verlust uud läßt ihn nicht zur Ruhe kommen,