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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 42.
Samstag, den 23. Mai
1896.
Pfingsten.
Pfingsten ist der Geburtstag der Christenheit. Die Entstehung der Christenheit bedeutet, was man auch sage, den Frühlingsanfang für die menschliche Gesellschaft. Der Weg des Heidenthums geht unterwärts, nach jugendlichem Blühen der Völker folgt allemal Greisenhaftigkeit und Tod. Das Heidenthum kennt eben keinen lebendigen Geist über der Natur, es hegt wohl sittliche Ideale, aber es hat keine gewisse Zuversicht, sie durch- zuführen. Aber wie von Gott geboren tritt seit dem ersten Pfingsttage eine Gemeinschaft in der Welt einher, welche ihres endlichen Sieges über Sünde und Mangel, Uebel und Tod sich kräftig bewußt ist. Denn alle Ideale, alles Hoffen und Sehnen sieht die Christenheit in Jesu Leben wirklich geworden. Vom Tode erstanden regiert er am Himmel der Seelen als Sonne der Geister, seine Strahlen zünden in den Herzen unvergängliches Leben, die von seinem Geiste durchwehte Gemeinde verkündet in Jerusalem den Menschheitsfrühling, das Gottesreich!
Dem Materialismus ist aller „Geist" zum Spotte, wie vielmehr der heilige Geist! Mau will keine Kräfte von oben, man kennt nur natürliche Triebe und Entwickelung von unten her. Ader was gilts, bald wird man auf den Gassen über die Meister spotten, welche sich getrauen, Liebe, Geduld, Pflicht, Aufopferung aus Fleisch und Blut zu destilliren, so wie man Wasser destillirt. Vordem entsetzten sich die Menschen vor dem Zauberspuke einer von Gespenstern und Geistern durch- walteten Natur. Viel grauenhafter noch ist aber das unheimliche Chaos, in welches der Materialismus seine Gläubigen zerrt, in eine Welt ohne Geist, in welcher rohe Kräfte sinnlos walten und die einzelne Seele zwecklos zerrieben wird. Aber das Pfingstfest ist ein fröhlicher Protest gegen diese Nebelwelt unsrer aufgeklärten Dunkel- Männer! Die Christenheit, um Christus gesammelt und von ihm erleuchtet, erkennt mit Jubel: Gott ist Geist, Gott ist Liebe; göttlicher Liebesgeist durch- waltet die Welt, lenkt die Geschichte, wohnt seligmachend in den Herzen der Gläubigen. Er lst ein Vater des Lichtes und wir, seine Kinder, haben Aufgabe und Verheißung durch Ueberwindung der Natur aus dem wilden Chaos einer sündigen Welt ein Reich der Ordnung zu schaffen.
Schwere Aufgaben sind dem heutigen Geschlechte gestellt. Wir leben in einer Uebergangszeit, auf allen Gebieten gährt es, die Herzen voller Unruhe. Ist viel Klagen's über Luxus und Genußsucht, so ist das Schlimmste daran nicht die Vergeudung, sondern die daraus fließende sittliche Lahmheit, die geistige Knochenerweichung, der schnöd' witzelnde Pessimismus, der thaten- scheu macht. Was uns noth thut, das sind lhatenfrohe Leute, welche dem trägen, herzensöden, begeisterungsun- fähigen Philisterthume auf den Leib rücken. Männer, von Gott geboren, mit brennenden Herzen und feurigen Zungen, welche es nicht lassen können, dem Gotteswillen in unserem Volksleben wieder Bahn zu brechen. Nicht Gesetze oder polizeilicher Zwang, nicht Bildung noch technischer Fortschritt, sondern der Geist Christi ist es, der lebendig macht nnd Gesundung bringt; nicht die ungestörte Cirkulation des Geldes noch die richtige Vcr- theilung der Güter ist das Höchste und Heilende, sondern, daß die lebendigen Wasser göttlichen Liebeslebens aus den Brunnenstuben geisterfülller Persönlichkeiten in die Volksadern strömen.
Wird unser deutsches Volk seinen Bedarf an solchen Geistesmenschen decken können? Werden genügend viele den Muth finden, zu entsagen und sich von Gott zum Dienste und Kampf für ihr Volk weihen zu lassen? Unsere deutsche Zukunft hängt davon ab. Die evangelische Gemeinde sollte das Salz sein, die sittliche Fäulniß auszubeizen — noch ist sie es nicht. Aber gewiß, der Gott, der in ähnlich drangvoller Zeit unser Volk durch die Reformation im Geiste erneuert hat, der wird uns auch einen neuen Geistesfrühling schenken, wo wir nur denselben begehren und dafür arbeiten! Ueberall doch regen sich gute Kräfte in freudiger Begeisterung, allewege Keime und Ansätze zu gesunden Gebilden — so feiern wir Pfingsten fröhlich in Hoffnung auf ein früchtereiches Gedeihen. Denn Gott hat uns gegeben nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der die Welt überwindet.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird voraussichtlich bis zum Sonnabend sich in Pröckelwitz aufhalten, wo er eifrig der Jagd auf Rehe obliegt. Am Sonnabend Abend soll die Rückkehr nach Potsdam erfolgen. — Der Kaiser wird als Gast des Fürstbischofs Dr. Kopp an den Hirschjagden in Johannisburg (Schlesien) theilnehmen.
— Wie mehrere Berliner Blätter melden, darf auf Befehl des Kaisers die „Kölnische Zeitung" wegen ihrer jüngsten Artikel gegen hochgestellte Personen, insbesondere gegen den Chef des Militärkabinetts v. Hahnke, in des Kaisers Umgebung in den königlichen Schlössern nicht mehr gehalten werden.
— Cercmonienmeister v. Kotze ist wegen des Duells, worin Ccremonicnmcister Frhr. v. Schröder fiel, zu zwei Jahre Festung verurtheilt worden.
— Die Pariser „Agence Haoas" meldet unterm 19. Mai: Der heutige Ministerrath beschloß, die Auslieferung des Rechtsanwalts Fritz Friedmann zu genehmigen.
— Aus dem Nachtrag zum Kolonialetat ergiebt sich, daß die südwestafrikanische Schutztruppe für die Zeit dieses Etatsjahrs verstärkt werden soll um 2 Haupt- leute, 1 Premierlieutenant, 9 Sekondelieutenants, 2 Aerzte, 2 Zahlmeister-Aspiranten, 5 Feldwebel, 22 Sergeanten, 28 Unteroffiziere, 80 Gefreite und 265 Gemeine.
— Die Angehörigen der kaiserlichen Schutztruppen in den Kolonien sollen nach einem neuen Gesetzentwurf vollständig aus dem Heere oder der Marine ausscheiden, während sie bisher nur abcommandirt waren. Außerdem soll die Möglichkeit geboten werden, daß in den Kolonien ansässige Deutsche dort ihrer Dienstpflicht genügen können.
— In Beschwerdesachen über die Einkommensteuer hat das Oberverwaltungsgericht für 1892/93 nicht weniger als 9450 Berufungsentscheidungen aufgehoben, für 1893/94: 5103, für 1894/95 : 1126. Es betrugen die am 31. Dezember 1895 unerledigten Beschwerden für 1892/93: 32, für 1893/94: 186 und für 1894,95: 8510. In Betreff der Gewerbesteuer hat das Oberverwaltungsgericht für 1892/93: 621, für 1893/94: 401 und für 1894/95: 17 Berufungsentscheidungen aufgehoben. Es betrugen am 31. Dezember 1895 die unerledigten Beschwerden für 1892/93; 9, für 1893/94: 33 und für 1894/95; 83.
— Das Gesetz, betreffend das Anerbenrecht bei Renten- und Ansiedelungsgütern, wurde in dritter Berathung vom Abgeordnetenhause cndgiltig angenommen.
— In der Sitzung der Kommission zur Vorberathung desGesetzentwurfs über Errichtung von Handwerkskammern vom 15. d. M. machte der Mimster für Handel und Gewerbe Freiherr von Berlepsch Mittheilung von dem Stande der Angelegenheit, betreffend den im Handelsministerium ausgearbeiteten Entwurf eines Gesetzes über die Organisation des Handwerks. Der Entwurf, der Mitte April dem Staatsministerium zugegangen sei, werde von diesem voraussichtlich in wenigen Wochen durchberathen sein. Dagegen werde die Beschlußfassung des Bundesraths voraussichtlich längere Zeit in Anspruch nehmen, so daß der Entwurf aller Wahrscheinlichkeit nach dem Reichstage erst im Herbst d. I. zugehen werde.
— An Stelle des vom preußischen Herrenhause ab- gelehnten Lehrerbesoldungsgesetzes, das vom Abgeordnetenhause bereits angenommen war, soll ein neues Gesetz wahrscheinlich schon im Herbst dieses Jahres vorgelegt werden.
Mittwcida, 18. Mai. Während einer Technikerkneipe in einem Gasthofe in Rößgen versuchte eine Anzahl Techniker ihren Präsiden scherzweise aus dem Kneiplokal zu drängen. Dieser, welcher einen spitzen, vorn scharfen Schläger in der Hand hielt, wehrte sich feiner Angreifer in sehr fahrlässiger Weise und stach mit dem Schläger um sich. Hierbei stach er seinen eigenen Bruder in den Leib, so daß dieser schwer verletzt wurde. Einen anderen in Ottensen-Altona geborenen Techniker stach er durch die rechte Brustseite, so daß dieser todt zusammenbrach. Der Thäter wurde verhaftet.
München. Zur Beraubung von Schutzhütten tn den Alpen Tirols wird den „Münch. Neuest. Nachr." aus Innsbruck geschrieben, daß von der Einbrecherbande fünf Schutzhäuser ausgeplündert worden sind: die Berliner-, Dominikus-, Schwarzenstein-, Furtschagel- und Pfitscherjochhütte Den größten Schaden erleidet die Berliner-Hütte mit beiläufig 2500 fl. Der eine in diesem Schutzhause angetroffene Verbrecher ist ein bayerischer Deserteur, die Entkommenen 14 oder 15 scheinen Handwerksburschen gewesen zu sein. Die
Streifungen von den erbrochenen Hütten aus waren resultatlos. Die Einbrecher hausten in getrennten Abtheilungen in den verschiedenen Hütten und machten sich, wenn es die Witterung erlaubte, gegenseitig Besuche (!!) Auch hatten sie Vorkehrungen getroffen, um sich bei drohender Gefahr gegenseitig zu verständigen. Einzelne kleine Brücken sind abgebrochen und verbrannt worden. Der Gefangene, der sich tüchtig verrammelt hatte und bei seiner Verhaftung noch im Bette lag, gibt an, daß seine Komplizen erst seit einigen Tagen fortgezogen seien.
Ausland.
Wien, 19. Mai. Erzherzog Karl Ludwig ist heute früh gestorben. Erzherzog Karl Ludwig Joseph Maria wurde geboren den 30. Juli 1833 zu Schönbrunn als Sohn des Erzherzogs Franz Karl. Der verstorbene Erzherzog war der zweite Bruder des Kaisers. Der erste war der unglückliche Kaiser Maximilian von Mexiko, der am 19. Juli 1867 in Queretaro erschossen wurde. Der dritte Bruder, Erzherzog Ludwig Viktor, ist unver- mählt geblieben. Seit dem unglückseligen Ende des Erzherzogs Rudolf (30. Januar 1889) war Erzherzog Karl Ludwig präsumtiver Thronfolger, hat aber auf die Thronfolge zu Gunsten seines ersten Sohnes Franz Ferdinand, der seit dem Aussterben des Hauses Oesterreich-Este diesen Beinamen führt, verzichtet. Bekanntlich mußte Erzherzog Franz Ferdinand wegen eines Kehlkopfleidens den Winter 1895/96 in Aegypten zubringen, wo er den letzten Besuch seines Vaters empfing. Da Erzherzog Franz Ferdinand so leidend ist, daß sein Gesundhetts- zustand jeden Gedanken an eine öffentliche Thätigkeit ausschließt, verlautet, daß Erzherzog Otto nach den Beschlüssen des Familienrathes die Verwaltung der großen Esteschen Besitzungen erhalten soll, so daß der jüngste Sohn Karl Ludwigs, Erzherzog Ferdinand Karl, in die Rechte eines Thronerben träte.
Alexandrien, 18. Mai. Die Cholera breitet sich seit einigen Tagen unheimlich rasch aus. Bisher hatten man angenehme Frühlingstage, und ein kühler Wind strich über das mittelländische Meer vom Norden her. Sonntag, den 3. Mai, stellte sich plötzlich heißer Südwind ein, Massen von Saharastaub mit sich führend. Seit diesem Tage ist die Cholera, die schon im vorigen Dezember sporadisch auftrat, mächtig zum Ausbruch gekommen und verlangt zahlreiche Opfer, indem 95 pCt. der Erkrankten in wenigen Stunden dahinsterben, nnd zwar ergreift die Seuche jetzt auch Personen aus den höheren Ständen, die durch ihre Lebenshaltung doch einigermaßen geschützt sein sollten. In der Stadt herrscht ungeheuere Panik. Wer nur über die nöthigen Mittel verfügt, verläßt die Stadt, und die Plätze auf den nach Europa abgehenden Dampfern sind bereits für vierzehn Tage im Voraus vergriffen. Am ärgsten wüthet die Cholera in den von Arabern bewohnten Stadttheilen, wo infolge der unbeschreiblichen Unreinlichkeit und infolge des mohamedanischen Fatalismus jede Prophylaxis unmöglich erscheint. Auch unter den Aerzten hat die Cholera schon mehrere Opfer gefordert.
Wie aus Braß (Guinea) gemeldet wird, wurden in Bida in der Landschaft Nupe infolge einer furchtbaren Ezplosion, welche das Haus des Emirs vollständig zerstörte, zweihundert Menschen getödtet.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 22. Mai.
* — Im benachbarten Hohenzell ist abermals die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und infolgedessen die Sperre über die Dörfer der Gerichtsbezirke Schlüchtern und Steinau verhängt, sowie auch der Versandt von Vieh auf der Bahn untersagt worden (s. heutiges Kreisblatt).
* — Am Dienstag wurde bei den Grabenarbeiten der Zusammenlegungssache Hohenzell - Ratzeroth ein kunstvoll gearbeiteter Schlüssel in einer Tiefe von 1 Meter gefunden. Derselbe hat eine Länge von 25 Ctm. und einen Kamm von 7 Ctm. Es ist dieser Fund sicherlich ein Beweis für das frühere Vorhandensein eines Dorfes im Ratzeroth, welches, wie die Sage erzählt, im 30jährigen Kriege zerstört worden sein soll. Der gefundene Schlüssel, welcher in der Nähe der sogenannten „Judenschule" aufgesunden wurde, dürfte nach seinen Dimensionen zu schließen für deu Verschluß öffentlicher Gebäude gedient haben.
* — Bei gleichartigen Arbeiten in der Gemarkung Praunheim bei Frankfurt wurde auch eine gut erhaltene
SS' Des hl. Pflligstsestcs wegen erscheint das nächste Blatt Mittwoch Mittag.