Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Teutsches Reich.
Berlin. Unser Kaiser hat am Dienstag Abend Wiesbaden verlassen und ist Mittwoch früh auf der Wildparkfiation eingetroffen.
— Se. Majestät der Kaiser sandte folgendes Telegramm an den Fürsten Bismarck in Friedrichsruh: Der Frankfurter Friede, welcher vor Lü Jahren geschlossen und dessen Erinnerung soeben durch Enthüllung eines Reiterdenkmals für den in Gott ruhenden Kaiser Wilhelm den Großen in weihevoller Weife gefeiert worden, bildet den Abschluß einer gewaltigen Zeit, iu welcher Deutschland seine Einheit und Größe, sowie die ihm im Rathe der Völker gebührende Stellung wieder errang. Welche unvergeßliche Verdienste Sie, Mein lieber Fürst, sich hierbei erworben, Ihnen heute von Neuem in Dankbarkeit und Verehrung auszusprechen, ist Mir Bedürfniß und Pflicht. Neben dem Namen des g aßen Kaisers Wilhelm wird der Name seines großen Kanzlers in der Geschichte allezeit glänzen und in Meinem Herzen wird das Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit gegen Sie nie ersterben. Wilhelm J. R.
— Vom Fürsten Bismarck ist auf das Begrüßnngstele- . gramm des Kaisers folgendes Antworttelegramm eingelaufen : Euer Majestät haben mich durch die huldvolle und erinnerungsreiche Begrüßung vom heutigen Tage hochgeehrt und beglückt, und ich bitte Allerhöchstdieselben, meinen ehrfurchtsvollen Dank dafür zu Füßen legen zu dürfen. Bismarck.
— Der ReichSanzeiger erläßt eine ernste Warnung gegen die Auswanderung nach Nordamerika. Besonders werden auch die Landwirthe gewarnt, wenn sie schon hinübergehen, sich nicht gleich anzukaufen, sondern erst als Arbeiter die dortigen Landverhältnisse kennen zu zu lernen, da sie sonst leicht ihr Kapital vergebens opfern würden.
— Die Vorlage zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs wurde in dritter Lesung vom Reichstage angenommen.
— Zur Ergänzung der Schutztruppe für Südwest- afrika haben die Kommandos der Truppen schon ihre Aufforderungen zur Anmeldung von Offizieren und Mannscha lcn erlassen. Der Größe der Ergänzung,'- truppe entsprechend werden mehr als ein Dutzend Offiziere beigegeben, darunter allein acht Sekondelieutenants. Wie bei allen früheren solchen Angelegenheiten, hat sich eine mehrmals größere Anzahl von Offizieren gemeldet, als nöthig ist.
— Der am 10. Mai 1871 beendete deutsch-französische Krieg hatte am 19. Juli 1870 begonnen. 17 große Schlachten, 156 Gefechte waren geliefert, 26 feste Plätze erobert, 11860 Offiziere und 371981 Mann außerhalb Paris, 7456 Offiziere und 241686 Mann in Paris zu Gefangenen gemacht, 2192 Offiziere und 88381 Mann mit 285 Geschützen waren nach der Schweiz bedrängt, 107 Adler und Fahnen, 1915 Geschütze und Mitrailleusen, 5526 Festungsgeschütze waren erbeutet worden. In Norddeutschland waren 152 Ge- fangenendcpots mit 10718 Offizieren und 305287 Mann; der Rest war auf Bayern, Württemberg, Baden und Hessen vertheilt. Die deutsche Armee hatte einen Gesammtverlust an Todten, Verwundeten, Kranken und Vermißten von 6247 O fizieren, Aerzten und Beamten, 123453 Mann, 14595 Pferden, 1 Fahne (des 61, Regiments), 1 Fahnenspitze und von 6 Geschützen, wozu noch zwei von den Franzosen erbeutete und nach Metz geschaffte demontirte Kanonen kommen, gehabt. Es waren 17572 Offiziere, Mannschaften und Beamte vor dem Feinde gefallen, 10710 an den Wunden gestorben, 816 verunglückt, 30 durch Selbmord umgekommen, zusammen 28628. In Folge von Krankheiten und anderen Zufällen starben außerdem 12115, so daß die Gesammt- zahl der Todten 40743 betrug. Die Gesammistärke des deutschen Heeres jenseits der Grenze hatte 33101 O fi ziere und 1113254 Mann, diesseits der Grenze 93 i 9 Offiziere und 938438 Mann betragen.
Aus Mecklenburg. In große Lebensgefahr gericth auf dem Bahnhof Neubrandenburg der Großherzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg-Strelitz, der den Pferdemarkt daselbst besuchen wollte, in dem Augenblick, als er vom Berliner Geleise durch einen Begleiter zum Bahnhof hinübergeführt wurde. Um den Bahnsteig zu erreichen, sind nämlich zwei andere Geleise zu überschreiten. Auf einem dieser Geleise blieb der blinde Fürst hinter einer Bresche mit dem Suefelabsatz stecken,
so daß er den Fuß nicht wieder herausheben konnte. Da der Verkehr gerade sehr lebhaft war, im nächsten Augenblicke auch von beiden Seiten zwei Züge die betreffende Stelle zu passiven halten, sprang ein Lokomotivführer herbei, welchem es mit großer Mühe gelang, dem gefährdeten Fürsten aus dem Stiefel zu helfen. Inzwischen halte der Bahnhofsvorsteher nach beiden Seiten hin den von Kleinen und von Stralsund heranbrauscnden Zügen durch lebhaftes Schwenken mit seiner Mütze Hall geboten, so daß es noch gelang, sie rechtzeitig zum Stehen zu bringen.
Mainz, 11. Mai. Wie das „Mainzer Journal" meldet, ist die Herzogin von Braganza, Wulwe des verstorbenen Königs Miguel von Portugal, eine Verwandte des Bulgarenfürsten, in das Kloster der Benediktinerinnen zu Solesmes eingetreten.
Die Dorfgemeinde Gehlert bei Hachenbuch gehört zu den wenigen Orten, welche weder Gemeinde-, noch Grund- und Gebäudesteuer erheben. Das Dorf befreitet seine sämmtlichen Ausgaben aus den Einnahmen des großen Gemeindewaldes. Im letzten Jahre hat die Gemeinde für 13000 Mk. Tannenstämme verkauft und hierfür eine Hochdruck-Wasserleitung herstellen lassen.
Lokales und Provinzielles. Schlüchtern, 15. Mai.
* — Das diesjährige Aushebungsgeschäft für den Kreis Schlüchtern findet am 5. und 6. Juni zu Schlüchtern in der Bierhalle statt.
*— Die drei gestrengen Herren. Die Tage vom 11. bis 13. d. Mts. sind glücklich ohne die gefürchtete strenge Kälte an uns vorübergegangen und fast sollte man denken, daß die Annahme der genannten strengen Maitage nur ein Märchen sei. Indessen hat die Erfahrung genannte Annahme vielfältig bewahrheitet. Gelehrte haben versucht, dies Ereigniß zu erklären, aber bis jetzt hat uns Niemand genügenden Aufschluß darüber' geben können. Dem fügen wir hinzu, daß nicht nur diese „Eismänner" zu fürchten sind, sondern daß auch noch spätere Tage vielen Schaden anrichten können. Eine alte Bauernregel sagt, daß wir erst von Urban (25, Mai) oder Medardus (8. Juni) an vor Frost sicher sind.
* — Was ein Vogelnest werth ist Lieber Land- mann! Dein Knabe nimmt aus Langeweile ein Vogelnest, Grasmücken-, Spatzen-, Rothschwanznest oder ein anderes, sagen wir mit fünf Eiern oder Jungen aus. Jedes dieser Jungen braucht täglich im Durchschnitt etwa 50 Stück Raupen und andere Insekten zur Nahrung, die ihm die Alten zutragen; macht täglich 250 Raupen. Die Aetzung dauert durchschnittlich 4—5 Wochen, wir wollen sagen 30 Tage; macht für das Nest 7500 Stück. Jede Raupe frißt täglich ihr eigenes Gewicht an Blättern und Blüthen. Gesetzt sie braucht bis sie ausgefressen hat auch 30 Tage, und frißt sie täglich nur eine Blüthe, die eine Frucht abgegeben hätte so frißt sie in 30 Tagen also 30 Obstfrüchte in der Blüthe, und die 7500 Raupen zusammen fressen 235 000 Stück solcher Blüthen. Hätte Dein Sohn das Vogelnest in Ruhe gelassen, so hättest Du und Deine Nachbarn 235 000 Stück Aepfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen ic. mehr geerntet. Frißt die Raupe aber mehr, als eben veranschlagt, so ist euer Verlust noch größer. Jetzt wirst Du wissen, daß die Zerstörung eines Vogelnestes keine gleichgültige Sache sei.
* — Eine medizinische Zeitschrift bringt folgendes Mahnwort an die Mütter: Zur Frühjahrszeit, wenn die schöne Witterung ganz besonders die Kinder auf die Straßen und Plätze lockt, sieht man oft. wie kleine und große Kinder auf Treppenstufen, auf Sandhaufen, in Wiesen und Gärten umhersitzeu. Selbst Säuglinge sieht man so bisweilen unter den Kindern. Es ist dies aber ein gefährliches Wagniß, da die bis in den Monat Juni währende Feuchtigkeit der Erde, die sich erst allmählich erwärmt, ungemein schädlich auf den zarten Bau der Kinder wirkt. Aus den anfänglich gar nicht geachteten unausbleiblichen Erkältungen entstehen Erkrankungen der Blase und Nieren, und nicht selten bereitet eine Gedärmverwickelung dem fast kerngesunden Kinde in wenigen Tagen ein schmerzhaftes Ende.
* — Im Amtsblatt der Königlichen Regierung Nr. 22 vom 13. Mai, sind die neuen gesetzlichen Bestimmungen betr. die Arbeitszeit in Bäckereien und Konditoreien abgedruckt, worauf wir die Interessenten aufmerksam machen. j
— Den einjährig-freiwilligen Dienst betreffend ist der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge von dem Kriegsminister und Minister des Innern neuerdings aus Anlaß eines Einzelfalles darauf hingewiesen worden, daß die Bestimmung im §. 89, 3b der Ersatzordnung von 1875 durch die Festsetzung im §. 89, 4b der Wehrordnung von 1888 eine Verschärfung insofern erfahren hat, als es der obrigkeitlichen Bescheinigung bedürfe, daß der Bewerber für den einjährig-freiwilligen Dienst der ihm gesetzlich oblicgendeu Verpflichtung, sich während der aktiven Dienstzeit selbst zu bekleiden rc., zu genügen im Stande ist. Sofern die Verpflichtung zur Unterhaltung rc. des Bewerbers während der einjährigen aktiven Dienstzeit seitens einer dritten Person übernommen ist, soll grundsätzlich daran festgehalten werden, daß die Sicherheit der übernommenen Verbindlichkeit durch notariellen oder gerichtlichen Akt gewährleistet ist, gleichgiltig, ob nach dem in dem betreffenden Gebiete anwendbaren gemeinen Recht L-chenkungcn überhaupt oder von einem gewissen Betrage ab an bestimmte Formen gebunden sind oder nicht.
Sodcn-Stolzcnbcrg, 11. Mai. In Berücksichtigung unseres Badeortes hält nach dem neuen Eisenbahn- fahrplan je ein Schnellzug nach Nord und Süd der Frankfurl-Bebraer Bahn auf Station Salmünstcr-Soden. Während nun in dem neuesten Kursbuche angegeben ist, daß die betreffenden Züge nur vom 16. Juni bis 15. September verkehrten, ist dieses bereits seit dem 1. Mai der Fall, wie es heißt, wegen der Berliner Ausstellung. Der nach Bebra gehende Zug hält in Salmünster 10,35 Vormittags, der nach Frankfurt gehende 6,36 Abends.
Frankfurt, 12. Mai. Das am vorigen Sonntag enthüllte D-nkmal Kaiser Wilhelms L, ein Werk beS Düsseldorfer Bildhauers Clemens Buscher, zeigt auf hohem gramtnem Sockel die fast 5 Meter hohe Reiterfigur Kaiser Wilhelms I. Der Kaiser ist in schlichter Haltung, wie er in der Erinnerung des Volks lebt, bc- kleidet mit dem gewöhnlichen Militärmantel, dargcstellt. An der Vorderseite des Hauptsockels erblickt man drei Figuren, eine stehende, den Friedensgenius, und zwei sitzende, Kunst und Industrie darstellend. An der Rückseite erhebt sich die Gestalt der „Frankfurtia", die Reichs- insignien beschirmend. Dem Schöpfer des Denkmals, den sich der Kaiser durch Oberbürgermeister Adickes vor- stellen ließ und mit dem Allerhöchstderselbe eine längere Zeit in huldvollem Gespräch verweilte, wurde der Königl. Kronenorden IV. Klasse verliehen. — Herr Oberbürgermeister Adickes erläßt folgende Bekanntmachung: „Se. Majestät der Kaiser und König haben über die Vorbereitungen und Veranstaltungen für die gestrige Feier und den ganzen Verlauf derselben, insbesondere über die schöne Schmückung und Illumination der ge- sammten Stadt und über die herzliche und würdige Theilnahme der Bürgerschaft, wiederholt Ihre lebhafte Anerkennung und Befriedigung auszusprechen und mich zu beauftragen geruht, dies der Bürgerschaft bekannt zu geben. In gleichem Sinne haben auch Ihre Majestät die Kaiserin Ihrer Freude und Anerkennung dadurch Ausdruck verliehen. Indem ich mich beeile, diesen Allerhöchsten Auftrag zu erfüllen, weis ich mich eins mit der Bürgerschaft in dem Gefühl, daß die Erinnerung an dieses herrliche Kaiser- und Friedensfest eine unvergeßliche sein wird,"
Löhlbach, Kreis Frankenberg, 11. Mai. Am Samstag Abend entstand hier eine große Feuersbrunft, durch welche 31 Gebäude eingeäschert und 23 Familien obdachlos wurden. Das Feuer brach in der Scheune des Ackerwirths Bernhard Groß, vermuthlich durch spielende Kinder, um ^5 Uhr Nachmittags aus und verbreitete sich innerhalb einer Stunde auf 10 Gebäude. Den vereinten Kräften ter hiesigen Einwohner, sowie den Feuerwehren von Frankenau, Frankenberg, Wildungen, Geismar und Haina gelang es jedoch erst am Sonntag Morgen um 3 Uhr, des Feuers Herr zu werden und erst am Mittag konnte die letzte auswärtige Feuerwehr den Brandplatz verlassen. Der Schaden wird auf etwa eine halbe Million Mark geschätzt, wovon nur die Hälfte durch Versicherung gedeckt wird. Die Bewohner gehören fast durchweg dem Arbeiterstandc an. Bekanntlich ist diese Gegend eine der ärmsten im Hessenlande und daher daS Unglück für die Heimgesuchten^ um so beklagens- werther.