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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
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M 39. Mittwoch, den 13. Mai 1896.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat heute folgenden Erlaß an den Reichskanzler gerichtet: „Bei der heutigen fünfund- zwanzigjährigen Wiederkehr des Frankfurter Friedensschlusses ist es Mir Bedürfniß, allen jetzigen und ehemaligen Angehörigen des Civildienstes, welche sich, sei es in höherer, sei es in geringerer Stellung, Jeder an seinem Theil um die großen Erfolge von 1870/71 verdient gemacht haben, in dankbarer Erinnerung Meine Anerkennung auszudrücken. Ich gedenke dabei nicht nur der Beamten der Post- und Telegraphen-Verwaltung, deren Verdienste Ich bereits in Meinem Erlasse vom 18. Januar d. I. anerkannt habe, sondern nicht minder der unermüdlichen und erfolgreichen Leistungen der Beamten des trefflich organisirten Feld-Eisenbayndienftes, wie der verdienstvollen Thätigkeit der Beamten des Großen Hauptquartiers und der Civilverwaltung in den okkupirten Gebietstheilen. Sie alle haben in ihrer amtlichen Stellung mit Aufopferung und Pflichttreue zur Erfüllung der in jener großen Zeit der Einigung der deutschen Stämme gestellten Aufgaben beigetragen. Ich vertraue zu Gott, daß ähnliche Zeiten gleich pflichttreue und opferfreudige Männer finden werden. Sie wollen diesen Meinen Erlaß durch den „Reichs-Anz." zur öffentlichen Kenntniß bringen.
— Das vielbesprochene Telegramm des Kaisers, welches Freiherr von Stumm-Halberg in der am 12. April zu Neunkirchen gehaltenen Rede erwähnt hatte, aber nicht wörtlich bekannt geben wollte, wird jetzt von der „Post" publizirt und lautet wie folgt: Berlin, Schloß, 28. II. 96. „Stöcker hat geendigt, wie ich es vor Jahren vorausgesagt habe. Politische Pastoren sind ein Unding. Wer Christ ist, der ist auch „social"; christlich- sozial ist Unsinn und führt zu Selbstüberhebung und Unduldsamkeit, beides dem Christenthum schnurstracks zuwiderlaufend. Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiel lassen, dieweil sie das gar nichts angeht."
— Es ist jetzt möglich, den Vermögenbestand der staatlichen Arbeiterversicherung Deutschlands Ende 1894 genau fcstzustellen. Die Krankenkassen halten ein Vermögen von 94,305,642 Mark, die Berufsgenossenschaften Reservefonds in Höhe von 113,643,513 Mark 74 Pfg., und die Jnvalieüäis- und Altersversicherungs-Anstaiten ein Vermögen von 303,570,967 Mark 71 Pfg. Alle drei Versicherungsorgane verfügten demnach zu dem angegebenen Zeitpunkte über einen Vermögensbetrag von genau 511,520,126 Mark 45 Pfg. Diese Summe ist im letzten Jahre weiter gestiegen und noch in der Zunahme begriffen. Bei einer solchen Lage der Dinge wird die Frage nach einer zweckmäßigenAnlegung derangesammelten Kapitalien immer dringender. Offiziös wird darauf hingewiesen, das es nahe liegt, für die Bestände der Berufs- genossenschaften bei einer Revision der Unfallversicherungs- gesetze gleiche Einrichtung zu schaffen, wie sie bei den Versicherungsanstalten besteht, nämlich eine erweiterte Verwendung der verfügbaren Summen zur Anlegung in Grundstücken, Arbeiterhäusern u. s. w. zu gestatten.
— Unter den bei Umwandlung der vierten Bataillone zu bildenden neuen Regimentern würden, wie bekannt wird, auf das 11. Armeekorps die Nummern 166 bis 168 entfallen. Insgesammt erhält die ganze deutsche Armee 43 Regimenter ä zwei Bataillone mehr. Die Gesammtzahl der Regimenter erreicht dann 216, diejenige der Infanterie-Bataillone einschließlich der Jäger 624.
— In der Presse ist neuerdings eine seitens einer Garnisonverwaltung an das Zuchthaus zu Rendsburg übertragene Lieferung von Kasernentifchen dazu benutzt worden, auf die Nachtheile der Konkurrenz der Strm- anstaltsarbeit hinzuweisen. Der Reichstag sowohl, wie der preußische Landtag haben sich wiederholt mit der Frage befaßt, wie die durch die nothwendige Beschäftigung der Sträflinge hergestellten Erzeugnisse am Besten verwerthet werden, ohne daß daraus der Privat-Jndustrie eine empfindliche Konkurrenz erwächst. Der in den genannten Körperschaften gegebenen Anregung entspricht es, wenn die Abnahme der Erzeugnisse der Strafanstalten Möglichst durch Staatsbehörden geschieht, da das „freie Gewerbe" hierdurch am wenigsten geschädigt wird. Durch ihunlichste Fernhaltung der Privatunternehmer von der Verwendung der billigen Arbeitskräfte in Strafanstalten tvird die Konkurrenz mit solchen Industriellen, welche mit vollen Arbeitslöhnen rechnen müssen, erschwert. Im übrigen schließt der Bezug gewisser Erzeugnisse seitens
der Behörden aus den Strafanstalten keineswegs den Wettbewerb für Private völlig aus, da die genannten Anstalten vielfach mit ungeübten Arbeitskräften rechnen und ohne genügende maschinelle Anlagen arbeiten müssen, während die Privatindustrie mit geschulten Arbeitern und umfangreichem Maschinenbetrieb den Vortheil der Strafanstalten, die billigen Arbeitskräfte, ausgleichen kann.
Koburg, 30. April. Unter der Spitzmarke „Die Kehrseite" bringen die „Neuesten Nachrichten" folgenden trübseligen Nachklang zu den Koburger Hochzeitsfesten: Die Koburger schienen doch in allem Festcsjubcl den Kopf oben behalten zu haben; nach einer uns von privater Seite zugehenden Zuschrift haben sich sogar eine ganze Reihe Koburger Bürger weder an der Ausschmückung noch auch an der Illumination der Häuser bethciligt und ein Zug von Mißstimmung ließ eine allgemeine Antheil- nahme nicht anfkommcn. Man kann es in Koburg eben wenig verwinden, daß die einheimischen Kaufleute und Gewerbetreibenden bei den Lieferungen fast vollständig Übergängen wurden. Man hat nicht allein der gesummten Brautschatz der Prinzessin von London bezogen — man hat sogar 15 Centner Fleisch von auswärts kommen lassen! Zwar hat man im letzten Augenblicke noch versucht, bei einem hiesigen Metzger einige Lenden zu bekommen, die nicht sofort zur Stelle waren, und es zeugt für die Verbitterung der Koburger, wenn sie diesen Vorgang dahingehend auslegen, man habe mit diesem Ansuchen nur feststellen wollen, daß in Koburg nichts zu haben fei —. Die Bewohner der beiden Herzog- thümer bezeigen dem Hofe gerne die Ehrfurcht die ihm gebührt; aber man begreift eben nicht recht, warum der Hof nicht auch die nicht abzuleugnende moralische Verpflichtung ancrkcnncn will, die einheimische Industrie, das einheimische Gewerbe zu fördern und zu kräftigen.
Aus Bayern. In Deggendorf (Niederbayern) beging ein 37jähriger Künstler sein 25jähriges Dienst- jubiläum. Es ist dies der Komponist und Organist an der Pfarrkirche in Deggendorf, Ludwig Ebner, dem im Alter von 12 Jahren die Stelle eines Organisten übertragen worden war. — In Schwabach vergiftete sich am Montag vormittag der Apotheker Heim, der viele Jahre im Vorstände des Vorschußvereins und Mitglied der Gemeindevertretung gewesen ist. Die Ursache des Selbstmordes dürfte in unregelmäßiger Ge- schäftsgcbahrung bei der Verwaltung des Vorschußvereins liegen. Aus hinterlassenen Briefen geht hervor, daß sehr viele Leute von Heim um bedeutende Summen geschädigt sind, sei es, daß die Geschädigten Gläubiger des Vorschußvereins sind, oder, daß sie ihm das Geld gaben, weil sie Staatspapiere kaufen wollten, Quittungen dagegen erhielten, die nicht mit dem Namen des Vor- schuhvereins, sondern mit seinem (Heims) Namen versehen waren, sodaß diese Leute nicht einmal Anspruch an den Vorschußverein haben. Das Bureau des Vorschußvereins ist geschlossen; derselbe hat die Zahlungen eingestellt. Die Mißwirthschait scheint dort ganz ungeheuerlich gewseen zu sein. Die Revision hat bisher einen Fehlbetrag von einer Million Mark ergeben, ist indessen noch nicht abgeschlossen. Die Fälschungen reichen bis zum Jahre 1870 zurück.
Heidelberg, 7. Mai. Das Universitäts-Reitinstitut ist heute Nacht abgebrannt. Nach einer der „Karlsruher- Zeitung" zugegangenen Meldung sind 27 Pferde, sowie zwei Kinder, eine Verwandte und das Dienstmädchen des Besitzers erstickt. Die Frau und drei andere Kinder wurden auf einer Leiter gerettet.
Ausland.
Unglaublichen Umfang nimmt in Brüssel die Geschichte des früheren Polizeikommissars Courtois an. C. wird angeklagt, außer dem Jnwelcndicbstahl beim Grafen von Flandern und der Ermordung und Beraubung der Baronin Herry noch fünf andere Raubmorde verübt oder als Polizeikommissar begünstigt zu haben. Seine Mordbandc zählte über 20 Mitglieder, welche sich in seinem einsam gelegenen Hause im Vororte Boondael allnächtlich versammelten. In diesem Hause wurde ein ganzes Lager geraubter Werthpapiere, Baargeld, Silberzeug, Diamanten und Edelsteine entdeckt. Bisher sind fünf Mordgesellen verhaftet.
Lokales n»d PrsviAzreLes.
Schlüchtern, 12. Mai.
* - - Dem Katastcr-Kontroleur Wilhelm Müller aus
Kassel ist die Verwaltung des Katasteramts Schlüchtern dauernd übertragen worden.
* — Der Seminardirektor Dr. Renisch, welcher bisher mit Vertretung eines Regierungsraths zu Cöslin beauftragt war, ist als Seminardirektor nach Köpenick bei Berlin versetzt.
* — Einen außerordentlich günstigen Stand zeigen in diesem Frühjahr die Saaten. Die Wintersaaten stehen besonders dicht und üppig, sodaß sie schon jetzt den Boden vollständig decken; auch sind sie trotz ihrer ansehnlichen Länge infolge der meist kühlen Witterung kräftig entwickelt. Der Raps hat den Winter gut überdauert. Dasselbe gilt auch von den Kleefeldern, die zu recht guten Hoffnungen berechtigen. Die Frühjahrsbestellung nimmt bei geeigneter Witterung einen nunmehr rascheren Verlauf. Die Wiesen prangen im jungen Grün; die Obstbäume stehen in reichlicher Blütenfülle.
* — Vielfach herrscht in der Kinderwelt die Unsitte, im Frühjahr an Rainen, in Feldern und in Gärten das dürre Gras und Gebüsch anzuzünden. Diese Unsitte fordert in vielen Fällen Menschenleben, weil dabei nicht immer die nöthige Vorsicht angewandt wird. Zur Warnung seien hier zwei Fälle mitgetheilt, die sich vor einigen Tagen in Völsberg im Oberwesterwaldkreis und in Limburg ereigneten. In ersterem Orte verbrannten einige Kinder die auf dem Felde gesammelten dürren Kartoffelstengel; die Kleider eines fünfjährigen Knaben fingen dabei Feuer und obwohl ihm die Kleider buchstäblich vom Leibe herunterbrannten, lief er doch der benachbarten elterlichen Wohnung zu, wo er alsbald an den erhaltenen Brandwunden starb. Ein 7jährigeS Mädchen, dem Eisenbahnschaffner Reingen in Limburg gehörig, kam auch mit den Kleidern einem solchen Feuer zu nahe. Das Kind fiel um und wurde, da sich seine Gespielen eiligst entfernten, als verbrannte Masse, aber noch lebend, aufgefunden. Kurz nach Ueberführung in das Hospital zu Limburg wurde das arme Geschöpf durch den Tod von seinen schweren Leiden erlöst. Mögen diese Unglücksfälle zur Warnung dienen.
Thalau, 7. Mai. Das zweijährige Söhnchen des Bauern Adalbert Breitenbach in Rönshausen war gestern Morgen mit seinem vierjährige Schwesterchen und dem Großvater zusammen nach dem nahen Walde gegangen, um die dort beschäftigte Mutter abzuholen. Auf dem Heimwege ließ der Großvater die Kinder nun einen Augenblick allein und fand gleich nachher nur noch das Mädchen, während der Knabe spurlos verschwunden war. Von den Gemeinden Rönshausen, Lütter und Ried ließ man nun Tag und Nacht nach dem Kind suchen und heute stellte auch die hiesige Gemeinde mehrere Leute zur Verfügung, doch alles Suchen war umsonst. Heute Mittag nun fand die eigene Mutter ihren Liebling laut weinend im Nieder Walde zwischen Ried und Döllbach. Als die glückliche Mutter daS arme Kind fragte, wo es geschlafen habe, gab eS zur Antwort: „Beim Wauwau". Die Freude der Eltern, ihr schwer vermißtes Kind wieder zu haben, ist unbeschreiblich. Hoffentlich dient der Fall ihnen und anderen Eltern zur Warnung, kleine Kinder auch keinen Augenblick ohne Aufsicht zu lassen.
Großenlüder, 8. Mai. Einem hiesigen Ehepaare wurde in ununterbrochener Reihenfolge gestern der vierzehnte Sohn geboren. Der glückliche Vater, welcher beim 7. Sohne es versäumt hatte, beabsichtigt jetzt, da der Fall sich verdoppelt hat, Se. Majestät den Kaiser um Uebernahme der Palhenstelle zu bitten. Von den 14 Söhnen leben übrigens jetzt nur noch 9.
Hersfeld, 8. Mai. Die Leichen der seit 14 Tagen verschwundenen beiden Personen aus Asbach, des Nikolaus Sauer und dessen Stiftochter Katharina Groß, sind am Mittwoch nachmittag in der Fulda unterhalb des Eichhofes aufgefunden worden. Beide Körper waren mit einem Tuche zusammengebunden. Da der Fundort auf Unter» hauner Gebiet lag, so sind die Leichen nach Unterhaun gebracht und dort beerdigt worden.
Bacha, 3. Mai. In dem auf dem rechtsseitigen Ufer der Werra unterhalb Dorndorf stehenden Bohrwerk herrschte am Freitag großer Jubel. Schon seit Wochen hatte man ununterbrochen gebohrt, und obgleich man eine Tiefe von ca. 400 Meier erreicht hatte, schien sich die Hoffnung, auf Salz zu stoßen, nichi erfüllen zu wollen. Da, endlich — es war eben am Freitag -- wies der Bohrkern in einer Tiefe von 420 Meter das lange erhoffte Mineral auf. — Die Feststellung des Fundes erfolgte durch Herrn Bergrath Franzen.