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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
u Samstag, den 9. Mai 1896.
Deutsches Reich.
Berlin. Das Kaiserpaar wird am 9. d. M. zum Besuch der Gartenbauausstellung in Dresden in Strehlen eintreffen. Von dort begibt sich das Kaiserpaar nach Frankfurt a. M.
— Das bekannte Knackfuß'sche Bild „Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter", welches Se. Majestät der Kaiser entworfen hat, ist vom Kultusminister allen Gymnasien überwiesen worden.
— Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, steht es nunmehr fest, daß die Landtagssession vor Pfingsten geschlossen wird, das Anerbengesetz also unerledigt bleibt. Dagegen wird dem Landtage noch ein Nachtragsetat zugehen. Auch die anderen Vorlagen, wie das Eisen- bahngarantiegesetz, das, wie Staatsregierung nach den N. N. noch am Sonntag beabsichtigte, eingebracht werden sollte, sind somit endgiltig zurückgestellt worden.
— In Folge eines Beschlusses des Königlichen Staatsministeriums sind die Beamten sämmtlicher Ressorts von Neuem nachdrücklich darauf hingewiesen worden, daß es mit den Pflichten eines Staatsbeamten vollständig unvereinbar ist, sich an Agitationen zu be- theiligen, welche gegen die Durchführung derRegierungs- politik gerichtet sind.
— Der Besuch der deutschen Universitäten hat sich in den letzten Jahren im Ganzen nicht erheblich gesteigert. Im Durchschnitte des Studienjahres von Michaelis 1886 bis dahin 1887 befanden sich auf den 20 Universitäten im Deutschen Reiche und auf der Akademie zu Münster sowie auf dem Lyceum zu Braunsberg 28,044 immatrikulirte Studirende, im Studienjahre 1894/95 dagegen 28,165; die Zunahme von Hundert mit 0,43 bleibt sonach ziemlich weit hinter der Bevölkerungszunahme zurück. Nichts desto weniger ist das Anwachsen der Studentenschaft in einzelnen Fakultäten überaus stark. Die juristische Fakultät nimmt hierbei die erste Stelle ein. Bei ihr fanden sich im Studienjahre 1886/87 5328 Studenten, im Studienjahre 1894/95 aber 7483, was eine Steigerung um 40,45 vom Hundert bedeutet.
— Ueber das Verbot des börsenmäßigen Terminhandels im Getreide äußert sich jetzt anch der Direktor des landwirthschaftlichen Institutes der Universität Halle, Geh. Oberregierungsrath Dr. Julius Kühn in der Zeitschrift der Landwirthschaftskammer für die Provinz Sachsen. Dr. Kühn spricht sich unbedingt für das Verbot aus. Er führt aus, wie irrig es sei, wenn dem Blanko-Terminhandel eine besondere Bedeutung für die Volksernährung zugesprochen werde. Für diese sorge der normale berufsmäßige Getreidehandel auf's beste. Bei dem Verkauf des von dem deutschen Landwirth produzirten Getreides sei der Effektivhandel die Regel. „Durch das anhaltende Niederhalten der schon durch den Weltmarkt gedrückten Getreidepreise wird die wirth- schaftliche Exlstenzmöglichkeit des größten Theiles der deutschen Landwirthschaft bedroht und bei den zeitweise eintretenden übertriebenen Haussebewegungen leiden wieder die konsumirenden Stände. Das Getreide-Differenzspiel, das Glücksspiel mit der Grundlage des allgemeinsten Volksnahrungsmittels, mit dem Brodgetreide, ist ein schwerer Frevel an der Volkswohlfahrt, welcher durch das Strafgesetzbuch noch weit härter geahndet werden sollte, als das gewöhnliche Hazardspiel." Neben der Beseitigung des börsenmäßigen Terminhandel in Getreide empfiehlt der Verfasser: „Genossenschaftliche Organisation des Getreideverkaufes und der sonstigen Getreide- verwerthung, gestützt auf staatlicherseits errichtete Kornhäuser und Beleihung der in denselben lagernden Vorräthe durch ein Reichs-Geldinstitut."
— In berufsgenossenschaftlichen Kreisen finden gegenwärtig Erörterungen über eine neue Kurmethode eigen, thümlicher Art statt. Sie ist von dem Vorsitzenden des Meininger Schiedsgerichts vorgeschlagen und geht von der Wahrnehmung aus, daß nicht wenige Rentenempfänger durch den steten Gedanken an ihren Unglücksfall und dessen Folgen in ihrer Thatkraft gelähmt werden und sich in eine Stimmung hineinleben, welche den allgemeinen Gesundheitszustand in Mitleidenschaft zieht. Für solche Fälle soll der Versuch gemacht werden, an Stelle einer Anstaltspflege oder rein mechanischen Kur den Verletzten unter ärztlichem Bcirath in einem passend gelegenen landwirthschaftlichen oder dem Krankheitszustande besser angemessenen Betriebe, soweit nöthig, auf Kosten der BerufSgenossenschaft unterzubringen und ihn
nach und nach wieder an eine nützliche Thätigkeit zu gewöhnen. Von der Umgebung gesunder Arbeiter erhofft man eine bessere Anregung des körperlich und geistig erschlafften Menschen, als von dem Umgänge mit Leidensgefährten in einer Heilanstalt oder von Beschränkungen auf den Kreis der Familie und der häuslichen Bequemlichkeit. Soweit bis jetzt verlautet, herrscht unter den Berufsgenossenschaften noch wenig Begeisterung für die neue Heilmethode.
Meiningen. Der Herzog von Meiningen und Gemahlin, welche sich z. Zt. inkognito in Italien aufhalten, sind bei Franscati von zwei vermummten, mit Gewehren bewaffneten Räubern angefallen worden. Der Herzog mußte den Angreifern sein Portemonnaie, welches ungefähr 55 Lire enthielt, übergeben, worauf diese sich zurückzogen und die Wagen weiterfahren ließen. Die beiden Räuber wurden später verhaftet.
Kiel. Eine heitere Geschichte wird aus Holtenau berichtet: „Hier finden tüchtige Biertrinker dauernde und lohnende Beschäftigung" so lautete die Inschrift eines humoristischen Bierscbildes in einem Holtenauer Lokale. Dieses verlockende „Arbeitsgesuch" hatte sich ein Stucka- teurgehülfe aus Kiel als tüchtiger Biertrinker zu Nutze gemacht und in der Wirthschaft sehr andauernd gezecht. Als der Wirth endlich Zahlung verlangte, hatte der merkwürdige Gast die Kühnheit, mit sardonischem Lächeln auf das Bierschild mit der verheißungsvollen Inschrift zu verweisen und noch dazu den „Lohn" für seine feuchtfröhliche Thätigkeit zu beanspruchen. „Er würde den Lohn auch — abtrinken, wenn's nicht anders sein könnte", äußerte er mit dem vergnügtesten Gesichte von der Welt. Dem Wirthe blieb nichts anders übrig, als die Polizei zu requiriren. Diese notirte wohl den Namen des seltsamen „Arbeiters", ließ ihn aber laufen da er fortwährend auf das Schild verwies, im besten Glauben gehandelt haben wollte und vorschlug, der Wirth sollte ihn verklagen. ' Letzterer mußte nach Lage ber Sache auf den Civilweg verwiesen werden, dürste aber das ominöse Schild sofort entfernt haben, um nicht noch anderen „Arbeitslosen" nach dieser Richtung hin lohnende Beschäftigung zu geben.
Ausland.
Rußland. Dem „Swejt" zufolge befinden sich unter den Geschenken des Kaisers von China, welche Lihung- tschang dem Kaiser von Rußland überbracht hat, zwei über 2000 Jahre alte Bronzevasen, eine kostbare Sammlung antiker Cloisonnö-Vasen und -Schüsseln, zwei riesige Kandelaber von künstlerischer Arbeit aus zwei Nephritblöcken, ein wundervoller rother, mit bunter Seidenstickerei verzierter Teppich von außerordentlicher Größe und anderes mehr — Ein aus Warschau nach Kalisch beordertes Kriegsgericht verhandelte gegen die russischen Grenzsoldaten, die in der Nacht zum 12. Oktober v. Js. im preußischen Grenzorte Studzimec die Gastwirthsfrau Wawrzykiewicz und deren Dienstmädchen ermordeten, die Leichen mit Petroleum begossen und anzündeten, eine Tochter der Gastwirthsfrau schwer verletzten und schließlich 1800 Mark raubten Die Mörder wurden zum Tode verurtheilt. — Ueber die russische Räuberbande, die im Winter an der deutschen Grenze verschiedene Morde und Einbrüche beging, ist jetzt das Urtheil gesprochen worden. Der Bandenführer ist zu 17 Jahren schwerer Zwangsarbeit, zehn der Genossen sind zu 3—8 Jahren Verbannung nach Sibirien verurtheilt.
Pcrsien. Der Mörder des Schahs, Rega, hat gestanden, er sei auserwählt worden, den Schah zutödten; zwei Monate habe er auf eine günstige Gelegenheit gewartet, habe sich öfter dem Schah genähert, jedoch ihm nicht nahe genug kommen können. Am Freitag hätten ihn zwei weibliche Verwandte, die im Harem des Schahs bedienstet seien, benachrichtigt,' der Schah werde den Wallfahrtsort Abd ul Asien besuchen; er hätte die Absicht gehabt, nach der Ausführung des Verbrechens sich selbst zu tödten, sei aber durch die schnelle Verhaftung daran gehindert worden. Rega hat acht angeblich Mitschuldige namhaft gemacht.
New-Uork. Der gestern wegen Mordes im Gefängniß von Sing-Sing Hingerichtete Karl Feigenbaum soll kurz vor seinem Tode erklärt haben, daß er der berüchtigte „Jack der Aufschlitzer" sei. Feigenbaums Opfer in New-Aock waren gleichfalls gefallene Mädchen. — Der Massenmörder H. H. Holmes, richtiger Mudgett, der im Monat Mai in Philadelphia hingerichtet werden
soll, beschäftigte sich in der letzten Zeit mit der Abfassung seiner Bekenntnisse. Er gesteht in denselben ein, nicht weniger als 27 Morde verübt zu haben, und zwar theils aus reiner Mordgier, theils um auf dem Wege des Versicherungsschwindels damit sein Leben zu fristen. Holmes behauptet, seit seiner Jugend einen unbezwing- lichen Hang zum Zerstören und Morden gehabt zu haben, er befinde sich ganz und gar in der Gewalt des Teufels und meint, tu der letzten Zeit die bestimmtesten Anzeichen an sich zu erblicken, daß er auch in seiner Gestalt diesem Erzfeind der Menschheit von Tag zu Tag ähnlicher werde.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 8. Mai.
* — Vor Kurzem starb in New-Iork ein Schlüchierner der AnstreicherJohs. Reuter, im Aller von 56Jahren Jetzt ist auch der langjährige Vorsitzende des Vereins „Schl. Freundschafts-Bund" zu Ncw-Iork, der Metzger Jakob Freund aus Schlüchtern, in Alter von 50 Jahren dortselbst gestorben.
* — Versetzt ist der Gerichtsvollzieher Willig in Schenklengsseld, früher hier, nach Allendorf a. Werra.
* — Pensionirt wurde Förster Müller in Alten- gronau vom 1. Juli er. ab.
* — Zur Zeit beschäftigt sich ein Consortium in hiesiger Stadt mit Errichtung eines Elektricitätswerkes für Beleuchtung und Krastbetrieb. Zwar ist bei der Stadtvertretung der vielen sonstigen Neueinrichtungen halber, die die städtischen Mittel stark in Anspruch nehmen, gerade keine besondere Neigung vorhanden, diese Sache zu unterstützen, doch hofft man auf besseres Entgegenkommen, sobald der mit der technischen Einleitung der Angelegenheit betraute Elektrotechniker von Frankfurt erst die in Aussicht genommene Probe-Anlage in Betrieb hat Als Anlagekapital sind 70,000 Mark veranschlagt, welche ihre Verzinsung und Amortisirung recht gut durch die Vergütung für Uebernahme der Straßenbeleuchtung, Beleuchtung des Seminars rc. und von ca. 100 Haus- anschlüssen, sowie der Krastabgabe für gewerbliche Zwecke finden werden.
* — Auf den am heutigen Sonnabend im Saale des Hessischen Hofes stattfindenden Vortrag des Afrika- reisenden Herrn Premierlieutenant Westmark sei hierdurch nochmals aufmerksam gemacht. Es wurden schon vor 14 Tagen in diesem Blatte Preßstimmen angeführt, die sich überaus rühmend über die Vorträge des Afrikareisenden Westmark aussprechen und sie als sehr interessant und stilistisch vollendet bezeichnen. Westmark steht in scharfem Gegensatz zu Stanley. Als er in Paris zum ersten Male gegen diesen auftrat, schrieb die Berliner „Vossische Zeitung": „Nicht geringes Aufsehen hat es vor einigen Tagen gemacht, als ein junger schwedischer Afrikareisender, der als Lieutenant in die Kongo-Expedition Stanley eingetreten war, nach seiner Rückkehr diesen öffentlich mit harten Vorwürfen belastete. Erst allgemeines Erstaunen und großer Zweifel, dann voller Glauben und tiefste Entrüstung gegen denHeldenStanley." Der junge Schwede hieß Westmark; er kämpfte mit seinem
I damals noch unbekannten Namen gegen den berühmten und sich viel rühmenden Janker, der sich gegenüber dem kleinen, unbekannten Kläffer erst gar stolz in die Brust warf, und hat über den mächtigeren Gegner den Sieg davon getragen. Dem schwedischen Expeditionslieutenant traten belgische, deutsche und französische, ja selbst englische Zeitungen zur Seite, und Stanley ist von der Wucht der gemeinsamen Anklage als Mensch geradezu vernichtet worden. In Deutschland hat man die Spur von Achtung vor dem Manne verloren, der den unglücklichen Emin Pascha theils mit Gewalt aus der Aequatorprovinz entführte und ihn nachdem noch schmähte. Die meisten ja freilich kennen schon vieles von dem, was Westmark erzählt, abek der rednerische, ausdrucksvolle Vortrag giebt doch immer ganz andere Lebensbilder als die Lektüre. Dann unterscheidet sich auch Westmark auch in Haltung und Vortragsweise ganz wesentlich von der Durchschnittsart der zahlreich gewordenen Afrikaredner, wie er z. B. anders geartet ist, als der hofmännische Gerhardt Rohlfs. Westmark ist der energische, lebhafte und passionirte Mann. Der Besuch seines Vortrages, den er am heutigen Abend im Hessischen Hof hält, kann daher allen, auch den Damen, auf das wärmste empfohlen werden.
* — (Extrazüge zur Friedensfeier nach Frankfurt.) Die Königliche Eisenbahn-Direktion Frankfurt a. M.