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Mittwoch, den 6. Mai
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Deutsches Reich.
Berlin, 4.April. Unser Kaiser wohnte an Sonnabend Vormittag der Besichtigung des ersten Garderegiments z.F. auf dem Bornstedter Felde bei und frühstückte später im Kreise des Offizierkorps des Regiments. An dem Frühstück sowie an der Besichtigung hatte auch der Fürst von Bulgarien theilgcnommen. Abends gab der türkische Botschafter dem Fürsten zu Ehren ein Diner. Nachmittags kam der Kaiser nach Berlin und wohnte der 200. Erinnerungsfeier der Kgl. Akademie der Künste bei.
— Die Stellung des Kaisers zur Duellfrage wird in verschiedenen Blättern also dargelegt: „Der Kaiser hat in Karlsruhe den eingehenden Vortrag des Chefs des Militärkabinets, Generals v. Hahnke, in Sachen der Duellsrage auf Grund eines Berichtes des Generalmajors v. Bissing entgegengenommen. General von Btssing hat bekanntlich bei dem Duell Kotze -Schrader als Sekundant des Frhrn. von Schrader fungirt. Die Entscheidung des Monarchen, welche dieser nach dem Rathe des Großherzogs von Baden getroffen haben soll, beschäftigte die am Samstag Abend im Reichskanzler- Palais abgehaltene Sitzung des Staatsministeriums. Wie verlautet, beziehen sich dieselben auf Disziplinarmittel und Neugestaltung der Funktionen der Offizier- ehrenräthe einerseits sowie andererseits auf Direktiven, mit welchem eventuell die gesetzgebenden Körperschaften in der Folgezeit sich zu beschäftigen haben werden.
— Zum Vorsitzenden des deutschen Kriegerbundes ist nach der „Kreuzztg." der kürzlich zur Disposition gestellte General von Spitz gewählt worden.
— Am 1. Mai wurde die Berliner Gewerbe- auSstellung eröffnet. Der Kaiser traf auf derSpree an Bord der „Alexandria" ein und begab sich vom Landungsplatz nach dem Haupt-Jndustriegebäude. Nach der Eröffnung fand ein Rundgang durch die Industrie- und Maschinenhalle statt. Der Monarch besuchte dann die Sonder- ausstellung „Kairo", fuhr von hier nach der Kolomal- ausstellung und besichtigte sodann auch Alt-Berlin. Hierauf führte der Weg des Kaisers zu Wagen längs der elektrischen Bahn zum Fischereigebäude und zum Kaiserschiff des Norddeutschen Lloyd. Hier wurde das Frühstück eingenommen. — Die Berliner Gewerbeausstellung ist von einem Mitarbeiter der „Post", die der Ausstellung sehr freundlich gesinnt ist, eingehend besichtigt worden. Das Resultat der Beobachtungen ist: die ganze Ausstellung ist noch soweit zurück, daß sie selbst bei größter Anstrengung nicht fertig sein, sondern noch Wochen zu ihrer Vollendung gebrauchen» wird. — Daß Berlin „im Zeichen der Ausstellung" steht, macht sich in unvorhergesehener Weise bemerkbar. Augenblicklich sind, wie der „Konfektionär" mittheilt, weder Tischler, noch Tapezierer, noch Schlosser oder andere Handwerker zu haben. Sie sind alle für die Gewerbeausstellung beschäftigt. In den Bekleidungs-, Weißwaaren-, Möbel- u. s. w. Geschäften bleiben alle Bestellungen zurück, weil keine Arbeitskräfte vorhanden sind; die höchsten Arbeitslöhne werden bewilligt, nur um eilige Bestellungen herauszuschaffen. In ganz Berlin ist augenblicklich kein Plüsch in oliv und rother Farbe zu haben, weil alles zur Ausschmückung der Schaukästen der Ausstellung angekauft worden ist. Man wird es kaum für möglich'halten, daß viele Firmennamen an den Ausstellungsküsten nicht befestigt werden können, weil die dazu nöthigen Metall- rc. Buchstaben nicht auf- zutreiben sind.
— Für die deutschen Landwirthe bedeutet das Verbot des Terminhandels, so führt die „Post" aus, einen schönen und wohlverdienten Erfolg, der ihnen umsomchr zu gönnen ist, als an anderen Stellen ihnen der Erfolg versagt bleiben mußte. An der Zustimmung des Bundesraths zu dem mit so überwältigender Mehrheit gefaßten Beschlusse des Reichstages ist nach der Meinung des genannten freikonservativen Blattes nicht zu zweifeln. Mit Bestimmtheit sei darauf zu rechnen, daß die preußischen Vertreter für das Verbot eintreten und ebenso die bayerischen. Baden dagegen, sowie die drei Hansastädte werden auf ihrem bisherigen Standpunkt verharren und gegen das Gesetz stimmen. Uebrigens ist e£ nicht ausgeschlossen, daß das Börsengesetz noch in letzter Stunde eine neue Abänderung erfährt, indem man das Börsen- register fallen läßt.
Hannover. Nachdem kürzlich in Hannover eine Ortsgruppe des „Vereins zur Förderung des Deutsch- thums in den Ostmarkcn" gebildet worden ist, hat am
I Mittwoch eine gleiche Gründung auch in Kassel statt- gefunden. Den Anlaß dazu gab die vorübergehende Anwesenheit des Vorsitzenden, Herrn von Tiedemann- Seeheim. Derselbe hielt vor einer Versammlung von Mitgliedern aller bürgerlichen Parteien einen längeren, erschöpfenden Vortrag über das heutige Polenthum in Preußen. Dieser Frage wird im Westen unseres Vaterlandes leider wenig Interesse entgegengebracht. Und doch ist die Wacht an der Warthe und Weichsel eine Pflicht, der sich nicht allein das Deutschthum in den östlichen Provinzen, sondern ganz Deutschland unterziehen muß. Der genannte Verein soll den Mittelpunkt bilden für alle deutsch-nationalen Bestrebungen in jenen Gcgindtn. Er will namentlich die wirthschaftliche Hebung des Deutschthums, insbesondere des durch polnischen Wettbewerb stark geschädigten deutschen Mittelstandes betreiben. Augenblicklich richtet der Verein sein Bestreben dahin, gerade hessische Landleute in den fruchtbaren Landstrichen von Posen und Westpreußen anzu- siedeln. Es geschieht das unter sehr günstigen Bedingungen, sodaß diese fleißigen und genügsamen Leute dort gut vorwärts kommen werden, besser als wenn sie in ihrer Heimalh blieben oder gar nach Amerika auswanderten. Schon mancher hessische Bauer hat dort sein Glück gemacht. Um noch weitere Ansiedelungen im Osten veranlassen zu können, sollen Verbindungen mit den Bürgermeistern angeknüpft werden. Zunächst ertheilt über alles Nähere genaue Auskunft Herr Dr. H. Thiessen zu Berlin W. 62 Wlchmannstraße 2a
' Aus der Provinz Hannover, 30. April. Seit mehreren Monaten werden in der Nähe der Ortschaften Sieinchrde und Wietze von einem amerikanischen Konsortium Anlagen zur Gewinnung von Erdöl gemacht, welche in der nächsten Zeit dem Betriebe übergeben werden. Unwilllürlich wird man durch die zahlreichen Bohrthürme, Tonnen und Maschinen an das jetzt verödete Oelheim erinnert. Das Theerölgebiet, dessen Bor- Handenflin schon in einer Urkunde aus dem Jahre 1670 erwähnt ist, soll von großer Ausdehnung und besonderer Ausgiebigkeit sein. Bislang waren benachbarte Städte, besonders Hannover und Hamburg die Hauptabnehmer des dort gewonnenen Theers, auch an die Landleute wurden große Massen abgesetzt. Nach der Schätzung hervorragender Sachverständiger sollen in dem Erdölgebiet, das sich nordwestlich bis nach Verdm erstreckt, mehr als 60 Millionen Centner Oel im Sande liegen. Trotz den befriedigenden Bohrungen in den fünfziger und achtziger Jahren hat man einer Ausbeute wenig Werth beigelegt, bis zur Gegenwart, wo durch kapital- kräflige Amerikaner umfangreiche Anlagen zur Gewinnung des Oels beziehungsweise Theers gemacht werden. Auch auf ein ausgedehntes Steinsalzlager stieß man beim Luchen nach Petroleum. Bei einer Tiefe von 838 Fuß entdeckte man ein großes Lager Steinsalz, dessen Erschließung energisch betrieben wird. Für die ausgedehnten Heideflächen dürsten die Industriezweige der angedeuteten Art von hervorragender Bedeutung sein.
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Ausland.
Wien, 1. Mai Anläßlich der Maifeier der Arbeiter kam es heute Nachmittag im Prater zu ernsten Unordnungen vor zwei Restaurants, deren Eigenthümer den Feiernden den Eintritt verweigerten. Die Polizei mußte mit blanker Waffe einschreiten; späterhin wurde Militär beordert. Zwei zur Hülfeleistung herbeigerufene Escadrons Ulanen, ein Infanterie- sowie ein Jäger-Bataillon räumten den Prater. Die Zahl der Manifestanten betrug 50,000. Verhaftet wurden 50 Personen, verwundet 19.
— In dreißig Tagen um die Erde. Brüssel. Die „Jndöpendance Belge" enthält einen Artikel, in welchem sie sagt, daß der neue Luxus-Blitzzug Ostende—Berlin —Petersburg mit der Vollendung der transsibirischen Eisenbahn im Jahre 1900 die Reise um die Welt in dreißig Tagen zur vollendeten Thatsache machen wird. Die Reise zwischen London und Petersburg wird 45 Stunden, von dort nach Port Arthur 259 Stunden dauern. Von hier aus werden die Dampfer der jetzt in der Bildung begriffenen Russisch-Amerikanischen Dampfer-Gesellschaft die Reisenden in sieben Tagen nach San Franzisko führen, von wo zehn Tage zur Rückfahrt nach London genügen. Die Kosten der ganzen Reise werden auf 1200—1600 Mark berechnet.
Teheran, 1. Mai. Auf den Schah von Persien wurde heute ein Attentat verübt. Der Schah erhielt eine
Schußwunde, der er alsbald erlegen ist. Der hinzuge- zogene deutsche Gesandtschaftsarzt Müller konnte nur den Tod konstaliren. Das Attentat auf den Schah Nasr Eddin wurde von einem Babi verübt; im Lande herrscht vollständig Ruhe. Die Babis sind eine feit vierzig Jahren bestehende Sekte, die sich vom Islam losgelöst hat und religiös politische Ziele verfolgt, namentlich die Verdrängung der herrschenden Dynastie anstrebt. Die persische Regierung ist feit langem bestrebt, diese Sekte auszurotten. Schah Abdul-Asim, wo der Schah gelödtet wurde, ist ein heiliger Ort, wo ein Nachkomme des Propheten begraben ist. Die Bewohner von Teheran pflegen dorthin zu wallfahren. Der Schah selbst ist gleich anderen gläubigen Muselmännern oft dorthin gepilgert, so auch am Freitag, welcher ein heiliger Tag der Muselmänner ist.
China Aus Nanking wird über einen Exceß des chinesischen Pöbels gegen deutsche Offiziere berichtet: Eine Anzahl von deutschen Offizieren begab sich zu den Bauplätzen der für die Reform-Armee zu errichtenden Kasernements und Offizierwohnhäuser in der Nähe der Marineschule. Die Herren trafen, von ihren Wohnungen kommend, aus verschiedenen Richtungen einzeln und un- bewaffnet zu Pferde ein. Dort wurden sie von ange- sammclten Volkshaufen jener Gegend überfallen und mit Steinwürfen und Hieben zur schleunigen Flucht gezwungen. Einige der Herren erhielten sehr schlimme Verletzungen; dem reinen Zufall ist es zu danken, daß sie nicht lebensgefährlich sind. Der Ueberfall war von der Bevölkerung vorbereitet, die Bauarbeiter wurden von den Bauplätzen vertrieben. Der Grund zu diesem Verhalten der Bevölkerung soll darin liegen, daß die Leute kein Geld für die ihnen von der chinesischen Regierung genommenen Bauplätze erhalten haben und ihnen gesagt worden sein soll, daß die deutschen Offiziere die Gelder für sich genommen hätten. Seitens der deutschen Behörde in Sanghai ist sofort alles geschehen, um die Schuldigen zur Strafe ziehen zu lassen und einer Wiederholung solcher Störungen in Zukunft vorzubeugen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 5. Mai.
* — Nur wenige Tage trennen uns von der Zeit, wo man vor lauter Blüten nichts Grünes sehen wird. Je näher wir aber der Zeit kommen, um so mehr droht auch der Feind, der schon beinahe in jedem Frühjahr einen großen Theil der Blütenpracht zerstört, mitunter sogar venichtet hat: die gestrengen Herren Mamertus, Pankratius und Servatius. Der 11. bis 13. Mai sind iu Norddeutschland als die „kalten Tage" oder die „gestrengen Herrn" gefürchtet, der 12. bis 14. im südlichen Theil unseres Vaterlandes. Daß aber nicht nur diese „Eismänner" zu fürchten sind, sondern daß auch noch spätere Tage vielen Schaden anrichten, das zeigen die alten Bauernregeln, die erst von Urban (25. Mai) oder Medardus (8. Juni) ab Sicherheit vor Frost an« nehmen. Unwiderlegliche Erklärungen sind bis heute für die Maifröste noch nicht gefunden.
* — „Raubst Du dem Vogel sein Nest und Ei, ist's mit Gesang und Obst vorbei!" Dieses Sprüchlein kann jetzt, wo die Singvögel mit dem Nisten und Brüten beginnen, der Jugend nicht oft und eindringlich genug eingeschärft werden. Aber nicht allein muthwillige Knaben stellen den Vogelnestern nach, auch Raubvögel, Katzen, gewerbsmäßige Vogelfänger, vernichten alljährlich viele Singvögel, sodaß alle Kreise mitwirken müssen, die Sänger in Flur und Hain zu schützen.
— Praktische Vorschläge zur Vermeidung allzu theurer Apothekerrechnungen hat der Sanitätsverein für Erzieherinnen in Berlin für die Bereinsärzte zusammengestellt. Es wird u. A. vorgeschlagen, die Bereitung von Gelatinen und Theeabkochungen, soweit möglich, den Familien der Kranken selbst zu überlassen. Beim Verordnen dispenstrter Pulver ist stets auf dem Rezept zu vermerken, „in charta,“ damit nicht theure Kästchen verabreicht und berechnet werden. Den Papierbeutel zur Aufnahme dispensirter Pulver darf der Apotheker nicht berechnen, weiße Gläser und Töpfe dürfen durchaus nicht zur Anwendung kommen. Um solches zu verhüten, ist stets „vitrum viride“ oder „olla grisea“ auf dem Rezepte zu vermerken. Bei einfachen oder gemischten Pulvern, sowie Pillen sind Kruken zu verwenden, die bei einer Wiederbestellung zurückgereicht werden können. Schachteln sind nicht so dauerhaft und besonders