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SchlüchternerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Samstag, den 2. Mai

1896.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. April. Der Kaiser ist heute früh 8 Uhr auf Station Wildpark eingetroffen, woselbst er von der Kaiserin erwartet wurde. Er begab sich darauf zu dem Neuen Palais. Von 9 Uhr ab empfing er den Marine­minister, um 10 Uhr den Chef des Cwilkabinets von Lucanus, um 11 Uhr den Reichskanzler Fürsten von Hohenlohe und um 12 Uhr den Chef des Militärkabinets von Hahnke. Außer den Genannten waren noch der Minister des Auswärtig-n v. Marschall und der Direktor des Kolonialamtes Tr. Kaiser zum gleichzeitigen Vortrag mit dem Reichskanzler erscheinen.

Krisengerüchte sind in Berlin sehr stark verbreitet. In Artikeln derKöln. Ztg." und desHainb. Korr." über den Stand der Reform des Militär-Strafverfahrens wird darauf vorbereitet, daß der Kaiser möglicher Weise den Vorschlägen des Reichskanzlers und des Kriegs­ministers, zu denen auch die Öffentlichkeit und Münd- lichkcit des Verfahrens gehört, sowie die Schaffung eines besonderen Militärgerichtshofes als höchste Instanz, bestehend aus einem General und drei juristischen Bei­räthen, seine Zustimmung versagen wird. Das Staats ministerium hat sich auf Grund dieser Vorschläge bereits geeinigt, und die außcrprcußischen Bundesfürsten und Kriegsminister haben den Beschlüssen des preußischen Ministeriums, die einen Kompromiß darstellen, zuge­stimmt. Unter diesen Umständen müßte die Weigerung das Kaisers, diesen Beschlüssen seine Einwilligung zu geben, eine Krisis hervorrufen, welche über den Rahmen einer bloßen Minister- oder Kanzlerkrisis weit hinaus­gehen wird.

Die Kämpfe zwischen unserer Schutztruppe und den Khana-Hottenlottcn in Südwest-Afrika werden nun auch amtlich buchstäblich bestätigt. Mit den Khanas waren auch Damara's und andere Eingeborene vereinigt, denen deutscherseits 50 Reiter unter Hauptmann Eistorff gegenüberstanden. Die beiden unternommenen Angriffe wurden, nachdem es bis zum Handgemenge gekommen war, siegreich abgeschlagen. Die Rebellen hatten moderne Waffen, wohl von englischen Händlern. Gefallen sind Lieutenant Lampe, Fabrikant Schmidt, Sergeant Baunach, die Reiter Fendgcs, Exner, Ludwig, Edisch, Ladwig, schwer verletzt die Sergeanten Fischer und Suda, Die Rebellen halten 46 Todte, darunter ihr Führer Lambert.

Bei Berathung des Bürgerlichen Gesetzbuches in der dafür eingesetzten Reichstagskommission stellten das Centrum und die Konservativen Anträge, die darauf hinausliefen, die Civilehc, das heißt die bürgerliche Ehe­schließung vor dem Standesbeamten, wie sie seit etwa 20 Jahren besteht, ihrer Bedeutung zu entkleiden und die kirchliche Trauung wieder als maßgebend für den Abschluß einer Ehe hinzustellen. Die Anträge wurden abgelehnt.

* Unter den Allerhöchsten Gnadenerlaß vom 18. Januar d. J. sind gefallen: Strafurtheile wegen Vergehen 36938, Strafurtheile wegen Uebertretungen 22755, zusammen 59693 Strafurtheile; Strafbefehle wegen Vergehen 8924, Strafbefehle wegen Uebertretungen 17 143, zusammen 26 067 Strafbefehle. Hinsichtlich der Strafen und der rückständigen Kosten sind begnadigt worden: in Vergehenssachcn 53 255, wegen Ueber- tretungssachen 58 056 Personen. Endlich sind 43 400 Verurthciltcn lediglich die Kosten des Verfahrens ganz oder thcilweise erlassen worden.

' Gegen das Verbot desDetailreisens zählt das neueste Petitionsverzeichniß des Reichstags 83 Petitionen auf, welche sich theils gegen das Verbot im Ganzen richten, theils gegen das Verbot für die Bckleidungs- und Textilbranche, den Uhrenhandel, den Weinhandel, den Tabakhandel, den Vertrieb von Näh­maschinen, Sämereien, Holzrouleaux und Jalousien.

* Umder Einwanderung derDeutschen Nach Rußland, wo es bekanntlich zahlreiche deutsche Kolonien giebt, Einhalt zu thun, soll demnächst von russischer Seite ein scharfes Gesetz gegen den Zuzug auswärtiger Arbeiter erlassen werden. Besonders der Umstand, daß die Deutschen sich vielfach auch in russischen Festungen aufhallen, erscheint den Russen für den Kriegs­fall bedenklich.

Elbing. Wegen Unterschlagung von 24,000 Mk. geständig gewesen und doch freigesprochen worden ist der 50jährige Stadlkämmerer Ruhm aus Ziegenhof vom Schwurgericht in Elbing. Dasselbe hat das freisprechende Urtheil über den Angeklagten wahr­

Ausland.

New-Aork, 26. April. In Cripplercreek (Colorado) warf im Theater eine Frau in Wuth eine brennende

scheinlich fällen müssen, weil die Fragestellung des Vor­sitzenden dazu führen mußte. Das Reichsgericht wird den Fall revidieren.

Ans Danzig wird gemeldet: Erhebliches Aufsehen macht hier die Entdeckung umfangreicher Saalenver- fälschungen, welche im Getreide-Exportgeschäft von Paul Helter vorgckommen sind. Die polizeilichen Feststellungen haben ergeben, daß es sich vorzugsweise um Beimengung von gelbem Senf zu Raps erster Qualität handelt. Zu diesem Zweck soll ersterer durch Tinte gefärbt und dazu sollen seit August 1893 69 129 Liter (!) Tinte verbraucht worden sein. Der gefärbte Senf wurde dem Raps bei­gemengt und an ausländische Oelmühlen verkauft. Der Waarenraum und das Comptoir des Geschäfts sind poli­zeilich geschlossen, ein Bodenmeister wurde verhaftet.

Einem Telegramm aus Bremen zufolge setzte der Norddeutsche Lloyd" die Zwischendeckspreise für die Ueberfahrt nach Newyort für Schnelldampfer auf 150 Mk. für Postdamp er auf 140 Mk., für Rolanddampfer auf 130 Mk. fest und für die Ueberfahrt nach Baltimore für Postdampfer und Rolanddampfer auf 130 Mark.

Aus Thüringen. Aus Koburg wird geschrieben: Die Fälschung verbreitet sich auf alle Gebiete und man ist heutzutage kaum noch sicher, daß man die Waare, die man kau't, auch erhält. Auf dem vorletzten Wochen- markt machte eine hiesige Wirthin Eierkäufe. Dieser Tage passierte es nun, daß ein Gast statt des verlangten gesottenen Eies ein solches mit Sand gefüllt erhielt. Man sah noch deutlich die Spuren, wie man die Schale, nachdem man Dotter und Eiweiß herausgeblasen, wieder zugekittet hatte. In Pößneck wurde auf dem Wochen- markt eine Landwirthsfrau aus Dienstädt wegen Ver­kaufs verfälschter Butter zur Anzeige gebracht. Sie Halle viel Magarine in die Butter gethan und dieselbe als guteGutsbutter" verkauft. Dieser Tage sollte die Nahrungsmittelfälscherin vor dem Strairichter erscheinen; da sie nicht erschien, wurde schließlich festgestellt, daß sich die Frau aus Furcht vor der zu erwartenden Strafe erhängt hatte. Ein seltenes Mißgeschick widerfuhr einem Radfahrer auf der Geraer Straße bei Altenburg; arglos fuhr derselbe seinem Ziele Altenburg zu, als ihm ein ganz unerwartetes Hinderniß das Weiterfahren ver­eitelte. Ein Hase kam daher gesprungen und gerade in das Rad hinein, jedoch mußte der Verwegene sein kühnes Unternehmen mit dem Leben bezahlen, der Hase lag mit gebrochenem Genick, der Radfahrer aber mit zerbrochenem Rad auf der Straße; betrübten Sinnes sah man den unglücklichen Radler dann mit der Hasenleiche und seinem verunglückten Fahrgeräth langsam der Stadt sich nähern.

Mciningcn, 26. April. Von der Strafkammer des Landgerichts Meiningen ist der Schneider Peter aus Brottcrode, in dessen Hause am 10. Juli vorigen Jahres bekanntlich das den ganzen Ort vernichtende Feuer ausbrach, wegen Fälschung von Wechseln zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Sein Bruder ist wegen fahrlässigen Bankerotts in Haft.

Das Militärgericht in Würzbnrg verurtheilte die Soldaten des 11. Infanterieregiments Straller, Kurz, Knorr und Nußstein zu 5 Jahren Zuchthaus resp. 9 Monaten, 2 Jahren und 7 Monaten Gefängniß. Die Verurlheilten halten den ihnen verhaßten Soldaten Hiltl nachts in der Kaserne zu Regensburg im Bett überfallen, in Bettdecken eingewickelt und mit einer Klopfpeitsche und mit dem Fuß einer Gewehrbank derart zugerichtet, daß Hiltl nach acht Tagen starb.

Aus Baden. Im badischen Schwarzwald sind dem letzten Hochwasser eine große Anzahl Brücken zum Opfer gefallen. Gegenwärtig wird allerorts an ihrer Wiederherstellung gearbeitet. Die mit der Erbauung einer Brücke in der Neustädter Gemarkung beschäftigten italienischen Arbeiter geriethen nun mit dem Bau Unternehmer wegen der Akkordsätze in Differenzen und stellten die Arbeit ein. In der Nacht vernahmen die Bewohner eine heftige Detonation, und bald stellte es sich heraus, daß ein bereits fertiggestellter, steinerner Pfeiler der neuen Brücke in die Luft gesprengt worden war. Wer die That ausführte, darüber blieb kein Zweifel, denn alle italienischen Arbeiter waren noch in derselben Nacht abgereift. Dem Bauunternehmer erwächst durch diesen Racheakt ein ganz namhafter Schaden.

Lampe nach einer anderen Person; die Lampe explodirtc und es entstand eine Fcucrsbrunst, die schließlich 150 Häuser des Orts in Asche legte. Der Schaden beträgt eine Million Dollars. Die armen Newyorker werden von den Staatsfanatikern und Müßigkeits aposteln immer mehr geplagt. Ihr Ostersonntag war schrecklichtrocken", denn an diesem Tage ist das neue Trinkgesetz, genannt Raines Bill, zum ersten Mal in Kraft getreten. Nach ihm darf kein Restaurateur seinen Gästen beim Essen alkoholhaltige Getränke versetzen und alle Wirthschaften und Restaurants müssen von Nachts 12 Uhr bis Mor­gens 5 Uhr geschlossen werden. Nicht einmal im eigenen Hause darf man Sonntags dem Gast etwas Anderes vorsetzen als Wasser und die Polizei ist ermächtigt, in jedes Privathaus einzudringen, wenn sie argwöhnt, daß dort ein Anderer als wirkliche Familienmitglieder Bier oder Wein trinkt.

Südafrika. Die englischen Verschwörer in Trans­vaal, welche Jameson's Zug leiteten und gegen welche der Prozeß eingeleitet wurde und die sich angesichts des erdrückenden Belastungsmaterials zu einem Schuldgeständ- uiß bequemt haben, sind zum Todte verurtheilt worden. Man erwartet eine thcilweise Begnadigung der Angeklagten durch den Präsidenten Krüger, eine für den britischen Hoch­muth sehr empfindliche Lckilon. Obwohl die aufständischen Matabele-Eingeborenen bei Buluwayo durch einen Ausfall der Engländer eine Schlappe erlitten und 500 Mann verloren, sind sie doch zurückgekehrt uud da sie von allen Seilen Zuzug erhalten haben, sind die Engländer nach wie vor in der Klemme.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 1. Mai,

* Ja den letzten Tagen sind in hiesiger Stadt um Umgegend mehrfach falsche Ein-Markstücke in Verkehr gebracht und angehalten worden, so beim hiesigen Postamt drei Stück. Dieselben fühlen sich fettig an, lassen sich leicht biegen und haben ziemlich stumpfe Prägung, der Klang ist etwas dumpf. Gestern wurde nun in dem benachbarten Dorf Ulmbach der Bruder jenes neulich verhafteten Arbeiters P, der die falschen Fünfmarkscheine verausgabt haben soll, verhaftet. Ob die Falschmünzerwerkstatt sich in Ulmbach befindet, oder ob das falsche Geld aus Westfalen stammt und nur hier unter die Leute gebracht wurde, wird die eingeleitete Untersuchung ergeben.

* diene falsche Zwei-Markstücke sind in den letzten Tagen wieder in verschiedenen Städten der Umgegend ungehalten worden. Sie unterscheiden sich weder durch Prägung noch Farbe oder Klang von den echten, tragen das Münzzeichen A, das Bildniß Kaiser Wilhelms!. und die Jahreszahl 1883. Sie sind etwas leichter als die echten Münzen und fühlen sich stark fettig an.

Von der Postverwaltung wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Postanstalten verpflichtet sind, die nicht mehr umlaufsfähigen preußischen Einthalerstücke aus den Jahren 1740 bis 1822 zum Nennwerthe in Zahlung zu nehmen.

* Mit der heutigen Ausgabe erhalten die ver­ehelichen Leser als Gratis-Beilage den Sommerfahrplan 1896 der Frankfurt-Bebraer, der Oberhessischen Bahn Fulda-Gießen, der Rhönbahn, Spessartbahn rc.

Die staatlichen Krankenkassen hatten 1894 ein Vermögen von über 94 Millionen Mark, die Unfall- velsichernng ein solches von über 113, die Alters- und Jnvaliditätsvcrsicherung ein solches von über 303 Millionen.

* Im Anzeigentheil unseres Blattes befindet sich eine Bekanntmachung der Landes-Creditkasse betreffs Kündigung resp. Abstempelung aus 3 74 °/0 ihrer weißen Obligationen Serie 16. Die näheren Be­dingungen sind aus der Anzeige zu ersehen und machen wir noch ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die Ab­stempelung im Interesse der Besitzer liegt, da dieselben bei der Abstempelung auf 3 70 eine baare Ver­

gütung von '/2 % herausbezahlt bekommen, welche Vergütung einen 3 7, °/0 Zinsgenuß auf weitere 2 Jahre hinausbedeutet. Der Koupon per 1. September d. Js. verbleibt den Besitzern. Die Abstempelung muß bis spätestens den 16. Mai erolgt sein und werden die nicht zur Abstempelung eingereichten Obligationen der Serie 16 zur baaren Rückzahlung per 1, September d. Js. gekündigt.