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WüchternerAttung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

.M 34. Samstag, den 25. April 1896.

j^ftdhwntHt auf dre »Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ~ Postanstalten und Landbriefträgern

owie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Einer Mittheilung derVoss. Ztg." aus Christiania zufolge wird Kaiser Wilhelm auch in diesem Jahre eine längere Reise nach Norwegen machen. Von Bergen aus wird der Weg längs der Küste und durch die Fjorde nach Drontheim eingeschlagen werden. Ge­plant sei die Umschtssung des Nordkaps und die Reise bis Vasö am Warangerfjord. Der Kaiser hat für die katholische Matthiaskirche in Berlin 30000 Mark aus seinem Dispositionsfond bewilligt.

Die große Duell-Debatte im Reichstage hat stattgefunden. Mochten auch sonst die Redner der Parteien verschiedene Gesichtspunkte in den Vordergrund stellen, in einem Hauptpunkte waren sie Alle einig: Wenn die über Hand nehmende Duellsucht überhaupt beseitigt werden soll, dann muß das Duell zuerst in der Armee beseitigt sein, und hier kann allein eine ent­schiedene Kundgebung des obersten Kriegsherrn eine Wendung veranlassen. Wenn von der Reichsregierung hierüber Erwägungen angestellt werden, so können doch alle vorgeschlagenen Maßnahmen keine nachhaltige Wirkung erzielen, so lange nicht von autorativer Seite ein entschiedenes Wort gesprochen ist. Im Reichstage empfand man das sehr lebhaft, das zeigte der ganze Inhalt der Reden. Was nun im Einzelnen geschieht, bleibt abzuwarten. Wir werden ja sehen, ob der Stein wirklich schon im Rollen ist, welcher die Duellsucht zer­schmettern soll.

Excellenz Stephan steht zum erstenmal seit Be­stehen der Reichspost ernstlich vor der Gefährtin der Schnelligkeit übertrumpft zu werden. Und zwar ist das in Berlin der Fall, und der Nebenbuhler ist eine dortige Privatpost. Die Stadtbriefe in Berlin kosten heute eben­falls 10 Pfg., und die Postverwaltung sagt, eine Ver- billigung sei bei dem stündlichen Leeren der Brieskasten und bei der schnellen Bestellung nicht möglich. Nun hat eine Privatpost eine halbstündige Leerung ihrer Brief­kasten eingerichtet und befördert dann zum Preise von 10 Pfg. per Brief die Briefschaften durch Velozipedisten direkt an die Adressaten. Die Bestellung ist fast doppelt so rasch, wie bei der Reichspost, der Preis derselbe. Hält die Privatgesellschaft aus, so wird die Reichspost in Berlin eine schwere Einbuße haben.

Berliner Gewerbeausstellung. Achtzigtausend Betten sind bis jetzt zum Vermielhen gemeldet worden, dabei steigert sich die Zahl dieser Mcidungen nachträglich. Aus den dem Reisebureau Stangen vorliegenden 'Dieb düngen läßt sich ersehen, daß der Fremdenzufluß ein so enormer sein wird, wie ein solcher in Berlin bisher noch nie zu verzeichnen gewesen. Bei den hohen Ausgaben soll aber auch eine tägliche Besuchsfrequenz von mindestens 53 bis 60 000 Personen bei einem Eintrittsgeld von 50 Pfg. erforderlich sein.

Freiherr v. Hammerstein, der ehemalige Chef­redakteur derKreuzzeitung" und Führer der konservativen Partei, stand heute wegen der bekannten Gaunereien vor der 2. Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Eine große Menschenmenge hatte sich im Gerichtssaale ein­gefunden; die Verhandlungen dauerten von 9 Uhr Morgens bis 5/a Uhr Abends. Der Angeklagte war in den wesentlichen Punkten geständig. Der Oberstaatsanwalt Drescher hielt die Anklage nach dem Geständniß des Angeklagten und dem Ergebniß der Beweisaufnahme im Großen und Ganzen aufrecht und befürwortete durchweg die Versagung mildernder Umstände. Die persönliche Stellung des Angeklagten, der hohe Schaden, den er verursacht, seine ungeheuere Heuchelei und Gewissen­losigkeit machten jede Rücksichtnahme unmöglich. Er be­antragte gegen den Angeklagten eine Zuchthausstrafe von 4 Jahren, ferner 3000 Mark Geldstrafe event. 400 Tage Zuchthaus und Ehrverlust auf die Dauer von 5 Jahren. Der Spruch des Gerichtes lautete auf drei Jahre Zuchthaus, 1500 Mark Geldstrafe und fünfJahre Ehrverlust (event. für je 15 Mark 1 Tag Zuchthaus Zusatzstrafe).

Der Centrums-Abgeordnete Müller-Fulda ist aus der Zuckerstcuer-Kommission ausgetreten. Herr Müller galt als ein Gegner der Vorlage. Aus seinem Aus­scheiden aus der Kommission will man daher schließen,

daß das Centrum zu größeren Zugeständnissen in Bezug aus die Erhöhung der Ausfuhrprämien geneigt sei. Die für Dienstag anbei aumt gewesene Sitzung der Kommission wurde nicht abgehalten. Die Kommission soll erst Donnerstag wieder zusammentreten. In der Zwischen­zeit hofft man mit dem Kompromiß fertig zu werden.

Man befürchtet in colonialen Kreisen, daß ein neuer Krieg in Deutsch-Südwest-Afrika entstehen könnte. Ein solcher Krieg würde noch viel mehr Anstrengungen und Opfer kosten, als der gegen Hendrik Witboi. Als der Hottentoten-Häuptling auf der Höhe seiner Macht stand, hatte er 400 Mann zu seiner Verfügung. Da­gegen können die Hereo uns eine ganz andere Macht entgegenstellen. Nach den verschiedenen Schätzungen, namentlich der landeskundigen Missionare, kann man annehmen, daß sie 80 000 Köpfe stark sind; sie könnten also wohl bis zu 10000 Krieger aufstellen. Unsere entgegenstehende Macht ist nur gering. Dieselbe, Schutz­truppe und Hilfsmannschaften, kann man auf 800 Mann schätzen, eine Zahl, die wohl in einem solchen Kampfe kaum ausrcichen dürfte. Allerdings kann man noch auf eine Verstärkung rechnen, wenn das jetzt fertig gestellte Gesetz über die Ableistung der Wehrpflicht in den Schutz­gebieten vom Reichstage angenommen ist. Mit Hilfe dieses Gesetzes kann man weitere, dort ansässige Weiße zum Kriegsdienst heranziehen. Ob damit aber etwas Wirksames zu leisten, ist eine andere Frage.

Ausland.

Serbien. DieKöln. Ztg." meldet aus Belgard: Milan sucht den König zu bewegen, alle bisherigen Heirathspläne fallen zu lassen, um sich mit einer reichen Amerikanerin, die Exkönig Milan durch Vermittelung des American Clubs in Paris ausfindig machte, zu ver­mählen. Die bevorstehende Amerika-Reise Milan's wird hiermit in Verbindung gebracht.

Budapest. Der bekannte Baron Hirsch, gewöhnlich derTürken-Hirsch" genannt, ist auf seinem Gut Sankt Johann in Ungarn Plötzlich gestorben. Hirsch gehörte nicht zu den besonders sympathischen Erscheinungen in der modernen Finanzwelt. In Baicrn geboren, kam er nach der türkischen Hauptstadt, um dort die Erschließung der europäischen Türkei durch den Bau von Eisenbahnen in Generalentreprise zu nehmen, was ihm durch verwegen ersonnene Finanzpläne und die freigebige Ausstreuung von Backschisch (Trinkgelder) in allen möglichen Arten so vollständig gelang, daß er als vielfacher Millionär aus diesem Geschäfte hervorging, während freilich die ersten Besitzer der famosen Türkenloose, bei deren Lancirung Freiherr v. Beust seinerzeit hilfreiche Hand geleistet, meistens das Nachsehen hatten. In späterer Zeit widmete sich Baron Hirsch, der sich in Paris niedergelassen, mit Vorliebe Werken der Humanität und dem Sport. Seine hilfreiche Unterstützung der ausgewiesenen russischen Juden durch ihre Ansiedelung in Argentinien, seine Unerschöpf- lichkeit in dcrBethätigung an wohlthätigen Unternehmungen aller Art sind unvergessen; ebenso aber auch die kleinliche Großmannssucht, die ihn oft nicht mit Unrecht zum Ge­genstand des Spottes und der Verhöhnung werden ließ. Baron Hirsch starb kinderlos. Das bewegliche Vermögen des Verstorbenen soll sich zumeist in Paris und in London befinden und wird auf sechshundert Millionen Francs geschätzt.

Spanien. Großes Elend herrscht in Andalusien in­folge der andauernden Trockenheit. In der Provinz Estremadura erschienen Heuschrecken, welche die Felder zu verwüsten drohen. In ganz Spanien herrscht gleiche Trockenheit. Alle Bischöffe haben das Abhalten von Gottesdiensten angeordnet, um Regen zu erbitten.

Aus Lissabon wird gemeldet: Ein wohlhabender Fabrikant, der am Samstag zu Wagen seine Fabrik verließ, wurde samt dem Kutscher durch eine mit Dynamit und Nägeln gefüllte Bombe in die Luft gesprengt und zerrissen. Die Polizei fahndet eifrig nach den Urhebern des Verbrechens.

impfungen an dem rechten und bei Wiederimpfung an dem linken Arme. Jede Impfung muß mit mindestens vier seichten Schnitten von einem Zentimeter Länge oder ebenso vielen oberflächlichen Stichen ausgeführt werden.

Das Kaiserliche Statistische Amt veröffentlicht jetzt die vorläufigen Ergebnisse der am 2. Dezember v. I. im deutschen Reiche vorgenommenen Volkszählung. In Preußen ist gegen den 1. Dezember 1890 eine prozentuale Zunahme der Bevölkerung um 6,31 eingetreten. Die größte Zunahme weisen die Provinzen Brandenburg und Westfalen mit über 11 Prozent auf und ihnen folgen die Rheinlande mit 8,4, Hannover und Stadt Berlin mit etwas über 6 Prozent. Es reiht sich Hessen- Nassau mit 5,53 Prozent an. Am ungünstigsten gestaltet sich das Ergebniß in Hohenzollern mit einem Minus (also Abnahme) von 1,46 Prozent. Die dürftigste Vermehrung fand in Ostpreußen (2,3 Prozent) statt. Die stärkste Vermehrung in den außerpreußischen Staaten zeigt Reuß j. L. (9,7 Prozent), dann kommen Hamburg, Lübeck, Bremen und Sachsen (8 Prozent), Bayern figurirt mit 3,6, Elsaß-Lothringen mit 2,35, Württemberg mit 2,18 Proz. Zuletzt kommt Waldeck mit 0,87 Proz.

Vor einer Bande von Seelenverkäufern warnt der Minister des Innern. Ein gewisser Lazar Schwartz aus Buenos-Ayres, der als Mädchenhändler bekannt ist, hat sich vor einiger Zeit nach Europa begeben, um Mädchen zu Proslilutionszwecken nach Südamerika zu werben. Schwartz, der ein gewandtes Auftreten hat und mehrere Sprachen beherrscht, ist in Tulscha in Rumänien geboren und gegenwärtig argentinischer Staatsbürger. Er ist 42 bis 44 Jahre alt und 1,60 Meter groß und hat graue Augen, schwarze Haare, einen schwarzen Bart oder Schnurrbart, krumme Beine und zwei roihe Flecke an der Nase. Als Endziel seiner Reise hat er Monte­video angegeben. Meistens reist er getrennt von den I angeworbenen Mädchen. Als seine Genossen werden genannt: Gcrson Baum, Jsidor Bing, Moritz Kaiser, Joses Katz, Mendel Käufer, Jsidor Klapper, Israel Magorowitsch, Fichel Magowitsch, Sigmund Reicher, Karl Roch, Sali Salowich, Max Schorr, Moses Schuld- rciw, Heinrich Schwarzmann, Moritz Seiler, Adolf Stein, Juchil Steinmann und Wolf Wilemson. Die Behörden sind angewiesen, auf die Kupplerbande ein wachsames Auge zu haben und etwa angeworbene Mädchen und deren Angehörige zu warnen.

Eine höhereBesteuerung des Wanderlager-Betriebes beantragte im Landtage der Abgeordnete Winckler im Interesse des seßhaften Geschäfts. Der Antrag wurde angenommen. Ein Antrag des Abgeordneten Brock­hausen auf eine höhere Betriebssteuer der großen Bazar- geschäfte und Consumvereine wurde an eine besondere Commission zur Weiterberathung überwiesen.

* Darf man Sachen von unbekannten Leuten kaufen? Diese, dem Publikum oft mißverständlich aus­gelegte Frage wurde prinzipiell vor der Strafkammer des Landgerichts I Berlin erörtert. Der Restaurateur M. wollte sich ein Fahrrad zulegen. Der ihm bekannte Reisende W. theilte ihm mit, daß in einer benachbarten Kneipe ein junger Mann sei, der ein gebrauchtes Rao verkaufen wolle. M. ging dort hin und erstand das Rad für 60 M. Es erwies sich später, daß das Rad gestohlen war, der Bestohlene entdeckte es in M.'s Wohnung, der eine Anklage wegen Hehlerei erhielt. In der ersten Instanz nahm das Gericht an, daß der An­geklagte aus den eigenartigen Umständen, unter denen er das Rad gekauft, hätte entnehmen müssen, daß es sich um eine gestohlene Sache handle; der Angeklagte wurde zu einer Woche Gefängniß verurtheilt. In der Berufungsinstanz führte der Vertheidiger aus, daß nicht wie im Publikum vielfach angenommen werde, eine Rechts- pflicht bestehe, von einem unbekannten Verkäufer nichts zu kaufen. Dies allein reiche nach der Entscheidung der höchsten Gerichte nicht aus, um den Thatbestand der Hehlerei zu erfüllen, vielmehr müssen noch besondere Umstände nachgewiesen werden. Im vorliegenden Falle sei auch kein ausfallend niedriger Preis für das Rad bezahlt worden. Der Gerichtshof trat diesen Ausführungen bei und erkannte auf Freisprechung.

Für Freunde schlechterScherze" wird die Nach­richt von Wichtigkeit sein, daß das Reichsgericht ein Urtheil gefällt hat, nach welchem wegen groben Unfugs derjenige bestraft werden kann, der einem ihm bekannten Berichterstatter einer Zeitung eine nachweislich falsche Nachricht unterbreitet, von welcher er voraussetzen kann

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 24. April.

* Am Donnerstag, den 30. April wird in Fulda wieder ein Vieh markt unter den gleichen Bedingungen wie am 9. April, abgehalten.

* Gemäß einer Ministerial Verfügung vom 21. März d. Js. wird die Impfung von jetzt ab nur an einem Arme vorgenommen, und zwar bei Erstlings-"