WüchternerMtmg
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M1 — " Mittlmh, des 1. April " 1896.
°uf die „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ■■= Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Teutsches Reich.
Berlin. Der Aufenthalt des Kaiserpaares in dem sonnigen Neapel nimmt seinen programmgemäßen Verlauf. Dem Besuche auf dem Aetna folgte am Freitag eine größere Rundfahrt durch den Golf von Neapel und der Besuch der benachbarten herrlichen Inseln.
— Gegen das vom Reichstage bereits in zweiter Berathung der neuen Gewerbeordnungs - Vorlage be- schlossene Verbot des Detailreisens sollen j.tzt in allen größeren Städten kaufmännische Versammlungen ab- gehalten werden. Bei der starken Mehrheit, mit der der Reichstag diese neue Bestimmung in zweiter Lesung angenommen hat, ist übrigens nicht recht eine Umstoßung deS gefaßten Beschlusses in der dritten Lesung zu erwarten.
— Raubvögel, welche den Brieftauben besonders gefährlich sind, wurden innerhalb des preußischen Staates im Jahre 1895: 494 Wanderfalken (627 im Vorjahre), 2310 Habichte (2396), 1013 Baumfalken (935) und 3094 Sperber (3094), zusammen 6911 (gegen 7052) getödtet.
Der Aachener Alrxianer-Prozcß giebt jetzt Anlaß, in den Irrenanstalten mit den Folterwerkzeugen aufzuräumen. In den eben erschienen Vorlagen des Kreisausschusses, so wird aus Lörrach geschrieben, beantragt der Verwal- tungsrath der dortigen Kreispflegeanstalt in Wiccho, wo sich etwa 200 Geisteskranke befinden, eine Aenderung des Strasparagraphen der Hausordnung vorzunehmen. Die bisherigen Strafmittcl, „das Regenbad, die Brause und die Anwendung mechanischer Beschränkung in Form von Zwangsstühlen und Riemenhandschuhen" sollen nicht mehr angewendet und die Arreststunden auf höchstens 24 Herabgesetzt werden. Die Strafen müssen in ein Verzeichniß eingetragen werden, das vierteljährlich dem Kreisausschuß zur Einsicht und Prüfung vorzulegen ist. Auch ist bestimmt worden, daß das Wartepersonal sich jeder Drohung mit Züchtigung und Strafen und jeder Art von thätlichen Mißhandlungen der Pfleglinge aufs Strengste zu enthalten habe.
Finsterwalde. In einer entsetzlichen Lage befand sich ein Arbeiter auf der Grube „Henriette" bei Sallgast (Finsterwalde). Der Kesselheizer Bunzel, ein Mann Von 25 Jahren, warf Kohlen in den Feuergang und wurde hierbei durch eine nachrutschende Schicht mit in die Feuerung hineingerissen, zugleich aber auch so festgezwängt, daß es ihm unmöglich war, sich wieder loszumachen. Bis an die Knöchel stand der Unglückliche in glühender Kohle. Trotzdem mehrere Kameraden im gleichen Räume beschäftigt waren, konnten diese in Folge des Stampfens der Maschinen die Hilferufe Bunzel's nicht hören, und so mußte dieser fast eine Stunde lang Höllenqualen der entsetzlichsten Art erdulden. Als seine Situation ganz zufällig entdeckt wurde, waren seine Füße lurcils bis atfS Knie völlig weggebraunt, nur noch ein paar Knochenstümpfe von den Beinen waren übrig. Plan schaffte den Bewußtlosen sofort nach dem Knappschaftskrankenhause „Bergmannstrost" in Halle, wo ihm beide Beine über dem Knie amputirt werden mußten. Ob er mit dem Leben davonkommen wird, ist noch sehr fraglich.
Darmstadt, 26. März. Ein Steuerkuriosum kam kürzlich vor dem Schöffengerichte zum Austrag. Ein Privatmann, welcher sich im Besitze einer Rassehündin befindet, hat wiederholt die von derselben geworfenen Jungen an Dritte verkauft. Daraus glaubte die Steuerbehörde die Verpflichtung des Besitzers der Hüudiu ab- leilen zu müssen, sich in den Besitz eines Gewerbesteuer- Patentes als „Viehhändler" zu setzen. Da jener erklärte, keine gewerbliche, sondern eine sportliche Thätigkeit aus- znüben, appellirte er an das Schöffengericht. Dasselbe sprach ihn von der auferlegten Verpflichtung frei, da hier ein der Gewerbesteuer unterworfener Vichhandel nicht vorliege.
Ludwigshafetj. Ein im deutsch-französischen Kriege gefangen genommener Soldat, Jakob Schneider, soll demnächst, wie aus Paris berichtet wird, von der französischen Behörde nach seiner Heimath Münchwcilcr in der Pfalz zurückbefördert werden. Der Mann wurde bciOrleans verwundet und später von der deutschen Behörde als verschollen erklärt, Wie es gekommen sein mag,
daß S. jetzt erst, nach 25 Jahren, seine Rückkehr bewerkstelligen kann, harrt noch weiterer Aufklärung!
Ausland.
Italien. Der afrikanische Korrespondent des Neapoli- tanischen Blattes „Don Marzio" meldet furchtbare Einzelheiten aus der Schlacht von Adua und von den Leiden, welche die Italiener auf dem Rückzüge nach Addicaje durchmachten. Nach dicstm Berichterstatter sind von 18 Bataillonen des Herres nur 4000 Mann, von denen ein Drittel Neger, übrig geblieben; die anderen sind entweder gefangen oder todt. Auf dem Rückzüge wurden die zersprengten Truppentheile besonders durch die Reiterei der Galla und der Rebellen belästigt. Die ersteren ergriffen die Fliehenden mit der linken Hand bei den Haaren und schnitten ihnen mit dem krummen Säbel, indem sie sich von ihren sattellvscn Pferden nicderbeuglcn, die Kehle durch. Die Leichen waren alle nackt, die Unterleiber ausgeschnitten. Während des Kampfes und des Rückzuges verfolgten die Schoaner mit besonderer Wuth die Aerzte; drei von diesen wurden, während sie Verwundete verbanden, ergriffen und noch lebend auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Nicht minder schreckliche Schilderungen entwerfen die Verwundeten von den Qualen, die ihnen Hunger und Durst auf dem Rückzug bereiteten, und von den Grausamkeiten, welche die Schoaner an den Verwundeten verübten. — Aus den Berichten der Verwundeten wird immer wahrscheinlicher, daß General Arimondi sich auf dem Schlachtfelde selbst erschossen hat, um nicht verwundet den Feinden in die Hände zu fallen. Ein verwundeter Soldat erzählt, daß er, durch einen Säbelhieb verletzt und zusammengebrochen, von den Feinden für todt gehalten und aller Kleider beraubt worden sei. Fünf Tage sei er Nachts unter furchtbaren Qualen umbergeirrt, bis er auf italienische Truppen stieß, die ihn nach Addikaja Mitnahmen. Unterwegs habe ihm Lieutenant Sacconi, der mit abgehauenen Armen und Beinen in einem Leichenhaufen lag, flehentlich zugerufen, er möge ihn tödten; er habe, waffenlos und elend wie er war, das Verlangen nicht erfüllen können. Später erwies ein anderer Soldat ihm diesen Liebesdienst.
Aus Rußland. Opfer des Schnees. Bei Bogoro- dizk im Gouvernement Tula wurden jüngst nach einem Markttage auf den der Stadt benachbarten Feldern sechs erfrorene Bauern gefunden. Sie waren am Abend, nachdem sie der Flasche tüchtig zugesprochen, in das 5 Kilometer von der Stadt entfernte Dorf Towarkowo gefahren. Gleich hinter der Stadt in der baumlosen Steppe fing ein Schneewehen an, und bald waren die Pferde vom Wege abgekommen. Einige der Angetrunkenen waren vom Schlitten gefallen, andere hatten die Pferde, als sie nicht mehr weiter konnten, ausgcspauut und waren, augenscheinlich den Weg suchend, entkräftet Hin- gefallen und dann im Schlaf erfroren. So meldet die Deutsche Pctcrsb. Ztg. und fährt dann fort: Viele Tausende Menschen (die Statistik erfährt wohl kaum den vierten Theil aller Fülle, die gern verschwiegen werden) kommen jährlich in Rußland auf diese Weise um. Und wenn nicht viel mehr Tausende jährlich demselben Schicksal verfallen, so haben wir das nur Kaiserin Katharina zu verdanken, die mit zäher Energie das Bepflanzen der Landwege mit Bäumen durchsetzte. Diese Alleen, oder vielmehr ihre traurigen Ueberreste, sind bei Nacht und Schneewehen die einzigen Wegweiser, die den Reisenden sicher von Dorf zu Dorf führen. Leider verschwinden sie immer mehr; auf die grausame und unvernünftigste Weise werden sie von der Landbevölkerung vernichtet. Der größte Feind des Menschen ist der Mensch! Viele Landschaften haben es versucht, sie zu erneuern und zu ergänzen, aber bei dem unerklärlichen Hang unserer Bauern zur Vernichtung alles Angc- pflauzten ist das unmöglich.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtcru, 31. März.
* — Der kommissarische Kataster-Kontroleur Müller in Schlüchtern ist endgültig als solcher ernannt worden.
* — Der vergangene Sonntag, nach Professor Falb - einer der „allerkritischsten" Tage, an dem es Gewitter rc. i geben sollte, hat dem Herrn Wetterpropheten gründlich । zum Reinfall verholfen. Abgesehen von einem rauhen i Wind, war's ganz erträglich im Frühlingssonnenschein <
spazieren zu gehen. Statt hoher Temparatur trat in der Nacht empfindliche Kühle ein und auch sonst war das Wetter wie es jedes Frühjahr hier zu Lande sich anlüßt, — also der Herr Professor Falb ist mal wieder blamirl.
* — Zur Ergänzung-Unserer Mittheilung über die neue Landgemeinde- und Stüdteordnung für die Provinz bringen wir int Nachstehenden die Antwort, welche der Minister des Innern auf die Interpellation unseres Abgeordneten Zimmcrmann ertheilte: Minister des Innern Freiherr von der Recke: Meine Herren, nicht nur Bücher und Gesetzesvorlagen, sondern auch die Vorarbeiten zu Gesetzesvorlagen haben ihre Schicksale. Ich erkenne vollständig an, daß dies Hohe Haus nach den Erklärungen, die mein Herr Amtsvorgänger in der vorigen Session abgegeben hat, hätte darauf rechnen können, daß die genannte Vorlage schon in dieser Session eingebracht werden würde. Ich erkenne auch das Bedürfniß nach der Einbringung dieser Gcsctzcsvorlage vollauf an. Nun hat es aber das Schicksal gewollt, daß der Verfasser der Vorlage zunächst eine Reihe von Monaten schwer krank gewesen ist, er ist inzwischen durch Tod uns entrissen worden, dazu ist der Wechsel im Ministerium getreten. Es hat jetzt eine genaue Prüfung der Vorarbeiten stattgefunden, und es hat sich dabei herausgestellt, daß noch eine Reihe von Punkten der näheren Erörterung bedürftig sind. Es würde nun ja wohl möglich sein, vielleicht in sechs Wochen die Vorlage soweit festzustcllcn, daß sie somit wahrscheinlich noch in dieser Session in das Haus ein» zubringcn ist. Ich bin aber der Meinung, daß man damit der Sache wenig dienen würde. (Sehr richtig!) Ich halte es vielmehr für richtiger, daß die Vorlage im Anfänge der nächsten Session erst vorgelegt wird. Ich hoffe, daß das Hohe Haus mir hierin beistimmen wird, zumal es ja an dem nöthigen Stoff für seine Arbeiten nicht fehlt.
* — Das Amtsblatt Nr. 13. der Königl. Regierung zu Casscl veröffentlicht eine Bekanntmachung betreffend „Bedingungen für die Bewerbung um Arbeiten und Lieferungen," welche von jetzt ab im Regierungsbezirk maßgebend sind. Interessenten können Separat-Abdrücke dieser Verordnung durch die Buchhandlungen ober von der Waisenhausdruckerei in Cassel beziehen.
* — Der Herr Landes-Direktor hat den SektionS- Vorständen der Landwirthschaftl. Berufgenossenschaft mit- getheilt, daß das „Centralblatt für land- und forft« wirthschastliche Unfallversicherung" vom 1. April ab in Folge zu geringer Betheiligung nicht mehr erscheinen werde.
* — Nachdem in den letzten Jahren mehrfach Thuimhelme von im Neu- oder Umbau begriffenen Kirchen durch Winddruck beschädigt oder zerstört worden sind, hat der Minister der öffentlichen Arbeiten die LandeSpolizei- behörden angewiesen, dafür Sorge zu tragen, daß den Baugesuchen zum Umbau oder Neubau von Thürmen eine statistische Berechnung, in welcher die Standfähigkeit der Thurmhclme gegen Winddruck nachzuweisen ist, bei« gefügt und bei der Berechnung von Helmen in Holz und Eisenkonstruktion derjenige Zustand des Helmes vorausgesetzt werde, in welchem er sich nach Herstellung der Lattung oder Schalung vor der Aufbringung der Deckung befindet.
* — Die Torfstreu ist ein sehr bewährtes und dabei billiges Mittel, die sehr früh gelegten Erbsenbreie vor Nachtfrost zu schützen. Um möglichst früh junge Erbsen zu haben, versucht Mancher schon im März eine Aus- faat, welche oft durch Nachtfrost zerstört wird, wenn sie nicht sorgsam bedeckt wird. Oft werden auch zu diesem Zwecke die Eibsen auf geschützte Beete gelegt und nachher verpflanzt. Sobald die Erbsenkeimc die Oberfläche erreichen, streue man auf die Reihen eine mäßig dicke Schicht Torfslrcu, unter welcher die Erbsen sich weiter entwickeln und Blätter entfalten, welche bald so hart werden, daß ein gelinder Nachtfrost ihnen nicht mehr schadet. Zugleich hält man dadurch auch Hühner und Sperlinge ab, welche nur die Keimspitzen abkneifen, nicht aber die bereits entwickelten Blätter.
* — Die bevorstehende Blütezeit der Singvögel mahnt daran, denselben Schutz gegen wildernde Katzen angedeihen zu lassen. So nützlich die Katze im Hause sich auch erweisen mag, so darf doch nicht vergessen werden, daß eine Katze, die ins Feld oder Gebüsch geht, als Hauskatze absolut nichts taugt und durch die Vernichtung von Singvögeln und deren Brutstätten großen Schaden anrichtet.