SchlWernerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Samstag, den 14. März
1896.
Deutsches Reich.
Berlin. Nach den neuesten Bestimmungen reist der Kaiser nicht nach Abbazia oder in ein österreichisches Bad, sondern geht nach Genua, wo er sich an Bord seines dorthin befohlenen Dampfers begibt. Von Genua aus werden einige Dampferfahrten im Mittelmeer unternommen. Die Kaiserin wird ihren Gemahl auf allen diesen Reisen begleiten.
— Aus allen Gegenden Deutschlands, ganz besonders aber aus Süddeutschland und dem Effaß werden Hochwasser gemeldet, die stellenweise großen Schaden ange- richtet haben. Vielfach soll sogar der große Hochwasser- stand von 1848 überschritten sein, besonders in Württemberg und Baden.
— Die Kämpfe in Kamerun, welche unsere Schutztruppe augenblicklich gegen Eingeborene zu bestehen hat, sind dadurch veranlaßt worden, daß ein Volksstamm der Woghe zwei schwarze Arbeiter der deutschen Station Jaunde geschlachtet und aufgefressen hatte. — Auch in Deutsch-Südwestafrika soll ein Kriegszug der Schutztruppe unternommen werden und zwar gegen die Hereros im Norden, die sich der deutschen Herrschaft nicht fügen wollen.
Bom Kyffhäuser, 2. März. Das Reiterstandbild für das Kaiser Wilhelm-Denkmal wird in der königilichcn Hofkunstanstalt für getriebene Kupferarbeiten von Seitz in München noch in dieser Woche fertiggestellt werden, nachdem 25 bis 30 Gehilfen 1 '/* Jahr unausgesetzt daran beschäftigt waren. Das in Kupfer getriebene Reiterstandbild ereicht eine Höhe von 9 ’/a Meter. Die die Geschichte darstellende, ebenfalls tür das Kyffhüuser- denkmal bestimmte Frauengestalt (in kriegerischer Gewandung) wird vom Kunstkupferschmiedemeister Kronen in München in einer Höhe von 51/a Meter ausgeführt. Der Transport der beiden Kolossalfiguren nach dem Kyffhäuser soll in der zweiten Hälfte des März erfolgen.
Aus Sachsen. Ein Beweis dafür, daß der sächsische Silberbergbau noch nicht unergiebig ist, giebt ein auf Himmelsfürst Fundgrube bei Freibcrg gemachter Silberfund. Man fand daselbst mehrere Stücke reinen Silbers im Gesammtgewicht von 24'^ Kilo. Es kann daraus ungefähr 5000 Mk. Silbergeld geprägt werden. — In Lindau erschien bei der Musterung der Militärpflichtige Andreas Lang von Niederstaufen, der 1 Meter 22 Zentimeter maß und 21 '|3 Kilo wog!
Kattowitz. Die Katastrophe in Kleophas-Grube bei Kattowitz ist nach Aussagen von Bergleuten, der „Königsh. Ztg." zufolge, zum Theil dadurch so furchtbar geworden, weil sich unter den beiden Wetterschächten der Grube Wetteröfen in Thätigkeit befanden, deren Feuer nicht schnell gelöscht werden konnten, weshalb die Wetterschächte unfaßbar waren. Das Unglück hätte noch einen schrecklicheren Umfang angenommen, wenn der Brand am Tage ausgebrochen wäre; denn am Tage besteht die Belegschaft aus 800 Mann. Die in der Grube befindlichen Pferde sind alle bis auf eins erstickt. Nur ein kleines Pony, welches zum Befahren der niedrigen Strecken benutzt wurde, kam mit dem Leben davon. Die an die Oberfläche beförderten Kadaver der todten Thiere sind furchtbar aufgedunsen. 109 Todte sind bis Freitag Mittag in den beiden der Grubenver- waltung gehörigen Zechenhäuser aufgebahrt. 42 Pferde- Kadaver, die noch in der Tiefe liegen, fangen an, verderbenbringende Miasmen in den Grubenstollen zu entwickeln. Von den eingefahrenen 141 Mann ist erst der Verbleib von 131 festgestellt und vermuthet man, daß die fehlenden 13 Bergleute entweder dem Tode verfallen in irgend einem Winkel den Augen der Rettungsmannschaften entzogen bleiben, oder aber, wofür allerdings wenig Hoffnung vorhanden ist, in einem Verhau Rettung gesucht und gefunden haben. Wegen des Rauchs konnte man bisher in die entlegensten Strecken nicht Vordringen.
Ausland.
Norwegen. Die die ganze Welt interessirende Frage der Entdeckung des Nordpols hat einen Schritt vorwärts und gleichzeitig einen Schritt rückwärts gethan. Ein bekannter sachverständiger Steuermann Namens Klebe erzählte in Bergen, daß ihm vor Kurzem in Jenisseik von einem Beamten in der That gesagt wurde, Nansen befinde sich auf der Rückreise, aber nachdem er nur beinahe den Nordpol erreicht.
Lokalss und Provinzielles.
Wächtersbach, 9. März. Die Stadt Wächtersbach hatte s. Z. durch Vermittelung des Königl. Landrathsamtes Gelnhausen an den Herrn Regierungspräsidenten zu Kassel eine Eingabe gerichtet der Stadt Hanau möge aufgegeben werden, die Viehmärkte an einem anderen Tage als Mittwoch abzuhalten, da die an den Dienstagen stattfindenden Viehmärkte in Wächtersbach durch die Mittwochsmärkte in Hanau stark beeinträchtigt würden. Das Oberbürgermeisteramt zu Hanau, welches von dem Königl. Regierungspräsidium um Aeußerung in der Angelegenheit ersucht wurde, wünschte vom landwirthschastlichen Kreisverein Hanau eine Meinungsäußerung in der Angelegenheit. In der letzten Sitzung des landw. Kreisvereins kam nun die Sache zur Sprache und allgemein war man der Ansicht, daß an dem Mittwoch festgchaltcn werden müsse, da s. Z. bei Einrichtung der Viehmärkte gewichtige Gründe, die heute noch bestehen, für den Mittwoch gesprochen hätten. Es stehe ja auch Wächtersbach frei, sich einen andern Tag zu wählen. Wenn diese kleineren Städte einen Rückgang der Viehmärkte zu verzeihen hätten, so seinen wohl andere Gründe hierfür bestimmend. Dank der günstigen Bahnverbindungen habe der Hanauer Markt eine große Zukunft.
Hanau, 6. März. Die hiesige Handelskammer wurde in dem Kriegsjahre 1871 am 26. April gegründet; sie feiert daher in wenigen Wochen das Fest ihres 25jährigen Bestehens. Die Handelskammer beschloß, den Tag nicht ohne äußeres Zeichen der Freude vorübergehen zu lassen und setzte für Montag den 27. April d. I. eine Festsitzung nebst Festmahl an. Hierbei sollen die Staats- und städtischen Behörden des Kreises, wie auch die ehemaligen Mitglieder der Handelskammer und die hiesige Kaufmannschaft zur Theilnahme aufgefordert werden.
Bom Mai», 4. März. Seit ungefähr einem Jahre hat sich in kleinbürgerlichen Kreisen in Folge der hohen Fleischpreise die Kaninchenzucht eingebürgert. Diese Thiere vermehren sich außerordentlich rasch und sind, da sie alle Speisen- und Küchenabfälle fressen, leicht und von Jedermann zu halten. Sie liefern nach zwei bis drei Monaten einen vorzüglichen Braten. Emgeführt sind hauptsächlich die Thiere, welche aus einer Kreuzung der sogen, belgischen und deutschen Rasse hervorgegangen sind. Diese Thiere erreichen bei guter Mast ein Gewicht von 8 bis 12 Pfund. Das gleiche Gewicht wird vielerorts bei den sogen. französischen Kaninchen, welche aus der Normandie stammen, erzielt. Das deutsche Kaninchen eignet sich wegen seiner Zwerghaftigkeit zur Mast nicht. Das Pfund Kaninchenfleisch wird mit 18 bis 20 Pfennig bezahlt und ist äußerst zart und wohlschmeckend. Wie stark sich die Kaninchen vermehren geht daraus hervor, daß ein Züchter von einem Paar innerhalb sieben Monaten 48 Kaninchen zog.
In Griesheim wurde am Freitag aus dem Maine eine unbekannte weibliche Leiche geländet, die schon längere Zeit im Wasser gelegen hat. Die Verstorbene scheint eine ländliche Arbeiterin und 25 bis 30 Jahre alt gewesen zu sein. Die Leiche ist circa 1,60 Meter groß, hat langes rothes Haar und war bekleidet mit dunklem Rock und Jacke, schwarzer Capuze, defectem roth gestreiften Hemde, ebensolcher Hose, schwarzen Strümpfen und Segeltnchschuhen. Etwaige Nachrichten über die Verstorbene werden vom Bürgermeisteramt Griesheim entgegengenommen.
Wieder etwas neues auf dem Gebiete der Reklame. Feuer- und Lebensversicherung umsonst. Eine Firma in Frankfurt a. M. annonciert: „Gratis erhält jeder Kunde von heute an: Eine Versicherung auf sein Leben im Betrage von 300 Mark, welche ohne Einrede an die Erben ausgezahlt werden. Bedingung ist nur ein Einkauf in meinem Hause im Betrage von mindestens 25 Mark gegen bar oder auf Kredit." Aber damit noch nicht genug! Dasselbe Geschäft versichert jedem Kunden seine Mobilien gegen Feuersgefahr gratis.
Marburg, 27. Febr. Die Wachtpostenaffäre, die im Dezember v. I. zu übertriebenen Gerüchten in der auswärtigen Presse und zu einer Berichtigung im „Reichsanzeiger" Anlaß gegeben hatte, gelangte heute zur schöffengerichtlichen Aburtheilung. Ein Student der Medizin ging am 19. Dezember v. I. in Begleitung eines anderen an einem Wachtposten vorüber, den sein Begleiter anrempelte. Als dieser von dem Posten amtirt
werden sollte, gab sich der Mediziner als Lieutenant der Reserve aus, forderte die Jäger auf, ihm nach der Wache zu folgen. Er ging mit bis in die Nähe der Kaserne, lief dann aber davon und beschimpfte die Soldaten, als sie ihn zu verhaften suchten. Wegen der Beleidigungen beantragte heute der Staatsanwalt 14 Tage Gefängniß, das Gericht ließ es bei 40 Mk. Geldstrafe bewenden.
Wolfhagen, 8. März. Oberhalb Ehlen, der Domaine Burghasungen gegenüber, erhebt sich nördlich von der Kaiserlichen Poststraße der Burghasunger Berg, dessen Kegel mit den Ruinen eines ehemaligen Klosters geziert ist. Die Ueberreste, in der Gestalt eines hoch in die Lüfte ragenden Thurmes, zeugen von verschwundener Kloster-Pracht, wo einst, z. Zt. Heinrichs des Kindes, Mönche hausten. Der Blick von hier aus ist allseitig ein herrlicher, weshalb es selten ein Wanderer verschmäht, die steilen Bergwände zu erklimmen und sich an der herrlichen Schöpfung Gottes zu erfreuen. Trotzdem die Stürme den schlanken Thurm fürchterlich umtobten, hat er doch Jahrhunderte durchdauert. Doch allmählig schienen die Trümmer in dem Schutt zu versinken und die schwankende Hünengestalt wurde dem nahegelegenen Dorfe Burghasungen gefährlich. Trotz Sturm und Regen, Donner und Blitz hielt er aber noch wacker Stand, er wollte der Nachwelt ein Zeuge guter, alter Bauart sein. Ehemals versuchte man es denn auch, denselben als bleibendes Andenken, von dem einst nicht weniger denn zwölf Kloster Glocken ertönten, zu erhalten, ihn durch Ketten zu binden und zu restaurireu; doch er verfiel mehr und mehr, bis man endlich den Entschluß faßte, ihn zu sprengen. Auch diesen Plan hielt man wegen der Nähe des Dorfes für zu gefahrvoll und überließ es dem langsam aber sicher arbeitenden Zerstörungswerk der Natur, den Riesen zu fällen. Dem letzten Sturm ist es gelungen, das Bauwerk bis über die Hälfte zu stürzen und anstatt des herrlichen Thurmes steht heute noch ein kurzer Stumpf und neben ihm liegt ein wüster Trümmerhaufen. Glücklicher Weise sind die Steinmassen nach der dem Dorfe abgewendeten Seile geschleudert, sodaß die Häuser der Gemeinde unversehrt blieben und kein Menschenleben in Gefahr kam.
Ziegeuhain, 29. Febr. Die Preise für gutes Brennholz erreichen in diesem Jahre trotz des gelinden Winters eine recht ungewöhnliche Höhe, trotzdem der Kreis Ziegenhaiu sehr Waldreich ist. Man führt diesen Umstand darauf zurück, daß in diesem Winter weniger Brennholz als sonst geschlagen sei. Die Hauptursache mag wohl darin liegen, daß die Holzhändler in großer Zahl kommen und die Stämme, welche sonst als Brennholz zerkleinert wurden, zu gewerblichen Zwecken anf- kaufen. Mag dadurch auch ein erhöhter Nutzen für den Fiskus erzielt werden, den Kreiseingesessenen ist damit nicht gedient, deren Wohl man auch bei diesen Angelegenheiten im Auge behalten muß.
Meineidsprozsst Sommer II.
(Fortsetzung.)
Es werden ferner vernommen die Zeugen Augustin Bräscher, Adam Jobst und Gebrüder Seipel. Kaufmann H ö ch ster-Lauterbach deponirt, daß ihm Sommer im Jahre 1893 den Schimmel für 15 Mk. habe verkaufen wollen. Zeuge Keibel-Herbstein hat das Thier gezogen, in seinem Stall ist es 1887 geboren. Vom 4. Jahre ab habe man den fehlerhaften Gang des Thieres bemerkt. Er hat es damals vertauscht. Sein Werth war damals 300 Mk. Später kam das Pferd abermals in seinen Besitz, wa.r aber sehr abgemagert. Er verhandelte dann das Pferd an Sommer gegen einen Braunen, er mußte noch 20 Mk. zulegen. Zeuge behauptet, er sei bei dieser Gelegenheit von Sommer gründlich hineingelegt. Die nächstvernommenen Zeugen sagen nichts bemerkenswerthes aus. Zeuge Schmied Klein-Jlbshausen hat das Pferd beschlagen. Es hatte einen flachen Huf und lahmte. Es werden noch mehrere Zeugen vernommen, deren Aussagen mehr oder weniger für Sommer belastend sind. Zeuge Amtsrichter Beykc von Herbstein erklärt, den Angeklagten vor der Eidesleistung besonders ermähnt zu haben. Es war zu den Akten ein Schreiben und ein Gutachten des Thierarztes Nuß eingegangen. Der Amtsrichter machte Sommer darauf aufmerksam, daß, wenn er den Eid leiste, er wahrscheinlich ein Verfahren wegen Meineids gegen ihn einleiten werde. Sommer blieb aber dabei, er wolle den Eid leisten. Amtsrichter Bcyke bekundete, daß der