WüchtemerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
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Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat dem österreichischen Botschafter einen cinstündigen Besuch gemacht. Wie vor Kurzem die Arbeiten auf dem AuSstellungsterrain, so besichtigte der Kaiser auch die Arbeiten am Dombau. Dabei fielen ihm die riesigen Sandsteinblöcke auf. Er erkundigte sich über die Bezugsorte der Steine und schien sehr erfreut darüber, daß gerade die schlesischen Steinbrüche das vorzügliche Material geliefert hätten.
— Der Bundesrath hat beschlossen, der Resolution des Reichstags auf Ermäßigung der Patentgebühren keine Folge zu geben.
— Der preußische Justiz- und Finanzminister beabsichtigen bekanntlich, neue Erhebungen über die hypothekarische Verschuldung des ländlichen Grundbesitzes. Die Erhebungen sollen jedoch nicht allgemeiner Natur sein, es handelt sich vielmehr nur um „Stichproben". Ausersehen dazu sind 53 Amlsgerichtsbezirke, darunter aus dem Regierungsbezirk Cassel die Amtsgerichtsbezirke Fritzlar und Hünfeld. Es werden sechs Klassen von Besitzungen aufgestellt.
— Drei „Bankdircktoren" sind neulich in Charlottenburg festgenommen worden. Im Dezember vorigen Jahres gründeten die Herren Pollaczek, Danziger und Zierbarth die Charlottenburger Kredit- und Spar- bank, Genossenschaftsbank mit beschränkter Haftung, am Stuttgarter Platz Nr. 12. Nach der Gründung machten die Geschäftsinhaber und Direktoren in den Zeitungen bekannt, daß sie Geld zu verleihen hätten. Kam nun Jemand, der Geld brauchte, so erhielt er den Bescheid, er müsse zunächst Mitglied der Genossenschaft werden, erst dann gebe es Geld. Als Eintrittsgeld mußten 20 und als Guthaben 10 Mark sofort eingezahlt werden. Als Gegenleistung wurde in Aussicht gestellt, daß jedes Mitglied je nach seinen Verhältnissen bis zu 300 Mark Darlehen erhalten könne. Soweit sich bis jetzt überschen läßt, gewann die Bank bisher 181 Mitglieder, die zusammen 5430 M. eiuzahlten. Mit der Gegenleistung aber blieb es beim Versprechen. Ein Darlehn bekamen nur zwei Mitglieder. Die Folge davon war, daß bei der Charlottenburger Kriminalpolizei mehrere Anzeigen wegen Betruges rc. gegen die Bankdirektoren einliefen. Pollaczek wurde vorgeladen und seine Vernehmung förderte soviel Belastungsmaterial zu Tage, daß auch die beiden anderen Direktoren verhaftet wurden.
— Die Zahl der Rechtsanwälte in Deutschland beträgt 5918 gegen 5743 im September 1894, 4599 im September 1885 und 4143 im März 1880.
— Die Statistische Correspondenz veröffentlicht jetzt die vorläufigen Ergebnisse der Volkszählung vom 2. Dezember 1895. Danach hatte Preußen eine Gc- sammtbevölkcrung von 31 847 899 Personen. Die Bevölkerungszahl ist seit der letztvorhergegangenen Volks- zählung um 1890532 Personen gestiegen, d. h. um etwa 6'/» Prozent, durchschnittlich also jährlich um l1/* Prozent.
Eine Eheschließung, wie sie nicht alle Tage vorkommt, wird demnächst in der Johannvorstadt in Dresden statt- finden. Eine dort wohnende 72 Jahre alte Arbeiters- wittwe, die indessen noch ganz rüstig sein soll, wohnte unter einem Dache mit einem 25 Jahre alten Handwerksgesellen. Die beiden lernten sich näher kennen, verliebten sich in einander und verlobten sich in aller Form. Das Aufgebot hat bereits stattgefunden, und die Hochzeit wird bald folgen.
Ein Rentier zu Magdeburg hatte über sein Vermögen (60000 M.) in der Weise bestimmt, daß, falls seine Frau einem Knaben das Leben schenke, diesem 40 000 M. und der Mutter 20 000 zufallen sollten. Käme aber ein Mädchen zur Welt, so sollte dasselbe 20 000 und die Mutter 40 000 M. erhalten. Bald darauf starb der Testator. Als nun die Frau dieser Tage niederkam, waren Zwillinge das Ergebniß, ein Junge und ein Mädchen. Nun entsteht die Frage, wie jetzt das Erbe zu vertheilen sei.
Die Erderschütterungen in Eisleben, die seit längerer Zeit durch den dortigen Bergbau veranlaßt wurden, bilden fortgesetzt eine schwere Sorge der Einwohnerschaft. Mehrfach ist es in letzter Zeit vorgekommen, daß des Nachts heftige Erdstöße eintraten. Viele Häuser zeigen so breite Risse, daß man in's Innere blicken kann.
Kattowitz. Das Unglück auf der Kleophasgrube bei Kattowitz ist noch größer, als anfänglich angenommen worden war, Nach der offiziellen Liste wurden bis
Donnerstag Mittag 109 Todte heraufbefördert; noch 3 Todte befinden sich der allgemeinen Annahme zufolge in der Grube. 23 Pferde sind erstickt. Der Brand dauert immer noch fort. Von den Rettungsmannschaften die mit Einsetzung des eigenen Lebens immer von neuem in die Tiefe drangen, wurde eine Anzahl ohnmächtig und durch die Rauchgase in hohem Grade angegriffen zn Tage gebracht, doch haben sich dieselben an der frischen Luft bis auf vier wieder erholt. Die Leiter und Belegschaften benachbarter Gruben sind zur Hilfeleistung gekommen.
Stettin, 28. Febr. Vor einiger Zeit ist bei einem hiesigen Gericht ein eklatanter Gerichtsirrthum vorgekommen, worüber Folgendes berichtet wird: Eine Frau vom Lande aus unserer Nachbarschaft war in einer Strafsache als Zeugin vernommen und in den Verdacht gerathen, daß ihre Aussage falsch sei. Sie war dann verhaftet worden, und es wurde gegen sie die Untersuchung wegen Meineid cingclcitct. Ihre bei dem Verhör gemachte Angabe, daß sie keinen Falscheid geleistet haben könne, weil sie garnicht beeidigt worden sei, wurde nicht beachtet, wenigstens wurde derselben nicht Folge gegeben. So blieb sie in der Untersuchungshaft mehrere Wochen, in welcher Zeit sie immer wiederholte, sie habe ja gar nicht geschworen, also habe sie auch nicht falsch geschworen. Als sie in ihrer Verzweiflung bei der letzten Vernehmung diesen Punkt nochmals in der eindringlichsten Weise vorbrachte, wurden endlich die Protokolle nach- gelesen, in welchen auch ihre Aussage sich vorfand. Darunter stand von der Hand des Gerichtsschreibers in kleiner Schrift vermerkt: „Unbeeidigt vernommen." Das Verfahren wurde sofort eingestellt und die Frau aus der Haft entlassen. Sie wollte aber nun ihre Entschädigungsansprüche gegen das Gericht geltend machen. Der oder die betheiligten Richter erboten sich dann, auf gütlichem Wege die unschuldig eingesperrte Frau zu entschädigen. Nach dem getroffenen Abkommen soll dieselbe einige hundert Mark Entschädigung erhalten haben.
Gotha, 6. März. Durch Strasbefehl wurde der Landwirlh Hermann Frische dahier zu 150 Mark Geldbuße verurtheilt, weil er den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche unter seinem Viehstand 12 Tage zu spät angezeigt hatte. Eine Anzahl Kinder war erkrankt in Folge des Genusses der Milch von kranken Kühen. Dieser Fall mag den Landwirthen zur Warnung dienen.
In Düsseldorf wurde, wie die Zeitungen melden, der Homöopath Dr. Volbeding wegen grober Unregelmäßigkeiten in seiner ärztlichen Praxis verhaftet. — Der am Sonntag wegen Fluchtverdachts verhaftete homöopathische Arzt Dr. Volbeding in Düsseldorf ist schon seit längerer Zeit in Untersuchung. Anlaß hierzu hat seine Geschäftspraxis gegeben. Volbeding veröffentlichte regelmäßig in einer großen Reihe von Zeitungen Atteste von angeblichen wunderbaren Heilungen, die er bei Kranken erzielt habe, und fand dadurch einen außerordentlich großen Zuspruch aus allen Himmelsgegenden. Täglich liefen mehrere hundert Briefe von Kranken ein, die ihr Leid schilderten und um Rath fragten. Volbeding selbst kümmerte sich um die Briefe wenig oder gar nicht. Sein „Bureauches" Könnecke, ein junger Mann, der einige Klassen des Gymnasiums besucht hat, öffnete die ge- sammte Korrespondenz und vertheilte sie an das aus sieben oder acht Leuten bestehende Burcaupersonal. Ein früherer Rechtsanwaltsgehülfe machte die „Diagnose", indem er auf den Briefen etwa den Vermerk anbrachte: „III. 6, N." das heißt: Pulver drei, 6 Mark Nachnahme." Der Brief mit diesem Recept ging dann in die „Apotheke" — Volbeding hatte das Recht, selbst zu dispenstren — und abends kamen die hundert Packete zur Post. Erst in der letzten Zeit, als sich die Polizei um diese „Praxis" zu kümmern begann, hatte sich Volbeding einen Apotheker angcstellt; alle die Jahre vorher besorgten die aller mc- dicinischen und pharmaceutischen Kenntnisse baren jungen Leute auch die Geschäfte des Apothekers. Andere bedenkliche Praktiken des Herrn Doktors hat die Untersuchung ebenfalls klargcstellt, so daß die Verhandlung über die auf Betrug lautende Anklage gegen Volbeding in nächster Zeit zu erwarten steht. Auf welche Art er das Vertrauen der Tausende, die ihre letzte Hoffnung auf den Wunderdoktor setzten, mißbrauchte, mag aus der Thatsache erhellen, daß er mit seiner Begleiterin im letzten Sommer mehrere Monate Skandinavien bereiste, ohne daß der Betrieb in Düsseldorf die geringste Stockung erlitt. Dir Geschäfte'
wurden vom Bureau glatt erledigt, ohne daß der Herr Doktor einen Brief zu Gesicht besam und ohne daß er einen ärztlichen Stellvertreter in Düsseldorf zurückgelassen hätte. Da die geringste Nachnahme für ein Packet 6 Mark betrug, er aber von Wohlhabenden auch ganz horrende Preise nahm, so ist die durch die Untersuchung zu Tage geförderte Thatsache, daß Volbeding eine regelmäßige tägliche Einnahme von über tausend Mark hatte, nicht weiter verwunderlich. Von der Macht des Geldes war er so überzeugt daß er glaubte, dadurch auch die Presse und die Behörde zum Schweigen zu bringen. Die nach dieser Richtung von ihm unternommenen Versuche sind natürlich nicht zu seinen Gunsten ausgeschlagen. Die Polizei hat ein bedeutendes Belastungsmaterial gegen Volbeding zusammengebracht, und die Lokalpresse hat schon seit Wochen seine Geschäftspraxis nach allen Richtungen hin beleuchtet.
Würzburg, 7. März. Die Herbstmanöver des 2. Armeekorps, an denen der Kaiser theilnchmen gedenkt, finden zwischen Ebersbach, Wiesenstheid, Weißendorf, Ältbcssingen und Randersacker vom 19. bis 25. September statt.
Metz, 4. März. Der Veteran des 8. rheinischen JägerbataillonS Schneidermeister Berthel, ist plötzlich irrsinnig geworden und bei näherer ärztlicher Untersuchung hat man gefunden, daß von einer Verwundung in der Schlacht bet Gravelotte her ein Knochensplitter in der harten Hirnhaut eingeklemmt war, der nun, wohl durch eine Erschütterung gelöst, auf das Gehirn einen Druck ausübte, der den Irrsinn — Verfolgungswahn und Tobsucht -- zur Folge hatte. Man hofft, den Unglücklichen durch eine Operation zu heilen.
Ausland.
Italien. Nach den neuesten Meldungen aus Afrika beträgt der Verlust der Italiener in der Schlacht von Abbacarima 10,000 Mann, also die Hälfte des ganzen Expeditonskorps. Von diesen Mannschaften blieben 4000 todt auf dem Schlachtfelde, die übrigen fielen den Schoanern in die Hände. Das Heer Baratieris ist gänzlich aufgerieben; was Italien seit 1889 in Erythrea an Erfolgen zu verzeichnen hatte, ist zum größten Theil verloren. Die Italiener haben Adrigat geräumt und damit die letzte befestigte Position im Innern des Landes preisgegeben.
Rom, 6. März. Der radikale Mailänder „Secolo" veröffentlicht merkwürdige Einzelheiten über Vorgänge in zwei Mailänder Kasernen. Die Soldaten sollen dort in Masse dagegen protestirt haben, daß man sie benutze, um Volkskundgebungen gegen die Afrikapolitik Crispis zu unterdrücken. In der Artilleriekaserne seien Pereats auf Crispi und aus den Afrikakrieg ausgebracht worden, den Offizieren sei es indessen gelungen, durch freundliche Worte die Ruhe wieder herzustellen. Das ganze 39. Fußregiment, sowie ein Bataillon des 40., welche in Masse protestirten, hätten Kasernenarrest erhalten.
Konstantinopel, 4. März. Aus Bagdad werden Ueber- chwemmungen gemeldet. Ungefähr 600 Araber und 30000 Stück Vieh sind umgekommen.
England. Im englischen Unterhause hat der Staatsekretär des Marineamts, Goschen, den umfangreichen Flottenplan der englischen Regierung entwickelt. Außer den jetzt im Bau befindlichen Schiffen müßten folgende Schiffe neu gebaut werden: 5 Schlachtschiffe, 4 Kreuzer erster Klasse, 3 Kreuzer zweiter Klasse, 3 Kreuzer dritter Klasse und 28 Torpedoboot-Zerstörer. Es ergiebt sich für England von 1889 bis 1899 eine GesammtauSgabe von 55 Millionen Pfund Sterling, das sind 1100 Millionen Mark, für Neubauten und Ausrüstung von Schiffen.
In Afrika hat es zwischen Engländern und Arabern owohl in der Gegend von Schire, wie am oberen Nyassa harte Kämpfe gesetzt. Einer der Sklavenhändler, Zarasi, der sich aus dem Berge Manchoge breit gemacht, ist vertrieben, der berüchtigteHäuptlingUlozi gefangen genommen und hingerichtet worden. Bei den Kämpfen verloren die Araber über 200 Mann; an 570 Sklaven wurden bereit. Es liegt auf der Hand, daß die Engländer mit der Zeit am Nyassa die sklavenhandelnden Häuptlinge und Araber vernichten werden. Da im Norden des Nyassa der deutsche Einfluß sich ebenfalls immer mehr ausbreitet, darf man wohl hoffen, daß dem Sklavenhandel hier bald ein Ende gemacht sein wird.