Einzelbild herunterladen
 

SchlWernerMtimg

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Samstag, den 29. Februar

1896.

Deutsches Reich.

Berlin. Am Donnerstag, dem Hochzeitstage des Kaiser- paares, nahm dasselbe Vormittags die Glückwünsche der nächsten Umgebungen entgegen und begab sich zur Früh­stückstafel bei der Kaiserin Friedrich. Im königlichen Schlosse fand eine größere Abendgesellschaft statt, zu welcher an die früheren und jetzigen Umgebungen der Majestäten mit Damen Einladungen ergangen waren.

Der ehemalige Botschafter in ©t. Petersburg, General v. Werder, der sich auf Einladung des Kaisers Nikolaus dieser Tage nach St. Petersburg begeben und auch eine Einladung zur Krönung in Moskau erhalten hat, wurde, wie ein Berichterstatter meldet, vor seiner Abreise von Berlin vom Kaiser Wilhelm zur Tafel ge­zogen und mit der Ueberbringung eines eigenhändigen Schreibens des Kaisers an den Zaren betraut.

Fürst Bismarck hat beim neulichen Empfang der Hallenser einige interessante Aeußerungen gethan. Als der Fürst auf den letzten Krieg zu sprechen kam, machte er über den angeblichen Pendulendiebstahl der deutschen Soldaten folgende Bemerkungen:Was wollen Sie, meine Herren, Krieg ist Krieg. Wenn der Soldat friert, muß er sich eben wärmen, und wenn er schließlich kein Holz mehr findet und zu Mahagoni- nippeS greift, so schadet das auch nichts. Man kann doch nicht von dem preußischen Grenadier verlangen, daß er bei lebendigem Leibe erfriert und mit dem letzten Athemzuge sterbend noch den Franzosen sagt:Hier sind Ihre unversehrten Mahagonimöbel!" Und was die Uhren anlangt, nun ja, in manchen Quartieren waren eben keine und in anderen wieder drei oder Pier. In reiner Bethätigung der militärischen Pünkt­lichkeit, die immer zur Zeit da sein muß, ist es vielleicht geschehen, daß eine Uhr in ein anderes Quartier ge­tragen wurde. Aber mitgenommen? Ich denke, der preußische Infanterist ist schon genug bepackt, als daß er noch in seinemAffen" eine viele Pfund wiegende Bronzeuhr, die doch höchstens den Werth von 100 M. hat, mit sich herumschleppen würde.

DieSteuer- und Wirthschaftsreformer" haben Resolutionen angenommen zu Gunsten einer internatio­nalen Doppelwährung, der Monopolisirung der Getreide­einfuhr und der Beseitigung des Getrcidcterminhandcls. Außerdem wurde ein Antrag Kardorff angenommen, nach dem eine zu veröffentlichende Aufforderung an den Reichskanzler gerichtet werden soll, die Verhandlungen über die Währungskonferenz wieder aufzunehmen.

* DerReichsanzeigcr" veröffentlicht die Be­dingungen, die bei der Vergebung der Arbeiten und Lieferungen im Bereich btr allgemeinen Bauverwaltung, der Staatseisenbahnen und der Bergverwaltung zur Anwendung kommen.

* Der in Bordeaux verhaftete Dr. Fritz Fried- mann verräth seine bodenlos niedrige Gesinnung dadurch, daß er sich jetzt ernsthaft bemüht, sich als politischen Verbrecher aufzuspielen. Achtundzwanzig Dachstuhl­brände sind im Monat Februar in Moabit vorgekommen, die fast durchweg auf Brandstiftung zurückznführcn sind. Der nachweislich durch die Brandstiftungen hervorge- rufene Schaden beträgt weit über 100,000 Mark. Der höchste Schaden beträgt etwa 2200, der geringste 500 Mark.

Bremen. Der Norddeutsche Lloyd in Bremen hat seinen bereits bestehenden 22 Schiffahrtslinien eine neue hinzufügt, welche besonders von den Deutschen in Süd­amerika dankbar begrüßt worden ist. Die neue Linie vermittelt den Zweigverkehr im Anschluß an die von Bremen nach Brasilien, nämlich nach Pernambuco, Bahia, Rio de Janeiro und Santos betriebene Haupt- linie unddient vornehmlich dem Verkehr mit den deutschen Kolonien Brasiliens. Die Linie läuft Paranaguo, San Franzisko, Desterro und Rio Grande do Sul an.

Aus Odcrschlcsic». Einen wie bedeutenden Umfang daS Treiben der Räuber- und Diebesbanden an der russisch-polnischen Grenze angenommen hat, mag daraus ersichtlich sein, daß bisher von den russischen Sicher- Heitsbeamten gegen 300 Personen verhaftet worden sind, welche der Teilnahme an den Verbrechen der Beraubung oder der Hehlerei verdächtig sind. Unter den Verhafteten befinden sich auch Gemeindevorsteher und Gemeinde- schreiber, denen es die Verbrecher verdanken, daß sie sich dem Auge der Gerechtigkeit so lange haben entziehen können. ,

Auskarrd.

Belgien. Die sozialdemokratische Agitation im belgischen Heere scheint in der letzten Zeit einen sehr bedenklichen Grad erreicht zu haben, da sich der Kriegs­minister General Brassine veranlaßt gesehen hat, in einem besonderen Rundschreiben an sämmtliche Regiments­kommandanten deren Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Die sozialdemokratische Parteileitung macht aus ihren Bestrebungen, das Heer durch alle möglichen Mittel in ihr Lager hinüberzuziehen, nicht das geringste Hehl, und der Generalrath der belgischen Arbeiterpartei hat aus Anlaß der gegenwärtigen Rekrutirungszeit einen voll­ständigen Plan zur Betreibung der sozialdemokratischen Propaganda in den Kasernen entworfen. Mit rühmens- werlher Offenheit erklären alle Redner, daß die Er­reichung des sozialdemokratischen Zukunftsstaates ohne die Mithilfe des Heeres nicht möglich sei, weshalb man das Heer vorerst für die Ziele der Partei gewinnen müsse. Thatsächlich sind die sozialdemokratischen Agita­tionen in den Kasernen nicht ohne Erfolg geblieben, und es scheint erwiesen, daß der Generalrath der Arbeiter­partei sowohl unter den Soldaten wie im Corps der Unteroffiziere sehr rührige Agenten besitzt. Es wäre auch sehr verwunderlich, wenn das belgische Heer in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht einen vortrefflichen Boden für sozialdemokratische Agitationen abgäbe, da es be­kanntlich in Folge des Stellvertretungssystems zum größten Theile aus Söldnern und Proletarier besteht.

Rom, 25. Febr. In Afrika wird die Sache für Italien sehr bedenklich. Die Abessinier scheinen Baraticre so ziemlich in der Falle zu haben, er dürfte nicht mehr zurück können, wenn ihn nicht ein besonders glücklich geführter Streich vor dem Verderben rettet. Eiligst werden vier Bataillone Alpenjäger unter General Heusch mobilisirt, aber ob sie früh genug kommen werden, be­zweifelt man. Es scheint, als ob Menelik keines Schusses Pulver bedarf, um die Armee zur Ergebung zu bringen, her Hunger dürfte, wenn nicht ein besonderes Glück eintritt, schon allein dazu zwingen. Das Elend der italienischen Truppen soll aller Beschreibung spotten. Mit den neuen Truppen werden 51000 Mann in Erythrea italienischerseits stehen, davon ist allein ein Drittel krank von Entbehrungen.

Aus Newyork wird gemeldet, daß die dortige Polizei eine Verschwörung entdeckt habe, welche bezweckte, das Ge­bäude des Unterschatzamtes, in dem 73 Millionen Dollars Gold lagern, in die Luft zu sprengen. Die allgemeine Verwirrung sollte zur Beseitigung des Goldes benutzt werden. Mehrere Beschwörer sollen verhaftet sein.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 28. Febr.

* Der praktische Thierarzt Jakob Schultz in Jdstein wurde mit der kommissarischen Verwaltung der Kreisthierarztstelle des Kreises Schlüchtern unter An­weisung seines Amtswohnsitzes in Schlüchtern beauftragt.

Ist derMilchausschankinMolkereien einSchaukgeschäit das als solches conzessionirt und besteuert werden muß? Das Berliner Landgericht I entschied kürzlich in einem zur Verhandlung stehenden Falle dahin, daß dieser Aus­schau! kein Schankgeschäft sei, weil die Milch nicht als Genußmittel", sondern als Heil- und Kräftigungsmittel an Kranke, Rekonvalescenten und Kinder verkauft werde.

In Soden bei Salmünster fand am vorigen Sonn­tage unter Leitung des Herrn Pfarrers Schulz eine Versammlung behufs Einführung des katholischen Volks- vereius statt, zu welcher sich nicht nur die Bewohner Sodens zahlreich Ungesunden hatten, sondern noch Manche aus der Pfarrei Romsthal. Auch nahmen einige geist­liche Herren aus der Nachbarschaft theil. Als Redner traten auf Herr Rechtsanwalt Dr. von Brentano aus Offenbach und Herr Kaplan Weber aus Hanau. Ersterer verbreitete sich in packender Weise zunächst über Zweck und Ziel des katholischen Volksvereins, streifte die soziale Frage überhaupt, speziell auch die Verdienste des Centrums um dieselbe. Des Weiteren besprach der Redner die Lehren der Sozialdemokratie, deren Unsinnig« feit er im Einzelnen nachwies. Schließlich lud er die Versammelten zum Beitritt in den katholischen Volks­verein ein. Die Folge war, daß am Schlüsse der Ver­sammlung 100 Männer von Soden-Stolzenberg und 22 aus der Pfarrei Romsthal ihren Beitritt erklärten. Zweiter Redner war Herr Kaplan Weber von Hanau. Derselbe sprach über die Presse. Der Redner mahnte

zur Unterstützung der katholischen Presse durch das Halten echt katholischer Blätter, und erinnerte noch daran, wie jetzt gerade die katholische Presse gewissermaßen ihr silbernes Jubiläum feiere, indem erst seit den letzten 25 Jahren dieselbe gegen früher einen mächtigen Auf­schwung genommen habe. Bemerkt fei hier, daß in Soden dasEichsfelder Volksblatt" in 67 Exemplaren und derBonifatiusbote" in 50 Exemplaren gehalten wird, abgesehen von den katholischen Tagesblättern. Nachdem Herr Pfarrer Schulz ein Hoch auf die beiden höchsten Gewalten in Kirche und Staat ausgebracht und den beiden Herren Redner gedankt hatte, endete die Ver­sammlung, deren Resultat ein durchaus befriedigendes war. (F. Ztg)

Fulda, 26. Febr. Der von dem landwirthschaft- lichen Centralverein für die Kreise Fulda, Gersfeld, Hünfeld und Schlüchtern mit dem Sitz in Fulda er­richteten Lehrschmiede ist die Berechtigung zur Vornahme von Hufschmiedcprüfungen und Ausstellung von Prüfungs­zeugnissen zuerkannt worden.

Fulda, 24. Februar. Am gestrigenHutzel-Sonntag" wie er im Volksmunde bezeichnet wird, waren bei Ein­tritt der Dunkelheit das Fuldathal und die umliegenden Bergeshöhen nach einer alten Sitte von Freudenfeuern erhellt. Läßt es sich doch die fröhliche Jugend nicht nehmen, an diesem Tage die sog.Bläsen" und Feuer- räder anzuzünden. Von einem erhöhten Punkte, z. B. vom Frauenberge aus, konnte ein Ortskundiger bis tief in die Rhön hinein so ziemlich genau die einzelnen Ortschaften unterscheiden, wo überall diese Sitte noch besteht.

Rotcuburg a. F, 24. Februar. Gestern starb die älteste Person in unserer Stadt, Frau Minna Facken- heim. Am 18. Mai d. J. würde sie 100 Jahre alt geworden sein. Sie war bis vor etwa 14 Tagen noch gesund und munter und bis auf das Augenlicht, welches sie in best letzten Jahren nach und nach verloren hatte, im Vollbesitze ihrer Sinne. Sie hatte einen heiteren und gottergebenen Sinn, ein wunderbares Gedächtniß, und mit kräftiger Stimme und einer seltenen Lebhaftig­keit erzählte sie aus alten Zeiten. Sie hinterläßt 3 Kinder, 12 Enkel und 24 Urenkel.

Heiligenrode, 22. Februar. Der hiesige Veteran H. Mergardt, welcher als Ganz-Invalide eine monat­liche Pension von 72 Mark bezog, reichte vor einigen Monaten ein Gesuch um Erhöhung seiner Pension ein, welches anscheinend ohne Erfolg war. Vor wenigen Wochen richtete nun Mergardt ein von Herrn Lehrer Henkel hier verfaßtes Bittgesuch an die zuständige Be­hörde, welches für den Veteran eine große freudige Ueberraschung zur Folge hatte. Herr Bürgermeister Umbach erhielt nämlich gestern vom Königlichen Bezirks­kommando in Cassel ein Schreiben, nach welchem Mcr- gardt 12 Mark monatliche Pensionszulagc gewährt und 2367 Mark nachbezahlt werden. Der so Ueberraschte konnte vor Rührung kaum sprechen.

In Großalmcrode wurde die Thonwaarenfabrik von Gundlach durch Feuer zerstört. Ueber 400 Arbeiter sind beschäftigungslos geworden. Durch das Feuer wurde die Fabrik für feuerfeste Produkte und die Tiegel­fabrik nebst Kessel- und Maschinenanlage zerstört. Der gesamte Schaden belauft sich auf annähernd 300 000 Mark. Alle verbrannten und beschädigten Objekte sind genügend versichert. Der Grubenbetrieb ist vom Brande unberührt geblieben, so daß der Versand von rohem Thon seinen ungestörten Fortgang nehmen kann, des­gleichen kann gebrannter Thon weiter geliefert werden, da die Brennöfen unversehrt geblieben sind.

Cassel. Bei einer Felddienstübung in der Gegend von Wolfsanger verunglückte ein Gefreiter der 3. fah- renden Batterie des hier garnisonirenden Artilleriercgi- ments Nr. 11, indem er während des Auffahrens im Galopp zwischen Achsensitz und Geschützrad gerieth. Er wurde zweimal von dem Rad herumgeschleudert, wobei das linke Bein vollständig zermalmt wurde.

Kassel, 24. Febr. Der Zimmermann Math aus Rhörda, Kreis Eschwege, wurde im September vorigen Jahres unter dem dringenden Verdachte der vorsätzlichen Brandstiftung seines Wohnhauses u. s. w. verhaftet nnd in Untersuchungshaft genommen. Da er einen Flucht­versuch aus dem dortigen Gerichtsfäugnisse machte, so wurde er zur besseren Sicherheit in's Landgerichtsge­fängniß zu Kassel überführt. H^r gelang es ihm nun in einer Sonntagsnacht im trüben November mit Hülfe