WüchternerMung
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Samstag, den 15. Februar
1896.
Zum Bimetallismus.
Die Erklärung des Reichskanzlers Fürsten zu Hohen- lohe in der Reichstagssitzung vom Dienstag hat folgenden Wortlaut:
„Meine Herren, ich will für jetzt nur eine Thatsache hervorheben. Aus den Ausführungen des Herrn Vorredners, wie aus den Aeußerungen des Herrn Abgeordneten v. Kardorff in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 7. Februar und aus den in die Presse gelangten Mittheilungen ergibt sich, daß man es unternommen hat, im Auslande über den von der Reichsregierung mit der englischen Regierung auf diplomatischem Wege gepflogenen Meinungsaustausch private Ermittelungen anzustellen. Dieser Vorgang veranlaßt mich, in Bezug auf den Inhalt nnd die Ergebnisse jenes Meinungsaustausches eine kurze nachträgliche Bemerkung zu machen. Die Englische Regierung hat die Betheiligung an einer Münzkonferenz nicht grundsätzlich abgelehnt, sie hat aber unzweifelhaft erkennen lassen, daß die Oeffnung der indischen Münzstätten vor ihr nicht in Aussicht genommen sei, und daß sie auch für die Zukunft in dieser Beziehung nach keiner Seite hin eine Verpflichtung übernehmen könne. Bei dieser Sachlage war meines Erachtens von einer die Hebung und Befestigung des Silberwerthes bezweckenden Münzkonferenz ein praktischer Erfolg nicht zu erwarten, und deshalb habe ich geglaubt, die hierauf gerichteten Verhandlungen auch nicht weiter fortsetzen zu sollen.
Uebrigens bemerke ich noch dabei, daß, wie die ein- gegangenen Berichte beweisen, der Botschafter Graf Hatzfeldt mit der Sorgfalt, die diesen hervorragenden Staatsmann auszeichnet, meine Instruktionen ihrem Wortlaute und Geiste entsprechend zur Ausführung gebracht hat. Ich muß deshalb den gegen den Grafen Hatzfeldt in der Presfe erhobenen Vorwurf mit aller Entschiedenheit als einen durchaus grundlosen zurückweilen."
Für diejenigen unter unsern Lesern, die nicht recht Bescheid in dieser die Gemüther zur Zeit erregenden Frage wissen, geben wir nachstehend einige Aufklärungen:
Der Silberpreis, der 1873 auf 180 Mark per Kilo stand, ist seitdem um 50—60 pCt. gefallen. Die Bimetallisten verlangen nun die Anerkennung des derart entwertheten Silbers als vollgiltigen Zahlungsmittels; den Schuldnern soll erlaubt werden, ihre Gläubiger mit der Hälfte des Betrags abzufinden, auf den sie in Wahrheit Anspruch haben. Die meisten Landwirthe stellen sich die Sache so dar, als besamen sie unter der Herrschaft des Doppelwährungsbundes sür ihr Getreide eine größerere Summe Silbergeld und könnten nun mit diesem größeren, allerdings entwertheten Quantum ihre Hypothekenschulden verzinsen und amortisieren. Es ist erklärlich, daß diese Aussicht sür Manche viel Anziehungskraft besitzt. Entspricht dies aber wirklich ihren berechtigten und wohlverstandenen Interessen? Sie hätten doch während der Uebergangszeit, die der Einführung des internationalen Bimetallismus nothwendig vorhergehen müßte, angesichts der Gefahr für die Hauptsumme, sowie wegen der unausbleiblichen Beunruhigung des Geldmarktes eine massenhafte Hypothekenkündigung und eine Bodenkreditkrise, also eine empfindliche Verschlimmerung ihrer Lage zu gewärtigen. Nun gibt es aber auch unter den Landwirthen viele, die entweder selber Hypotheken besitzen oder z. B. als Inhaber von Sparkassen-Guthaben ein Interesse daran haben, daß das in Hypotheken angelegte Kapital nicht geschädigt wird. Auch werden dieselben nicht ihre eigenen Brüder und Schwestern schädigen wollen, deren Erbtheile und Abfindungen einen großen Theil der auf ihren Gütern lastenden Hypotheken ausmachen.
Die Annahme, daß die Einführung der Silberwährung auch den Kornpreis erhöhen würde, ist irrig, da das Angebot durch den Weltverkehr geregelt wird. Kein Land kann bei den heutigen Verkehrsmitteln den Preis allein nach Belieben erhöhen. Die Speculation sorgt schon dafür, daß die Waare dahin gesandt wird, wo sie am besten bezahlt wird — und dann gibts mehr Angebot als Nachfrage und damit Preissturz.
Manche nun erwarten die Preiserhöhung unmittelbar von der Vermehrung der Umlaufsmittel. Aber ein solcher direkter Zusammenhang zwischen dem Geld- Quantum und dem Preis besteht nicht. Setzen wir den Fall, daß es je einmal gelänge, die Hebung des (nominellen) Jnlandpreises durchzuführen, so müßte zugleich auch eine entsprechende Erhöhung der Produktions
kosten, der Löhne, Zinse, Steuern, anderseits ein verstärkter Anreiz auf die ausländische Konkurrenz eintreten. Das Fazit der künstlichen Senkung des Geldwerths bestünde lediglich darin, daß die Grundrente noch mehr gedrückt, die Taglöhnerfrage noch mehr erschwert und der landwirthschaftliche Kredit geschwächt, die landwirth- schaftliche Krise also, anstatt gemildert, noch mehr verschärft würde.
Man steht, die Vortheile der Doppelwährung sind recht fragwürdig. Die Nachtheile aber find sehr einschneidend. Auch die sociale Seite ist zu beachten. Für alle auf feste Bezüge, insbesondere auf Lohn, Gehalt oder Pension Angewiesenen, besonders für die Beamten und Arbeiter bietet die Goldwährung die Garantie für die volle Geltung und Kaufkraft ihres Einkommens. Wie groß würde nun der soziale Schaden sein, wenn die Beamten und Militärs an ihrem Gehalte, die gesammte arbeitende Klasse am Lohn, sowie die Wittwen und Waisen an ihren Pensionen und Zinsen geschmälert, und dadurch, wie durch die Entwerthung ihrer kleinen Kapitalien und das Hinaufschnellen der Preise in ihrer Lebenshaltung herabgedrückt würden.
Die Reichsregierung hat dies Alles reiflich überlegt und kann sich deshalb in Rücksicht auf das große Risiko nicht entschließen, dem Verlangen der Bime- tallistcn nachzukommen. Noch überall, bei uns in Deutschland, in Frankreich, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sind in den letzten Jahren die Versuche, größere Mengen vollgiltiger Silbcrmünzen in den Verkehr zu bringen, gescheitert. Ein lehrreiches Beispiel dafür geben uns die Vereinigten Staaten, die seit 1878 das ausführten, was die Bimetallisten wünschen. Dort wurden bon 1878 -1894 für 1700 Millionen Mark Silbermünzen ausgeprägt; hiervon aber konnten nur 225 Millionen Mark im Verkehr erhalten werden, der Rest ruht im Staatsschätze, ein todtes Kapital, das täglich mehr entwerthet.
Deutsches Reich.
Berlin. Ein Besuch des Kaisers zur Auerhahnjagd auf der Wartburg bei Eisenach wird in der zweiten Hälfte des April erwartet. Dieser Besuch wird umsomehr als bestimmt vorauSgeschen, als der Monarch im April an der Vermählung der Prinzessin Alexandra, dritten Tochter des Herzogs Alfred von Koburg, mit dem Erbprinzen von Hohenlohe-Langenburg theilnehmen wird.
— Die Einberufung einer Münz-Conferenz Seitens des deutschen Reiches war vom Reichstag im Februar des vorigen Jahres beschlossen worden, um Maßregeln zu berathen zur Hebung des Silberwerthes. Wie der Reichskanzler Fürst Hohenlohe jetzt im Reichstage erklärte, hat der Bundcsrath einstimmig beschlossen, dem Reichstags-Beschluß keine Folge zu geben, da nach geschehener Anfrage bei den Staaten, die dabei vor allem in Betracht kommen würden, keine Geneigtheit bestehe, Maßregeln zur Hebung und Befestigung des Silber- werthes zu treffen.
— Die Aufhebung der gemischten Getreide-Transtt- läger verlangte im Reichstage eine Interpellation der Abgeordneten Graf Schwerin und Szmula, da diese Lägcr die ihnen für durchgehendes Getreide gewährten Vortheile sich für das Jnlandsgeschäft zu Nutze machten. Staalssccretär Graf Posadowsky erwiederte, daß die in unreellen Händen befindlichen Transitläger mehrfach aufgehoben worden seien und daß über die bestehenden eine sehr scharfe Controle geübt werde. Die völlige Aufhebung der Privat-Transitläger werde jedoch auch in Landwirthschaftskreisen nicht gewünscht.
— Der Entwurf des Bürgerlichen Gesetzbuches für das deutsche Reich ist nach mehrtägiger Berathung im Reichstage einer Commission von 21 Mitgliedern übergeben worden.
— 91 Kriegsschiffe zählt die deutsche Flotte nach dem Handbuch für das deutsche Reich auf das Jahr 1896 und zwar: 22 Panzerschiffe, wovon 4 erster, 3 zweiter, 7 dritter und 8 vierter Klasse sind, 13 Panzerkanonen- boote, 18 Kreuzer, wovon 3 zweiter, 7 dritter und 8 vierter Klasse sind, 5 Kanonenboote, 10 Avisos, 14 Schulschiffe und 9 Schiffe zu besonderen Zwecken.
— Das Grundkapital der Centralgenossenschaftskasse, welches der Staat hergegeben hat, soll von 5 Millionen Mark auf 20 Millionen Mark erhöht werden. Die entsprechende Gesetzvorlage dürfte dem Abgeordnetenhause noch in dieser Session zugehen.
— Der deutsche Fleischer-Verband hat sich mit einer Petition an den Reichstag gewandt, in der er denselben Schutz, den das Margarinegesetz der Naturbutter gewährt, auch für das reine Schweineschmalz fordert.
— Der Kaiser hat zum Zwecke der Vertheilung des volksthümlichen Werkes „Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands" von Theodor Lindner in den Schulen und an die Armee die Summe von 25,000 Mk. bewilligt.
— Seine Majestät der Kaiser hat vor Kurzem genehmigt, daß für verdiente ältere Beamte einzelner Kategorien des Reichsbankdienstes die Allerhöchste Verleihung des Charakters als „Kaiserlicher Bank-Rath" in Antrag gebracht werde. Einer Anzahl solcher Beamten ist dieser Charakter nunmehr verliehen worden.
— Eine starke Lohnbewegung der ConfektionSarbeiter und Arbeiterinnen macht sich im ganzen Reich bemerkbar. In Hamburg, Breslau und Stettin ist es bereits zum Streik gekommen. In Berlin schweben die Verhandlungen noch.
München, 6. Febr. Das Militärbezirksgericht ver- urtheilte 6 Soldaten, die an einem Stubengenossen daS „Wickeln" praktizirt hatten, zu Gefängnißstrafen von 14 — 30 Tagen. Der Mißhandelte hatte sich geweigert, zur Einweihung einer neu angeschafften Uniform Bier zu bezahlen, wurde deshalb Nachts im Schlafe überfallen, es wurde ihm die Decke über den Kopf gezogen und sein Körper mit den Ausklopfstöcken barbarisch bearbeitet.
Leipzig, 11. Febr. Schuldirektor Eichhorn, dessen Tochter, wie bereits gemeldet, betrügerischer Manipula- honen halber vor einiger Zeit verhaftet worden, ist heute Vormittag als Leiche in der Pleiße aufgefunden worden. Er wurde seit dem 6. Februar vermißt. Die Angelegenheit erregt' hier kolossales Aufsehen.
Aus Sachsen. Sieben Söhne beim Militär hat eine Bäuerin Namens Marie Kofel, welche in dem Dorfe Kauppa bei Sannen lebt. Die Vaterlands- vertheidiger gehören sämmtlich der sächsischen Armee, zum Theil als Unteroffiziere, an. Dies seltene Vor- kommniß veranlaßte die Brüder, jeder in der Uniform seines Regiments, die betagte Mutter in ihrer wendischen Bauerntracht in der Mitte, sich photographieren zu lassen. Die Mutter hat darauf ein Exemplar der gelungenen Gruppenaufnahme dem König Albert von Sachsen gewidmet. Der König nahm das Bild nicht nur an, sondern er erfreute auch die Wittwe durch ein Bild von sich selbst in prachtvollem Rahmen. Es trügt die eigenhändigen Namens-Unterschriften des sächsischen Königspaares.
Breslau. Eine fabelhafte Rente bezieht eine Fran im Kreise Oels. Man schreibt der „Br. M.-Ztg.": Die Schlesische landwirthschaftliche Berufs-Genossenschaft gewährt vielfach Renten, gegen deren Höhe Bedenken gewiß nicht erhoben werden können. So erhält u. a. die Jnwohnersfrau Bischof zu Pontwitz im dortigen Kreise infolge ihrer Verunglückung im landwirthschaft- lichen Betriebe eine Unfallrente von zwei Pfennig täglich."
Kempten, 5. Febr. Von der Jllerbrücke stürzte sich der Sohn des Glasermeisters Kentner herab. Es wurde rasch eine Leiter an dem Geländer der Brücke befestigt, auf welcher zwei Mann Hinabstiegen, um Kentner mittels eines Strickes heraufzuziehen. Die beiden legten nun den Strick Kentner um den Hals; die auf der Brücke Stehenden zogen recht gewandt an, und so gelang eS, den Körper aus dem Wasser und auf die Brücke zu bringen. Wenn der Mann von dem Sturze inS Wasser noch nicht ganz todt gewesen wäre, so konnte man jetzt, nachdem noch die Prozedur des Hängens an ihm vollzogen worden war, von seinem Tode vollständig überzeugt sein. Trotzdem wurden Wiederbelebungsversuche angestellt, welche jedoch, wie vorauszusehen, keinen Erfolg hatten.
Ausland.
Frankreich. Große Unterschlagungen hat der französische General-Inspektor der Posten und Telegraphen begangen und ist dann flüchtig geworden. Bei Uebernahme der Privat-Telephon Gesellschaft durch den Staat soll der General-Inspektor den letzteren um 12 Millionen geschädigt haben.
Bulgarien. Es wird in maßgebenden Kreisen für zweifellos gehalten, daß Fürst Ferdinand nach der Salbung des Prinzen Boris, sobald der Sultan als Souverän Bulgariens den ersten Schritt gethan haben werde, von Rußland anerkannt werden wird. — Nach