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Samstag, den 8. Februar

1896.

Deutsches Reich.

Berlin. Am Donnerstag begab sich der Kaiser zur Beisetzung der Großherzogin Elisabeth nach Oldenburg, von wo die Rückfahrt unmittelbar nach den Feierlich­keiten erfolgt.

Die Kaiserin hat im Jahre 1895 in Anerkennung vierzigjähriger treuer Dienste in einer und derselben Familie das für weibliche Dienstboten gestiftete goldene Kreuz nebst Diplom mit eigenhändiger Unterschrift ver­liehen an: 5 Personen in der Provinz Ostpreußen, 6 in Westpreußen, 8 in Brandenburg (davon 3 in Berlin), 7 in Pommern, 1 in Posen, 21 in Schlesien, 12 in Sachsen, 4 in Schleswig-Holstein, 4 in Hannover, 2 in Westfalen, 8 in Hessen-Nassau (davon 5 in Frankfurt a. M.) und 23 in der Rheinprovinz; ferner an 12 Personen in Elsaß-Lothringen, 2 in Hamburg und 1 Person (welche in Preußen gedient hat) im Königreich Sachsen.

Fürst Bismarck hak, nachdem ihm auch die Friedensklasse des Ordens pour le merite verliehen worden ist, jetzt alle höchsten preußischen Orden mit Ausnahme eines einzigen, und das ist das Groß­kreuz des eisernen Kreuzes, welches in der preußischen Armee nur Kaiser Wilhelm I., Kaiser Friedrich III. und General Feldmarschall Graf Moltke trugen. Außer­dem ist es dem König Atbert von Sachsen verliehen. Letzterer ist der einzige noch lebende Ritter dieses seltenen Ordens.

Hofprediger a. D. Stöcker ist aus der konser­vativen Partei ausgeschieden. Im Reichstage wurde mitgetheilt, daß in der am Sonnabend abgehaltenen Borstandssitzung der konservativen Partei Herr Stöcker die gewünschten Erklärungen über sein Verhältniß zur christlichsozialen ZeitungDas Volk" nicht abgegeben, vielmehr den Austritt aus der konservativen Partei vor- gezogen habe, zu deren Vorstandsmitgliedern er bisher gehörte. Er wird an die Spitze der christlichsozialen Partei treten.

Frhr. v. Hammerstein ist nach derPost" am Dienstag früh 6SM Uhr in Berlin eingetroffen und als­bald in das Untersuchungs-Gefängniß zu Moabit über­geführt worden.

Der zum Nachfolger des aus dem Reichsdienste geschiedenen Unterstaalssekretärs im Reichsamt des Innern von Rottenburg bestimmte Direktor im selben Amte, Rothe, hatte bereits vor zwei Jahren, als er von Kassel berufen wurde, die Zusicherung er­halten, daß er in die nächste freiwerdende Unterstaats- sckretärstelle aufrücken werde. Nur unter dieser Be­dingung nahm der Genannte, der bereits eine ganze Reihe von Jahren Regierungspräsident gewesen war, die Stellung eines Direktors im Reichsamte des Innern an.

Ueber die Stellung der Standesbeamten hat der preußische Minister des Innern eine Cirkularverfügung an die Provinzialbehörden erlassen, wonach dieselben keinen Anspruch darauf haben, auf Lebenszeit angestellt zu werden oder bei eintretender Dienstunfähigkeit Pension zu erhalten.

* Die beiden Monate Februar und März sind diejenigen, welche in diesem Jahre dem Zeitungsleser hervorragend Interessantes bringen werden, mag er nun Gewerbetreibender und Handwerker, Kaufmann, In­dustrieller und Landwirth, oder in der glücklichen Lage sein, von seinen Renten zu leben. Im Reichstage kommt in diesen Monaten ziemlich alles zur Verhand­lung, was zur jetzt eingeleiteten praktischen Gesetzgebung gehört. Da ist für den ganzen Nährstand das Gesetz über den unlauteren Wettbewerb, eine kräftige Waffe für den ganzen Bürgerstand, das nicht bloß Strafbe- stimmungen für Handlungen des unlauteren Wettbewerbes enthält, sondern auch Entschädigungsbestimmungen für einen, durch solchen unlauteren Wettbewerb geschädigten Geschäftsmann. Im Februar gelangt an den Reichstag das wichtige Gesetz über die neuen Handwerker- organisatlonen, das im Handwerkerleben manche Ver­änderungen herbeiführen wird. Der Reichstag bietet für die Schaffung neuer Bestimmungen schon heute eine feste Mehrheit, und die einschlägigen Verhand­lungen genau zu verfolgen, erheischt schon die Rücksicht auf die Lehrlingsfrage. Die Abänderung der Gewerbe­ordnung hat namentlich neue Vorschriften über das Hausiergewerbe und eine theilwcisc Einschränkung des- selben zum Ziele, und der Kaufmann wird nicht umhin

Ausland.

Bulgarien. Als zweite Befreiung Bulgariens feiert die bulgarische Presse den Entschluß des Fürsten Ferdinand, den Uebertritt des Prinzen Boris zur ortho­doxen Kirche zu gestatten. DerMir" veröffentlicht ans Anlaß des Manifestes des Fürsten Ferdinand einen begeisterten Artikel, welcher besagt:Mit Gott, dem Zaren und unter der weisen Führung des Fürsten Ferdinand" könne das bulgarische Volk der Erfüllung aller seiner Bestrebungen entgcgcngchen. Das Blatt zollt mit warmen Worten dem von dem Fürsten nnd seiner Gemahlin gebrachten Opfer Anerkennung und sagt, die bulgarische Dynastie sei eine nationale, mit Bulgarien für immer verbundene Dynastie geworden. Diese nationale Dynastie werde den Abenteuern, Staats­streichen und Komplotten ein Ende setzen. Dies sei die Lösung der bulgarischen Krise, und Bulgarien sei von Dankbarkeit gegen den Fürsten nnd seine Gemahlin erfüllt. Die eventuelle Annahme der Pathenstelle bei dem Prinzen Boris durch den Zaren sei thatsächlich die zweite Befreiung Bulgariens. Die Fürstin Marie Louise von Bulgarien hat den Papst gebeten, ihre Ehe mit dem Fürsten Ferdinand aufznlöscn. Der Papst habe indessen, obwohl er durch das Manifest des Prinzen und besonders durch die Anspielung auf sich, wie man annimmt, sehr aufgebracht war, ihr von solchem Schritte abgerathcn. Das offizielle Organ des Vatikans, dieVoce dclla Veritä", beschäftigt sich in einem grimmigen Leitartikel mit der Taufe des Prinzen Boris und nennt diesen Akt einen Judasvcrrath an Christus nnd der Kirche. Fürst Ferdinand von Bulgarien möge keinen Anspruch erheben, noch länger dem Schoße der katholischen Kirche anzugehören. Verachtung und Ekel aller Katholiken treffe ihn. Der Artikel derVoce" scheint die Exkommunikation vorzubereiten.

England. Einer der bekanntesten Nürnberger Hopfenhändler kehrte von Burton on Trent, wo sich die größten englischen Ale- und Porter-Brauereien befinden, zurück und erklärte, daß ihm die dortigen großen Brauereien die gewohnten Jahresaufträge nicht ertheilt haben, weil die Erbitterung gegen Deutschland immer stärkere Dimensionen annehme. Man habe ihm gesagt, man wolle keinen deutschen Hopfen und wenn man ihn

können, hier genau sich zu orientieren. Eine Ab­änderung der Alters- und Jnvaliditätsvcrsichcrung interessiert die Industriellen und ihre Betriebe, die Aenderung des Genossenschaftsgesetzes, die neuen Be­stimmungen über die Konsumvereine nicht minder. Von Bedeutung für den Landwirth, zugleich auch für die Geschäftswelt, ist das neue Margarinegesetz, dessen Fassung, wie es scheint, eine recht scharfe werden wird. Will man doch sogar dem Restaurateur vorschreiben, auf seiner Speisekarte zu verzeichnen, ob die Speisen mit Butter oder mit Margarine zubereitet werden. Für den Rentier und sonst anch für die allerweitesten Kreise des Publikums sind die Vorschriften des neuen Börsengesetzes. Und endlich das neue große Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich, welches für alle Theile des Deutschen Reiches auf allen Gebieten des bürgerlichen Rechtes kleine oder größere Aenderungen schaffen wird. Daß Unkenntniß des Gesetzes nicht vor Benachteiligung schützt, ist eine bekannte Sache, und hier gerade wird es bei Zeiten erforderlich sein, sich zu informieren.

Einen verspäteten Steckbrief hat der Auditeur des 5. Armeekorps zu Glogau soeben erlassen, und zwar hinter dem Kanonier der früheren sechsten schweren Fuß- Batterie des Niederschlesischen Feldartillcrie-Regiments Nr. 5, Wawrzyn Kicinsky aus Seher, Kreis Kosten, 51 Jahre alt, und dem Gemeinen der zweiten Kompagnie der Ersatz-Ablheilnng des Niederschlesischen Train- Battallons Nr. 5, Ludwig Leszinsky aus Merkoschütz, Kreis Polnisch-Wartenberg, ebenfalls 51 Jahre alt. Die beiden steckbrieflich Verfolgten sind im August bezw. September 1870 desertiert und bisher nicht zu ermitteln gewesen.

Osnabrück, 4. Febr. Ein Reservist, der in Magde­burg gedient hatte, wurde durch das Explodiren einer von ihm mitgenommenen Granate schwer verletzt. Ein Arm und ein Bein mußten dem Unglücklichen amputirt werden, Gießen, 4. Febr. Der Weinhändler Karl Schwan stürzte die Kellertreppe hinab und blieb auf der Stelle todt.

geschenkt bekomme. Man werde die Bestellungen in Amerika machen.

Massanah, 4. Febr. RaS insoliert hat ans dem Lager von Farasmai die als Geiseln zurückbehaltenen italienischen Offiziere freigelassen; dieselben seien in ausgezeichnetem Zustande gestern Abend im italienischen Lager angekommen. In den nächsten Tagen steht ein Kampf zwischen dem italienischen und abessinischen Streirkräften bevor.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 7. Febr.

* Gegenwärtig sind in Stadt und Land Erkrankungen der Nase, Lunge, Brust rc. sehr häufig und hört man von vielen oft schweren Erkrankungen, die den davon betroffenen in Lebensgefahr bringen. Die Ursache ist das unbeständige Wetter der letzten Tage, das am Morgen streng kalt, oft am Abend feucht warm wie Frühlingsluft sich verändert, um am nächsten Tag mit kaltem Nebel einzusetzen, sodaß Glatteis sich bildet. Möge bald bessere, gesündere Witterung sich einstellen.

* 4. Februar. Zu der am 24. d. Mts. be­ginnenden ersten Schwurgerichts-Periode wurden in der Dienstag Mittag stattgefundenen öffentlichen Sitzung des Königlichen Landgerichts nachstehende Herren aus dem Kreise Schlüchtern als Geschworene ausgcloost: Benedikt Strauß, Bäcker in Schlüchtern, Johannes Kohlhepp, Ackermann in Schlüchtern; Peter Quell, Bauer in Jossa; Johs. Deuhard I, Stadtrath in Steinan; Alexander Boes, Gastwirth in Sarrod.

* Nachdem die Landeskreditkasse zu Kassel seit v. I. Darlehen zu 3'/a o,o und seit ganz kurzer Zeit daneben auch solche zu 337 % Zinsen gewährt, haben verschiedene Schuldner der Landeskreditkasse darum nachgesucht, ihre 4Zogen Darlehen ebenfalls in 3/2 °/0= bezw. 3% °/oge umzuwandeln. Auf diese Eingaben hat die Direktion erwidert, daß sie zunächst die 3^ »logen Schuldverschreibungen, mittel's deren die Darlehen gewährt werden, in solche zu 3'4 °/0 umwandeln müsse, worauf die Herabsetzung des Zinsfußes nachfolgen werde. Nun sind die Schuldverschreibungen der Serie 14 von 317 in 37 °/o umgestempelt, aber weder in der die Umstempelung betreffenden, noch in einer besonderen Bekanntmachung der Landeskreditkasse ist gesagt, wie und von wann an der Zinsfuß der Dar­lehen ermäßigt werde. Um den Schuldnern die unnöthigen Wege, Schreibereien und Kosten zu ersparen und um die Landeskreditkasse nicht unnötig zu belästigen, dürfte die Direktion eine entsprechende Bekanntmachung bald erlassen. Anzunehmen ist, daß wohl für sämmt­liche Darlehen der Landeskreditkasse der Zinsfuß herab- gesetzt wird und daß dementsprechend auch die 3 flogen Schuldverschreibungen der Landeskreditkasse Serie 16 auch in solche zu 3P °|0 umgestempelt werden. Ge­wonnen hat die Landeskreditkasse bei dieser Umstempelung nichts, dagegen eingebüßt an Vertrauen und, da die Gläubiger zum geringsten Theile die Einbuße an Zinsen vertragen können, werden sie für die neuen Landeskreditkasse-Obligationen keine Interessenten mehr sein. Hätte die Landeskreditkasse die 3 P »^ Obligationen sämmtlich beibehalten, deren Auslieferung thunlichst ein­geschränkt und die Darlehen sämmtlich auf 3»^ °|o herabgesetzt, dann hätte sie bedeutend gewonnen.

* Die Freunde des Obstbaues werden darauf aufmerksam gemacht, daß jetzt die richtige Zeit ist, die Pfropfreiser zu schneiden. Stecklinge von Stachelbeeren, Johannisbeeren, sowie Ziersträuchern soll man ebenfalls jetzt schneiden.

* Mit dem 1. April tritt das neue Stempel- stcucrgesetz in Kraft, welches mancherlei pekuninäre Opfer, besonders von Gewerbetreibenden, fordern wird. Während beispielsweise Wirlhschaftskonzessionen bisher durchweg einen Stempel von 2,50 Mark erforderten, müssen sie demnächst je nach dem Geschäftsgänge der Wirthschaft und nach ihrer Einschätzung zur Gewerbe­steuer mit 5, 15, 50 und 100 Mk. Stempel versteuert werden. Apotheker-Konzessionen sind mit einem halben Prozent des Werthes der Apotheke, mindestens aber mit 50 Mk. stempelpslichtig. Konzessionen zum Betriebe des Droschkenkutschcrgcwerbes sind mit 2 20 Mk. Stempel zu belegen. Erlaubniß zur Verlängerung der Polizei­stunde bisher frei, demnächst 1 Mk. Stempel. Namens­änderungen kosten 5-30 Mark Stempel, Leicheupässe