Petersburg. Der Kaiser von Rußland hat angesichts der bevorstehenden Krönung ein Manifest erlassen, in welchem er den Himmel anfleht, ihn in die Fußtapfen seines verstorbenen Vaters zu leiten, der ihm stets ein leuchtendes Vorbild bleiben werde. Es bleibt also endgiltig bei der alten Moskowiterei und das Volk hat vergeblich gehofft. — Im Theater zu Jekaterinoslaw brach plötzlich Feuer im Bühnenraum aus und mehrere Decorationen fingen Feuer. Die Zuschauer drängten . in wilder Flucht gegen die Ausgänge, wobei zahlreiche Personen todtgedrückt wurden. Das Gedränge war so entsetzlich, daß mehrere Leichen mit abgerissenen Armen gefunden wurden. Innerhalb 20 Minuten war das ganze Holztheater eingeäschert. Die Zahl der Todten wird auf mindestens 150 geschätzt, obwohl bisher nur 73 gesunden wurden. Mehrere Leichen sind noch ganz unversehrt, so daß die Aerzte einen Herzschlag in Folge Schreckens feststellten. Die Logenbesucher gelangten fast Alle glücklich in's Freie, während von den oberen Galerieen in Folge der raschen Verbreitung der Flammen kaum Jemand entkam. Der Kaiser forderte telegraphisch Bericht über das Unglück ein und sandte 100,000 Rubel zur Linderung der Noth der Hinterbliebenen.
Frankreich. Auf Anordnung der Pariser Unter- richtsverwaltung fand in allen Volkschulen eine vaterländische Feier statt. Sämmtliche Schüler, ohne Klassenunterschied, wurden im Schulhofe versammelt, wo ihnen der Oberlehrer oder die Oberlehrerin einen einstündigen Vortrag über den Krieg, die Pariser Belagerung, die entsetzlichen Leiden der Pariser, die Verstümmelung Frankreichs hielt und mit der Darstellung der Gedenk- und Rachepflicht des Heranwachsenden Geschlechtes schloß.
Italien. Die italienischen Truppen haben sich während mehrtägiger Kämpfe um Makalla (in der afrikanischen Kolonie Erytrea) gegen die Truppen des Königs von Abessynien und Schoa heldenmüthig geschlagen. Die kleine italienische Garnison, der von dem italienischen Hauptheer nicht so schnell Hülfe gebracht werden konnte, vertheidigte den Ort gegen vielfache Uebermacht, so daß die Feinde, unter denen auch Krankheiten ausbrachen, die Angriffe einstelllen. Die italienische Hauptarmee geht jetzt zum Angriff vor. — Wie aus Adigrat telegraphirt wird, fand man bei 62 todten Abessiniern französische Lebelgewehre. Daraus geht hervor, daß das gesammte Korps Ras Makonnens mit kleinkalibrigen Lebelgewehren bewaffnet sei. Es scheint, daß Baratieri die der abessinischen Position gegenüberliegenden Höhen zu besetzen trachtet, um den Artilleriekampf zu eröffnen. Die Blätter registriren allgemein den vortrefflichen Eindruck der Verleihung des Rothen Adlerordens durch den deutschen Kaiser an den Kommandeur von Makalle Galliano.
Lokales und Provinzielles. Schlüchtern, 24. Januar.
* — Der hiesige Kricgervercin, welcher ;ben Geburtstag Sr. Majestät und andere, patriotische Feste durch musikalische Abendunterhaltungen zu begehen pflegt, hat auch diesmal keine Mühe und Arbeit gescheut, um diesen Tag im trauten Kreise recht würdig zu feiern. Montag den 27. ds. Mts. wird derselbe unter Mitwirkung der Gesangsabtheilung im Vereins- lotale seine patriotische Feier abhalten. Nach dem Programm wird eine Theatervorstellung mit Gesang und Musik zur Aufführung kommen, so daß den Besuchern ein recht genußreicher Abend in Aussicht steht.
* — Den Standesämtern ist mit dem Beginn des Jahres 1896 eine nicht unbedeutende Mehrarbeit entstanden und zwar deshalb, weil dieselben im Jahre 1876, also vor 20 Jahren, errichtet wurden und nun wegen her zahlreichen Ausfertigungen von Geburtsscheinen zu militärischen Zwecken stark in Anspruch genommen werden.
-- Die Nachweisung über die Ergebnisse der anderweitigen Verpachtungen der im Jahre 1895 pachtlos gewordenen Domänenvorwerke entrollt kein besonders günstiges Bild der wirthschaftlichen Lage. Der bei der neuen Verpachtung erlangte Pachtzins ist um 104,000 Mark geringer als der bisherige Pachtzins. Während er bisher 975,253 Mk. betrug, ist er jetzt auf 871,006 Mark gesunken. Von den einzelnen Provinzen haben im Durchschnitt nur Schleswig-Holstein, Hannover und Hessen-Nassau einen etwas höheren Betrag ergeben, alle übrigen Provinzen ergaben einen zum Theil bedeutend niedrigeren Pachtzins als bisher. Merkwürdiger Weise steht sogar die Provinz Sachsen in dieser Reihe obenan, da hier der Ausfall am Pachtzinse 34,574 Mark beträgt.
* — Wie sehr man in den Kreisen der Seminaristen von der ihnen zugebilligcm einjährigen Dienstzeit erbaut ist, geht wohl daraus hervor, daß auf eine Anfrage des Seminardirektors Dr. Schmitz in Linnich (Reg.-Bez. Aachen) kein einziger der im nächsten Monat am Seminar zu Linnich zur Entlassung kommenden Zöglinge sich für die einjährige Dienstzeit gemeldet hat.
Hanau, 19. Januar. Die Handelskammer hat sich bei Stellungnahme zu dem Entwürfe eines Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes gegen eine strafrechtliche Verfolgung von Reklame-Ausschreitungen ausgesprochen? ferner ist sie dafür einge
treten, daß es nicht dem Bundesrathe allein überlassen werden, sondern von der jedesmaligen Zustimmung des Reichstages abhängig sein soll, zu bestimmen, auf welche Waarengaltungen die Maßnahmen zur Verhütung von Quantitätsoerschleierungen anzuwenden seien. Die Kammer hat sich ferner dagegen ausgesprochen, daß den Konsumvereinen mit offenem Laden, deren Steuerpflichtigkeit durch das Gewerbesteuergesetz, das Einkommensteuergesetz und das Kommunalabgaben- gesetz ausgesprochen ist, der Geschäftsbetrieb beeinträchtigt werde, wie es der Entwurf über die Konsumvereine will.
Zicrcnbcrg, 21. Jan. Bislang ging der Bau des hiesigen Tunnels der neuen Bahn ohne störende Zwischenfälle vor sich. 260 Meter ist der Sohlenstollen vorgetrieben. Das Mauerwerk war auf einer Länge von 48 Metern fertig. Selbst der Winter war der Arbeit hold, sodaß Steine, Sand, Cement, Holz und Alles, was zum Baue nöthig ist, genügend herbeigeschafft werden konnte. Am 19. Januar gegen 5 Uhr Nachmittags vernahm Bau-Assistent Girr im Tunnel Plötzlich und ungeahnt ein dumpfes Krachen. Da bemerkte er denn, daß das Wasser dem Holzbau der Zimmerung die Spannung entzogen und ihm dadurch die Möglichkeit genommen hatte, das Gebirge zu halten; denn nach wenigen Minuten betrug die Neigung der Sohlenständer schon 18 Cenlimeter, Keile fielen, Schwellen waren gelockert, kurz, groß war die Gefahr. Auf den Ruf des Herrn Girr: „Alles raus!" entfernten sich die in der Nähe beschäftigten Maurer und Erdarbeiter in to2fff,’iy^gft, Werkzeuge und Kleidungsstücke liegen lassen». - rsr Ort aber befanden sich noch etwa 30 Mann; darum lief Herr Girr durch die gefahrdrohende Zone in den hinteren Stollen und veranlaßte die dort arbeitenden Leute, den Tunnel sofort zu verlassen. Kurze Zeit nachher stürzte die Decke zusammen und hatte einen Erdnachsturz bis zu Tage, etwa 32 Meter hoch, zur Folge. Es ist der Umsicht und gewissenhaften Aussicht des Herrn Girr zu verdanken, daß dieser Katastrophe kein Menschenleben zum Opfer fiel. Die Arbeiten bis zur Wiederherstellung des vollen Betriebes werden wohl 14 Tage in Anspruch nehmen.
Volkmarsen, 20. Januar. Die Arbeiten an der Bahnlinie Volkmarsen-Wolfhagen schreiten rüstig fort, da das Wetter außerordentlich günstig ist. Die Strecke wird im Nachsommer eröffnet werden. Interessant ist, daß man in Loos 3 die Reste einer im 30jährigen Kriege zerstörten Ortschaft gefunden hat, die wahrscheinlich den Namen Landsberg führte.
Kassel, 20. Januar. General v. Spangenberg ist gestern in Frankfurt a. M. auf der Rückreise von Rastatt, woselbst er der Feier des Kriegsjubiläums des 25. Infanterie-Regiments beigewohnt hatte, gestorben Erst wenige Tage waren vergangen, seit der Kaiser den Verewigten in Erinnerung an das damalige tapfere Verhalten durch Verleihung des rothen Adlerordens 1. Klasse auszeichnete. Unter den hessischen Offizieren, welche um die Vertheidigung des Vaterlandes besonderes Verdienst erworben haben, wird der Name des Generals von Spangenberg stets mit Ehren genannt werden. General v. Spangenberg war in Fulda geboren und vor einigen Jahren geadelt worden.
Papa Toureis gute Einfälle. Von Julien de Turique. (Schluß.)
Noch war die Gefahr nicht groß. Aber Peter ließ sich in Neuburg nieder und aus den anfänglich seltenen Besuchen entwickelte sich nach und nach ein reger, freundschaftlicher Verkehr. Und am lebhaftesten unterstützt wurde dieser Verkehr von dem alten Tourel. Er hatte den jungen Mann lieb gewonnen und forderte ihn immer wieder auf, zu kommen. In kurzer Zeit entstand zwischen Peter und Annette eine heftige Neigung, die Beide mit der größten Willenskraft bekämpften, als ob sie geschworen hätten, sich's niemals einzugestehen. Wie wacker sie sich aber auch bemühten, die Maske nicht fallen zu lassen — jedes las doch klar und deutlich in dem Herzen des anderen. Immer von Neuem faßte Peter den Vorsatz, seltener nach Tourville zu gehen und immer wieder trugen seine Füße ihn dennoch nach dieser Richtung. Und ob auch Annette noch so viel wichtige Besorgungen zu erfinden wußte, wenn Peter kommen sollte - - war er da, so blieb sie ebenfalls, wie festgebannt.
Im Dorf fing man an, die Sache auffällig zu finden und darüber zu reden, so daß Boutet, als sie eines Abends beim Spiele saßen, sich berufen fühlte, mit seinem Freund Tourel von den Gerüchten zu sprechen Tourel schien es nicht ernst zu nehmen und sagte: „Wenn Sie wüßten, mein Lieber, wie ich der Treue meiner Frau mich sicher fühlte!" Im Stillen aber nahm er sich vor, ein wenig aufzupassen und es bedurfte für ihn nur kurzer Zeit, um die Wahrheit zu ergründen; ja er begriff nicht mehr, daß man ihn hatte aufmerksam machen müssen auf etwas, das so klar und so natürlich war. Diese zwei jungen Menschen liebten sich!
„Gut," sagte Tourel. „So viel wäre nun sicher. Aber wie lieben sie sich? Geduld, Tourel, und aufgepaßt!"
Und Vater Tourel setzte seine Beobachtungen fort. Bald aus diesem, bald aus jenem Grund bat er den
jungen Mann zu sich, rief Annette, schützte eine dringende Besorgung vor und ließ die Zwei allein. Dann kam er plötzlich wieder heim und suchte nun in ihren Augen zu lesen. Er horchte auch zuweilen. Einmal folgte er heimlich Annetten, ein anderes Mal dem Peter. Er las die Briefe, die an seine Frau kamen; kein Mittel ließ er unversucht, um die Wahrheit zu erfahren, die ganze Wahrheit und um jeden Preis.
Sechs Monate ging das so fort. Dann gab Tourel das Spionircn auft Es war ihm klar geworden: Wie innig auch die Zwei sich lieben mochten — sie würden eher sterben, als sich's cingestehen!
Zuerst fand er eine große Befriedigung in dem Gedanken, daß seine Frau, trotz der Liebe zu einem Anderen, ihre Pflichten in unentwegter Treue und Hingebung weiter erfüllte. Dann aber schlich ein namenloses Mitleid mit dem lieben Kind (und war Annette im Vergleich mit ihm nicht ein Kind?) in Tourcls Herz. Aus Dankbarkeit an einen alten Mann gefesselt, sollte das jungcWescnnun sein Leben lang ankämpfen gegen ein Gefühl, das stärker sein mußte als ihr treuer, guter Wille? Der Einfall, solch' ein junges Kind zu heirathen, ist vielleicht doch nicht so gut gewesen! Annette war ehrbar, war verläßlich. Durfte sie deshalb kein Herz haben? Und mit welchem Rechte wollte er, der Greis, den Kampf aufnehmen gegen Jugend und Liebe? War sein Leben nicht ausgelebt und hatte Annette während der fünf Jahre des reinsten Glückes, die sie ihm bereitet, nicht etwa mit Zinsen gezahlt, was er Gutes an ihr gethan? —
6.
„Denkt nur — Papa Tourel ist heute Früh in seinem Bette todt gefunden worden!"
„Ach! Woran ist er denn gestorben?"
„Man weiß es nicht, vielleicht ein Schlaganfall." „Armer, guter Alter!"
„Haben Sie schon gehört, er hinterläßt der Frau das ganze Vermögen!"
„Das ist schön von ihm; so ein braves, kleines Frauchen, und so treu — trotzdem sie nach Peter Boutet geschmachtet hat — ein Jammer war's, zu sehen!"
„Wenn's Trauerjahr um ist, werden Die ein Paar. Meint Ihr nicht auch?"
„Unbedingt! Des Einen Unglück ist stets eines Anderen Glück!"
„Da hat er — diesmal freilich ohne sein Wissen — noch einen guten Einfall gehabt, der brave Papa Tourel."
Vermischtes.
* — Eine heikle Frage beschäftigt augenblicklich die Postbeamten. Bekanntlich sind die Aufgabestempel sämmtlicher Postanstalten derartig eingerichtet, daß darauf die Jahreszahl abgekürzt angebracht ist, z. B. in diesem Jahre 96. Das wird sich auch ganz gut bis 1899 fortsetzen lassen. Der wunde Punkt tritt aber, wie der „B- L.-A." schreibt, mit dem Jahre 1900 ein, da es nicht angeht, die zwei Nullen oder die 19 als Abkürzung zu gebrauchen. Eine Aenderung des Stempels ist nicht angängig, da er vorhandene Platz so schon vollständig ausgenutzt ist. Auf der anderen Seite wird es sich wieder nicht gut machen lassen, für die ca. 80,000 im Gebrauch befindlichen Stempel neue anzu- schaffen, da dieses eine kolossale Ausgabe erfordert. Jedenfalls bietet die Angelegenheit eine günstige Gelegenheit für findige Köpfe, da unzweifelhaft Excellenz Stephan eine günstige Lösung ganz gut honoriren würde.
— Kurz abgefertigt. Patient: „Herr Doktor, 100 Mark für die kleine Operation ist aber furchtbar theuer." — Arzt: „Ja, lieber Freund, bedenken Sie aber auch meine Verantwortlichkeit, bei dem geringsten Fehler wären Sie drauf gegangen." — Patient: „Na, dann hätten Sie überhaupt nichts gekriegt!"
— Guter Rath. Vater der Braut: Können Sie denn auch eine Frau ernähren? Bewerber: O, ich denke . . . Vater der Braut: Wissen Sie was, meine Tochter frühstückt gerade in der Küche; . . . gehen Sie hinüber und sehen Sie sich die Sache mal erst ant
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Kirchlicher Anzeiger für Schlüchtern.
Sonntag, den 26. Januar 1896. Morgengottesdienst: Herr Superintendent Heck. Nachmittagsgottesdienst: Herr Pfarrer Hattendorff.
Wochendienst: Herr Superintendent Heck.
Katholischer Gottesdienst.
Sonntag,Borm, 10'/« Uhr, Herr Pfarrer O rth, Herolz