SchlWemerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 8. SamstW, den 25. Jiiliiar 1896.
^ftalhtMrtim °"l die „Schlüchterner Zeitung" Mt-^^UUNsAtN werden noch fortwährend von allen ■ —ü -- Postanstalten undLandbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Zum 27. Januar.
In die Reihe der Gedenktage, die uns zurückversetzen in die glorreichste Zeit des deutschen Volkes, die die Heldengestalten einer nunmehr ein Vierteljahrhundert zurückliegenden großen Epoche von Neuem uns lebensvoll vor die Seele führten, vor Allem die ehrwürdige Gestalt des Kaisers Weißbart und seines sieggekrönten ritterlichen Sohnes, fällt ein nationaler Festtag, der unsere Blicke von der großen Vergangenheit zur Gegenwart lenkt, der zu ruhmvollen Erinnerungen das freudige Bewußtsein von dem Besitze der Gegenwart und stolzen Zukunftshoffnungen gesellt. Auch die herrlichste Erinnerung hat einen Trop-en Wermuth in sich: die Trauer über die Vergänglichkeit des Schönen und Großen; und wenn wir an dem Gedenktage, den wir vor wenigen Tagen feiern durften: dem Gedenktage der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches, der Neuerstehung des deutschen Kaiserthums, mit Wehmuth der beiden entschlafenen ersten Kaiser gedachten, so reißt uns der Tag, den heute alle deutschgesinnten Herzen auf deutschem Boden, wie in fernen Ländern feiern, aus dieser wehmüthigen Stimmung, mit der uns das Gedenken an die entrissenen Herren erfüllt, heraus zu freudigem stolzem Hochgefühl, indem er von dem unvergeßlichen Todten zu dem Lebenden, in dem der nationale Gedanke sich uns verkörpert, aufschauen läßt, in welchem das, was mit dem großen Siegeskaiser und dem edlen Dulder auf dem Throne begraben ward, in neuem Leben, wirkend und verheißungsvolle Zukunstskeime ausstreuend, vor uns steht. Kaisers Geburtstag! Nicht nur das deutsche Heer feiert diesen Tag, seinem obersten Kriegsherrn huldigend, sondern das deutsche Volk, das den Landesvater in seinem Fürsten- verehrt. Wohl ist Kaiser Wilhelm, wie alle Hohenzollern, streng militärisch erzogen, Soldat mit Leib und Seele, und der Erhaltung der Tüchtigkeit und Stärke der deutschen Wehrmacht, auf der des Vaterlandes Ehre und Sicherheit beruht, ist seine nie ermüdende Fürsorge zugewandt, aber er ist weit entfernt davon, ein Soldatenkaiser zu sein und lieber hört er sich, seiner Fürsorge und seiner Antheil- nahme für die Geringsten seiner Unterthanen gemäß, aus Volksmunde den Arbeiterkaiser nennen.
Wie sind jene Prophezeiungen der Feinde Deutschlands zu Schanden geworden, welche halb in Furcht, halb in Haß von den militärischen Neigungen des jungen Fürsten auf kriegerische Gesinnung schlössen! Solch ein thörrichter Irrthum konnte nur entstehen in Kreisen, die keine Ahnung hatten von dem hohen Pflichtgefühl, von der hehren Auffassung ihres Herrscherberufes, welche in den Hohenzollern lebendig sind; solch ein Wahn war freilich begreiflich bei einem Volke, welches die höchste Macht in den Händen ruhmsüchtiger Eroberer und skrupelloser Usurpatoren gesehen und der Spielball eigensüchtiger Interessen gewesen. Und heute wird Deutschlands Kaiser, dessen Wort über eine so gewaltige Macht gebietet, als Friedcnssürst bei allen Nationen, auch bei den erbitterten Gegnern Deutschlands geachtet, und Jeder weiß, daß er das Schwert, das scharf und blank zu halten er bedacht ist, nur ziehen wird, wenn die heiligsten Güter des Vaterlandes auf dem Spiele stehen. Widerwillig hat ihm schließlich auch der ausländische Gegner Anerkennung zollen müssen, die sich bis zur Bewunderung gesteigert hat gegenüber den vielfachen Zeugnissen einer wahrhaft hochherzigen und ritterlichen Gesinnung.
Nur eine große, edle Natur, die an Seelenadel bei Anderen glaubt, vermag so zu handeln, wie Kaiser Wilhelm vielfach gehandelt hat. Wie mancher mächtige Fürst ist auf dem Throne zum Menschenverächter geworden, und es war leider nur zu begreiflich — in Kaiser Wilhelm aber schlägt ein warmes Herz, und aus den Aeußerungen des Herrschers, dem das scharf ausgeprägte Pflichtgefühl und strenge Pflichterfüllung nicht die Fähigkeit warmblütigen Empfindens und Mitempfindens raubt, spricht zugleich die lebendige Antheilnahme einer reichen und großgearteten Menschennatur; welche Menschen und Dinge nicht lediglich unter dem Gesichtspunkte der Staatsweisen und des kühlen Politikers sieht, sondern mit der Wärme edler Leidenschaft, mit
persönlicher Hingebung an sie heranlritt. Daher haben des Kaisers Worte etwas Zündendes, Packendes, Begeisterndes, weil in ihnen stets seine ganze Persönlichkeit liegt, und diese Persönlichkeit eine reiche und eigenartig ausgeprägte ist. —
Unter allen regierenden Häuptern ist Kaiser Wilhelm unstreitig die interessanteste, am meisten beachtete und bewunderte Erscheinung. Bemerkenswerth ist das Zu- geständniß von französischer Seite, daß man bei allen bedeutsamen Fragen zuerst wissen möchte: „Wie stellt sich dazu der deutsche Kaiser!" Und ein hochgestellter Franzose hat einmal gesagt: „Wenn seine Landsleute einen solchen Fürsten besäßen, sie würden ihn vergöttern!" Und sicher würde kein Volk den Hl^—nden Gaben und y-uyiymien, dem Zauber der ^e.^ulichcn Erscheinung Kaiser Wilhelms mehr Gerechtigkeit wiederfahren lassen, als unsere leicht entzündlichen westlichen Nachbarn. Aber ob sie in gleichem Maße, wie die kälteren Deutschen, den sittlichen Ernst, die hohe Auffassung seines Amtes, das Verantwortlichkeitsgefühl, die ihm, dem Hohenzollern, die Richtschnur seines Wollens und Handels geben, zu würdigen vermöchten, das ist wohl fraglich bei einem Volke, das von seinen Führern vor Allem die Befriedigung der nationalen Eitelkeit erwartet. Das „Es lebe der Kaiser!" war bei den Franzosen vor Allem ein Schlachtruf, der ihrem sie zum blutbefleckten Ruhm führenden Caesar cntgcgcnscholl; aber ein Ruf der Verehrung, des liebevollen Vertrauens, das Volk und Fürst verbindet, ein Gelübde der Treue ist es, wenn heute mächtiger und begeisterter noch als sonst vieltausendstimmig Deutschlands Söhne rufen: „Es lebe der Kaiser!"
Deutsches Reich.
Berlin. Der „Reichs- und Stnats-Anzcigcr" bringt an der Spitze seiner Nr. 20 folgende Danksagung des Kaisers an das deutsche Volk: „Mit herzerhebender Begeisterung hat das deutsche Volk in Einmüthigkeit mit seinen Erlauchten Fürsten das 25jährige Bestehen des neu begründeten Reiches gefeiert und dabei nicht nur in Dankbarkeit der Männer gedacht, deren Weisheit und Hingebung die langersehnte Wiedervereinigung der deutschen Stämme zu einer starken und achtunggebietenden Gemeinschaft geschaffen haben, sondern auch von Herzen gelobt, sich der großen Vergangenheit würdig zu erweisen und allezeit in deutscher Mannentreue zu Kaiser und Reich zu stehen. Mit leuchtender Farbe ist dieses Gclöbuiß Mir aus allen den zahlreichen Tele- grammen und Schriften entgegentreten, welche Tausende von Deutschen im In- und Auslande bei der Er- inueruugs cicr des denkwürdigen Ereignisses als Aus- drnck ihrer reinen Vaterlandsliebe Mir gewidmet haben. Ich bin dadurch herzlich erfreut und in dem Vertrauen bestärkt worden, daß das deutsche Volk die Errungenschaften des 18. Januar 1871 sich nie und nimmer nehmen lassen und feine kostbarsten Güter im Aufblick zu Gott alle Zeit zu vertheidigen wissen wird. Allen, welche Mir ihre Mitarbeit an der weiteren Festigung deutscher Einheit und Förderung deutscher Wohlfahrt kundgegeben und in treuer Anhänglichkeit Meiner gedacht haben, spreche Ich Meinen wärmsten Dank aus. — Ich ersuche Sie, diesen Erlaß alsbald zu veröffentlichen.
Berlin, den 22. Januar 1896.
An den Reichskanzler. Wilhelm. I. R.
— Die „Hamb. Nachr." veröffentlichen folgende Danksagung: „Zur Jubelfeier des 18. Januar habe ich von meinen Mitbürgern in der Heimat und in der Fremde so zahlreiche Zuschriften und telegraphische Begrüßungen erhalten, daß ich leider mit meinen Arbeitskräften nicht in der Lage bin, den einzelnen meinen Dank auszusprechen, und bitte ich deshalb alle, die meiner bei dieser Gelegenheit so freundlich gedacht haben, meinen herzlichsten Dank hierdurch entgegenzunehmen. v. Bismarck."
— König Albert von Sachsen wird Sonntag nach Berlin reisen zur Theilnahme an der Geburtstags eier des Kaisers. — Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat zum 27. Januar die Chefs der Missionen zum üblichen Festmahl eingeladen.
— Nachträgliche Feiern für den 18. Januar finden noch überall im Reiche und auch bei Deutschen im Auslande statt. Die Reden Kaiser Wilhelms haben gerade im Auslande einen ganz vortrefflichen Eindruck gemacht und die Stimmung der Deutschen dort sehr gehoben.
' Erfreulich ist, daß von nirgendwoher auch nur eine leise Störung der pariotischen Feier verlautet. Das ist wohl das Schönste in diesen Gedenktagen gewesen.
— 21. Jan. Nachts gegen 1 Uhr brach in der Bibliothek des Königlichen Schlosses Feuer aus. Die rasch herbeigeeilte Feuerwehr fand den Raum völlig mit Rauch ungefüllt, sodaß dieselbe die Leiter gebrauchen mußte; doch genügte eine Handdruckspritze, um das Feuer zu löschen. Der größte Theil der Löschzüge rückte nach kurzer Zeit wieder ab. Der Schaden in der Bibliothek soll bedeutend sein. — Ein weiteres großes Brandunglück entstand Ecke der Bergmann- und Friesen- straße. Das Feuer brach in einem Posamentierladen aus und ergriff hierauf die unteren Etagen. Die Treppen waren wegen des starken Qualms unpassirbar. Die Feuerwehr rettete auf das Höchste gefährdete Frauen und sechs Kinder durch die Hakenleitern. Die Geretteten wurden nach dem Krankenhause geschafft, wo bei einer Frau und einem Kinde der inzwischen einge- trctcne Erstickungstod konstatirt wurde.
— Der in letzter Zeit mehrfach in Preßprozeffen hervorgetretene LandesgerichtSdirektor Bransewctcr in Berlin ist am Sonnabend nachmittag an Gehirn- lähmung gestorben.
— Der Reichstag hat sich Dienstag sowohl wie Montag mit der Berathung des Postetats befaßt. An beiden Tagen wurden im großen Ganzen ganz dieselben Wünsche und Klagen wie früher vorgebracht. Sie betrafen im Wesentlichen die Besserung der Lage der Unterbeamten und Assistenten, die Erhöhung des Maximalgewichts der Briefe, die Herabsetzung der Tele- phongcbühren, die Reform des Zeitungstarifs u. s. w. Staatssckretair von Stephan wie die andern Regierungs- vertreter verhielten sich allen diesen Wünschen gegenüber, soweit ihnen nicht, wie bezüglich der Sonntagsruhe, des Erholungsurlaubs schon genügend entgegen g.kommen sei, durchweg ablehnend, während die er- wähnten Wünsche von Rednern aller Parteien vorge« bracht wurden.
— Die Kundgebung Kaiser Wilhelms in der Transvaalsrage hat das Gefühl der Stammeszugehörigkeit unter den Niederländern mächtig angefacht. Lange zwar schon hatten die Vlamen vom deutschen Kaiser als von „onze edele Kcitzcr" (unser edele Kaiser) ge- sprochen, als aber des Kaisers Telegramm an den Präsidenten Krüger bekannt geworden war, haben die Vlamen durch wiederholte Kundgebungen nach Deutschland ihren freundschatlichen Gefühlen Ausdruck verliehen. Unter anderem hat der Kaiser aus Antwerpen folgende Drahthuldigung erhalten: „Antwerpener Vlamen ohne Unterschied der politischen Gesinnung und durch die „Vlaamsche Wacht" mit Holländern und Deutschen zu einer Versammlung einberufen, drücken Ew. Majestät innigsten Dank aus für die durch das Telegramm an Präsident Krüger den in ihrem unabhängigen Volksbestehen bedrohten und verrätherisch über- fallcnen tapferen Stammes- und Sprachge,rossen erwiesene moralische Hilse."
Ausland.
England. Es wird von anscheinend guter Seite versichert, daß von sämmtlichen zwischen dem 5. und 15. Januar in Dienst gestellten Torpedobooten, die für das englische fliegende und Kanal-Geschwader bestimmt waren, bei der Probefahrt sich nur eins brauchbar erwies, während alle anderen gedockt werden mußten. Auch stellte sich bei der schleunigen Ausrüstung der Geschwader die Unmöglichkeit heraus, die nöthige Mannschaft zusammen zu bringen.
London, 22. Jan. Prinz Heinrich von Battenberg ist an Bord des Kreuzes „Blonde" am 20. d. Mls. 9 Uhr Abends in Folge eines Fieber-Rückfalles gestorben. Das Schiff kehrte alsbald nach der Sierra Leone zurück. Prinz Heinrich von Battenberg war der Sohn des Prinzen Alexander von Hessen und der Bruder des dürften Alexander von Bulgarien. Er war am 5. Oktober 1858 geboren, hat also ein Alter von 37 Jahren erreicht. Er war seit zehn Jahren mit der Prinzessin Beatrice, der Tochter der Königin Viktoria, vermählt. Der Ehe entsprangen zwei Söhne nnd eine Tochter. Prinz Heini ich wollte als Kriegsfreiwilliger den Aschantifeldzug mitmachen, erkrankte aber bald nach der Ankunft in Afrika. Auf der Rückreise nach Europa ereilte ihn der Tod.