bis lange nach Mitternacht zusammen hielten. Besonders hervorzuheben ist der große Commers, welchen der Kriegerverein m Gemeinschaft mit dem Bürgerverein am Abend im festlich decorirten großen Saal des Hessischen Hofes veranstaltet hatte. Nachdem bereits Samstag Vormittag ein Festgottesdienst in der Synagoge stattgefunden, wurde am Sonntag auch in der Kirche auf die Jubelfeier in der Predigt Bezug genommen.
* — Auch im hiesigen Seminar wurde das 25jährige Jubiläum der Einigung Deutschlands festlich begangen. Der Eingang zur Feier bildete eine von den Seminaristen vorgetragene Motette: „Lobet den Herrn!" Daran schloß sich die Festrede, in der von dem Seminarlehrer Heinz das alte und neue Deutsche Reich in Parallele gestellt wurde. Das „Hoch" auf den Kaiser brächte der Seminarlehrer Dr. Lewin aus und verteilte zwei vom Kaiser gestiftete Preise an zwei Seminaristen. Nun wechselten Vorträge von patriotischen Gedichten und Gesängen ab. Die erhebende Feier wurde mit dem Choral: „Nun danket alle Gott" beschlossen.
cl. — Die hiesige israelitische Gemeinde feierte vergangenen Samstag das 25jährige Reichsjubiläum durch einen Festgottesdienst. Herr Lehrer Schwarzschild hielt die Festrede.
* — Bei dem Ordensfest am 18. Januar erhielt Bischof Komp zu Fulda den Kronenorden 2. Klasse. Den Rothen Adlerorden 4. Klasse erhielten die Herren: Dr. Achelis, ord. Professor in Marburg, AltmannS- perger, Regierungssekretär in Kassel, Dr. ©testier, Kreis- physikus in Kassel, Herrlein, Major im 30. Infanterie- Regiment, Adjutant bei der 16. Division (aus Mar- grethenhaun), Hitzeroth , Domänen - Rentmeister in Rotenburg, Landrath von Trott zu Solz in Rotenburg, Metz, Forstmeister in Bracht, Kreis Marburg, Rauch, Regierungsrath in Kassel, Schmidt, Geh. Baurath in Kassel, Schmincke, cvang. Pfarrer in Bruchköbel, Kreis Hanau, Sergel, Postdirektor in Eschwege und Weyland, Regierungsrath in Kassel. — Den Kgl. Kronenorden 2. Klasse erhielt Herr Oberpräsidialrath Poten in Kassel. — Den Königl. Kronenorden 3. Klasse erhielt der Direktor der Kriegsschule in Kassel Oberst Mülenz.
— Den Königl. Kronenorden 4. Klasse erhielten die Herren: Brandt, Theater-Maschinenmeister in Kassel. Röll, Bahnm. in Bebra und Schlüter, Postdirektor m Kassel. — Das Allgem. Ehrenzeichen erhielten: Braun, Fußgensdarm in Steinbach, Kreis Schmalkalden, Dietrich, Steuer-Aufseher in Kassel, Gilfert, Eisenbahn- Kasscndiener in Kassel, Kühn, Bolenmeister in Kassel, Ludolph, Gartengehilse in Wilhelmshöhe, Lutze, Kanzleidiener in Kassel, Mänz, evang. Kirchenältester in Weidenbach, Kreis Witzenhausen, Michel, Garten-Obergehilfe in Wilhelmshöhe, Ohs, Steueraufseher in Wächtersbach, Reußwitz, Bürgermeister in Niedermittlau, Kreis Gelnhausen, Rhein, Gendarmerie-Oberwachtmeister in Kassel, Schaumburg, Förster in Herleshausen, Kreis Kassel, Schnell, Postwagenmeister in Kassel, Siemon, Kanzleisekretär in Kassel, Sopp, Bürgermeister in Bebra, Walter, Förster in Oedelsheim, Kreis Hofgeis- mar, Wenzel, Weichensteller in Salmünster und Wirth, Kreisbote in Fulda.
* — Gelegentlich des Verbandstages Raiffeisen'scher Genossenschaften em Reg.-Bez. Kassel, der im Juli 1894 in Schlüchtern abgehalten wurde, richtete dieser Verband eine Petition betreffs ländlicher Fortbildungsschulen an den Herrn Landwirthschastsminister. Dieser Tage traf nun die Antwort aus dem Ministerium ein, in welcher es heißt: „Der Verband wolle aus der Anlage entnehmen, daß' die weitere Ausgestaltung dieses wichtigen Zweiges des Fortbildungsschulwesens im Sinne der von Wohldemsclben hierher gerichteten Eingabe angestrebt wird. Der Minister sür Landwirthschaft, Domänen und Forsten." — Die angeführte Anlage ist eine Rundver- sügung an die Herren Regierungspräsidenten, welche die Grundzüge für ländliche Fortbildungsschulen enthält.
Elm. Auch hier wurde vom hiesigen Kriegerverein in Gemeinschaft mit dem Gesangverein am Abend des 18. Januar eine Feier der 25 jährigen Wiederkehr der Kaiserproklamation im Königsschlosse zu Versailles veranstaltet. Als Gäste des Vereins war auch unsere Gemcindebehörde vollständig erschienen und war überhaupt die Betheiligung eine so rege, daß der Saal die Menge kaum zu fassen vermochte. — Eröffnet wurde die Feier mit dem Gesang: „Heil dir im Siegerkranz", woraus dann in patriotischen Worten der Vorsitzende, Herr Gärtner, auf die Wichtigkeit des ^Tages hinwies. Hierauf hielt dann unser Herr Pfarrer Seyd die eigentliche Festrede. In erhebend begeisternden allen verständlichen Worten schilderte er den Zuhörern die Zeit vom Zusammenbruche des alten morschen deutschen Reiches unter Napoleon I., die darauf erfolgte Ohnmacht und Erhebung Deutschlands und dessen Sehnsucht nach einem neuen herrlichen deutschen Reiche, welche dann endlich nach vielen herrlichen und blutigen Siegen vor 25 Jahren unter Preußens Heldenkönig Wilhelm I. durch die Kaiserproklamation zu Versailles ihre Erfüllung finden sollte und schloß mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät Kaiser Wilhelm II., den thatkräftigen Schirmherr» des neuen deutschen Reiches. Hierauf wurde dann von allen Anwesenden stehend „Die Wacht am Rhein" und «Deutschland, Deutschland über alles"
angestimmt. Zur weiteren Unterhaltung erfreute uns dann noch der hiesige Gesangverein mit dem Vortrage ächt patriotischer Lieder, welche unter der Führung seines Dirigenten, Herrn Lehrer Beck, recht zur Geltung gebracht wurden, so daß wohl alle, in jeder Weise befriedigt, das Fest verließen. -f-
Sannerz, 15. Januar. Ueber die hiesige Knaben- Rettungsanstalt veröffentlicht deren Vorsteher, Herr Kuratus Rhiel, in der letzten Nummer des „Kirchl. Amtsbl." einen Rechenschaftsbericht sür die Jahre 1892 bis 1895, dem wir Folgendes entnehmen: Die Zahl der Zöglinge hat sich stetig und bedeutend vermehrt. Während die Durchschnittszahl im Jahre 1892 50 betrug, befinden sich am Schlüsse des Jahres 1895 84 Zöglinge in der Anstalt. Schon im Anfang des Jahres 1893 erwiesen sich die Räumlichkeiten der Anstalt als zu klein; deshalb wurde das alte, baufällige und für Anstaltszwecke unbrauchbar gewordene Nebenhaus bis auf einige Reste der Grundmauern neu aufgebaut. Im Innern des Hauptgebäudes mußten umfangreiche Aenderungen vorgenommen werden. Die öfter ein- tretende Nothwendigkeit, auch Zöglinge, welche das schulpflichtige Alter schon überschritten haben, in der Anstalt längere oder kürzere Zeit unterhalten zu müssen weil die Unterbringung bei einem Meister oft nicht ausführbar ist, führte auf den Gedanken, einzelne Werkstätten einzurichten, zunächst für Schuhmacherei, Schneiderei und Schreinerei. Es wird in denselben nur für Anstaltszwecke gearbeitet. Sämmtliche Bekleidungsstücke werden jetzt in der Anstalt selbst angefertigt; bei den verschiedenen Bauarbeiter, im Haus und der Kirche ist auch für diese Zöglinge hinreichend Beschäftigung in Schreinerei. Diese Neueinrichtung bewährt sich sowohl für den Haushalt, als für die Zöglinge recht gut. Zudem ist bei der jetzigen Lage der Anstaltsgrundstücke die Möglichkeit gegeben, diese Klasse der Zöglinge in der Landwirthschast tüchtig aus- zubilden. Die schulpflichtigen Knaben werden neben Schule in der Freizeit mit Handfertigkeitsunterricht beschäftigt. Ein sorgenvolles Jahr war für die Anstalt das landwirthschastliche Nothjahr 1893. Doch hat die göttliche Vorsehung über diese schwere Zeit glücklich hinwcggehol'en. Im Herbst 1894 konnte endlich der längst projektirte Kirchenbau begonnen werden. Durch den Bau einer neuen Kirche wird der seither zum Gottesdienst benutzte Betsaal für Anstaltszwecke frei. Die Anstalt mußte dafür eine Ablösungssumme von 10,000 Mk. an die Kirchengemeinde zahlen; dieselben wurden zum Bau der neuen Kirche verwandt. Aus diesen 10,000 Mark und einem allerhöchsten Gnadengeschenk von 12,000 Mark setzt sich das Baukapital zusammen. Da die Kirche auf voraussichtlich 35,000 Mark stehen wird, mußte der Rest mit 13,000 Mark durch Anlehen gedeckt werden. Da die Kirchengemeinde keinen weiteren Beitrag zu leisten im stände ist, muß nothgedrungen die Anstalt für Kapital und Zinsen ein- stehen. Bedeutende Kosten werden ferner auch noch erwachsen durch Adaption der jetzigen Kirche für An- staltszwecke. Ein diesbezüglicher Kostenanschlag lautet auf mehr als 4000 Mk. Um wenigstens einen Theil dieser Kosten zu decken, ist auf Ansuchen durch Se. Exzellenz den Herrn Obcrpräsidenten eine Hauskollekte zum Besten der Anstalt für den Reg.-Bez. Kassel genehmigt worden. Die finanzielle Lage der Anstalt ist durch diese Verhältnisse schwierig geworden. Wir verfehlen nicht, deshalb die Kollekte angelegentlich zu empfehlen. Die Gesundheit der Knaben war immer ausgezeichnet, was wohl daraus erhellt, daß das Krankenzimmer immer unbenutzt blieb und die Arzt- nnd Apothekerrechnungen verschwindend klein sind.
Aus Hessen-Nassau, 17. Jan. Verfügbare Schul- amts-Kandidaten. Wie ungünstig augenblicklich und auf längere Zeit die Laufbahn Derjenigen ist, die das höhere Schulfach zu ihrem Beruf erwählt haben, davon giebt einen schlagenden Beleg die soeben vom Provinzial- verein für Hessen-Nassau herausgegebene Liste der an stellungsfähigen Kandidaten des höheren Lehramts. Danach sind in dieser Provinz, wo die Verhältnisse noch lange nicht die schlechtesten sind, vorhanden: 133 Hilfslehrer, 12 Probekandidaten und 14 Seminarkandidaten. Von den Hilfslehrern erhält nur ein kleiner Theil von Seiten des Staates Remuneration. Den Fächern nach sind 72 Altphilologen, 23 Neusprachler , 32 Mathematiker und Naturwissenschafter vorhanden. Erwägt man, daß jährlich durchschnittlich 16 Kandidaten angcstellt werden, so stellt sich als Wartezeit vor der definitiven Anstellung der Zeitraum von 10 Jahren heraus. Nach der Liste stammt der älteste unbesoldete Mathematiker aus dem Herbst 1885. Unter solchen Umständen, zumal da augenblicklich 3451 Philologen und Historiker (gegen 3083 im vorigen Jahre) ftubtren, wird von dem Studium der Philologie und der Mathematik entschieden abzu- rathen sein.
Nentershausen, 13. Jan. In Friedewald fuhr ein schwer beladenes Fuhrwerk eine Anhöhe hinauf. Da merkte der Fuhrmann zu seinem Schrecken, daß ein Knabe mit seinem Schlitten hcrgesaust kam und birect in das Geschirr hineinfuhr. Er glaubte den Knaben schon verloren, dieser ^war aber unversehrt geblieben, trotzdem er durch die Pferde und unter dem Wagen weggefahren
war. — In Wünchensuhl spielten Kinder mit Erbsen. Einem Kinde steckten sie eine Erbse in das Ohr, die so tief hineingcdrungen war, daß der Arzt eine Operation vornehmen mußte. Dennoch starb das Kind.
Zellhausen, 12. Jan. Ein recht unliebsamer Besuch überraschte gestern Vormittag unsere Gemeinde. Eine Zigeunerhorde von über 50 Köpfen belagerte nämlich mit 19 Pferden und 7 Wagen das Dorf und begann ihre Streifzüge tn der Umgegend. Die braunen Gesellen waren meist österreichischer Abkunft und dürften als Ausländer, denen die Verwaltungsbehörde die Ausstellung von Wandergewerbescheinen versagt, im Kreise Offenbach nicht geduldet werden. Die Ausweisung der unter dem Kommando eines „Inspektors" stehenden Rotte war aber für die Ortspolizeibehörde und die erschienene Seligenstädter Gendarmerie mit großen Schwierigkeiteu verknüpft und konnte erst am Abend bewerkstelligt werden, nachdem mittelst Eilbotens Polizeiverstärkung erbeten, der „Inspektor" wegen Widerstands verhaftet und die Alarmirung der Feuerwehr in Aussicht gestellt war. Nach dem Abzüge der vielköpfigen Bande fand man bei ihren Kochstätten zahlreiche Beine allerlei Geflügels, das offenbar von den Feinschmeckern gestohlen und verzehrt worden war. Thatsächlich wurden mehrfache Diebstühle von Fleischwaaren rc. nachgewiesen. Die schmutzigen „Pußtasöhne", welche sich als „Pferdehändler" und „Kesselflicker" unter gesetzlichem Schutze umhertreiben, sind nachgerade zUr Landplage geworden.
Der Fall Friedman».
Die Flucht des weit bekannten Berliner Rechtsanwalts Friedmann und mehr noch die sie bedingenden und begleitenden Umstände erinnern die Zeitgenossen wieder einmal daran, daß bei der Abfassung der neuen deutschen Justizgesetze der juristische Idealismus einen überreichen Antheil gehabt hat. Die Freiheit der Advokatur ist von allen Vertretern weitgehender freiheitlicher Rechte als eine nothwendige Ergänzung der den Deutschen verfassungsmäßig gewährleisteten staatsrechtlichen Befugnisse gefordert worden. In der Rechts- anwaltsordnung vom 1. Juli 1878, diesem echten Geschwisterkind der neuen deutschen Gerichtsverfassung, ist sie gesetzlich begründet, aber die bei ihrem Erlaß sich nur schüchtern hervorwagenden warnenden Stimmen haben sich als wahrhaft prophetische erwiesen. Heute kann man dreist sagen, daß die freie Advokatur sich praktisch ebenso zum Unsegen für das deutsche Volk gestaltet hat, wie das allgemeine Wahlrecht.
In erschreckender Zahl haben sich die Fälle gemehrt, in denen die Zugehörigen zum Advokatenstande den schnödesten Mißbrauch mit der ihnen verliehenen öffentlichen Amtsstellung getrieben haben. Sie sollen ihrem Namen nach die Anwälte des Rechts sein und sind als solche die Träger des weitestgehenden öffentlichen Vertrauens. Aber der Fehler, daß man bei Einführung der freien Advokatur zu wenig Kautelen für die ordnungsmäßige Amtsthätigkeit und die würdige Standesführung und im weitern Sinne auch sür die genügend sachgemäße juristische Durchbildung der Anwälte geschaffen hat, hat sich schon lange schwer gerächt und droht, zu einer wahren Kalamität auszuarten.
Die Advokatur ist ein freies Gewerbe geworden, dessen Betrieb allerdings von einem Nachweis der Fähigkeit zum Richteramt abhängig ist, darüber hinaus aber keine Beschränkung hat. Es bestehen zwar für jeden Oberlandesbezirk Anwaltskammern, deren Vorstand die Aufsicht über die Erfüllung der den Rechtsanwälten obliegenden Pflichten zu überwachen und gegen pflichtvergessene Anwälte mit einem ehrengerichtlichen Verfahren vorzugehen hat. Doch im praktischen Leben hat diese Institution sich keineswegs als hinreichender Schutz gegen die schwere Benachiheiligung des Publikums durch gewissenlose Anwälte bewährt.
Unterschlagung anvertrauter Gelder, übermäßige Honorarforderungen für die Prozeßführung, Gebühren- überhebung, Verschleppung der Prozesse und lässige oder unsachliche Geschäftsführung sind alltägliche Erscheinungen in der freien Advokatur. Der Rechtsanwalt Fritz Friedmann ist eine geradezu typische Figur hierfür. Er hat sich für die Uebernahme einer Vertheidigung im Strafprozeß nachweislich bis 3000 Mk. an Honorar zahlen, in andern Fällen hohe Vorschüsse entrichten lassen und seine Klienten nur zu oft schmachvoll im Stiche gelassen. Nach seinen Grundsätzen handeln leider auch andere. Daß in Anwaltsprozessen die Vertreter der Parteien oft gar nicht, oft verspätet erscheinen, daß sie oft gar keine oder nur eine höchst mangelhafte Information mit der ihnen übertragenen Streitsache verrathen, hat schon mancher Prozeßführende zu seinem Schaden erfahren müssen. Was gilt überhaupt das materielle Recht noch bei der freien Advokatur I
Die Gebrechen derselben sind ein enormer Nachtheil für unsere öffentlichen Zustände, und baldige Reformen der Wunsch weiter Kreise. Es erscheint unabweislich, daß bei der Zulassung zur freien Advokatur größere Anforderungen an die juristische Durchbildung und an die sittliche Qualifikation der Bewerber gestellt werden. Von unmittelbarem Vortheil für die Rechtsuchenden würde es indeß sein, wenn die Bestimmungen der Gebührenordnung für die Rechtsanwälte vom 7, Juli 1879