Wippersheim, 6. Januar. Im benachbarten Orte Fischbach wurde beim Neujahrsschießen der Sohn des Müllers W. daselbst so unglücklich in das Gesicht geschossen, daß er das eine Auge verlor, während das andere schwer verletzt wurde.
Langenselbold, 2. Jan. Ein Gegenstück zu jener Katastrophe, wo eine Lokomotive infolge einer mit den Kohlen eingeführten Dynamitpatrone zur Explosion gebracht wurde, hat sich hier, wenn auch in etwas anderer Weise zugetragen. Die Frau des Oekonomen L. legte nämlich einige Stücke Holz in den Ofen, um die Zimmerwärme etwas zu erhöhen, als plötzlich eine furchtbare Detonation geschah, sodaß der Ofen in der Mitte auseinander barst und noch verschiedene Zimmer- gcräthe arg beschädigt wurden. Wunderbarer Weise wurde keines der im Zimmer Anwesenden getroffen. Man nimmt an, daß in einem der Stücke Holz Pulver enthalten war; wie jedoch dasselbe hineingekommen, ist bis jetzt unaufgeklärt.
Hettenhausen, 6. Jan. Vergangene Nacht wurde vor der Gutermuth'schen Wirthschaft dahier eine freche That an dem Enders'schen Fuhrwerk von Lütter verübt. Während der Abwesenheit des Knechts wurden sämmtliche Geschirrtheile für 2 Pferde zu lauter kleine Stücke zerschnitten. Hoffentlich gelingt es, den Uebelthäter zu entdecken.
Cassel, 8. Januar. Die hiesige Landes-Kreditkasse gibt in den nächsten Tagen 3 '/«procentige Obligationen zum Kourse von 100'/- aus. — Der hiesige Landesausschuß wird seine regelmäßigen Sitzungen im laufenden Jahre am 10. Februar, 13. April, 15. Juni, 21. September und 19. November abhalten. Die Bestimmung des Tages für die Dezember-Sitzung ist vorbehalten worden.
Cassel. Zur gründlichen Beseitigung des unlauteren Wettbewerbes in dem von dem Kaufmannsstande ange- strebten Sinne ist ein bemerkenswerther Schritt vorwärts zu verzeichnen. Die Königliche Staatsregierung hierselbst hat nämlich auf Betreiben des hiesigen De- taillisten-Verbandes für Hessen-Nassau und Waldcck einen Erlaß an die sämmtlichen Landrathsämter und Kreisschulinspectoren gerichtet, wonach den Lehrern es strengstens verboten ist, für eigene Rechnung Handel zu treiben, ferner Vorstandsmitglied eines Konsumvereins oder Genoffenschaftskasse zu sein, welche sich mit dem Handel von Kolonialwaaren, Glas, Porzellan, Kurzwaaren rc. befassen. Der Lehrer darf höchstens einer Genossenschaft als Vorstandsmitglied angehören, welche sich mit dem Vertriebe landwirthschaftlicher Betriebsmittel, künstlichen Düngers und Futterartikeln befaßt. Auch das Königl. Konsistorium hat bereits Schritte gethan, um ähnliche Verhältnisse und Mißstände, bei denen Geistliche auf dem Lande unlauteren Wettbewerb treiben sollen, klarzustcllen und Abhilfe zu schaffen.
Melsungen. 7. Jan. Hier brannte heute Nacht das Wohnhaus und die Stallung der Speditionsfirma Heerdt nieder. Der Schaden ist sehr beträchtlich. 70 Scha fe kamen in den Flammen um.
Eschwege, 4. Januar. Seit einigen Tagen findet beim hiesigen Untersteueramt die Verwiegung und Versteuerung des im vorigen Sommer geernteten Tabaks statt. Aus diesem Grund ist das Beamtenpersonal um mehrere Hilsskräfte vermehrt worden. Der Tabak der letzten Ernte ist sowohl quantitativ, als auch qualitativ ein guter. Leider sind aber die Preise gegen das Vorjahr erheblich geringer. Die Käufer, fast ausschließlich hiesige Fabrikanten und Händler, geben für den Centner Spitzblatt 21 Mark und für den Centner Rundblatt 20 Mark. Im vergangenen Jahre dagegen wurde der Centner mit 25 und 26 Mk. bezahlt.
Notenburg, 7. Januar. Gestern wurde der Kaufmann Herr Ludwig Wetzcll hier mit großer Majorität zum Bürgermeister unserer Stadt gewählt.
Marburg, 6. Jan. Der Lehrer eines Borken benachbarten Ortes verließ am Nachmittag des Heiligabends das Schulhaus und verschloß Wohnstube und Schulsaal. Der Patron der Schule, ein Rittergutsbesitzer, gedachte am selbigen Abend für die Kinder seiner Taglöhner im Schulsaal einen Christbaum anzuzünden. Als man die Thür verschlossen fand, wurde sie gewaltsam geöffnet und mit den Zurüstungcn begonnen. Abends kehrte der Lehrer, der von dem Vorhaben nicht in Kenntniß gesetzt war, heim und fand dort die „Be- scheerung." Er machte der Frau des Patrons Vorstellungen über unberechtigtes Eindringen in verschlossene Räume. Empört läßt die Frau Rittergutsbesitzer ihren Mann holen. Der erscheint in Gesellschaft eines Freundes und prügelt — am Abend des Christfestes — den Lehrer in seiner Wohnung so lange durch, bis der Freund das Opfer von dem Patron befreit. Der Patron behauptet, in seinem Recht zu sein, weil das Schulhaus sein Eigenthum sei. Die Regierung ist von beiden Seiten über den Vorfall in Kenntniß gesetzt worden.
Marburg, 4. Jan. Ein Viehhändler eigner Art hat in letzter Zeit die hiesige Gegend bereist. In zahlreichen Dörfern kaufte er große Mengen Vieh an, wofür er die höchsten Preise bewilligte. Die Bauern waren überglücklich ob des seltenen Geschäfts und luden den
splendiden Händler zu dem landesüblichen „Weinkaus" ein, mit dem derartige Geschäfte gefeiert zu werden pflegen. Die Weinkäufe, das sind eine Art bäuerlicher Festessen, fielen angesichts der hohen Preise besonders splendid aus und der Händler ließ sich die Kost gut munden. Leider stellte sich bald heraus, daß man von einem Schwindler dupirt war, den es nach den Weinkäufen, aber nicht nach des Nächsten Vieh gelüstete. Die Bauern warten noch heute auf die Abholung und Bezahlung der so vortheilhaft verkauften Thiere.
Fritzlar. Nachdem das hiesige Amtsgericht in vier Terminen sich mit einem Bienenprozeß befaßt, ist nunmehr das Urtheil verkündigt worden. Dem erwähnten Prozeß lag folgender Sachverhalt zu Grunde. Ein am 7. Juni d. J. gefallener Schwärm des Herrn L. dahier hatte Ausreißergedanken und erhob sich deshalb hoch in die Luft, den Flug nach nordwestlicher Richtung nehmend. Von dem Besitzer sogleich verfolgt, ließ sich das Volk auf einem Holzstoße des Bäckermeisters W . . . k nieder, um in einem dort stehenden Bienenkörbe Quartier zu beziehen. In Abwesenheit des Herrn W. wurde dessen Frau um zeitweilige Ueberlassung des Korbes gebeten, welchem Wunsche auch bereitwillig entsprochen wurde. Nachdem das Volk nun in Gegenwart von noch drei anderen Personen in die Wohnung eingezogen war, wurde es auf seinen früheren Stand zurückgebracht, dort umgesiedelt und der Korb wieder zurückgegeben. Doch wer nun etwa geglaubt, die Angelegenheit wäre damit erledigt, der hatte sich arg getäuscht. Nach vier Wochen erhalten die drei in das Vesitzthum des W. eingetretenen Personen von Herrn Rechtsanwalt G. dahier ein Schreiben, nach welchem sie 10 Mark für das aus dem Garten geholte Bienenvolk und die Anwaltskosten bezahlen sollen, widrigenfalls gegen sie Klage wegen unbefugten Betretens des Gartens und widerrechtlichen Aneigncns eines Bienenvolkes erhoben würde. Wer will es den „Eindringlingen" verargen, daß sie der Aufforderung, zu zahlen, nicht nachkamen, sondern der Sache freien Lauf ließen, sich stützend auf das geltende Bienen- gesetz, nach welchem dem Bienenzüchter, der sogleich den abziehenden Schwärm verfolgt, unbedingt das Eigenthumsrecht zusteht und ihm nur zur Pflicht macht, für den event, verursachten Schaden au^zukommen. Auf Grund der Verhandlungen, zu welchen 8 Zeugen und 2 Sachverständige geladen waren, wurden denn auch die Angeklagten von der ihnen zur Last gelegten Schuld frei- gesprochen und dem Kläger sämmtliche Kosten auferlegt bis auf 11 Pfg, die der Beklagte L. zu den gerichtlichen Kosten zu steuern hat. Dagegen erhält der Kläger 5 Pfennige Schadenersatz für den Bienenkorb, der merkwürdigerweise den Kopf, den Stöpsel, verloren hatte. Ja, ja, Prozesse müssen sein. Gesetzt, sie wären nicht auf Erden, wie könnt' alsdann das Mein und Dein bestimmet und entschieden werden?
Aus Nassau, 1. Jan. Ein schrecklicher Unglücksfall hat eine Familie in Montabaur in die größte Trauer versetzt. Am Dienstag Abend hatte die Hausfrau einen Kessel mit heißem Kaffee auf den Tisch gesetzt. Ihre zwei Knaben im Alter von 4 bczw. 2 Jahren kamen über den Kessel her, stürzten ihn um und wurden Beide fürchterlich verbrüht. Von ihren Qualen wurden beide Kinder durch den Tod erlöst.
Vermischtes.
— Die Blutstropfen auf dem Tischtuch. Man schreibt aus Paris. Eine gräßliche Ucberraschung hatten „bie Eheleute X in der Rue de Tilsit, als sie sich friedlich zu ihrem Diner niedersetzten. Die Frau bemerkte nämlich mehrere rothe Flecken auf dem Tischtuch; die Familie richtete nun ihre Aufmerksamkeit auf diese und man stellte bald fest, daß fortwährend rothe Tropfen von der Decke herabfielen. An der Decke selbst war ein ungeheuerer rother Fleck bemerklich. Im höchsten Grade beunruhigt, benachrichtigte man den Portier. Dieser stieg sofort zu dem über den Eheleuten wohnenden Miether, einem 55jährigen Herrn Ambry empor, um nachzuschauen, erhielt aber keinen Einlaß. Die Polizei wurde benachrichtigt und die Wohnung durch einen Schlosser geöffnet. Man fand Ambrh auf einem Stuhle sitzend, das Haupt durch einen Schnitt mit dem Rastr« Messer fast vom Rumpfe getrennt. Der erste Blick genügte, um zu erkennen, daß es sich um einen Selbstmord handelte.
— Ein eigenartiges Abenteuer, das man einem Hinter- trcppenroman entnommen glauben könnte, wird aus Dünkirchen gemeldet. Der dortige Weinhändler Catrice, der häufig nach Belgien reist und zu diesem Zweck einen leichten Wagen besitzt, kehrte vor einigen Tagen mit bedeutenden Summen aus Furnes zurück. Er war kaum über die Grenze gekommen, als an einem Kreuzwege ein altes, von der Last der Jahre gekrümmtes Weib, das in einen weiten Kapuzenmantel gehüllt war, ihm entgegentrat und ihn mit zitternder Stimme bat, sie auf seinem Wagen mitzunehmen. C. gewährte die Bitte der alten Frau, die ihm zuerst einen schweren Korb reichte, den er im Wagen unterbrachte, worauf er ihr, die fortwährend jammerte und ächzte, beim Aufsteigen behilflich zu sein suchte. Ueberrascht und erschreckt fuhr er zurück: Die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde, war breit, rauh und schwielig. Er hpb mit einem Ruck die Kapuze
in die Höhe, die das Gesicht der Alten verhüllte und sah das bärtige Gesicht eines kraftstrotzenden Mannes! Er verlor aber nicht seine Kaltblütigkeit, sondern gab dem Kerl einen so heftigen Tritt ins Gesicht, daß derselbe auf die Böschung des Weges geschleudert wurde. Dann peitschte er auf sein Pferd ein und fuhr im rasenden Galopp davon. Als er den Korb untersuchte, fand er in demselben einen geladenen Revolver, einen Dolch, eine Axt und einen schweren Hammer.
— Unter dem Titel: „Der Milliardentanz" veröffentlicht der „Figaro" einen leider nur zu beredten Artikel über die Staatsschulden der europäischen Länder. An erster Stelle kommt England mit einer Schuld von 41,500,000,000 Frks., Indien und die Kolonien sind an dieser Summe mit 25 Milliarden betheiligt. Die Amortisation und die Zinsen dieser ungeheueren Staatsschuld verschlingen jährlich die Summe von 624,474,800 Frks. Seit dem Jahre 1835 hat England eine Schuld von 4,932,826,250 Frks. abgetragen. — Frankreich bleibt nicht weit hinter England zurück und hat sogar eine größere Schuld, wenn man die Kolonialschuld Englands von der eigentlichen Staatsschuld abrechnet. Dieselbe beträgt 30,481,158,916 Frks., und wenn es wahr ist, was das Sprichwort sagt, daß man nur reichen Leuten leiht, so muß Frankreich sich seit 1860 sehr bereichert haben, denn damals betrug, die Nationalschuld nur 12,981,215,500 Frks. Den dritten Rang nimmt Oesterreich ein mit 15,875,611,153 Frks. Staatsschulden. Deutschland schuldet 14,366,955,667 Frks. Davon entfallen 2,176,053,125 Frks. auf das Reich, der Rest auf die Einzelstaaten, worunter Preußen mit 6,371,502,253 Frks. verzeichnet steht. Die Staatsschuld Italiens beträgt ca. 12 Milliarden, Rußlands 9 Milliarden, Spaniens 5,900,000,000, der Türkei 2 Milliarden 600 Millionen, Belgiens 2 Milliarden, Rumäniens 1 Milliarde, dann kommen die kleinen Schuldner von Griechenland mit 731 Millionen bis auf Luxemburg mit 10I2 Millionen und Montenegro mit 2 V2 Millionen. Alle diese Staatsschulden zusammen bilden die ungeheure Summe von 126,000,000,000, deren Zinsen, zu 4 pCt. berechnet, 4,040,000,000 Frks. jährlich betragen. Wahrlich, sagt der „Figaro", Europa muß reich sein, um eine solche Schuldenlast tragen zu können.
— Ahlwardt in Amerika. Aus den neuesten Nachrichten über das Auftreten Ahlwardts in Amerika ergiebt sich, daß sein Fiasko dort das denkbar größte ist. Bekanntlich hatten sich zur ersten Versammlung Ahlwardts in Newyork nur 200 Personen eingefunden; der Eintrittspreis betrug 50 Cts., die Saalmiethe aber 250 Dollars. Ahlwardt hatte also ein ganz gehöriges Defizit. In Brooklyn ging es ihm noch schlechter, da er überhaupt keinen Saal bekommen konnte. In Jersey City erhielt er zwar einen Saal, aber obgleich er den Eintrittspreis auf 25 Cts. herabsetzte, fanden sich im Ganzen nur 125 Personen ein. Ahlwardt hatte eine große Tournee nach dem Westen angekündigt, aber aus ihr kann nichts werden, da er kein Reisegeld besitzt. Jetzt hat rr mittheilen lassen, daß er vorläufig in Newyork bleiben und erst nach Gründung der antisemitischen Organisation nach dem Westen abreisen werde.
— Eine Riesenstadt. Nach amtlichen Angaben sind in den letzten 43 Jahren in London 571178 neue Häuser gebaut worden. Während desselben Zeitraumes wurden 11785 neue Straßen und 103 neue Plätze in der Riesenstadt angelegt. Die größte Bauthäligkeit herrschte von 1879 — 1883; in den fünf Jahren wurden nicht weniger als 117109 neue Häuser gebaut und 2271 neue Straßen und 10 Plätze angelegt. Die Gesamtlänge der neuen Straßen und Plätze, welche London in den letzten 43 Jahren erhielt, wird auf 1986 englische Meilen und 1171 Aards engegeben. Die ganze Stadt hat 5 600 000 Einwohner, die City allein 4 306 000. Im ganzen Königreich Bayern wohnen nach der letzten Volkszählung 5 594 982 Menschen. Aus diesen Zahlen kann man sich einen annähernden Begriff von dem Städteungetüm an der Themst machen.
— Aus England wird geschrieben: „Ein Schlachten wars, nicht eine Jagd zu nennen", muß man ausrufen, wenn man in der Sportzeitung „Field" folgenden Bericht von einer glorreichen Treibjagd liest, die Lord Carnarvon mit fünf anderen Herren während dreier Tage auf seinem Gut abhielt. Du sechs Herren „schössen" am 26. November: 5 Rebhühner, 1160 Fasanen, 42 Hasen, 2362 Kaninchen, 7 andere Thiere, zusammen 3576. Am 27. November: 5 Rebhühner, 1700 Fasanen 1 Hasen, 1702 Kaninchen, 4 Waldschnepfen, 16 andere Thiere, zusammen 3428. Am 29 November: 6 Rebhühner, 2811 Fasanen, 969 Kannchen, 2 Wildenten, 15 andere Thiere, zusammen 3803. Die sechs Herren haben also an drei Tagen umgebraht: 16 Rebhühner, 6671 Fasanen, 43 Hasen, 5033 Kaninchen, 4 Waldschnepfen, 2 Wildenten, 38 andere There oder zusammen 10807 Thiere! — Interessant wär es, zu hören, wie die sechs Herren es gemacht haben, nit dieser „Riesenarbeit" in drei Tagen fertig zu werdin!
— Welche Thiere besitzen die grißte Muskelkraft? Dies sind unstreitig die Fische; dem der Wal z. B. schwimmt mit einer Schnelligkeit durch das Wasser, daß er eine Reise um die Erde in geraier Linie in 14