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Samstag, den 4. Januar
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Deutsches Reich.
Berlin. Ihre Kaiserlichen und Königlichen Majestäten fuhren mittels Sonderzugs am Neujahrstage früh um 8 Uhr 45 Min. von Wildpark nach Berlin und begaben sich vom Potsdamer Bahnhöfe nach dem Königl. Schlosse, in dessen Kapelle ein feierlicher Gottesdienst stattfand. Nach diesem war im Weißen Saale des Schlosses Gratulationskour. Die Gratulationskour fand unter Salutschüssen der im Lustgarten ausgestellten Batterie statt. Nach derselben empfingen der Kaiser die außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter, die demnächst auch die Ehre hatten, von Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin empfangen zu werden. Nach dem Empfange der Botschafter folgte jener der kommandirenden Generale im Rittersanle des Königlichen Schlosses und Seine Majestät begaben sich nach 12 Uhr sodann zur Parole-Ausgabe nach dem Lichtho'c des Königlichen Zeughauses, während Ihre Majestät die hier anwesenden Gemahlinnen der fürstlichen rc. Häuser empfing. Um halb 2 Uhr fand große Frühstücksta'el im Königlichen Schlosse statt. Um 6 Uhr Abends fand im Königlichen Schlosse Familien- und Marschallstafcl statt. Nach der Abendta el besuchten Ihre Majestäten die Vorstellung im Königl. Opernhause und kehrten nach Beendigung derselben nach Wildpark bezw. dem Neuen Palais zurück.
— 31. Dez. Der Kaiser soll gleich nach Eingang deS Athener Telegramms von der Festnahme Hammer- stein's unterrichtet worden sein. In Hofkreisen wird erzählt, der Kaiser, der die Angelegenheit von Anfang an mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt habe, habe die Nachricht mit umso größerer Genugthuung entgegen genommen, als gerade von dieser Seite wiederholt der Wunsch ausgedrückt worden sei, der Schuldige möge nicht straflos ausgehen, sondern unter allen Umständen, so oder so, ausfindig gemacht werden.
— Die Vorarbeiten für eine Regelung des gesammten Vesicherungswesens und somit auch der Viehversicherung durch Reichsgesetz sind wieder ausgenommen worden. Der preußische Landwirthschastsminister erklärte aus eine Eingabe des Verbandes der deutschen Viehversicherungs- gesellschasten: wenn ein Reichsgesetz auf diesem Gebiete nicht zu Stande komme, wenn ein Reichsgesetz auf diesem Gebiete nicht zu Stande komme, werde die Angelegenheit für Preußen durch Landesgesetz geregelt werden.
— Die Berliner Gewerkschaften konstatiren, daß die Zahl der Arbeitslosen gegenwärtig so klein ist, wie seit Jahren nicht; es hat daher bisher nur wenig für die Unterstützung Brodloser ausgegeben zu werden brauchen. In verschiedenen Branchen sind gar keine Arbeitslosen vorhanden, so besonders in der Elektrotechnik, und dort wollen auch die Arbeiter baldigst mit erhöhten Lohnforderungen hervortreten.
— Um dem planlosen und oft leichtsinnigen Zuzug nach Berlin vorzubeugen, hat der Berliner Polizeipräsident von Windheim eine öffentliche Warnung erlassen. Alle Personen, die nach Berlin wollen, werden aufgefordert, ihren bisherigen Wohnort nicht eher zu verlassen, als bis sie eine bestimmte Stellung in Aussicht haben.
— Die Vermögensteuerveranlagung in Preußen für das Jahr 1895|96 hat, wie mitgciheilt wird, ein steuerpflichtiges Vermögen von 60 Milliarden Mk. ergeben. Da man das steuerfreie Vermögen auf den dritten Theil dieser Summe annimmt, so ergibt die Schätzung des Gesammtvermögensstandes iu Preußen die Summe von 80 Milliarden Mark.
— Eine wesentliche Neuerung für Handfeuerwaffen, besonders für unser Armeegewehr, soll von dem Major v. Kalckreuth und dem Lieutenant Pulst im 4. Ober- schlesischen Infanterie-Regiment Nr. 63 in Neiße erfunden worden sein. Die Erfindung, die augenblicklich im Reichspatentamte auslicgt, bezweckt angeblich die Entladung der Handfeuerwaffen, besonders des Militär- gewehrs, die jetzt mit dem Zeigefinger durch die unterhalb des Schaftes angebrachte Abzugsvorrichtung bewirkt wird, durch einen Druck des Daumens auf einen links oben am Schafte befindlichen glatten Kopf. Die Lage
- ber rechten Hand ist dabei genau dieselbe wie bisher, nur daß anstatt des Zeigefingers der ungleich freier bewegliche Daumen das wichtige Geschäft des Abdrückens besorgt. Dieses Abdrücken des Gewehres wird dadurch so bequem, daß es bei strenger Kälte dem Manne selbst in Fausthandschuhen möglich ist. Sehr erleichtert wird durch die Aenderung auch das aufgelegte Schießen im Liegen. Ein großer Nachtheil entsteht jedoch dadurch, daß der Daumen beim Abdrücken frei bleiben muß, insofern, als das feste Einziehen des Gewehres in die Schulter erschwert wird. Diesem Uebelstande suchen die Erfinder dadurch abzuhelfen, daß sie durch seitliche Einkerbungen in den Schaft ein festes Lager für die übrigen vier Finger schaffen. Der Gedanke der Neuerung an sich ist nicht ganz neu. Schon vor mehreren Jahren hat man sich in Italien und Frankreich damit beschäftigt. Dort scheint man damit keine günstigen Ergebnisse erzielt zu haben, da man von einer Einführung der Erfindung bisher Abstand genommen hat.
* — Herr Pfarrer Meyenschein, als Direktor der Naiffciscn-Genossenschaften im Kreise Schlüchtern, ersucht uns in Bezug auf die der ministeriellen „Berliner Correspondenz" entnommene Mittheilung in voriger Nummer, bctr. die Unterstützungs-Gesuche in Verlegenheit gerathener Darlehnskassen, um Constatirung der Thatsache, daß es bei den bctr. Kassen im Kreise Schlüchtern nicht wiederholt zum Konkurse gekommen sei. (Ist auch nicht gesagt worden. D. R.) Ferner, daß die bezogene Borkener Kasse keine Naiffeisensche Kasse gewesen sei. — Uns scheint diese „Berichtigung" und die geschehene Bezugnahme au"s Preßgesetz recht überflüssig. In der Notiz wird vom Allgemeinen geredet und nur die im Regierungsbezirk Cassel den Fall geliefert habende Borkener Kasse in Parenthese erwähnt. Was im Kreise Schlüchtern nicht passirt, kann in den mehreren hundert anderen Kreisen des Königreichs Preußen oft genug passiven und passirt wohl auch, sonst wäre der fürs ganze Staatsgebiet gültige Erlaß des Herrn Ministers nicht ergangen. D. R.
Köln, 30. Dez. Die hiesige Strafkammer beschäftigte sich zum ersten Male mit der schon von anderen Strafkammern behandelten Frage, ob die Kinder von Dissidenten den Religionsunterricht in der Volksschule besuchen müssen, und ob die Eltern solcher Kinder, wenn sie dieselben vom Religionsunterricht fernhalten, zu bestrafen seien. Das hiesige Schöffengericht hatte einen Dissidenten, der sein Kind den Religionsunterricht nicht besuchen läßt, freigesprochen, da die Verfassung Gewissensfreiheit garantire, und in dem Zwang, die Kinder zum Religionsunterricht anzuhalten, ein Gewissenszwang liege. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein und stützte sich auf die bekannte ver- urtheilende Entscheidung des Kammergerichts von 1893. Die Strafkammer verwarf die Berufung des Staats- anwalis und bestätigte das freisprechende Erkenntniß des Schöffengerichts.
Aus Trarbach a. d. M. wird geschrieben: Die Inhaberin eines hiesigen Hotels wnrde seit längerer Zeit von ihrem Zimmermädchen bestohlen. Sie zeichnete einige Geldstücke, die sich bei einer dieser Tage durch die Polizei vorgenommenen Untersuchung auch vorfanden. Das Zimmermädchen hat nach und nach 11 980 Mark zusammen gestohlen. Das Geld fand sich in Kistchen, Portemonnaies und Söckchen iu Gold und Silber vor; Papiergeld hatte die Diebin verschmäht.
Mainz, 27. Dez. Gchcimmittclschwindel. Zu Anfang des Sommers ließ sich der Wagner Sch. von Bodenheim einen Zahn ziehen. Der Operateur brach aber den Zahn ab und ließ die Wurzel stecken. Da Sch. immer noch Schmerzen spürte, ließ er sich von einem Hausircr zum Ankauf eines Gcheim- mittels zum tödten des Schmerzes überreden und gebrauchte dies in einer Flüssigkeit bestehende Mittel. Nach kurzer Zeit schwoll Backe und Hals und mußte durch den Arzt ausgeschnitten werden. Diese Prozedur wiederholte sich sieben Mal bis der vor Schmerz fast Wahnsinnige am letzten Dienstag in's hiesige Spital gebracht wurde, woselbst die Untersuchung ergab, daß sich die Eiterungen fast bis zur halben Brust gezogen haben. Trotz sofortigen operativen Eingriffes wird der Mann schwerlich am Leben erhalten bleiben.
München, 30. Dez. Durch bayerische Zeitungen geht die Mittheilung, daß in Bayern auf direkte An
regung von hoher Seite die Pickelhaube bei der bayerischen Armee abgeschafft werde. Das ist in diesem Zusammenhang ein Irrthum, wenn nicht etwas die Kopfbedeckung der Artilleristen gemeint ist. Wenn die Pickelhaube als solche abgeschafft wird, so geschieht es im ganzen Reiche. Die Initiative hierzu hat der Kaiser selbst schon vor einiger Zeit ergriffen.
Waldenburg, 31. Dez. Im Wraugelschacht hat ein großes Grubenunglück sich ereignet. 21 Bergleute sind ums Leben gekommen. 12 Bergleute sind durch Brandwunde« verletzt. Die Todten und Verletzen wurden nach dem Lazareth der Knappschaft gebracht. (Wie die „Schlesische Zeitung" meldet, wurde das Unglück durch schlagende Wetter verursacht. Die Zahl der verunglückten Bergleute beträgt 50; bisher werden noch 17 vermißt.) — Die Explosion schlagender Wetter im Wrangelschachte ist angeblich durch die Entzündung eines Schusses herbeigeführt worden. Von den 50 zur Zeit des Unglücks im Schacht befindlichen Grubenarbeitern sind bis jetzt 23 Todte, 9 Schwer- und 3 Leichtverletzte in das Knappschaftslazareth geschafft worden. Weitere Förderungsarbeiten sind im Gange.
Ausland.
Man berichtet aus London: Die Fahrgeschwindigkeit der atlantischen Ozeandampfer hat sich in den letzten 50 Jahren fast verdreifacht. Sie ist von 8 auf 24 Knoten die Stunde gestiegen. Die damaligen Schiffsmaschinen hatten 700 Pferdekräfte, die heutigen Palastdampfer 10,000. Der Dampfdrnck hat sich von 13 Pfund auf den Quadratzoll auf 200 Pfd. erhöht. Allerdings bringt man aus einem Pfund Kohle jetzt viermal so viel Kraft heraus als früher. Die Post und Passagiere befördern die heutigen Dampfschiffe über den Ozean so schnell wie eine Lokomotive auf dem Lande. Es ist jetzt möglich, in 14 Tagen von London nach Newyork und zurück zu fahren. Jemand kann jetzt in 13 Tagen von London nach Bombay und von Southampton nach dem Kap in 13 h-Tagen fahren. Von dem Luxus der heutigen Ozeandampfer haben sich sicher die alten Reisenden nichts träumen lassen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 3. Januar.
— Nach der bestehenden älteren Vorschrift ist, wenn Personenzüge ausnahmsweise ganz oder thcilweise außerhalb der Bahnsteige halten und die Reisenden dort die Wagen verlassen müssen, seitens der Schaffner beim Oeffnen der Wagenthüren zu besonderer Vorsicht auf- zufordern und nöthigenfalls beim Absteigen in zuvorkommender Weise Hilfe zu leisten. Diese Bestimmung ist, wie der Minister der öffentlichen Arbeiten unter dem 10. Dezember ungeordnet hat, dem Fahrpersonal zur genauen Beachtung in Erinnerung zu bringen und das gleiche Verhalten den Stationsbeamten aufzugeben.
— Zur Abhaltung der Rektorats-Prüfung in Kassel ist Termin auf den 11. Juni 1896 und folgende Tage angesetzt. Diejenigen Geistlichen, Lehrer und Kandidaten der Theologie oder Philologie, welche sich dieser Prüfung zu unterziehen beabsichtigen, haben sich bis zum 11. Februar k. Js. schriftlich bei dem Königlichen Provinzial-SchulkoUcgim in Kassel zu melden. — Die Prüfungskommission ist für das Jahr 1896 aus folgenden Mitgliedern zusammengesetzt: Geh. Reg.-und Schulrath Kannegießer, Kassel, Vorsitzender; Regierungs- und Schulrath Dr. Roß in Wiesbaden; Reg.- und Schulrath Sternkopf in Kassel; Siminar-Direktor Lotz in Dillenburg; Oberrealschul-Direktor Dr. Quichl in Kassel; Seminar-Oberlehrer Franke in Ufingen.
Orb, 31. Dez. Bei der gestern dahier stattgehabten Holzversteigcrnng konnte man wieder sehen, wie von Jahr zu Jahr die Holzpreise bei uns im Steigen begriffen sind. So wurde z. B. der Meter Buchenscheit 1. Cl. durchschnittlich mit 8 — 8,50 Mk., Eichenscheit 2. Cl. mit 7 Mk. pro Meter bezahlt.
fj^Von der Rhön, 31. Dez. Die Bahn Mellrichstadt- Oztheim-Fladungen ist in den bayerischen Lokalbahn- gesetzentwurf ausgenommen worden, und somit deren Bau gesichert. Die Länge derselben beträgt 18.5 Kilometer, wovon 4,83 Kilometer auf weimarisches und 13,67 Kilometer auf bayrisches Gebiet entfallen. '
Mittelkalbach, 1. Jan. Am letzten Sonntag kam der 19jährige Sohn des Bauern Leo Raab beim Rübenschneideu so unglücklich in das Getriebe der