Neujahr 18®6.
Neues Leben — neues Hoffen! Ein jedes neues Jahr tritt in seiner ganzen Jugendfrische mit seinem Füllhorn von Hoffnungen an uns heran, einem jeden neuen Jahre tragen wir neue Wünsche und gar viele alte, unerfüllt gebliebene, entgegen — und wenn das Jahr sich seinem Ende naht, wie Wenige können doch mit voller Befriedigung auf dasselbe zurückblicken. Da geben wir armen Menschenkinder denn gar zu gern dem Jahre die Schuld, d. h. wir meinen damit die äußeren widrigen Umstände, die bewirkten, daß so vieles nicht nach Wunsch gegangen, wir meinen nnerwartete Ereignisse, Verhältnisse und Zustände, die uns nur gar zu oft einen Strich durch unsere klägliche Rechnung gemacht haben. Wieviel Schuld ein Jeder selbst an den unerfüllten Hoffnungen trägt, wieviel Aerger, Kümmernisse und Sorgen uns erspart worden wären, wenn wir selbst reiflicher mit uns zu Rathe gegangen wären, das überlegen die wenigsten. Und doch ist kein Tag im Jahre so sehr zum Ueberlegen, zur Einkehr in sich selbst geschaffen, wie der Tag des neuen Jahres. Zwar ein eigentlicher Festtag ist ja das Neujahrsfest nicht, soweit wir bei Festen an kirchliche Festtage denken; es liegt aber in der Menschen Natur begründet, daß man bei einem Zeitabschnitte, dem man infolge von Gewöhnung und vieler äußerlicher Umstände eine erhöhte Wichtigkeit beimißt, zurückblickt in vergangene Zeit, die Summe des Erlebten und Erstrebten und Erreichten zieht und eine neue Rechnung aufstellt für das Kommende. Und was ist es, das den Inhalt fast eines jeden verflossenen Jahres ausmacht? Viel Mühe, viel Arbeit, unaufhörliches Hasten und Jagen nach einem Gewinn in dem Kampfe ums Dasein — und wenig wirklich sonnige, helle Freudentage. Und wenn uns nun unwillkürlich die Jahreswende zu ernsterem Nachdenken, zum tieferen Sinnen stimmt und wohl auch die Frage sich auf die Lippen drängt: wieviel Frist ist uns noch gegönnt hienieden, — da steigt vor unserem geistigen Auge die ehrwürdige Gestalt des eisgrauen Patriarchen Moses herauf, der angesichts seines Grabes in die für alle Zeit gütigen Worte aus- bricht: „Der Mensch ist wie eine Blume, die da frühe blühet und bald welk wird; wenn der Wind darüber hinwehet, ist sie nimmer da und ihre Stätte kennet man nicht! Unser Leben währet siebenzig Jahre, nnd wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!" Wahrlich, man braucht kein Frömmler zu sein, um die ewige Wahrheit dieser Worte anzuerkennen.
Mühe und Arbeit! Freilich wohl ist das unser aller Loos, aber nur scheinbar und nur in gar zu trüben Zeiten ist es für uns Erdenbewohner ein bitteres Loos. Unter den vielen köstlichen Geschenken des Himmels ist doch die Arbeit das köstlichste; denn sie ist es vor allem, die unserem Erdenleben seinen Zweck und seine Weihe giebt. Und ist denn das Bewußtsein, seine Stelle ausgefüllt, seine Schuldigkeit gethan, zum eigenen Besten und zum Wohle der Gesammtheit gearbeitet zu haben mit voller Manneskraft, kein köstliches Bewußtsein? Der kann mit ruhigem Gewissen und gerechter Befriedigung zurückschauen auf das «bgelaufene Jahr, der in seinem Verlaufe fest gestanden hat in seinem Berufe; er darf mit hoffnungsfreudigem Herzen den neuen Abschnitt des Lebens begrüßen, an dessen Schwelle wir heute stehen, darf gefaßt entgcgenblickcu seinen nebelumhüllten Geschicken. Und wenn auch oft Wolken die leuchtende Sonne des Glückes verhüllen, wenn auch oft schwere und ernste Sorgen an einen Jeden unter uns herantreten — immer nur fest und mulhig der Zukunft ins Auge geschaut und immer mmhig vorwärts geschritten auf dem Lebenspfade, den Recht und Pflicht vorzeichnen! Die zaghaften Seelen aber, sie mögen Muth fassen in des Dichters Worten:
Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Gebärden,
Und streuet Schnee und Eis umher, —
E s in u ß doch Frühling werden!
Das ist die eine Seite der Lebensbetrachtungen, die wir am Neujahrstage wohl anstellen mögen. Nicht aber der starre E c n st allein ist es, mit dem man das Leben betrachten und genießen soll; denn erst das Lächeln ist es, das wie Sonnenstrahlen über die Mienen fliegt, das die Furchen der sorgenumhüllten Stirn glättet, was das Leben angenehm macht. Der Humor, nicht der wüste, übermüthige Scherz zwar, aber die stille, sinnige Heiterkeit, die dem Leben die beste Seite abzugewinnen weiß, ist es, die das Dasein zu einem frohen, menschenwürdigen macht. Damit ist nicht gesagt, daß der Mensch alles auf die leichte Achsel nehmen und mit Gleichgiltigkeit über die wichtigsten Dinge hinweggehen soll; der ächte und rechte Humor aber, der eben so sehr den Dingen ihre schwerste und bitterste Seite zu nehmen weiß, als er mit Wohlwollen und jenem Lächeln, das nicht wehe thut, den Schwächen der Mitmenschen gegenübertritt, er ist es, der die oft wild und hoch gehenden Wogen des Lebens zu beruhigen weiß. Und der ächte Humor, er erhält die Menschen gut und liebevoll, er öffnet die Herzen fremden Leid, er befördert die Milde und Duldsamkeit gegen andere. Deshalb möchten wir auch unsern Lesern als den besten Wunsch, den wir ihnen zum neuen Jahre widmen können, zurufen: Bewahret Euch alle den Humor, den Witz, die gute Laune im neuen Jahre! Dann wird das neue Jahr allen das sein, was wir von ganzem Herzen allen wünschen, ein:
glückliches, fröhliches Neujahr!
Deutsches Reich.
Berlin. In einer allerhöchsten Ordre Sr. Majestät des Kaisers an den Reichskanzler wird der Entschluß Sr.! Majestät bekannt gegeben, am 18. Januar 1896 zur Erinnerung an die vor 25 Jahren erfolgte Neubegründung des deutschen Reichs eine Feierlichkeit im hiesigen königlichen Schlosse zu Veranstalter!, welche Vormittags 10°|4 Uhr im Weißen Saale in den bei besonders feierlichen Reichstagseröffnungen üblichen Förmlichkeiten, insbesondere unter Benutzung der Reichsinsignien stattfinden soll. Dir Kaiser wird bei dieser Feierlichkeit eine Botschaft verlesen.
— Für die beiden ältesten kaiserlichen Prinzen hat der Hofmarschall Freiherr v. Lyncker in Ploen eine Villa angekauft. Im Ploener Schloßgarten wird für die kaiserlichen Kinder eine Eisenbahn-Haltestelle errichtet.
— Dem Kaiser hat der Papst durch den preußischen Gesandten Bülow den wärmsten Dank dafür aussprechen lassen, daß der Monarch die Beisetzung des verstorbenen Kardinals Melchers im Kölner Dom gestattet habe.
— Durch königliche Verordnung vom 23. Dezember ist der preußische Landtag zum 15. Jan. 1896 berufen.
— Der frühere Commandeur des Gardccoips von Meerscheidt-Hüllessem ist gestern Nachmittag am Gehirnfchlage gestorben.
— Das Tageblatt meldet aus Athen, daß Hammerstein, der sich dort unter dem Namen Herbart au'hielt, am Donnerstag durch bett Kriminal-Kommissar Wolfs verhaftet und nach Brindist befördert worden ist.
— Der bekannte Kriminalverteidiger, Dr. Fritz Friedmann, hat Berlin verlassen und wird freiwillig nicht nach dort zurückkehren. Zahlreiche Gläubiger betrauern beträchtliche Verluste, Klienten die gezahlten Vorschüsse. Trotz kolossaler Einnahmen ist Friedmann durch seine Spielwut in finanzielle Bedrängnis geraten, der er sich nun durch die Flucht entzogen hat. — Wie Friedmann seiner Frau mitteilt, beabsichtigt er in London den „Fall Kotze" zu schreiben uud hofft damit 50000 Mk. zu verdienen. Spiel und Luxus haben den einst so gefeierten Rechtsanwalt ruiniert, trotz seiner kolossalen Einnahmen von mindestens 150000 Mark pro Jahr konnte er nicht auskommen. Er hinterläßt massenhafte Schulden, sein Mobiliar ist bereits zur Deckung der Mietschuld versteigert. Friedmann hatte sich auch als Rechtsanwalt Dinge zu Schulden kommen lassen, die an und für sich nicht strafbar waren, aber ihn vor das Ehrengericht brachten, seine Ausschließung aus der Rechtsanwaltschaft stand bevor.
— Auf den Vorschlag des Lehrer-Kollegiums der
| Königl. laudwirthschaftlichen Hochschule in Berlin ist dem früheren Studirenden der Lnndwirthschnft, jetzigen Oekouomrekommissions- Gehülfen Wagener zu Kassel ein Reisestipendium von 1500 Mark verliehen worden, um das Rhöngebiet zu bereisen und die wirthschaftlichen Verhältnisse der Rhöngemeinden zu studiren. Wenn möglich, soll die Studienreise auch auf die Eifel und den Westerwald ausgedehnt werden.
— Durch königlichen Erlaß ist genehmigt worden, daß am bevorstehenden 18. Januar, dem 25jährigen Gedenktage der Proklamirung des Deutschen Reiches, in allen höheren, mittleren und niedrigen Schulen Preußens eine allgemeine Schulfeier veranstaltet werde. Diese Feier hat darin zu bestehen, daß an allen bezeichneten Schulen der Unterricht an jenem Tage ausfällt; daß von den Lehrern in geeigneten Ansprachen die Bedeutung des Tages den Schülern in einfacher, zu Herzen dringender Weise vorgeführt und daran eine gemeinsame, aus Gesang und Deklamation bestehende patriotische Schulfeier angeschlossen wird.
— Die Großstädte Deutschlands. Nach der letzten Volkszählung haben folgende Städte über 100 000 Einwohner:
Berlin
1 676 352
Stuttgart
157 700
Hamburg
622 745
Altona
148 811
München
405 523
Bremen
.141937
Leipzig
398 448
Stettin
140 277
Breslau
372 687
Elberfeld
139 569
Dresden
334 066
Straßburg
135 313
Köln
320 056
Charlottenburg
132446
Frankfurt a.
M. 228 750
Barmen
126502
Magdeburg
214 447
Danzig
125 700
Hannover
209116
Halle
116207
Düsseldorf
175861
Braunschweig
114686
Königsberg
171640
Dortmund
1112TB
Nürnberg
160962
Erefeld
107266
Chemnitz
160243
— Einem Artikel der „Post" über die Lage deS Mittelstandes entnehmen wir die folgende Stelle: .....So sehen wir, daß der Meister der kleinen Stadt, wenn er sich auch durch die Krisis des Hand- werks vielleicht eher hindurchwinden mag, als der großstädtische, doch auch unter der Ungunst der Verhältnisse schwer zu leiden hat. Und diese schwierige Lage des Mittelstandes bewirkt zusammen mit der landwirth- schaftlichen Nothlage die Entvölkerung der kleinen Städte, besonders in den östlichen Provinzen. Für den Staat ist diese Entwicklung sehr bedenklich, denn weitaus der größte Theil der Elemente, die der kleinen Stadt den Rücken wenden, verfällt dem großstädtischen Proletariat. So wird es denn Sache des Staates sein, auch gerade die Lage des Mittelstandes zu verbessern und ihm wirksame Hilfe angedeihen zu lassen.
* — Verluste bei den Raisseisen'schen Kassen. Die Vertreter der Raisseisen'schen Darlehnskassen behaupten stets in Wort und Schrift, daß Verluste bei diesen Kassen unmöglich seien; es ist aber wiederholt nachgewiesen, daß bei denselben Konkurse wie bei anderen „Systemen" vorgekommen und daß aus den Bilanzen sich hier und dort Uebcrschuldung ergebe. Wir erhalten nun die offizielle Bestätigung dieser Ansicht, denn die offizielle „Berl. Corresp." schreibt: „Der Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten hat es abgelehnt, einem durch mangelhaftes Gefchäftsgcbahren in eine mißliche Lage gerathenen Darlehnskassenverein (Borken bei Cassel) die erbetene staatliche Beihilfe zu gewähren, nnt nicht das Gefühl der Verantwortlichkeit bei den Theilnehmern ländlicher Erwerbs- und WirthschaftS- genossenschaften herabzumindern und dadurch die ganze Entwickelung des Genossenschaftswesens zu gefährden. Aus demselben Grunde ist auch seither grundsätzlich dergleichen Genossenschaften bei eintretenden geschäftlichen Verlusten keine Staatshilfe zu Theil geworden. Sämmtlichen Ober- und Regierungs-Präsidenten ist dies mit dem Bemerken mitgetheilt worden, daß um so mehr daran festgehalten werden müsse, als anderenfalls bei dem erheblichen Aufschwünge, den das ländliche Genossenschaftswesen neuerdings genommen, zugleich eine unverhältnißmäßig starke Belastung der Staatskasse die Folge sein könnte." Man kann sich darnach leicht eine Vorstellung machen, wie oft „in mißliche Lage gerathene Darlehnskassenvereine" sich an die Regierung mit der Bitte um Unterstützung gewendet haben!
* — Das Einkommen der Gerichtsvollzieher soll