KchtuchtemerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 100.
Samstag, den 14. Dezember
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat dem Entwurf der Arbeiterschutz- bestimmungen für das Bäckereigewerbe nach den Vorschlägen des Münsters von Berlepsch zugestimmt. Es handelt sich, nach der Frkf. Ztg., darin vorzugsweise um den Erlaß von Vorschriften über die Begrenzung der Arbeitszeit und um eine Besserung der Logis - und Schla'räume, für deren Unzulänglichkeit die sozialistische Kommission eine Fülle von überzeugendem Material gesammelt hatte.
Aus Holstein. Der Schaden, der durch Ueber- schwemmungen und Deichbrüche im westlichen Holstein angerichtet worden, ist entsetzlich. Ganze Dörfer, wie Kollmoor und Winselirorf stehen unter Wasser. Zahlreiche Bewohner sind geflüchtet. Viele Wrackstücke sind an die Küste getrieben. An der Westküste, wo das Meer, nach den vorliegenden Riffen zu schließen, schon bedeutende Strecken abgenagt hat, ist augenblicklich die Gegend bei Ferring (zwischen dem Aggersund und dem Nissumfjord) besonders bedroht. Im Jahre 1894 sind an manchen Stellen bis zu 70 Meter weggerissen; einige Häuser liegen nur noch 40—45 Meter vom Ufer entfernt. Wenn die Brandung bei heftigen Stürmen die Küste peitscht, zittert der ganze Boden um die Häuser und große Stücke stürzen mit Gekrach in den Abgrund.
Hamburg, 9. Dez. Die Sturmfluth am Freitag und Sonnabend hat hier und in Altona großen Schaden angerichtet; er wird auf Hunderttausende geschätzt. In den an der Elbe belegenen Straßen waren fast alle Keller bis zur Decke überschwemmt. Ungeheure Waaren- vorrüthe sind verdorben resp, unbrauchbar geworden. Niemand glaubte, daß die Fluth eine > solche Höhe erreichen würde. In Altona mußten Alle aus der Fischauktionshalle flüchten, da das Wasser plötzlich rapide stieg und bald die tiefer gelegenen Straßen übe stuthete. Der Verkehr wurde während des ganzen Tages mit Kühnen bewerkstelligt. Der Verkehr auf den elektrischen Straßenbahnen sowie auf den Pferdebahnen erlitt eine unliebsame Störung. Man befürchtet, daß bei dem Sturm zahlreiche Schiffe auf der Nordsee verunglückt sind. Eine Anzahl Hochseefischerfahrzeuge ist bereits überfällig.
Hamburg, 9. Dez. Der „Hamburgische Korrespondent" meldet: Ein dänischer Viehtransportdampfer von Esbjerg, der schon für verloren gehalten worden war, ist gestern nach viertägiger, äußerst gefährlicher Reise hier eingetroffen. Der Dampfer wurde bald nach dem Abgänge von Esbjerg von einem gewaltigen Sturme überrascht. Der Kapitän konnte den Kurs nicht halten, so daß das Schiff der englischen Küste zutrieb. Nun ließ der Kapitän die Lücken schließen. Die Seeleute hatten während der Fahrt schwer unter dem Mangel an Proviant zu leiden. In dem von der Luft abgesperrten Viehraume waren 255 Rinder, von denen viele erstickten, andere zertreten oder schwer verletzt wurden. Das Brüllen der Thiere übertönte, wie die Bemannung erzählt, selbst das Heulen des Sturmes. Nachdem der Wind abflaute, gelang es, das Schiff wieder in den richtigen Kurs zu bringen. Beim Oeffnen der Lücken, das unter Aussicht der Veterinärpolizei erfolgte, bot sich ein entsetzlicher Anblick. 124 Stück Vieh konnten lebend nach der Ouarantäncstation gebracht werden; etwa 100 Rinder lagen todt umher; die übrigen, die schwer verletzt waren, wurden unter thierärztlicher Aufsicht an Bord geschlachtet.
Danzig, 10. Dez. Vor dem hiesigen Schwurgericht begann heute die Verhandlung gegen den seit dem 8. Mai d. I. in Haft befindlichen Direktor der Aktiengesellschaft „Weichsel", Alexander G:bsone, den seinerzeit der eigene Vater als Vorsitzender des Aufsichtsraths der genannten Gesellschaft dem Staatsanwalt überlieferte. Bei der verantwortlichen Vernehmung gestand der Angeklagte im Wesentlichen zu, die Gesellschaft durch eigene Wechselaccepte im ungefähren Betrage von 160,000 Mk., ferner im Jahre 1892 durch Ausgabe vvu 114 Stück und 1894 durch 86 Stück gefälschter Aktienduplikate zu 1000 Mk. geschädigt, falsche Bilanzen gestellt und unrichtige Buchungen gemacht zu haben, um die wahre Sachlage zu verdunkeln. Er wurde wegen Aktien, fälschung in zwei Füllen, Betrug und Münzvergehen in je einem Fall zu sieben Jahren Zuchthaus, 6000 Mk. Geldstrafe, eventuell noch acht Monate Zuchthaus und sieben Jahren Ehrverlust verurteilt.
Drewitz. Eine wohlhabende Zigeunerbande, die mit
neun Wagen reist, hat sich vergangene Woche in Drewitz (Mark Brandenburg) aufgehalten. Einige gaben im Saale des Herrn Fuchs Vorstellungen, denen kein großer Werth beizumessen war. Sie hatten sich, wie es schien, dort versammelt, um eine fröhliche Hochzeit zu feiern. Da kein katholischer Geistlicher zu haben war, kam es zu keiner Trauung — aber gefeiert wurde doch. Bier und Wein flossen reichlich, denn die Leute hatten so viel Geld und Pomp, daß wohl manches andere Menschenkind sie darum beneidete. Die schönen Wohnungswagen waren mit wertvollen, wohlgenährten Pferden bespannt, die mit Neusilber beschlagenen glänzenden Geschirren versehen waren. Einige der recht behäbigen Zigeunerbarone zeigten bis zu 20000 Mark in Papieren, die goldene Uhr mit Kette des einen wurde von Kennern auf 800 Mark taxiert. Mehrere ihrer Frauen trugen schwere, aus Zehn- und Zwanzig- markstückeu angefertigte Ohrringe im Werte von 80 — 120 Mk. das Paar.
München, 11. Dez. Der Anführer der Räuberbande, welche seit einiger Zeit die Umgebung von Mainburg in Niederbaiern unsicher machte und im November unter anderem einem Karriolpostwagen beraubte, mit Namen Johann Leidig, ist bei Mainburg festgenommen worden.
Zu 15 Jahren Gefängnis verurtheilte die Strafkammer zu Mosbach (Baden) den 17jährigen Doppelmörder Arnold von Walldürn. Der jugendliche Verbrecher hat am 15. August den 51jährigen Landwirth Wilhelm Mehl erschlagen und sodann den 16jährigen Dienstknecht Wilhelm Hilbert, der zufällig Zeuge des Mordes wurde, ebenfalls umgebracht.
Göttingen. Heute früh explodirte im hiesigen chemischen Laboratorium ein gläserner Gasometer. Professor Wallach, dem ein Glassplitter in den Gehörgang drang, und zehn Studenten sind schwer verletzt, die übrigen leicht, darunter eine Dame.
In Düren (Rheinland) hat ein 22jähriges Mädchen in einem Anfall religiösen Wahnsinns ihre Kleider mit Petroleum begossen, angezündet und einen qualvollen Tod erlitten. Sie hatte vorher erklärt, den Märtyrer- tod sterben zu wollen.
Essen, 10. Dez. In der Dahlhauser Zeche Tiefbau entstand Feuer im Waschraum, ergriff alle Gebäude und den Schacht, aus dem 50 Leute mit größter Lebensgefahr gerettet wurden.
Lokales und Provinzielles. Schlüchtern, 13. Dez.
* — Künftigen Sonntag wird der hiesige ev. Jünglingsverein wieder einen seiner rasch beliebt gewordenen Familienabende im großen Saale des „Hessischen Hof" verunstalten. Das in der Annonce angekündigte Programm verspricht eine reiche Abwechslung und anregende Unterhaltung. Um der Ueberfüllung des Saales vorzubeugen, welche" bisher jedesmal von den Besuchern unangenehm empfunden wurde, hat man die Einrichtung grtroffen, daß nur die mit einer seitens des Jünglingsvereins ausgestellten Eintrittskarte Versehenen Zntritt haben. Solche Eintrittskarten können aber, soweit der Vorrath reicht, unentgeltlich abgeholt werden bei Herrn Pfarrer ^attenborff oder im neuen Hospitale. Wir wünschen dem Unternehmen wie bisher auch weiterhin guten Verlauf und segensreichen Erfolg.
* — In der Stadtrath-Sitzung vom 11. Dezember wurde die Biersteuer-Vorlage mit allen gegen eine Stimme angenommen. Man ist im Allgemeinen über diesen Beschluß in der Bürgerschaft sehr erfreut.
* — Die neuen Quittungskarten der Juvaliditäts- und Altersversicherung sind mit 56 Markenfelturn versehen, die sämmtlich vor dem Umtausch der Karten beklebt werden können. Die früheren Karten hatten bekanntlich nur 52 Felder.
* - - Aus der Strafkammer-Sitzung vom 9. Dez. Die am vorigen Donnerstag vertagte Verhandlung gegen die Dienstmagd Margarethe Rüffer von Breitenbach wurde fortgesetzt. Die bestohlene Frau Frischkorn hat bei ihrer kommissarischen Vernehmung ihre früheren Angaben, daß der Schmalztopf ihr Eigenthum und der abgebrochene Löffel von Blech gewesen sei, auf das bestimmteste wiederholt. Die Zeugin, welche in der vorigen Sitzung behauptete, der Löffel sei von Holz gewesen, konnte ihre Aussage heute nicht aufrecht erhalten; sie ist ein noch junges Mädchen von kaum 16 Jahren und kann sich bei ihrer augenscheinlichen
Beschränktheit sehr wohl irren. Das Gericht hält die Angeklagte trotz ihres hartnäckigen Leugnens des schweren Diebstahls für überführt und erkennt auf eine Gefängnißstrafe von 6 Monaten. — Der Steinrichter Bürtel von Gundhelm hatte drei Personen des Diebstahls beschuldigt, mußte aber schließlich zugeben, daß seine Angaben unwahr seien. Wegen falscher Anschuldigung muß er nun mit 1 Monat Gefängniß büßen; den betreffenden Personen wurde auch die Befugniß zugesprochen, das Urtheil am Gemeindebrett anzuschlagen.
Aus der Vorderröhn, 10 Dez. Die Obstbaumzucht, die lange Zeit hindurch arg darniederlag, wird gegenwärtig selbst in den klimatisch weniger bevorzugten Orten mit großem Eifer und gutem Erfolg gepflegt. Auch das kleiuste Dörfchen besitzt zur Zeit seine eigene Baumschule, in welcher von kundiger Hand die Jugend, und wer sonst Interesse zeigt, die nöthige theoretische und praktische Unterweisung erhält. Bei der Veredelung ist man besonders darauf bedacht gewesen, möglichst solche Obstsorten zu gewinnen, welche auch ein etwas rauhes Klima vertragen können. Mehrere Rhöndörfer haben in den letzten Jahren bereits schöne Einnahmen als Lohn für ihre Mühe zu verzeichnen gehabt.
* Salmünster, 11. Dez. Herr Thierarzt Hofmann, welcher sich vor ca. 7 Monaten in Orb niedergelassen hatte, hat seit dem 1. Dezember er. seine Praxis niedergelegt und ist, wie man hört, nach Berlin übergesiedelt.
Orb. Das Ergebniß der Volkszählung vom 2. Dezember 1895 in hiesiger Stadt ist folgendes: Männliche Personen 1601, weibliche 1839, in Summa 3440 Personen gegen 3311 im Zähljahre 1890. Gelnhausen, 9. Dez. Bei der am 2. d. Mts. stattgefundenen Volkszählung betrug die ortsanwesende Bevölkerung 4487 Personen (männl. 217 7, weibl. 2310). — Die Spessartbahn Gelnhausen-Bieber wird am 15. d. Mts. für den Personenverkehr eröffnet.
Hanan hat 27,642 Einwohner gegen 25,013 in 1890.
Frankfurt hat 228,750 Einwohner.
Wiesbaden, 9. Dez. Der Schneidermeister Dowe, der Erfinder des kugelsicheren Panzers, ist diese Nacht hier gestorben. Er war geboren am 11. März 1859 zu Mannheim. Noch vor wenigen Tagen hatte er sich mit seiner unter dem Namen „Miß Diana" aus seinen Vorstellungen bekannten Begleiterin ehelich verbunden. — Die. Kosten der Neuausstattung von „Julius Cäsar" am königlichen Theater dahier belaufen sich auf ca. 25000 Mark.
Fritzlar, 9. Dez. Nach der am 2. d. Mts. vorgenommenen Volkszählung hat unsere Stadt 3277 Einwohner, es ist mithin keine Zunahme, sondern eine Abnahme an der Einwohnerzahl zu verzeichnen.
Kassel hat 80,923 (Zunahme 8,837 Personen).
Eschwege hat 10,240 Einwohner. (1890: 9760.)
Nctra, 7. Dez. Herr Dr. Worg brächte gestern einen Seeadler mit nach Netra. Heute wurde derselbe in den Schulen dahier vorgezeigt. Gefangen ist der Adler vom Postboten aus Dotterode im Walde daselbst. Als der Postbote nämlich unter einem Baume rastete, hörte er plötzlich über sich ein mächtiges Geräusch und gleich darauf stürzte das Thier, gänzlich ermattet, vor ihm nieder. Die Flügelweite mißt 2,50 Meter. Heute befindet sich derselbe, nachdem er einen Hasen verzehrt und Wasser erhalten hatte, ganz wohl. Zu sehen ist der Adler bei Gastwirth Michel.
Rotenburg hat 3009 (Zunahme 69 Personen).
Hersfeld hat 7387 (Zunahme 706 Personen).
Fulda hat 14,505 Einwohner gegen 13,125 in 1890.
Der falsche Herr Lieutenant.
Militär-Humoreske von A. Müller.
(Fortsetzung.)
„Herr Rittmeister, unsere beiden Handwerker, Schönwald und Pulst,. sind heute Nacht im Revier umhergezogen, Schönwald mit dem Rock deS Herrn Grafen Hentink, als O fixier verkleidet, Puht mit brennender Laterne in der Hand, wie ein Stallwach- habender, und haben die Rekruten erschreckt, welche glaubten, daß ein Offizier das Revicr ableuchten wolle."
„So? Jh, was Sie sagcn?" Rittmeister von Send- ling blickte vor sich hin eine Weile, dann drehte er sich