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SchlüchtemerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Ps.

M 99.

Mittwoch, den 11. Dezember

1895.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat die beabsichtigte Reise nach Springe aufgegeben und ist von Hannover nach Berlin zurückgekehrt, wo er Sonntag Abend mit sämmtlichen Herren des Hauptquartiers der Menzel-Feier beizu- wohnen gedachte.

Der König von Sachsen trifft Donnerstag in Berlin ein, um Freitag an einer Hofjagd im Grüne- Wald theilzunehmen.

9. Dezbr. Der Kaiser genehmigte das Abschiedsgesuch des Ministers v. Köller unter Belastung des Titels und des Ranges eines Staatsministers und verlieh ihm den Rothen Adlerorden erster Klasse. Gleichzeitig wurde der Regierungspräsident von der Recke zum Staatsminister und Minister des Innern ernannt.

Anläßlich des 100jährigen Bestehens der Pepiniere erließ der Kaiser eine Kabinetsordre, die be­stimmt, daß die jetzt bestehenden militärärztlichen Bildungs­anstalten, dasMedizinisch - Chirurgische Friedrich Wilhelm Institut" und dieMedizinisch Chirurgische Akademie für Militär" in Uebereinstimmung mit ihrer Entwickelung zu einer Anstalt vereinigt werden, unter dem NamenKaiser Wilhelm-Akademie für das militär- ärztliche Bildungswesen". Die Genehmigung der weiteren Organisation sich vorbehaltend, erkennt der Kaiser die Verdienste der militärärztlichen Bildungsanstalten um die Ausbildung der Militär- und Marineärzte an.

Entgegen der Meldung, daß die grauen Mäntel für die Offiziere und Mannschaften des Heeres wieder abgeschafft werden sollen, können wir mittheilen, daß eine solche Aenderung in der Uniformirung nicht beab­sichtigt ist, da nach allen bis jetzt eingegangenen Berichten das Helle Tuch sich sehr gut bewährt.

Dem Reichstage sind jetzt auch die Gesetzentwürfe gegen den unlauteren Wettbewerb und betreffend die Konsumvereine zugegangen.

Freihändiger Verkauf unbrauchbarer Eisenbahn- materialien. Abweichend von dem bisherigen Verfahren, wonach unbrauchbare Materialien nur im Wege der öffentlichen Ausschreibungen seitens der Eisenbahn- Verwaltungen veräußert wurden, hat die Berliner Eisenbahn-Direktion die ihr unterstellten Inspektionen jetzt ermächtigt, die für Eisenbahnzwecke nicht mehr verwendbaren Oberbau- und Baumaterialien sowie alte Werkstattsmaterialien freihändig zu veräußern, wenn bie Veräußerung für die Eisenbahnverwaltung finanziell Vortheilhaft ist. Der Verkaufspreis soll von Fall zu Fall unter Berücksichtigung der Güte des zu Verkaufenden Materials von den Inspektionen ermittelt werden. Der von der Direktion festgesetzte Mindestpreis darf aber nicht herabgesetzt werden; auch dürfen die den Einzelläufern zuzuweisenden Mengen keine Erhöhung erfahren. Im Nachstehenden geben wir eine Zusammen­stellung der den einzelnen Käufern zuzuweisenden Mengen und der Mindestpreise. Von allen unbrauch­baren eisernen Schienen dürfen an jeden Einzelverkäufer nur 10 Meter zum Preise von 5,50 Mk., von alten unbrauchbaren stählernen Schienen 10 Meter zu 5 M, per 100 Kg. Kohlenschlacke (ausgesiebte Kohlenrückstünde)

5 Kubikmeter zu 1 Mk. per Kubikmeter. Kohlenschlacke (nicht ausgesiebte Kohlenrückstände) 5 Kubikmeter zu 65 Pf. per Kubikmeter, Stahlschrott bis zu Vs Wagen­ladung zn 4,85 Mk. per 100 Kg Radreifen ohne Nute bis '/, Wagenladung zu 5,27 Mk. per 100 Kg., Radreifen mit Nute dcsgl. A 4,37 Mk., Eisenschrott desgl. zu 4,30 Mk., Blechschrott desgl. zu 4,04 Mk., Siederohrabschnitte desgl. zu 4,04 Mk., eiserne Dreh­späne desgl. zu 3,88 Mk. Schienenab äste desgl. zu 4,29 Mk. per 100 Kg. Außerdem können zur thun- lichsten Ausnutzung der Werkstattslagerräume sowie zur Bewahrung vor Motteuschaden auch diejenigen Materialien in geringeren Mengen freihändig verkauft werden, für welche nach den gemachten Erfahrungen in den öffent­lichen Ausbietungen im allgemeinen günstige Angebote bisher nicht abgegeben worden sind.

Breslau. Zu dem Besuch des Kaisers beim Fürst­bischof Kopp in Breslau schreibt dieSchles. Bolksz.": Der Kaiser hat etwa 2'/, Stunden bei dem Kardinal verweilt. Anläßlich dieses hohen, alle Katholiken mit großer Freude erfüllenden Besuches des Kaiser und Königs bei unserem hochwürdigsten Oberhirten sei darauf hingewiesen, daß seit dem letzten Besuche eines preußischen Königs in der Fürstbischöflichen Residenz zu Breslau mehrere Jahrzehnte vergangen sind. Da­

mals war es König Friedrich Wilhelm IV., der dem Kardinal v. Diepenbrock einen Besuch abstattete."

Pleß. Was eine Hochwildjagd kostet. Die Aus­gaben für das Hochwild im Fürstenthum Pleß betrugen im verstoßenen Wirthschaftsjahre 120000 Mark, die Einnahmen dagegen nur 20000 Mark, mithin kostet dem Fürsten von Pleß die Hochwildjagd 100000 Mark pro Jahr, und zwar ohne Berechnung der verschostenemMunition.

Posen. Die russischen Behörden haben die strengste Bestrafung der Personen, welche an dem kürzlich auf preußischem Gebiete, in Polanowo, von russischen Grenz­soldaten verübten Raubmorde betheiligt sind, in Aus­sicht genommen. Der Oberst und der Lieutenant des Truppentheils, dem die Thäter angehören, sind kassirt worden. Die Thäter selbst werden kriegsgerichtlich ab- geurtheilt werden. Die russische Regierung zahlt 150,000 Rubel Entschädigung für die von russischen Grenzsoldaten ermordete deutsche Gastwirthin.

Köln a. NH., 5. Dez. Seitens der Staatsanwalt­schaft wird der Schlosser Bernrath aus Essen gesucht, weil er dringend verdächtig ist, das junge Mädchen aus Wesel, dessen Leiche jüngst im Rheine gefunden wurde, ermordet und beraubt zu haben. Man hat ihn zuletzt mit dem Mädchen gesehen. Verschiedene Umstände deuten darauf hin, daß Bernrath das Mädchen gewalt­sam entführt, erdrosselt, beraubt und alsdann die Leiche in den Rhein geworfen hat.

Mainz. In einem der ersten Hotel-Restaurants in Mainz feierte dieser Tage einer der Stammgäste den 40. Jahrestag, an welchem er zum erstenmal das Gastzimmer betreten hatte. Zu Ehren dieses Tages gab der Wirth ein hochfeines Frühstück, bei dem die auserlesensten Weine serviert wurden. Bei dieser Ge­legenheit theilte der Jubilar mit, daß er während der 40 Jahre wohl rund 35 Stück Wein oder 84 000 Schoppen vertilgt hätte. Rechnet man, daß der Stammgast zum Mindesten für das Stück Wein 1 000 Mark bezahlt hat, so sieht man, welche Summe durch diese eine Kehle gerollt ist.

Wiirzbnrg, 5. Dez. Die Kaution von 80.000 Mk, die der vielgenannte, wegen der Kissinger Vorgänge seiner Zeit zu vierzehn Tagen Gefängniß verurtheilte Amerikaner Stern gestellt hat, ist verfallen, nachdem Stern den zweiten Termin, der ihm zum Antritt der Strafe gestellt war, hat vorübergehen lassen, ohne sich in Würzburg einzufinden. Der hier in Haft befind­liche Stuhlmacher Weber aus Hühnerseld hat gestanden, den Schuhmacher Vögel &i Erlenbach ermordet und beraubt zu haben.

Rendsburg, 6. Dez. Infolge heftigen Nordwest- sturmes ist der Wehraudamm durchbrochen, so daß das Wasser der Eider sich mit großer Kraft in den Nordost­kanal ergießt. Die Herstellung eines Nothdammes ist bisher nicht gelungen.

Papenburg, 3. Dez. In den Emswiefen, unweit des Dorfes Rhcde, wurde von einem Jäger ein äußerst seltener, storchartiger Vogel erlegt. Es ist ein sogen, ostindischer Marabu (Ciconia marabu), welcher auch den Namen Kropfstorch trägt. Wie es kommen kann, daß dieser in Indien beheimathete Vogel sich nach Deutschland verirren konnte, wäre interessant festzustellen.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 10. Dez.

* Die Gesammtzahl der Einwohner Schlüchtern am 2. Dezember 1895 beträgt 2742. (1890: 2674).

* - Der um 7 Uhr 55 Min. fällige Personenzug von Bebra hatte am Samstag Abend eme Verspätung von fast zwei Stunden, welche dadurch veranlaßt war, daß in der Nähe von Meklar die Lokomotive mit einem Fuhrwerk der Engelhard'schen Brauerei in Hersfeld an einem Bahnübergang zusammenstieß. Der Wagen wurde zertrümmert und der Fuhrmann auf die Seite geschleudert, ohne daß jedoch letzterer erhebliche Verletzungen davon- trug, auch scheint das eine Pferd ohne erheblichen Schaden davongekommen zu sein. Die Lokomotive war beschädigt, so daß der Zug längere Zeit auf der Strecke stehen mußte, bis ein Güterzug denselben bis zur Station Hersfeld schob, wo eine neue Lokomtive abgewartet werden mußte, um dann ohne weitere Fährnisse weiter befördert zu werden.

* Betreffs der Jagdscheine hat der Landwirth- schaftsminister in einem kürzlich ergangenen Erlasse in Ausführung des neuen Jagdscheingesetzes angeordnet,

daß die Gendarmen angewiesen werden, bei allen Jagden, deren Abhaltung zu ihrer Kenntniß käme, sowie überhaupt in allen Fällen, wo sie Jemand bei Aus­übung der Jagd beträfen, nach dem Jagdschein zu fragen und ohne Rücksicht der Person Kontraventions- fälle zur Anzeige zu bringen. In dem Erlaß wird hingewiesen, daß mit ausdrücklicher Genehmigung des Kaisers auch die auf Hofjagden oder als Jagdgäste in Begleitung des Kaisers befindlichen Personen mit einer Revision der Jagdscheine nicht verschont werden sollen.

Auch der Civilrichter kann Haftstrafen verhängen wegen Ungebühr vor Gericht, was vielen Leuten noch unbekannt zu sein scheint. Vor dem Civilrichter des Amtsgerichts II Berlin benahm sich ein Verklagter recht ungebührlich, so daß er vom Richter wiederholt verwarnt werden mußte. Als der Verklagte schließlich eine ihm vorgelegte Quittung als einenWisch" bezeichnete, riff dem Richter der Geduldsfaden. Der Mann wurde zu einer sofort zu verbüßenden Ungebührstrafe von 3 Tagen verurtheilt und gleich nach der Verhandlung in das Untersuchungsgefängnis übersührt.

* Aus der Strafkammer-Sitzung vom 5. Dez. Sie Dienstmagd Margarethe Rüffer von Breitenbach war angeklagt, sich in der Nacht vom 27. auf den 28. März in das Haus ihrer früheren Dienstherrschaft in Niederzell in diebischer Absicht eingeschlichen und einen Topf Schweineschmalz von 7 bis 8 Pfund, 10 Gänsecier, einen Krug mit Oel, zwei Töpfe mit süßer Milch u. s. w. entwendet zu haben. Die An­geklagte ist am Morgen des 28. März, einen Korb tragend, einem Handelsmann begegnet und wurde bei der vorgenommenen Haussuchung auch ein Topf mit Schmalz gefunden, den die bestohlene Frau Frischkorn in der Voruntersuchung bestimmt als ihr Eigenthum wieder erkannte, da der abgebrochene Löffel noch im Schmalz steckte. Dieser Löffel soll nun, nach Aussage eines Dienstmädchens, das jetzt noch bei Frau Frisch- körn im Dienst steht, nicht von Zinn oder Blech, wie der dem Topf beigefügte, sondern von Holz, aber eben« mild abgebrochen gewesen sein. Da die Frau Frischkorn infolge Krankheit zum heutigen Termin nicht erscheinen konnte, so wurde beschlossen, dieselbe kommissarisch in ihrer Wohnung zu vernehmen, um die Widersprüche mit dem Löffel aufzuklären. Die Verhandlung wurde des­halb vertagt.

Aus der Rhön, 4. Dez. Durch das kürzlich er­folgte Ableben des Badepächters Herrn Jos. Metzner ist das k. Mineralbad Brückenau pachtfrei geworden, nachdem die Relikten den Betrieb nicht weiter zu führen gedenken. Unter der Vewaltungsperiode des verstorbeuen, allzeit thätigen und opferwilligen Badeverwalters hat das durch die Vorzüge einer seltenen Naturschönheit weitbekannte Bad einen namhaften Aufschwung in allen Beziehungen erfahren. Insbesondere ist der Ruf der Wernarzer Quelle ein weitverbreiteter, indem diese Heilquelle mit Recht den berühmten Mineralwässern von Vichy und Wildungen von Autoritäten an die Seite gestellt wird. In Folge dessen ist der Versandt der Wernarzer Quelle in Bad Brückenau, welches nun nicht ohne Grund als bayrisches Wildungen bezeichnet wird, in außerordentlicher Weise gestiegen und hat im laufenden Jahre schon bis jetzt hunderttausend Flaschen überschritten.

Hauswurz, 5. Dez. Heute Nacht 3 Uhr weckte die Sturm-Glocke unsere Einwohner aus dem Schlafe. Mächtiger Feuerschein rötete den südlichen Himmel. Feuer in Kauppen! Das Anwesen des Bauern G. K. stand in hellen Flammen. Kauppen selbst hat keine Spritze und keine Feuergeräthe. Bis die Hauswurzer Feuerwehr ankam, war die Scheune schon mit ihrem Inhalte eine Beute der Flammen geworden und rasch stand das ganze Wohnhaus in Brand. Es erschien zwar bald auch die Feuerwehr von Buchenrod und Weidenau, aber da der furchtbare Sturmwind die Flammen von Neuem immer wieder anblieS, war alle Mühe, den Betroffenen wenigstens ein Winterquartier zu retten, vergeblich. Ein wahres Glück war es, daß das brennende Anwesen ziemlich allein stand; bei diesem nächtlichen Unwetter wäre ein das Dörfchen zerstörender Verheerungsbrand entstanden, dem man nur stumm und verzweifelnd hätte zuschauen können. Mit knapper Noth wurde das Vieh in Sicherheit gebracht, denn mit rasender Schnelligkeit griff das Feuer um sich, sodaß nur weniges Hausgeräth gerettet werden konnte,