WuchtmWckung
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Mittwoch, den 4. Dezember
1895.
Teutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser traf am Donnerstag Abend in Neu-Gattersleben ein. Am Freitag Vormittag gegen 9 Uhr erfolgte der Aufbruch zur Jagd. Am Abend reiste der Kaiser zurück. — Montag früh hat sich der Kaiser mittelst Sonderzugcs nach Breslau begeben. Die Rückkehr dürfte voraussichtlich am Mittwoch früh erfolgen.
— Die grauen Mäntel der Offiziere und Mannschaften sollen, wie verlautet, nicht weiter beschafft werden. Man will zu dem alten bewährten Mantel- tnch zurückkehren.
— Auf einen Aufruf der Frauen Frankreichs vom internationalen Frauen-Friedensbund an die deutschen Frauen ist von den Frauen der deutschen Friedens- gesellschaft folgende Antwort ergangen: „Wir halten es für möglich und ausführbar, internationale Streitfragen auf friedlichem Wege durch Schiedsgerichte zu schlichten. Im Hinweis darauf, daß in der Jetztzeit ein Kchg zwischen den Völkern ein unabsehliches Blutbad anrichtM würde, das die edelsten Krücke der Nation zu vernichten und alle Behelligten gleich schwer treffen würde, erwächst für die Frauen die Aufgabe, sich den Fricdcüs- destrebungen anzuschließen und die Jugend in der Ueberzeugung zu erziehen, daß das Ideal der menschlichen Gesellschaft ein internationaler Frieden ist und daß Thaten der Nächstenliebe und Gerechtigkeit mehr der Menschenwürde entsprechen, als der KrieMuhm. So reichen wir den Frauen Frankreichs, Englands und denen der anderen Nationen, die für die Friedensbestrebungen eintreten, die Hand, um soviel es in unserer Macht steht beizutragen, für die Verwirklichung des Völkersriedens einzutreten.
— interessante Angaben über die Gefängnißarbeit in der Textilindustrie machte in Berlin der Referent einer öffentlichen Weber- und Wirkerversammlung am Montag Abend. Zwanzig Berliner Firmen der Textil- branche beschäftigen über 20000 Strafgefangene, in Zuchthäusern, Gefängnissen und Korrekttonsanstalten. In Plötzenfee sind allein 300 Gefangene in der Wirkerei thätig. Infolge der Ausdehnung der Gefängnißarbeit sind bie Berliner selbständigen Wirker fast sämmtlich zu Grunde gegangen und die Löhne um 50 Prozent gesunken. Von dem Rückgang der Löhne sind besonders schwer betroffen die Arbeiterinnen der Strump'strickerei; der Verdienst beträgt für Erwachsene 8—9 Mk., für jugendliche Arbeiterinnen 3—5 Mk. pro Woche. Bei der Gleichstellung der Löhne zwischen Gefängniß- und freien Arbeitern, die ein Erlaß des Ministeriums bezweckt, kommt für die Berliner nichts heraus, da als Grundlage die Löhne derjenigen Orte angenommen werden, wo die Strafanstalten liegen.
* — Fragwürdige Kaliunternehmungen. Unter diesem Titel warnten wir vor einigen Wochen vor dem Treiben, welches sich bei dem Handel mit den Antheilen mancher Kalibohrgesellschaften entwickelte. Inzwischen ist denn auch auf diesem Gebiete eine Art Krach eingetreten. Von den Dutzenden Gcsellschaftsanthciien, nach denen vor Wochen lebhafte Nachfrage herrschte, sind jetzt die meisten ohne Geldnotiz und werden vergeblich angeboten. Für Bernhardshall, Elvershausen, Göt- tingen, Hansa, Hildesheim, N»sfilröden rc. werden schon seit mehreren Tagen nur noch Briefkurse gemeldet. Geradezu erschreckend ist der Rückgang der Vohrantheile Hannovera. Die Antheile, die vor Kurzem 750 Mk. notirten, sind innerhalb weniger Tage von 750 auf 150 Mark zurückgegangen. Die Kalibohrgesellschaft Großer Kurfürst hat den Betrieb ganz eingestellt.
Düsseldorf, 28. Nov. In der heutigen Strafkammer- sitzung wurde zum ersten Mal auf den jüngsten Erlaß des Kaisers betreffs Strafaussetzung Bezug genommen. Eine jugendliche Angeklagte war wegen Unterschlagung zu drei Monaten Gefängniß verurthei-t. Der Hackbefehl wurde aufgehoben und die Vollziehung der Strafe ausgesetzt, wobei der Vorsitzende bemerkte, daß die Vernnheilte vielleicht vollständig begnadigt werde, wenn sie sich bis zur bestimmten Frist tadellos führe.
Barmen. Einen gräßlichen Tod hat ein 28jähriger Sohn der Familie Mann aus Unter-Barmen gefunden. Der junge Mann war erster Steuermann auf einem Schiffe in Porte Alegre (Südamerika) und fuhr mit seinem Sckuffe am 5. Oktober durch den südlichen Atlandischcn Ozean. Er wurde von einem Unwohlsein befallen, stürzte über Bord und war, ehe man ihn
retten konnte, von Haifischen verschlungen, die dem Schiffe schon seit längerer Zeit gefolgt waren.
Aus der Provinz Hannover Die Erfolge, welche durch die Aufwendungen des Landgestüts in Celle für die Hebung der Pferdezucht erreicht sind, geben sich darin kund, daß die preußische Remontcnankaufskommission allein im Kreise Kehdingen in diesem Jahre 280 Re- monten zum Durchschnittspreise von 1000 Mark für das Stück gekauft hat; auch nach Mecklenburg und Dänemark ist eine bedeutende Anzahl von Pferden und Füllen verkauft worden. Ebenso hat im Kreise Jork die Pferdezucht dieses Jahr höhere Erträge geliefert; namentlich für Mecklenburg wurden ganz auffällig mehr Remonten und junge Zuchthengste angekauft als in früheren Jahren.
Mühlhausen i. Thr. Am 18. und 23. d. Mts. ist von dem Fleischbeschauer Orschel in Görmar je ein Schwein als trichinös befunden worden. Dieser Befund ist durch den Kreisphysikus bestätigt worden. Die beiden trichinösen Schweine sollen einem Mühlhäuser Besitzer abgekauft worden sein. Als zur Vorsicht mahnend, möge hieL erwähnt werden, daß der Besitzer ein selbst« gemästetes Schwein mit geschlachtet und das Fleisch der beiden Schweine, nachdem zwar die vorschriftsmäßigen PlÄcu entnommen, das Resultat der Untersuchung ihm aber noch nicht bekannt war, zum Kochen in einen Kessel geworfen hatte. Die Folge war, daß er, nachdem das eine Schwein als trichinös befunden wurde, auch das Fleisch des anderen mit vernichten lassen mußte.
Augsburg. Ein medizinisch interessanter Vergiftungsfall ist hier vorgekommen. Ein hiesiger Arzt verordnete einem Dienstmädchen Farnkraut-Extrakt, und zwar nur 8 Gramm, eine verhältnißmäßig sehr geringe Menge. Bei dem Mädchen stellten sich bald darauf bedenkliche Anzeichen ein. Es verfiel in Trümpfe und starb unter eleptischen Erscheinungen, die deutlich auf Vergiftung Hinwiesen. Der Arzt zeigte den Fall alsbald der Behörde an. Die Leiche wurde einer Sektion unterzogen, über deren Ergebniß noch nichts bekannt ist. Aehnliche Wirkungen sind bei jenem Mittel schon früher vor- gekommen, aber nur ganz vereinzelt. Die Sache ist deshalb von besonderem Belang, weil Farnkraut-Extrakt ein allgemein gebräuchliches Mittel gegen den Bandwurm und sogar im Handverkäufe zu haben ist.
Ausland.
Par s, 27. Nov. Die Volkszählung in Deutschland regt den Berliner Correspondenten des „Figaro" zu folgenden Bemerkungen an: „Man spricht in Frankreich von dem unerhörten Wachsthum der amerikanischen Städte; die Statistik beweist, daß sich die Bevölkerung der deutschen Städte noch rascher vermehrt. Besonders Hamburg vergrößert sich immerzu und in zwanzig Jahren wird es Marseille wahrscheinlich um das Doppelte überflügelt haben. Die Einwanderung nach Frankreich, der Ausfuhrhandel und der Reichthum Deutschlands haben im selben Verhältniß ^genommen. Wenn das französische Volk nicht einen energischen Anlauf nimmt, wenn es nicht mächtige Anstrengungen macht, dann wird es von der femdlichen Invasion überschwemmt und von den europäischen Märkten verdrängt. Diese Gefahr steht drohend vor uns."
Paris. Alexander Dumas (Sohn), der Verfasser der „Kameliendame", und von „Monsieur Alphons", ist am Mittwoch Abend in Marly gestoben. Er hat, ein Alter von 71 Jahren erreicht.
Rußland. Menschenopfer gegen Cholera. Bei der Ortschaft Multanie (Gouvernement Wjatka) wurde in einem Sumpfe eine kopflose Leiche gefunden. Die Untersuchung ergab, daß ein Greis namens Dimitriew den Rath ertheilte, daß es zum Schutze gegen Cholera und Hungersnoth nothwendig sei, einen Dorfbettler zu tödten und ihn auf diese Weise Gott zum Opfer weihen. Man wählte einen Bettler namens Matunin und schnitt ihm den Kopf ab. Die Dorfbewohner tranken darauf das Blut des Ermordeten, kochten dessen Herz und Lunge und aßen sie. Die Thäter sind sämmtlich Christen. Im Dorf befinden sich eine Kirche und eine Schule. Die Kannibalen wurden verhaftet.
New-Iork. Der Monstreprozeß, den die Mulattin Myra Clark Gaines seit achtunddreißig Jahren gegen die Stadt New Orleans führte und bei dem es sich um Grundbesitz im Werte von 400 Millonen Mark handelt, — der Grundbesitz wurde der Frau Gaines
streitig gemacht, weil man ihre legitime Geburt bestritt — ist nunmehr endgültig zu Gunsten der Erben entschieden worden, da das oberste Gericht der Ver.-Staaten die Berufung der Stadt verworfen hat.
Von Kuba wird berichtet, daß die Insurgenten bei Vienrojas einen Eisenbahnzug, der 200 spanische Soldaten beförderte, in die Luft sprengten. Der Ingenieur, der Heizer und 31 Soldaten sind todt, 50 wurden verwundet , der Rest ergab sich auf Gnade oder Ungnade. Bei Banes haben die Insurgenten unter Delgado den Spaniern ein Treffen geliefert, bei welchem letztere 90 Mann verloren.
Australien. Ein Artikel in der „Westminster Review" schildert Neuseeland als Paradies der Arbeiter. Die ganze Gesetzgebung zielt dort darauf ab, Ansammlung von bedeutendem Reichtum und ebenso Armuth zu verhindern. Auf Neuseeland gibt es kein Monopol. Der Achtstundentag wird streng durchgeführt. Selbst die Mittagszeit in den Fabuken ist gesetzlich dvrgc- schrieben. Die Frauen haben bekanntlich auch das Stimmrecht. Der Artikel schließt mit den folgenden Sätzen: „Während ich diese Zeilen schreibe, liegen der Fächer und die Handschuhe meines Dienstmädchens auf dem Küchenbrett. Heute abend geht sie nämlich auf den Ball des Boot-Klubs. Der Klub besteht zumeist aus jungen Arbeitern. Der Kapiiän, ein bekannter Advokat, hat sie eingeladen. Auf dem Balle wird sie die Töchter des Premierministers und andere Mädchen der feinsten Familien treffen. Es ist kein Wunder, wenn man auf Neuseeland wenig von der Vereinigung der australischen Kolonien wissen will. Die Neuseeländer befürchten, daß dann ihre eigentümlichen Einrichtungen Schaden leiden würden." Trotzdem ist Niemanden die Auswanderung nach Australien anzurathen, wenigstens jetzt nicht. Infolge verschiedener Ursachen, wie niedrige Preise fast aller Ausfuhrprodukte (Weizen, Wolle, Kupfer, Silber, Wein jc.), Arbciterschwierigkeiten (Streiks), Ueber- spekulation, Ueberlastung mit Staatsschulden, Bankkrache u. s. w. leiden sämmtliche australischen Kolonien mit Ausnahme vielleicht von Westaustrallen, das auch erst durch die Goldentdeckungen auf einen grünen Zweig gekommen ist, schon seit einigen Jahren unter einer schweren Depression, von der sie sich nur langsam erholen werden. Der Arbeitsmangel ist groß und allgemein und die Arbeitslosenfrage macht den Regierungen aller Kolonien große Sorgen. Die Nothlage betrifft nicht nur die unteren Arbeiterschichten, sondern erstreckt sich auf alle Klassen, die auf den Ertrag ihrer Hände- oder ihrer Kopfarbeit angewiesen sind. Um die Arbeitslosen wenigstens in etwas produktiv zu beschäftigen hat die Regierung von Südaustralien Nothstandsarbeiten veranstaltet, Dorfniederlassungen (settlements) gegründet :c., und dadurch der dringendsten Noth, allerdings auf Kosten der Steuerzahler, zeitweilig abgeholfen.
Lokalrs und Provinzielles.
Schlüchtern, 3. Dez.
* — Weihnachtssendungen. Das Reichs - Postamt richtet auch in diesem Jahre an das Publikum das Ersuchen, mit den Weihnachtsversendungen bald zu beginnen, damit die Packetmassen sich nicht in den letzten Tagen vor dem Feste zu sehr zusammendrängen, wodurch die Pünktlichkeit in der Beförderung leidet.
* — Wie tn den Vorjahren ist auch in diesem Jahre im ganzen Regierungsbezirk Kasiel an den drei letzten Sonntagen vor Weihnachten eine verlängerte Beschäfligungszeit in sämmtlichen Geschäftszweigen gestattet.
* — Den königlichen Domänenpächtern Köhler zu Neuenberg, Kreis Fulda, Reinhard zu Neuenstein, Kreis Homberg und Suntherm zu ZichcrS, Kreis Fulda, ist der Charakter „Königlicher Oberamtmann" beigclegt worden.
* — In unserm heutigen Blatte steht eine Bekanntmachung von der Königlichen Eisenbahn-Direktion zu Frankfurt a. M., auf welche wir das reisende Publikum hiermit besonders Hinweisen, da es sich um Veränderung des Fahrplancs |ür den Zug 11 ab Frankfurt 653 Bonn. und um einen neuen Zug 22a ab Elm 920 Nachm. handelt.
* — Gefälschte LMerieloose sollen zahlreich im Umlauf sein. Verschiedene Haupikollekleure warnen in ihren bekannten Zuschriften an das Publikum vor dem Ankauf solcher Loose, überhaupt vor dem Kauf bei