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,M 94. Samstag, den 23. November 1895.
Der Krach,
her am vorletzt» Sonnabend wie ein Ungewitter über die Börsen hercinbrach, ist in seinen Folgen nnabsehbar. Die Verluste, die die am Börsenspiel beteiligten Personen, in erster Linie kleine Kapitalisten, erlitten haben, sind über Erwarten groß. Es handelt sich um Hunderte von Millionen Mark, um welche diejenigen ärmer geworden sind, die auf Zeit oder Kredit Spekulationspapiere erworben haben und diese nun zu jedem Preise verkaufen müssen, weil ihre Deckung nicht mehr zureicht.
Ganz besonders verhäugnißvoll ist das Finanz- gewitter für Wien geworden. Die Kraft der Wiener- Börse ist, wie einem Berliner Börsenblatte geschrieben wird, für lange Zeit gebrochen. Mögen auch von Zeit zu Zeit Erholungen den Rückgang der Papiere unterbrechen, so sind doch die erlittenen Verluste nicht leicht wieder einzuholen. Selbst im allcrgünstigsten Falle ist in absehbarer Zeit an eine auch nur annähernde Wiedererreichung des einstigen hohen Niveaus nicht wieder zu denken. Von der Mnthlosigkcit und von der Schwäche, in die der Wiener Markt gegenwärtig verfallen ist, kann man sich kaum einen Begriff machen.
Der „schwarze Samstag", so wird der letzte 9. November an der Donau genannt. Grenzenlos waren die Bestürzung und die Aufregung, die am bezeichneten Tage am dortigen Werthpapiermarkte herrschten. Die „Neue Freie Presse" sagt z. B.: „Ein wüthender Samum, dessen glühende Umarmung Verderben bedeutet, ist über die Wiener Börse dahingezogen. Dieselbe hat im Laufe der Jahre verzweifelte Tage gesehen, aber keinen Tag, an welchem die Verwirrung größer, die Besonnenheit geringer gewesen ist. . . . Schlotternde Gestalten, bleiche Gesichter, wirre Blicke, stotternde Zungen — wer sie heute mit seinem Blicke überflog, dicse^vielgcschmähte, lebensfreudige, übermüthige Börse, dem mußte bange um das Herz werden. Also das ist das goldene Brot, von dem so viel gesprochen wird. Ein einziger Tag wie der heutige, er wiegt nicht Jahre des Genusses und der Ueppigkeit auf."
In Wien und auch in Berlin trägt übrigens das schroffe Vorgehen der Banken und Bankiers gegen ihre Kundschaft die Hauptschuld an dem gewaltige» Kurssturz, derselben Banken, welche das Publikum monatelang zu den unsinnigsten Effektenspckulationen verleitet haben. Wenn die Vertreter der Hochfinanz auch nicht den Zusammenbruch aufhalten konnten — dieser mußte kommen —, so wäre es ihnen doch ein leichtes gewesen, durch rechtzeitiges Eingreifen dem Schlimmsten vor- zubeugen. Der Krach hätte dann nicht die erschreckenden Formen angenommen. Aber von der Hochfinanz war keine Spur vorhanden. „Keine Hand rührte sich," so heißt es in der börsenfreundlichen „Neuen Freien Presse", „als heute alles in Aufruhr versetzt, Werthe wie Papierballen um jeden Preis loszuschlagen, ungezählte Millionen durch sinnlosen Schrecken vernichtet wurden." Die Börsianer hatten ja auch kein Interesse daran, dem Publikum die Papiere, die sie ihm zu hohen Preisen aufgehalst hatten, zu niedrigen wieder abzunehmen, sie hatten ihr Schäfchen ins Trockene gebracht.
Diese Unterlassungssünde der großen Bankiers hat überall tiefe Entrüstung hervorgerufen. So schreibt ihnen die schon erwähnte „Neue Freie Presse," folgendes ins Stammbuch: „Für die Bcttctpolitik der sogenannte« Interventionen haben wir niemals geschwärmt, für jene Banken aber, welche Millionen ans der Börse gezogen haben und, so lange es ihnen paßte, vor den von ihnen emporgeschraubten Coursen Wache standen, wäre es zweifellos Pflicht gewesen, im Moment unvernünftiger Angst sich als Wellenbrecher vor die Brandung zu stellen und das nationale Kapital vor unnöthigen Erschütterungen zu bewahren."
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist Mittwoch Abend um 10 Uhr 40 Min. mittels Sonderzuges in der Richtung Madeburg abgereist. Wie verlautet, begiebt sich der Kaiser nach Hessen, um zu ihrem Geburtstag die Kaiserin Friedrich persönlich zu beglückwünschen.
— Eine ergötzliche Episode spielte sich auf der Letzlinger Hofjagd auf persönliche Veranlassung des Kaisers ab und rief nicht nur in der Jagdgesellschaft, sondern auch unter der zunächst stehenden Zuschauer- mengt gewaltige Heiterkeit hervor. Eine durch einen
Gendarmen borgenommene JagdschLinrevision hatte das erheiternde Ergebniß, daß einige von den Jagdgästen den Jagdschein nicht bei sich hatten und der Straf- notierung verfielen.
* — Die Wittwen und Kinder verstorbener Inhaber des Militär-Ehrenzeichens und des Allgemeinen Ehrenzeichens k. Klasse erhalten im Falle der Hilfsbedürftigkeit für die Rücklieferung des Ordens an die General- Ordens-Kommission eine Entschädigung von 45 Mark gezahlt. Unter denselben Bedingungen werden für das Militär- und das Allgemeine Ehrenzeichen LL Klasse 9 Mark gezahlt. Von dieser Vergünstigung wird im 21 ((gemeinen wenig Gebrauch gemacht, was wohl darin seinen Grund haben mag, daß die betreffenden Bestimmungen, welche auf eine aus der Regierungszeit des Königs Friedrich Wilhelm III. herrührenden und noch in Geltung befindlichen Kabinets-Ordre fußen, in den interessirten Kreisen nicht hinreichend bekannt sind.
— Wieviel Volksschulkinder und wieviel Lehrer gibt es in Deutschland? Auf diese Frage ertheilt eine der neuesten Nummern der Allgemeinen Deutschen Lehrer- Zeitung Antwort. Danach gibt es sieben Millionen Schulkinder und 120,000 Lehrer in unserem Vaterlande.
* — Die neue Dienstanweisung für die Beurtheilung der Militärdienstfähigkeit, die bei der jüngsten Rekruten- aushebung §um ersten Mal in Anwendung gekommen ist, enthält insbesondere wichtige Bestimmungen über den Einfluß von Selbstverstümmelungen aus die Ableistung der militärischen Dienstpflicht. Fortan sollen nämlich, abweichend von den bisherigen Vorschriften, Selbstverstümmelungen nur in besonderen Ausnahmefällen von der Militärdienstpflicht befreien. Die Einstellung hat selbst dann zu erfolgen, wenn durch die Selbstverstümmelung dem Betreffenden die Handhabung der Waffe zwar erschwert, aber nicht dauernd unmöglich gemacht ist. Stellt sich das Letztere heraus, so soll in jedem einzelnen Fall erwogen werden, ob der Betreffende nicht im Nebendienste, als Ordonnanz oder zu leichteren Arbeitsdiensten — erforderlichenfalls unter ärztlicher Ueberwachung — verwendet werden kann. Durch diese neuen Bestimmungen will man offenbar Selbstverstümmelungen der Wehrpflichtigen fortan möglichst verhindern.
Aus Sachsen. Eine militärische Ackerbaukolonie ist jetzt auf dem Truppenübungsplatz von Döberitz eingerichtet worden. In dem von allen früheren Bewohnern vollständig geräumten Dorfe sind 150 Mann von verschiedenen Regimentern dauernd einquartiert; es sind Landwirthe und Handwerker, die alle vorkommenden Arbeiten zu verrichten haben. Von ihnen werden sämtliche Baulichkeiten in Ordnung gehalten, gärtnerische Anlagen hergestellt und Länderelen, die nicht direkt zum Uebungstcrrain gehören, beackert. Es ist jetzt Hafer und Roggen gesät worden; das bei der letzten Ernte gewonnene Getreide wird von Soldaten gedroschen.
Posen. Die deutsche Landbank hat die Herrschaft Krabowo, eine 35000 Hektar große Besitzung, um den Preis von 2 400 000 Mark angekauft. Krabowo liegt in einer stockpolnischen Gegend unweit der russischen Grenze, und ein reicher polnischer Magnat hatte die Absicht gehabt, sie zu erwerben. Nachdem nun die Herrschaft in den Besitz der Landbank gekommen ist kann sie als dem polnischer Einfluß entzogen gelten. Es erscheint weiter die Annahme berechtigt, daß sich die Landbank mit dem Plane trägt, auf dem Besitztum eine große, geschlossene deutsche Kolonie zn gründen, eine Unternehmung, die bedeutende nationale und wirthschaft- liche Vortheile verspricht. — Der Ansiedler Peschke in Jmielinko bei Kletzko, der zugleich Feldhüter der An- siedlungsfeldmark Ulanowo war, ist auf dem Felde ermordet und von den Thätern sofort an Ort und Stelle verscharrt worden. Die Mörder sind bereits in den Gebrüdern Kozlvlvski aus Jmielinko, von denen der ältere 18, der jüngere 15 Jahre alt ist, ermittelt. Auch ist festgestellt worden, daß Peschke noch lebte, als er vergraben wurde.
Sprottan. Ein grausames Weib. Ein Fall, der in mancher Beziehung an den seinerzeit viel besprochenen Fall des Oberförsters Gerlach erinnert, kam, so schreibt der „Tgl. Rdsch.", in einer Verhandlung vor der Strafkammer in Sprottan zu Sprache. Die Magd Johanna Müller hatte ein langes Leben hindurch treu und fleißig gearbeitet; nun aber war sie alt und krank
geworden und ihre Kräfte schwanden schnell dahin. Am Morgen des 11. August sank sie in Folge eines Schwäche-Anfalles im Hofe nieder. Ihre Herrin, die Gutsbesitzerin Anna H- (warum nennt man den Namen nicht ?), behauptete, die Magd wolle aus Faulheit nicht arbeiten, und sie rief ihren beiden drei und sieben Jahre alten Kindern (!) zu: „Sie soll füttern gehen, und wenn sie nicht will, so haut sie, bis sie anfsteht!" Die beiden verheißungsvollen Mädchen übten ausnahmsweise die Tugend des Gehorsams. Sie nahmen Stöcke und droschen jubelnd auf die arme 61jährige los. Da sie trotz der vielen Schläge nicht aufstehen wollte, versuchten die Kinder ein anderes Mittel, indem sie mit Steinen nach ihr warfen. Endlich kamen Arbeiter hervor und geboten den kleinen Henkerinnen Einhalt. Am anderen Morgen war die Magd eine Leiche. Die Anklagebehörde nahm an, daß Frau H. den Tod verschuldet habe. Zum Glück für das Weib erklärte vor Gericht ein Sachverständiger, die Müller sei nicht in Folge der Verletzungen gestorben, der Tod sei durch diese nur beschleunigt worden. Frau H. wurde zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Das ist allerdings angesichts der Rohheit des Weibes recht wenig.
Göttingen, 16. Nov. Heute Nachmittag um 2 Uhr ereignete sich hier ein schrecklicher Unglückfall. An dem im Rohbau ziemlich vollendeten Corpshaus „Hannovera", welches heute gerichtet werden sollte, stürzte der an der einen Seite errichtete Thurm mit donnerndem Gerassel ein, wobei sechs Maurer sehr schwer verunglückten. Die erste Hülfe leistete Militär vom 82. Infanterie-Regiment, jedoch gelang es erst gegen 4 Uhr, den letzten Verunglückten aus den Trümmern hervorzuziehen. Die 'schwer Verletzten wurden in die hiesigen Kliniken untergebracht, einige werden wohl nicht mit dem Leben davon kommen. Die nasse Witterung, welche die Wände durchweicht hatte, soll die Hauptschuld an dem Einsturz tragen. —
Aus Bayern. Zu dem vorige Woche erfolgten Selbstmord des Kommerzienraths Jacquet in Ludwigshafen wird von dort berichtet: I. hat znm Nachtheil der Waggonfabrik Ludwigshafen, deren Direktor er war, ungefähr 800 000 Mark unterschlagen, jedoch beruht diese Summe nur auf ungefährer Schätzung, da die Bücher sich in einer solchen Unordnung befinden, daß eine genaue Feststellung vorläufig gar nicht möglich ist. Jacquet hat doppelte Bücher geführt und den Aufsichtsrath durch Vorlegung falscher Bilanzen getäuscht. Da man Jacquet allgemeines Vertrauen entgegenbrachte, war die Kontrolle ziemlich gering. Allgemein ist man der Ansicht, daß der Aufwand der Jacquet'schen Familie seit vielen Jahren das Einkommen Jacquet's überstiegen hat.
Ausland.
Türkei. Ueber weitere Unruhen, die nun auch im südlichen Theile Arabiens ausgebrochen sind, wird berichtet: Einer Meldung des „Reuter'schen Bureaus" aus Aden zu Folge schlugen 45,000 mit Martini-Gewehren bewaffnete Araber bei Sana, Provinz Aemen, in drei Gefechten die türkischen Truppen. Die Türken sind in Sana eingeschlossen. — Das Reutersche Bureau meldet aus Konstantinopel: Nachrichten aus Kharput melden, das Massacre in Kharput habe 800 Opfer gefordert. Acht von den zwölf den amerikanischen Missionären gehörigen Gebäuden sind geplündert und dann in Brand gesteckt worden. Die Missionäre konnten sich retten. In der Umgegend von Kharput herrscht Elend und Verzweiflung. Tausende von Bewohnern sind ohne Hilfsquellen. 4000 Armenier werden in Deinen, im Vilajet Silvas, von den Kurden belagert. Die letzten Nachrichten melden sämmtlich Metzeleien. Während der Massacres in Silvas wurden 500 Armenier und 10 Türken gelobtet.
New-Dork, 17. Nov. In Cleveland stürzte infolge falscher Signalisirung ein elektrischer Motorwagen der Straßenbahn, als er über die Zugbrücke eines Viaducts luhr, aus einer Höhe von 10U Fuß in den Cugahosa- Fluß hinab. Der Wagen enthielt 20 bis 30 Personen. Mehrere Personen, darunter der Molorbeamte, sprangen ab. Die übrigen Insassen, nebst dem Conducteur ertranken; 13 Leichen sind bisher geborgen. Der Motor- beamte wurde verhaftet.