MüchternerMung
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J^s. 91. Mittwoch, den 13. November 1895.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist von seinem Jagdausflug in Piesdorf wieder nach dem neuen Palais zurückgekehrt. Auf der Jagd in Piesdorf, die vom Wetter nicht begünstigt war, erlegte der Kaiser nicht weniger als 294 Hasen, 66 Fasanen, 6 Rebhühner und ein Kaninchen. — Die diesjährigen königlichen Jagden in der Letzlinger Heide finden in den Tagen vom 14. bis 16. November statt. Der Kaiser tritt die Reise dorthin am 14. d. Mts. Nachmittags an und trifft am 16. November Abends wieder in Potsdam ein. — Der Kaiser hat zugesagt, der Einweihungsfeier des Kyffhäuser- Denkmals beizuwohnen. — Der Kaiser und die Kaiserin errichten ein Asyl für Altersschwache in der Gemeinde Kürzel bei Metz mit 60,000 Mark Grundkapital.
— Zu der neuen Maßregel zur Bekämpfung des Umsturzes im Heere, welche bei den Kontrolversamm- lungen verlesen wird, wird in Ergänzung der bisherigen Nachrichten aus Thorn berichtet, daß nach dem Korpsbefehl, der den Mannschaften in Westpreußen bei den Kontrolversammlungen verlesen wird, den Reservisten auch der Besuch von Lokalen verboten ist, in denen sozialdemokratische Versammlungen stattfinden oder der Wirth des Lokales sozialdemokratische Gesinnung gezeigt hat. Ferner ist ihnen nicht nur das Halten, Lesen und Verbreiten sozialdemokratischer Schriften, sondern auch die Betheiligung an Geldsammlungen zu sozialdemokratischen Zwecken und die Theilnahme an sozial- demokratischen Aufzügen und Festlichkeiten verboten. Jeder Reservist wird schließlich verpflichtet, Ueber- tretungen der Militärbehörde anzuzeigen und diese Uebertretungen sollen nach der Strenge der Militärgesetze bestraft werden.
* — General Frhr. v. d. Goltz-Pascha hat, nach der „K. Z.", seine Entlassung aus dem türkischen Heere nachgrsuchk. Bei den gegenwärtigen Christenverfolgungen in der Türkei, an denen auch die Armee sich betheiligen muß, können es die im türkischen Heere dienenden europäischen Offiziere auch nicht mehr mit Ehre und Gewissen vereinigen, in dieser Armee zu bleiben.
* — In allen Kreisen des Handwerks und des kleinen Gewerbebetriebes wird die Thatsache Genugthuung hervorrufen, daß der Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb die erste Borlage sein wird, welche dem Reichstage nach seinem Zusammentritt zugehen wird. Daß dieser Entwurf in der That als erster beim Reichstage eingehen wird, hat der Justizminister Frhr. v. Leonrod in der jüngsten bayr. Kammersitzung der Abgeordneten bestätigt.
* — Ueber die Markenkleberei hat sich, wie verlautet, der Präsident des Reichsversicherungsamtes, Dr. Bödiker, in der Konferenz zur Revision des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes sehr abfällig geäußert. Nach dem Bericht, dessen Richtigkeit bei der in der Konferenz proklamirten Geheimhaltung nicht kontrolirt werden kann, hat Herr Dr. Bödiker ausgeführt, daß die Beitragsmarken nicht geleistet haben, was von ihnen erwartet wurde, andererseits eine schwerer empfundene Belästigung der Betheiligten zur Folge gehabt habe, als vorausgesetzt wurde. Mag die Annahme des stellvertretenden Vorsitzenden der Jnvaliditäts- und Alters- versicherungs-Anstalt Posen, „das selbst eine wohlwollende Schätzung den Ausfall an Beiträgen auf 40 pCt. taxiren müsse," zu weit gehen, so ist es doch eine unwidersprochene, durch Tausende von jährlichen Strafverfügungen der Jnvaliditäts- und Altersver- sicherungs-Anstalts-Borstände belegte Thatsache, daß Beitragsmarken in großem Umfange nicht verwandt werden. Abgesehen von diesen grundsätzlichen Bedenken, deren praktische Bedeutung erst die Erfahrung erhärtet hat, spricht gegen die Beitragsmarke und Quittungs- karte die Belästigung, bei jeder Lohnzahlung Beiträge entrichten zu müssen. Alle Arbeitgeber müssen fortgesetzt ihre Aufmerksamkeit aus diesen Punkt lenken. Man sollte sagen, es wäre genug, wenn sie überhaupt ihren Beitrag zahlen. Nicht unbegründet ist der Widerwille gegen diese Aufmerksamkeit; zu weit geht die gesetzliche Forderung; weit verbreitet ist die Verfehlung aus Unachtsamkeit, häufig die Gesetzesübertretung aus Irrthum (bei Abschlagslohnzahlungen, bei Bemessung der Beitragshöhe, bei der Markenentwerthung u. s. w.).! Dazu kommt der Urbelstand des unberechtigten, massenhaften Einklebens von Marken kurz vor dem erwarteten Rentensall, der Handel mit Marken; der Verlust
der Anwartschaft, wenn Jemand in vier Jahren nicht 47 Marken verwandt hat — von der Herstellung, dem Verkauf und der Aufbewahrung der Millionen von Karten und Milliarden von Beitragsmarken gar nicht zu reden. Daß die Erwartungen, die bei Erlaß des Gesetzes hinsichtlich der Gestaltung der Verhältnisse gehegt wurden, sich nicht voll erfüllt haben, geht insbesondere daraus hervor, daß im Jahre 1890 37 ’/a Mill. Doppelmarken hergestellt wurden, während bis jetzt erst etwas über 1 Million verwandt sind.
* — Ueber einen Schwindel, der auf dem projek- tirten neuen Kali - Monopolgesetz basirt, schreibt das „Berl. Tageblatt: In neuerer Zeit machen zahlreiche neue Kaliunternehmen von sich sprechen. Einerseits regt die Höhe, auf der das Kalisyndikat die Preise hält, neue Unternehmen an, andererseits scheint das Projekt eines Kalimonopolgesetzes die Folge zu haben, daß noch zahlreiche Unternehmen rechtzeitig ins Leben treten wollen, um an der zu erwartenden Abfindung theilzunehmen. Hierbei scheinen nun auch fragwürdige Projekte mit unterzulaufen. Einer uns darüber zugehenden Mittheilung entnehmen wir: „Vielfach ist es vorgekommen, daß Gesellschaften, die nach Kali bohrten, verkündeten, daß Kali gefunden worden sei. Hinterher stellte sich dann heraus, daß das vermeintlich gefundene Kali ganz gewöhnliches Steinsalz war, so daß die Käufer, die vielfach bis zu 1000 Mk. und mehr für einen einzigen Bohrantheil zahlten, ihr ganzes eingeschossenes Geld verloren. In einem anderen Falle hat man sogar mehrere Tiefbohrungen auf einem Terrain niedergebracht, das bereits auf Kalisalze vom preußischen Fiskus gemuthet worden war. Die Antheile wurden zum Gesammtpreise von 4 bis 500,000 DU. ins Publikum gebracht und sind heute ebenfalls vollkommen werthlos." Unter den im Laufe der letzten drei Jahre gegründeten annähernd 80 verschiedenen Kalibohrunternehmungen sind im Ganzen nur drei in so unzweifelhafter Weise fündig geworden, daß Sachverständige das Abteufen eines Schachtes rückhaltlos empfehlen sonnten. Selbstverständlich ist es zu billigen, ja, sogar sehr wünschenswerth, wenn reiche Leute ä fonds perdu Gelder zusammenschießen, um Schürf- und Bohrversuche zu machen. Durchaus unwirthschaft- lich aber ist das spekulative Treiben, welches auf dem Gebiete der Kalibohrung in letzter Zeit um sich gegriffen hat. Bei der Gründung solcher Gesellschaften denken die Gründer meistens gar nicht ernstlich daran, ein Kalilager zu erschließen und ein Kaliwerk zu errichten. Der wesentliche Zweck ist vielmehr in den meisten Fällen, die Bohrantheile vielfach zu dem Fünf- bis Sechshundertfachen des Einkaufspreises Denen zu verkaufen, die nicht alle werden. Das Publikum wird daher gut thun, sich nur an solchen Unternehmungen zu betheiligen, bei denen wirklich namhafte Fachleute an der Spitze stehen, und bei denen nicht im Voraus schon die Möglichkeit eines Verdienstes selbst bei einem glücklichen Funde dadurch illusorisch gemacht wird, daß die Gründer bereits Hundertausende blos für das Recht zu bohren berechnet haben."
— Nach einem Bericht der „Gerberzeitung" hat die am 29. Oktober in Antwerpen stattgefundene Auktion von 240,000 Rindshäuten so drückend auf das ganze Häutegeschäft gewirkt, daß die Preise der Rohhäute um ca. 30 pCt. gefallen sind. Es konnten nur 30,000 Stück verkauft werben. Als Folge dieses Druckes ist anzusehen, daß auch die Lederpreise seit Kurzem im Sinken sind und eine bedenkliche Flauheit im ganzen Häute- und Lcdergeschä't ungeahnt Platz gegriffen hat.
— Zur Förderung des Sparwesens war vor einiger Zeit von Neuem der Gedanke angeregt, daß Sparbeträge von geringer Höhe in regelmäßigen kurzen Zeitabschnitten durch Boten der Sparkassen in der Wohnung der Sparer abgeholt werden, um so die breiten Schichten der Bevölkerung an regelmäßiges Sparen zu gewöhnen. Der Minister des Innern hatte im Jahre 1894 die Oberpräsidenten veranlaßt, bei den Verwaltungen der kommunalen Sparkassen die Schaffung derartiger Einrichtungen anzuregen und nach Jahresfrist zu berichten, ob und mit welchem Erfolge solche Organisationen ins Leben gerufen seien. Nach den Berichten haben nur in Westfalen eine Sparkasse, in Posen, Schlesien, Sachsen und Hessen-Nassau je 2 Sparkassen und in den Regierungsbezirken Schleswig und Düsseldorf je eine Sparkasse Einrichtungen der angegebenen Art getroffen oder zu
treffen beschlossen. Die Vorstände sämmtlicher übrigen kommunalen Sparkassen haben eine ablehnende Haltung eingenommen. Wie sie übereinstimmend ausführen, werden derartige Einrichtungen für zu theuer erachtet und es wird ein Bedürfniß dazu verneint. In Hessen- Nassau ist das Abholungssystem von einer größeren Anmhl von Privatsparkassen mit gutem Erfolge eingeführt worden.
— Das „Große Loos" der preußischen Klassen- lotterie ist nach Brcslau gefallen und wurde dort zum kleineren Theile von einem Tischlermeister nebst seinen zwei Gesellen gespielt. Der andere größere Theil wurde, wie jetzt bekannt wird, in Wüstegiersdorf und Tannhausen gespielt und zwar von etwa fünfzehn kleinen Handwerkern und Fabrikarbeitern, die meist nur mit kleinen Beträgen an dem Loose betheiligt waren. Auf den geringsten Antheil, den ein Fabrikschlosser mit einer kranken Frau und fünf Kindern spielt, kommen ungefähr 10,000 Mark. Aus einer anderen Familie, die ebenfalls von Fortuna bedacht wurde, waren die Kinder schon zur Beschenkung bei der vom dortigen Frauenverein geplanten Weihnachtsbescheerung vorgemerkt.
* — Die in fast allen größeren deutschen Städten bestehenden Vereine der Tabaks- und Cigarren-Laden- inhaber haben sich zu einer Eingabe an den Reichstag zusammengethan, in welcher sie eine Abänderung der für sie geltenden Bestimmungen über die Sonntagsruhe befürworten. Sie verlangen, daß entweder den Gastwirthen u. s. w. allgemein verboten werde, an den Sonn- und Feiertagen auch außerhalb der dafür frei- gegebenen Geschäftsstunden Cigarren zu verkaufen, oder daß ihnen gestattet werde, außerhalb der Kirchzeit an Sonn- und Feiertagen ihre Läden offen zu haben. Es sei bei dieser Gelegenheit bemerkt, daß bereits an verschiedenen Orten Bayerns und Mecklenburgs die Cigarrenläden während der ganzen Sonn- und Feiertage mit Ausnahme der Kirchzeit offenen Verkauf haben.
* — Die Kosten des sozialdemokratischen Parteitages hat der „Ev. Arbeiierbote" dahin ausgerechnet: Auf dem Parteitage waren gegen 250 Vertreter anwesend. Jeder Vertreter erhielt im Durchschnit 9 Mk. Tagegelder, also für 8 Tage, einschließlich der Hin- und Rückreise, 72 Mark und Fahrgeld. Einschließlich der Unkosten für die vielen Drucksachen, Postgelder, Saal- miethe, Parteitagsdiener u. s. w. dürfte für den Parteitag eine Gesammtausgabe von 35,000 bis 40,000 Mk. entstanden sein. — Arbeite! groschen!
— Die erste, aus Posen stammende Ladung Weihnachtsbäume ist in Berlin eingetroffen. Sie geht über Hamburg an einen deutschen Kaufmann in Zanzibar (Ostafrika).
Elberfeld. Vor etwa Jahresfrist stürzte in einer Elber- felder Wirthschaft ein Gast des Abends infolge ungenügender Beleuchtung einige Treppenstufen hinab und zog sich hierbei solche Verletzungen zu, daß er an den Folgen starb. Die Frau des Verunglückten verklagte den Wirth auf Entschädigung, wurde zwar mit ihrer Forderung in mehreren Instanzen abgewiesen, schließlich hat aber das Reichsgericht als die letzte Instanz entschieden, daß der Wirth der Witwe eine Entschädigung von 18,000 Mk. zu zahlen hat. Hoffentlich ist der Vorfall den zur Be- leuchtung der Fluren und Treppen Verpflichteten eine ernste Mahnung, die Erfüllung ihrer Pflicht weder gänzlich zu versäumen, noch mangelhaft auszuführen.
Schwäbisch-Gemünd, 8. Nov. Bei der Untersuchung des explodirten Dampfkessels am hiesigen Wasserwerk fand sich in der Speisepumpe für den Kessel ein acht Centimeter langer Wergpropfen vor, der das Rohr völlig verstopfte. Das Werg war nur mittelst Bohrer freizubringen; es hat die Zufuhr tzes Wassers in den Kessel verhindert und ist dadurch zur Ursache der folgen- schweren Explosion geworden. Der explodirte Kessel war erst vor fünf Jahren gebaut worden; im März und im Mai d. I. war er von einem Dampfkesselvisitator untersucht und für betriebStüchtig erklärt worden. Die Beerdigung der bei der Explosion Getödtcten hat hier unter großer Theilnahme stattgefunden; die städtischen Behörden betheiligten sich in corpore an dem Trauerakt.
Mainz, 9. Nov. Der hier in der Walläustraße von dem Bauunternehmer Suder errichtete, bis zum vierten Stock fertiggcstcllte Neubau ist heute Mittag eingestürzt. Eine große Anzahl Arbeiter ist unter den Trümmern begraben. Die Tragweite des Unglücks ist noch nicht zu übersehen.