Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Deutsches Reich.
Berlin. Der „Reichsbote." schrieb neulich: Mit Rücksicht auf die starke Abnutzung der (goldenen) Zehnmarkstücke halte die Neichsbank schon seit längerer Zeit die bei ihr eingehenden Stücke zurück und entziehe so allmühlig diese Münzen dein Geldverkehr; nur durch eine Vermehrung der Silbermünzen werde dem Bedürfniß abgeholfen werden können. Die Mittheilung war schon verdächtig, weil sie von der falschen Voraussetzung aus- ging, daß etwa eine Milliarde in Kronen in Umlauf sei, während die Prägung in dieser Münze wenig mehr als eine halbe Milliarde beträgt. Nach der Nat.-Ztg. ist auch die Angabe falsch, daß die Reichsbank die Kronen aus dem Verkehr ziehe. Es mache sich ein Mangel an Zehnmarkstücken bemerkbar und zwar auch für die Reichsbank, so daß diese Vorsorge getroffen, sich einen gewissen Vorrath zu sichern. Die unausgesetzt angestellten Beobachtungen über eine Abnutzung der Goldmünzen haben keinen Grund ergeben, das goldene Zehnmarkstück aus dem Verkehr zu ziehen oder gar durch eine Silbermünze zn ersetzen.
München, 5. Nov. Infolge des Einsturzes eines Gewölbes im Neubau des Deutschen Theaters wurden zwei Arbeiter getödtet und vier schwer verletzt. Der Vorfall erregt peinlichstes Aufsehen, nachdem erst jüngst der Baueinsturz in der Amalienstraße erfolgt war. Das Bauunglück entstand durch ungeschickte Handhabung beim Aufziehen eiserner Träger. Am Bau wird fortgearbeitet. Einer Meldung von anderer Seite zufolge sollen 11 Arbeiter bei der Katastrophe ums Leben gekommen sein.
Würzburg, 5. Nov. Das Centralkomitee der deutschen Veteranen hat, weil sich die vom Reiche für die Veteranen bewilligte Beihilfe als unzulänglich erwiesen, eine neue Eingabe an den Reichstag, in welcher um Zusendung derselben an alle erwerbsunfähigen Krieger ersucht wird, fertiggestellt. — Der in weiten Kreisen bekannte Pächter des kgl. Bades Brückenau Joseph Metzner ist am 4. November in Würzburg gestorben.
Aus Baden. Die mit staatlicher Unterstützung in's Leben gerufene Getreide - Verkaufsgenossenschaft zu Eppingen in Baden hat nunmehr ihre Geschäftsthätigkeit, die Annahme, das Reinigen und den Verkauf von Getreide, begonnen. Die Genossenschaft beschränkt sich im ersten Geschäftsjahr auf die Annahme und den Verkauf von Gerste und Reiser und läßt in diesem Jahre auch Nichtmitglieder zu. Sie will dadurch die Landwirthe veranlassen, die Genossenschaft zum Verkauf ihres Getreides zu benutzen, ohne zunächst irgend welche Ver- Pflichtung der Genossenschaft gegenüber zu übernehmen. Es soll den Landwirthen die Möglichkeit gegeben sein, sich von der Einrichtung, dem Geschäftsbetrieb und den Vortheilen des genossenschaftlichen Verkaufes vorerst zu überzeugen. Bei Eröffnung des Betriebes lagen bereits zahlreiche Anfragen wegen Lieferung erheblicher Posten von Getreide vor.
Darmstadt, 5. Nov. Wohl keine Gemeinde im ganzen Großherzogthum Hessen dürste ihren Bürgern einen größeren Gemeindenutzen gewähren, als das 7000 Seelen zählende Viernheim. Eine große Anzahl der Bürger ist, wie man der „D. Z." mittheilt, im Genusse der sog. „Großen Alimente", die in 10 Morgen gutem Ackerland, einem Wiesenstück und 10 Raummetern Scheitholz besteht und einen Werth von 400—500 Mk. repräsentirt. Will ein Bürger einen Neubau aufführen oder Bauveränderungen vornehmen, so erhält er aus dem „Baurezeßfonds" den vollen Holzwerth des Gebäudes vergütet, der in einem und demselben Jahre bis 1500 Mark betragen darf. Erstreckt sich die Bauperiode auf mehrere Jahre, fo daß z. B. ein Bürger in einem Jahre das Wohnhaus, im folgenden die Scheune und im dritten die Stallungen erbaut, so bezieht er eine dreimalige Bauentschädigung von je 1500 Mark.
Hannover, 4. November. In dem benachbarten Dorfe Änderten erhängte ein Arbeiter seine vier Kinder und sich selbst.
Hagen, 1. Nov. Im benachbarten Balve wurde dieser Tage die Leiche eines Gutsbesitzers unter großem Gefolge zu Grabe getragen. Als die Leidtragenden auf dem Friedhofe angekommen waren, sprengte plötzlich ein Bote heran und meldete dem Bruder des Verstorbenen, daß sein Gut in vollen Flammen stehe. Schreckensbleich stob die Trauergesellschaft auseinander und überließ die Leiche dem Geistlichen und den Trägern.
Samstag, den 9. November
I Ausland.
Die Lage in Konstantinopel ist eine andauernd ernste, weil ein neuerliches Ersuchen an den Patriarchen, auf die Armenier beruhigend einzuwirken, von diesem abgelehnt worden ist. Dem Patriarchen sowie den besonnenen armischen Führern ist die Bewegung längst über den Kopf gewachsen. Man hat Beweise, daß die Revolte von außen fortgesetzt Nahrung erhält. Die Pforte sieht sich genöthigt, die Verstärkung ihrer Armee zu beschleunigen. Auch in Kleinasien sind blutige Metzeleien wieder an der Tagesordnung, und es ist keine Aussicht vorhanden, daß dieselben so bald beschwichtigt werden können, da in der ganzen Türkei niemand dazu imstande sei. Die Machtlosigkeit der hohen Pforte kommt jetzt in ihrer ganzen Schwere zur Geltung.
— Der Sultan sieht niemand und ist von der Furcht ermordet zu werden, ganz übermannt. Hier erzählt man allgemein, daß er während der letzten 14 Tage zwei seiner Diener, die er im Verdacht hatte, ihm nach dem Leben zu trachten, mit eigener Hand erschossen habe. Er ist dabei im Vollbesitz seiner Sinne; wahnsinnig, wie Murad, wird er wohl nicht werden; man glaubt aber, daß die Offiziere der Armee ihn aus dem Wege schaffen werden. Sie sind mit seinem Regime höchst unzufrieden nnd reif für Empörung. Die gemeinen Soldaten sind es auch und wenn diese von den Offizieren für ihre Pläne gewonnen werden, dann sind Thron und Leben des Sultans keinen Heller werth. Was unmittelbar beunruhigend erscheint, ist eine Militär-Revolution mit unabsehbaren Folgen.
Ungarn. In der ungarischen Ortschaft Hod-Mezö- Vasarhely hat die Behörde eine weitverzweigte Gift- mrscherbande entdeckt. Die Mitglieder derselben nahmen Personen in Pflege, welche sie bei Gesellschaften ver- sichern ließen und dann vergifteten, worauf sie die versicherte Summe untereinander teilten. An der Spitze der Bande stand eine Hebamme namens Marie Jäger, welche auch das Gift lieferte und 100 fl. für jede vergiftete Person erhielt. Diese Frau wurde verhaftet und gestand, sechs Personen aus dem Wege geräumt zu haben. Bei einer Hausdurchsuchung wurden in ihrer Wohnung 10 Flaschen Gift vorgefunden. Es wurden ferner fünf Mitschuldige in Haft genommen, welche ein theilweises Geständnis abgelegt haben. Eine Mitwisserin wurde in Budapest verhaftet, und auch diese, eine Frau Baue, hat ihre Mitschuld gestanden. Weitere Verhaftungen stehen bevor. Die Oeffnung der vergifteten Opfer findet statt. Die Verbrechen wurden zumeist an nahen Anverwandten verübt; so hat eine Frau ihre Mutter, eine andere Mann und Schwester vergiftet.
Amsterdam, 4. Nov. Ein ungewöhnlicher Raubanfall ruft hier das größte Aufsehen hervor. Vierzig mit Knütteln bewaffnete Burschen drangen nach Mitternacht in Kaffeehäuser der Warmonsstraße, einer der belebtesten Straßen Amsterdams in der Nähe des Königs- palasts, zwangen die anwesenden Gäste, ihnen Portemonnaies, Uhren, und sonstige Werthgegenstände aus- zuliefern. Wer sich weigerte, wurde mit Knütteln traktirt. Erst nach einer Stunde konnte diesem Treiben durch das Erscheinen von 25 Polizisten ein Ende gemacht worden. Die Raubgesellen wurden festgenommen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 8. Nov.
* — Beauftragt: Der Hülfspfarrer Seyd in Eckenheim zum Verweser der Pfarrei Elm.
* — Nächste« Montag, den 11. d. Mts., findet der diesjährige sog. Kalte Markt statt.
* — Der Kreis-Ausschuß hat in Anerkennung der langjährigen treuen Dienstzeit dem Dienstknecht Peter Schäfer zu Drasenberg, bei Familie Zinkhan daselbst, eine Prämie von 15 Mark aus der KreiS-Communal- kasse bewilligt.
— Die Lohnzahlung in Kupons ist gesetzwidrig. Ein Mädchen für Alles erschien kürzlich bei einem Kaufmann im Norden Berlins und bat um Rath, was sie denn mit einer Anzahl Kupons anfangen sollte, die erst im Jahre 1900 fällig seien. Ihre Dienstherrschaft habe ihr die Kupons für ihren rückständigen Lohn aus- gehändigt, aber weder Grünkramhändler noch Schuster und Waschfrau wollten sie ihr abnehmen. Man rieth
1895.
dem Mädchen, die Kupons wieder ihrer Herrschaft zu- rückzugeben und auf Bezahlung in baarem Gelde zu dringen, denn die Lohnzahlung in Kupons ist gesetzwidrig.
Hünfeld, 4. Nov. Am 3. Februar 1896 sollen im Wege der Zwangsvollstreckung neun zur Zuckerfabrik Hünfeld gehörige Grundstücke, welche mit einer Fläche von 4 Hektar 39 Ar 99 Quadratmeter zur Grundsteuer und mit 4593 Mark Nutzungswerth zur Gebäudesteuer veranlagt sind, gerichtlich versteigert werden.
Rotenburg, 4. Nov. Ein ungünstiges Bild der wirthschaftlichen Verhältnisse unseres Kreises bietet die Gerichtsstatistik aus 1894 in dem im Laufe d. I. veröffentlichten Berichte der Handelkammer zu Kassel. Der Kreis Rotenburg wies darnach unter den 14 Kreisen des Regierungsbezirks nächst Kassel die meisten Konkurse, nämlich 11 auf, während die nächsten Zahlen nur je 6 in Witzenhausen und Wolfhagen betrugen. Von diesen 11 Konkursen entfielen auf den Gerichtsbezirk Rotenburg 5, Nentershausen 4 und Sontra 2. Bei Vergleichung der Zahl der Wechselklagen steht unser Kreis im Regierungsbezirk an vierter Stelle mit 50 Klagen; es gehen vor Kassel mit 800, Marburg mit 180 und Hersfeld mit 69 und folgen nach Eschwege und Melsungen mit je 44, Witzenhausen mit 35.
Kassel, 5. Nov. In der gestrigen Sitzung des Schwurgerichts ereignete sich gegen Schluß der Verhandlung ein Zwischenfall. Als der Herr Präsident den Geschworenen die übliche Rechtsbelehrung ertheilte, schrie plötzlich ein Mann mit überlauter Stimme vom Zuschauerraum in den Saal hinein: „Das hat der Staatsanwalt zu sagen und nicht der Amtsrichter!" Auf Befehl des Herrn Vorsitzenden wurde der Störenfried sofort von einem Schutzmann ermittelt und vor den Richlertisch geführt, wo er Namen und Wohnung angab. Als Grund der Aeußerung gab er an, er fei lange genug Studentendiener gewesen, um das zu wissen. Auf Antrag des Staatsanwalts wurde er sodann wegen ungebührlichen Benehmens vor Gericht zu einer sofort zu verbüßenden Haftstrafe von 3 Tagen verurtheilt.
Allendorf a. d. W., 2. Nov. Vor dem hiesigen Standesamt schlössen gestern ein Einwohner aus Asbach im hohen Alter von 75 Jahren und dessen junge Braut im 21. Lebensjahre die Ehe. Hinsichtlich des großen Altersunterschiedes ein nicht oft vorkommender Fall.
Borken. Am vergangenen Dienstag fand dahier die gerichtliche Feststellung der von Hahn, dem Kassirer der Borkener Spar-und Darlehenskasse, veruntreuten Gelder in einer hierzu einberufenen Sitzung statt. Außer den sämmtlichen Genossen der Kasse hatten sich auch die Rechtsanwälte . Dörfler-Marburg, Kunkel-Fritzlar und Backhaus-Treysa als Vertreter eingefunden und mußte die Sitzung wegen Unzulänglichkeit des Gerichtssaales im Sommer'schen Saale abgehalten werden. Wie verlautet, soll der Fehlbetrag die stattliche Höhe von 400 000 Mark ergeben haben, wovon jedoch 150000 Mk. von Seiten der Genossen bestritten worden sind. Außerdem soll in dieser Sitzung der Beschluß gefaßt worden sein, die ganze Fehlsumme zu erborgen und im Laufe der Jahre abzutragen, um die Betheiligten vor großen Verlusten zu schützen.
In Mittelbuchen ging in der Nacht von Sonntag, auf Montag ein 20jähriger Bursche, Namens Schäfer, mit 3 Freunden auf die „Jagd" nnd erlegten mehrere Fasanen. Sie wurden dabei von den Jagdaufsehern ertappt, und da sie auf Anrufen der Letzteren nicht standen, wurde auf sie geschossen. Schäfer erhielt von hinten einen Schuß durch den Rücken, der den Tod zur Folge hatte. Am Montag Abend war die Staatsanwaltschaft von Hanau an Ort und Stelle und leitete die Untersuchung ein.
Auf dem Wilhelmsbader Hof war ein welsches Huhn spurlos verschwunden und auch trotz allen Suchens nicht aufzufinden. Vor einigen Tagen kam das Thier mit 9 Jungen aus dem nahen Tannenwald vergnügt wieder anmarschirt.
Aus Klemsteiuhcim, 3. Nov., wird der „Off. Ztg." geschrieben: Dieser Tage ereignete sich hier ein Vorfall, der zwar unglaublich scheint, aber gleichwohl auf buchstäblicher Wahrheit beruht. Einem hiesigen Schweinehändler verendeten nämlich zwei werthvolle Mastschweine an der Rothlaufseuche. Die Kadaver wurden dem Wasen- meister zur Berscharrung auf dem Wasenplatze überliefert. Der Abdecker beauftragte mit diesem Geschäfte