Verletzung. Die nun von den Angeklagten Taglöhnern Johann Meienschein, Grau und Justus Mack eingelegte Revision wurde vom Reichsgerichte als unbegründet verworfen.
Orb. Daß in unserem großen Walde das Wild, und namentlich auch Hochwild, prächtig gedeiht, das beweisen die Hirsche, die im Laufe des Herbstes von den Herren Jägern und Jagdpächlern schon erlegt worden sind. Daß das Hochwild hier nicht auSgestorben ist und daß es auch nicht gar zu furchtsam und ängstlich geworden ist, das kann man daraus erkennen, daß Hirsche des Nachts sogar vordringen bis in die Nähe der Häuser oberhalb der sog. Höhe und dort an der sog. Wolfsgrube an Rüben und sonstigen Sachen sich gütlich thun. Die Pfähle mit den leuchtenden Scheulaternen scheinen ihnen bekannt zu sein, den sie scheuern sich an denselben. Auch den Hund scheinen sie nicht zu sehr zu fürchten, denn bis dicht an den Wachtposten eines dort ausgestellten Hundes sind sie herangekommen. Dieser aber zieht sich angesichts der unbekannten Fremdlinge in seine Behausung in Form eines Fasses zurück. Das edle Waidwerk scheint hier also keiner schlechten Zukunft entgegen zu gehen. Anders verhält sich die Sache, wenn man sich an die Stelle des Landwirths stellt, dem die Hirsche „in die Rüben gegangen" sind.
Hanau, 2. Nov. Die in der Marktstraße belegene Scheuer nebst Stallung des Oekonomen Alt brannte gestern Nachmittag völlig ab, wobei außer Futter und Stroh auch drei Schweine verbrannten. Ein kleiner Junge von 4 Jahren hat das Feuer angelegt durch Spielen mit Streichhölzern.
Frankfurt a. M. Ein hiesiges Bankhaus verkaufte vor 7 Jahren eine 4prozentige Esterhazi-Obligatron an einen auswärtigen Bankier, der dieselbe an eine fürstliche Schatullen-Verwaltung weiter lieferte. Die Verwaltung verlangte nun Liefernng eines anderen Stückes, da das gelieferte bereits vor 13 Jahren ausgeloost worden sei. Der Beklagte behauptete, jeder Bankier habe die Verpflichtung bei Erwerb eines Werthpapieres durch ein Nachschlage-Bureau fefiftellen zu lassen, ob das zu erwerbende Papier bereits ausgeloost sei oder nicht. Das Urtheil des Gerichtshofs ging dahin, daß Beklagter dem Kläger gegen Rückgabe der Obligation eine andere noch nicht gezogene gleicher Art mit dem Koupons vom 31. Dez. 1894 anfangend zu liefern, für die fehlenden Ersatz zu leisten und die Kosten zu tragen habe. Das Urtheil besagt, es handle sich hier um ein ausgeloostes Papier, man habe jedoch unter der Voraussetzung gekauft, kein solches zu erhalten: es sei ganz gleichgültig ob ein Versehen vorliege oder nicht Daß Kläger sich schon so lange Jahre im Besitze des Papiers befinde, könne nicht entschuldend sein, Restantenlisten bei diesem Papiere existirten nicht, für den Käufer habe gar keine Veranlassung vorgelegen, zu prüfen, ob die Obligation schon verloost sei oder nicht, das Versehen sei bei dem Erwerb begangen, da hätte nachgesehen werden müssen. Der Beklagte könne sich nicht aus einen entschuldbaren Irrthum berufen, auch der Kläger hätte nachsehen können, insofern sei das Verfahren auf beiden Seiten gleich, weßhalb Beklagter nur eine andere Obligation vierprozentige Esterhazi zu liefern habe.
Wiesbaden, 30. Oktober. Abschlägig beschieden wurde der Vorstand des „Allgemeinen Lehrervereins für den Regierungsbezirk Wiesbaden", welcher die Bitte an die Königl. Regierung hierselbst berichtet hatte, die Verpflichtung, wonach die Lehrer mit ihren Schülern an den Begräbnissen Theil zu nehmen haben, aufzu- heden. Maßgebend für diesen Bescheid war, „daß es bedenklich erscheine, diese altehrwürdige kirchliche Sitte aufzuheben, zumal eine derartige Verfügung in weiten Kreisen nur Unwillen erregen würde". Außerdem seien aber manche Lehrer dekretlich verpflichtet, an den Leichenbegängnissen innerhalb des Schulbezirks Theil zu nehmen; diese Verpflichtung aufzuheben stehe Kgl. Regierung die Befugniß nicht zu.
Wiesbaden, 30. Okt. Die hiesige Wintersaison, welche in die Zeit von etwa Ende Oktober bis Ende März fällt, hat bei einer fast sommerlichen Witterung begonnen und mit zufriedenen Bienen unserer Kur- industriellen, unter welchen die übereinstimmende Ueberzeugung besteht, daß das Kurjahr 1895 sich als besonders glänzend in den Annalen der hiesigen Kurgeschichte abhebt. 102,536 Fremden beherbergte, nach der Kurliste, nnsere Stadt in der Zeit vom 1. Januar bis 20. Oktober dieses Jahres. Außerdem ist in diesem Jahre wieder ein außergewöhnlicher Zuzug solcher Einzelpersonen und Familien zu verzeichnen, welche Wiesbaden zum dauernden Aufenthalte, der ja auch nirgends angenehmer sein kann, erwählt haben, die sich durch Erwerbung von Villen oder Miethung von Etagenwohnungen hier seßhaft machen. Wiesbaden ist bekanntlich hinsichtlich der Lebenshaltung kein theurer Ort — das liegt in der vorhandenen Konkurrenz aller Branchen — dabei aber eine durchaus fashionable und vornehme Stadt. Es ist ja allbekannt, welche Aufwendungen die Kurleitung und die Behörden machen, um Wiesbaden noch immer schöner und besser in seinen Einrichtungen herauszugestalten, aber auch die Privat-
I Unternehmungen halten damit gleichen Schritt. Neue- prächtige Hotels, dieses Frühjahr kaum eröffnet, füllten sich sofort mit Gästen, unbeschadet der nach wie vor großen Frequenz in allen der bereits bestandenen Hotels und Badehüuser. Ebenso belebt waren die Privat- und Familicnpcnsioncn, an welchen hier auch kein Mangel ist. Viele Wintergäste sind schon eingetroffen, und täglich mehrt sich deren Zahl, so daß mit Zuversicht eine Wintersaison ersten Ranges zu erwarten ist.
Homburg, 31. Okt. Jni Februar d. Js. wurde auf einer Wiese bei dem Dorfe Petterweil, bedeckt vom Rasen, ein obeliskartiger Granitstein gesunden, der die Inschrift trägt: „Hier sprach zum Volk Robert Blum, Mitglied der Nationalversammlung, am 8. Juli 1848. Geboren zu Köln am 10. November 1807; standrechtlich erschossen zu Wien am 8. November 1848. — „Ich sterbe für die Freiheit, für die ich gesümpft; möge mein Volk meiner eingedenk sein!" — Der Besitzer der Wiese ließ den Stein ausheben und stellte ihn als Gemeingut zur Verfügung. Während nun eine Anzahl Petterweiler dafür waren, dem Stein zur bleibenden Erinnerung eine würdige Stelle auf Gemeindegrund zu geben, sträubten sich das Dorfoberhaupt und einige Vertreter des Nationalliberalismus aufs Entschiedenste dagegen. Diesem ziemlich heißen Streite hat nun das Hess. Kreisamt zu Friedberg durch die Genehmigung, den Gedenkstein in Anbetracht seines historischen Werthes auf Gemeindegelände wieder zu errichten, ein Ende gemacht. Dieser feierliche Akt soll nun zu Petterweil, anschließend an das Kirchweihfest, am Dienstag, 5. November mit großen Pomp, Festzug rc. in Scene gesetzt werden. Wie wir hören, ist auch bereits eine namhafte Summe gezeichnet, um den Gedenkstein mit einem eisernen Schutzgitter zu umgeben.
Wetter, 2. Nov. An Stelle des nach Heisfeld versetzten Amtsrichters Dr. Born ist Staatsanwalt Steinhaus von Oppeln in Oberschlesien vom 1. Januar 1896 zum Amtsrichter am hiesigen Königlichen Amtsgericht ernannt worden.
Cassel, 1. Nov. Für die Deutsche Obstbauaus- stcllung in Cassel im Jahre 1896 sicherte die Regierung eine Beihilfe von ^ 5000 zu. Mehrere Staalspreijc sind in Aussicht genommen.
Cassel, 2. Nov. Das sechsjährige Töchterchen eines hiesigen Einwohners war seit vier Wochen von hier spurlos verschwunden. Dasselbe war von Zigeunern mitgenommen worden, denen es in der Gegend von Hersfeld entlief. Gestern wurde es den geängstigten Eltern zurückgebracht. Eine Untersuchung des Falles ist sofort eingeleitet worden.
Cassel, 29. Okt. Einen fast unglaublich frechen Gaunerstreich verübte der eine der beiden aus dem hiesigen Landgerichtsgefängniß entsprungenen Verbrecher, der Polake Grimma, ein vielfach vorbestrafter, unverbesserlicher Einbrecher. Derselbe war bis zu seiner unter dem dringenden Verdacht des Einbruchsdiebstahls erfolgten Verhaftung auf einem Gute in Wilhelmshöhe in Stellung. Nachdem er nun mit seinem Genossen in der Sonntagsnacht aus dem hiesigen Landgerichts- gefängniß ausgebrochen war, hatte der freche Patron nichts eiligeres zu thun, als sich an den Ort seiner bisherigen Stellung nach Wilhelmshöhe-Wahlershausen zu begeben, um dort die Kirchweihe, die gerade ftatt- fand, flott mitzumachen. Selbst als der Gendarm an= kam, genierte sich unser Polake nicht im mindesten, tanzte und kneipte lustig mit und entgegnete dann aus die Frage des Gendarmen, woher er komme, ganz dreist, er sei heute aus dem Untersuchungsgesängniß entlassen worden, da es sich herausgestellt habe, daß er unschuldig sei. Am anderen Morgen machte er sich dann eiligst aus dem Staube, ohne bis jetzt eine Spur zu hinterlassen.
Ueber die Lage in dem abgebrannten Brotterode wird berichtet: Den kräftig in Angriff genommenen Bauarbeiten hat sich ein arger Feind entgegengestellt: der Winter. Der Schnee liegt bereits 3M bis 1 Fuß hoch und die aus allen Gegenden des Reichs herbei- gecilten Arbeiter, welche bei ihren Arbeiten tagsüber in Schnee und Wasser stehen müssen und Nachts keine zuträglichen Ruhestätten haben, ziehen es zum Theil vor, in ihre Heimath zurückzukehren, zumal die Lebensmittel mehr als theuer und die Löhne gering sind. Die Abgebrannten sind zwar in Baracken untergebracht, doch wird mit einem strengen Winter neues Unglück über sie hereinbrechen.
Der Heirathsvermittler.
Nach Pansrr Poiizeiaktcn »un Felix Lilla.
(Fortsetzung.)
„Vorausgesetzt, daß sie nicht häßlich ist —"
„Häßlich? Blendendschön ist sie, mein Herr! Ich werde Ihnen das Porträt der jungen Dame sogleich zeigen.'
Coquille nahm aus einem Schränkchen ein kleines, sehr schön und kunstvoll auf Elfenbein gemaltes Miniaturporträt, das Brustbild eines jungen Mädchens von wirklich ausgezeichneter Schönheit, und zeigte es dem Besucher.
„Was sagen Sie dazu?"
„Herr Coquille, dies holde Wesen ist ja von wahr
haft berückender Schönheit!" rief entzückt der jungt Mann. „Wenn das lebende Original dem Bilde entspricht — "
„Davon können Sie überzeugt fein. Sie werde» das lebende Original sehen, wenn Sie es wünschen."
„Gewiß wünsche ich es — o sehnlichst!"
„Ich muß Ihnen aber bemerken, daß einige Umständlichkeiten und Kosten damit verbunden sind, im Betrage von fünfundzwanzig Francs."
„Hier ist das Geld!"
Alberic zählte den Betrag auf den Tisch. Von der strahlenden Schönheit der jungen Dame, die er im Bilde geschaut, war er so ergriffen, daß er mit wahrer Wonne auch hundert Francs geopfert haben würde.
„Ich danke, Herr Bichet. Also heute Abend um sieben Uhr werden Sie das Fräulein hier bei mir sehen."
„Wie heißt die junge Dame?"
„Das muß einstweilen noch ein Geheimniß bleiben, mein Herr! Es wird Ihnen bekannt sein, daß dir Prinzipien meines Geschäfts sind: größte Diskretion, feinste Delikatesse und schonendste Zartheit! — Sirwerden heimlich die Dame sehen, die junge Dame wird? ebenso heimlich Sie sehen. So ist es gewöhnlich bei mir eingerichtet. Es geht hier viel nobler und feiner her, als bei Herrn de Foy und bei Madame Saint- Marc. Findet dann gegenseitiges Wohlgefallen statt, so vermittle ich sofort die nähere Bekanntschaft. Uni wenn die Heirath richtig zu Stande kommt, so überlaß. ich es dem Ermessen des glücklichen jungen Paares, mit eine beliebige Provision zu zahlen."
„Sehr wohl, Herr Coquille! Ich billige -vollständig Ihr so äußerst diskretes und zartes Verfahren!"
„Also pünktlich um sieben Uhr! Ich hoffe, daß Sie sich recht elegant und modisch ankleiden werden."
Alberte versicherte dies natürlich und verließ, beseelt von wonniglichen Vorgefühlen, das Heirathsbureau. Coquille begleitete ihn höflich bis zur Glasthür und blickte ihm mit freundlichem Lächeln nach, indem er sich, die Hände rieb und leise murmelte: „Ein ganz vortrefflicher junger Mann! Das ist nun schon der vierte gute Kunde heute. Ha, mein Geschäft blüht!"
* *
* *
Um sieben Uhr Abends war Alberic wieder zur Stelle, sehr elegant gekleidet nach damaliger Mode: in einen braunen Frack, und versehen mit buttergelben Glacehandschuhen und einem ganz neuen Hute.
Coquille führte ihn ohne lange Vorrede zu einer inneren Thür des Empfangszimmers. Es war darin eine kleine Glasscheibe als Guckfensterchen eingefügt und mit einem rothseidenen Vorhang verdeckt. Er schob den Vorhang bei Seite und flüsterte: „Bitte, mein Herr, nnn ffehen Sie das schönste Wunder der Natur!"
Der junge Mann schaute durch das Guckfensterchen. Da erblickte er im Hintergrund eines kleinen Salons einen Tisch, auf welchem eine sehr hell leuchtende Astral- lampe stand. Am Tische saß auf einem rothen Plüschsessel die junge Dame, das Original des Miniaturporträts, sehr elegant in dunkle Stoffe gekleidet. Sie las anscheinend träumerisch in einem Buche. Entzückt schaute Alberic sie an, sie erschien ihm noch viel schöner als auf btntA Bildchen.
Plötzlich wandte die Dame den schwarzlockigen Kopf und sah mit den glänzenden Augen nach der Thür hin, Dieser seelenvolle, strahlende Blick durchzuckte den junges Heirathskandidaten wie ein elektrischer Schlag.
„Nun, Herr Bichet?" flüsterte Philibert Coquillc.
„Diese oder Keine!" murmelte ganz begeistert Alberic.
„Dann müssen wir uns nun vergewissern, ob auch Sie der Dame gefallen. Hoffen wir das Beste! Sitte, Herr Bichet, folgen Sie mir!"
Er führte seinen Kunden in einen anderen kleinen Salon, wo ebenfalls der Tisch mit einer sehr hellen Lampe versehen war. Daneben stand ein Stuhl. @im zweite Thür war auch mit einem Guckfensterchen ausgestattet.
„Bitte, setzen Sie sich nun in gehörige Positur! Durch das Guckfensterchen dort wird die Dame Sic betrachten. So — so ist's sehr gut! Nun lächeln Sie, mein Herr! Lächeln Sie noch mehr! Nehmen Sie die allerfreundlichste, herzgewinnendste Miene an. So — ganz vortrefflich!"
Sachte schlich er hinaus
Alberic saß fünf Minuten lang auf dem Stuhle, indem er lächelte, so lieblich er konnte. Dann trat Coquille wieder ein. Sein Antlitz zeigte den Ausdruck herbster Enttäuschung.
„Ich bin untröstlich, mein Herr, Ihnen mittheilen zu müssen, daß die Sache hoffnungslos ist," sagte er betrübt. „Leider gefallen Sie der jungen Dame gar nicht; Sie sind ihr zu klein, zu dick und zu blondi Aber verzweifeln Sie deshalb nicht! Ich finde noch eine andere geeignete Partie für Sie."
„Nein, nein, keine Andere!" rief Alberic Verzweiflung^' voll. „Diese oder Keine! Ach, sie verschmäht mich! Ich bin tief unglücklich." (Fortsetzung folgt.)
Bermischtes.
— Kleines Mißvcrständniß.) A.: Also Ihr Herr Onkel ist todt . . . Er war jawohl Asthmatiker? ®' Nein, Tischlermeister war er!