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Mittwoch, den 30. Oktober
1895.
Vor 25 Jahren.
Am 27. Oktober waren es 25 Jahre, daß M e tz, die Unbezwingliche, die vorher niemals Eingenommene, der stärkste aller festen Plätze Europas kapitulirte und ein für uneinnehmbar angesehener Platz in die Hände der deutschen Sieger fiel. Und er fiel nicht bloß infolge der Ausdauer der Belagerer, foiibern auch durch deren wiederholt bewährte, in vielen blutigen Gefechten bewiesene Tapferkeit, die den Franzosen trotz alles Ungestüms und trotz aller Kriegskunst das Durchbrechen des eisernen Belagerungsgürtels unmöglich machte.
Wie sah es vor 25 Jahren in und bei Metz aus; welche Leiden und Entbehrungen hatte das darin Monate lang eingeschlossene französische Heer und die Bürgerschaft mit ihm auszustehen gehabt. Einen ganz besonders trostlosen Anblick boten die Lagerplätze der Truppen: fast sämmtliche Gebäude zerstört, Gärten und Anlagen vernichtet, Zäune und Einfriedigungen verschwunden, von Vegetation keine Spur mehr. Alles, selbst die Rinde von den Bäumen hatten die hungrigen Pferde abgenagt, von deren zähem Fleisch die Armen zuletzt gelebt und das in einem Sumpfe, in einem durch den Regen völlig aufgeweichlen Erdreich, in das Menschen, Pferde und Fahrzeuge justier versanken. Die Deutschen konnten einem Gegner die Achtung wahrlich nicht versagen, der unter solchen Umständen so lange ausgeharrt hatte. Auch die deutschen Truppen hatten es schwer genug gehabt, auch für sie war die vergangene Zeit eine Zeit des Ungemachs und der Gefahren durch Leiden und Krankheit gewesen. Die ausgebrannten Dörfer um Metz boten wenig Obdach gegen die Unbilden der Witterung, wiederholt brachten Offiziere und Mannschaften die Rächte stehend in strömenden Regen zu. Auch hier verwandelten sich die Lagerplätze in Sümpfe, dazu herrschte Mangel an Trinkwasser; es konnte nicht fehlen, daß sich Krankheiten, namentlich die Ruhr, in den Reihen des deutschen Heeres verbreiteten. So war denn der Tag der Uebergabe der Festung auch für die Deutschen ein Tag der Erlösung. Als die Kunde laut wurde: „Metz hat tapitulirt!", da gab an einer Stelle der deutschen Vorposten ein Hauplinann den wogenden Gefühlen dadurch den treffendsten Ausdruck, daß er seine Kompagnie um sich versammelte und ein Hoch auf Se. Majestät den König ausbrachte. Nicht nur, daß die Soldaten begeistert einstimmten, in freudigster Erregung warten sie die Feldmützen in die Luft, dabei liefen den meisten die Thränen über die Wangen. Wo war nun aller Mißmuth und Aerger? Allenthalben fand man jetzt reichen Lohn in dem Gefühl, die Befehle eines großen Heerführers, des Helden- mmhigen Prinzen Friedrich Karl, treu und mannhaft bis zum glorreichen Ende ausgesührt zu haben.
Im Schlosse Freskati wurde zwischen dem Generalstabschefs von Stichle und Garras die Kapitulation vereinbart, durch welche eine so große Armee kriegsge- fangen wurde, wie dies in der Weltgeschichte vorher noch niemals stattgefunden.
6000 französische Offiziere und 167 000 Mann, ungerechnet den Kranken, zusammen gegen 200 000 Mann gingen in deutsche Gefangenschaft; 56 kaiserliche Adler, 622 Feld-, 876 Festungsgeschütze, 72 Mitrail- leusen, 260 000 Gewehre und anderes Kriegsmaterial waren die Beute des Siegers. Die Deutschen hatten in der Zeit der Einschließung 240 Offiziere und 5500 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt.
Am 29. Oktober Morgens wurden die preußischen Fahnen auf den großen Außenwerken von Metz aufgepflanzt; um 1 Uhr Mittags rückte die französische Be- Besatzung in lautloser Stille aus dem Platze; das ganze nahm sich aus wie ein riesenhafter Leichenzug des französischen Kriegsruhmes. Der Bezwinger aber der stolzen Feste, Prinz Friedrich Karl, erhielt als Lohn den Marschallstab, mit ihm zugleich auch des Königs Sohn, der Kronprinz; Moltke wurde, wohl auch aus Anlaß seines Geburtstages, des 26. Oktober, in den Grafenstand erhoben. Durch den Fall von Metz war die gestimmte Kriegslage wesentlich gebessert, konnte doch nun über die bisherige Einschließungsarmee frei verfügt werden, und bald sollte der Feind, der an der Loire und sonst sein Haupt so kühn wieder zu erheben begonnen hatte, die Schwere dieses Gewichts merken. Sieben Armee-Corps und eine Division waren vor Metz zur Belagerung festgehalten worden, und es war Natürlich von großer Bedeutung, daß diese großen
Truppenmassen jetzt zu anderer Verwendung frei wurden.
Wir aber freuen uns dessen, daß die wiederge- wonnene Feste, geschmückt mit Namen deutscher Männer, die sich unter ihren Mauern 1870 unvergänglichen Kriegsruhm erwarben, nun an der Mosel zu starkem Schutz des neu geeigneten Deutschlands Wache hält, in ihrem Herzen das eherne Bild des unvergeßlichen ersten Kaisers tragend, zugleich dessen, der die deutschen Armeen vor 25 Jahren zu so glorreichen Thaten und Siegen führte.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Okt. Der Kaiser kehrte Samstag Abend aus Leipzig hierhin zurück. Am Sonntag nahm er der Gedenkfeier für den Prinzen Friedrich Karl im Kaiserhof theil und hatte sich dann zur Jagd nach Liebenberg, der Besitzung des Grafen Philipp zu Eulen- burg, begeben. Demnächst wird der Kaiser zur Jagd auf den Gütern des Hausminister Grafen v. Wedel in der Provinz Sachsen, des Fürsten Hatzscidt und des Grafen Hochberg in Schlesien erwartet.
* — Der Minister für Landwirthschaft hat sich bereit erklärt, die Aufforstung solcher Grundstücke, welche dadurch einen besseren Ertrag als bei landwirth- schaftlicher Benutzung versprechen, durch Gewährung von Staatsbeihilfen zu fördern.
— In der nächsten Tagung des Reichstages wird, dem Vernehmen der „Post" nach, eine Vorlage eingebracht werden, wonach die Competenz der Amtsgerichte erweitert werden soll, indem dieselben nämlich fortan über Streitobjekte bis zur Höhe von 500 oder 600 Mk. entscheiden sollen.
* — Eine vorläufige Schätzung, die im Reich von etwa 3700 landwirthtchaftlichen Vertrauensmänner als Berichterstatter angestellt worden ist, ergiebt als Ertrag vom Hektar in 100 Kilgr. bei Winter-Weizen 16,7, Sommer-Weizen 13,8, Winter-Spelz 13,9, Sommer- Gerste 16,8.
— Deutsch-Ostasrika ein Goldland? Der „Kölnischen Zeitung" wird aus Berlin geschrieben: Nach dem Bericht des in Deutsch-Ostafrika verstorbenen, zur Prüfung der Goldfunde ausgesandten Geologen Stapf sind dort Goldquarze gefunden worden; insbesondere wurde eine mehrere Kilometer lange Ader verfolgt, die goldhaltiges Gestein enthielt. Verschiedene an dem Unternehmen betheiligte Personen sind bereits zusammcugelreten zur Ausbeutung dieses Fundes. In Ostafrika sind berg- rcchtliche Bestimmungen noch nicht erlassen; daher ist die Regierung jederzeit in der Lage, die einschlägigen Verhältnisse so zu regeln, daß ihre Interessen vollständige Wahrung finden. Gouverneur v. Wissmann hat bereits eine Schürfordnung erlassen, durch welche jedoch den Rechten der Regierung oder der Finder nicht vorgegriffen wirb.
Kiel. Seit Eröffnung des Kaiser-Wilhelmkanals hatte man vielfach mit Spannung die Zeit erwartet, da der Kanal seine Hauptprobe bestehen müsse, und gehofft, bei den diesjährigen Flottenmanövern werde von dem Kanal ein ausgiebiger Gebrauch zur Vereinigung der Streitkräfte der Nord- und Ostsee ge^ madit werden. Das ist auf dem Rückwege aus der Ostsee nach der Nordsee am Schlüsse der Flottenmanöver eingetreten, doch lediglich im Sinne einer Kanalprobe. Bis zum 20. September hatten alle Schiffstypen der Flotte den Kanal ohne Schwierigkeiten passirt, mit Ausnahme der Panzerschiffe erster Klasse. Sie haben bekanntlich 10,033 Tonnen, 7,4 Meter Tiefgang, sind 116 Meter lang und 20 Meter breit. Die „Kaiserin Augusta" mit 7,0Meter Tiefgang, 118 Meter Länge und 15 Meter Breite war bereits auf der Ausreise nach Marokko ohne Störung durch den Kanal gegangen. Demgemäß konnten eigentlich Besorgnisse nicht mehr bestehen, ob das auch mit der Panzerschiffklasse „Kurfürst Friedrich Wilhelm" der Fall sein werde. Am 20. September trat das Flaggschiff „Kurfürst Friedrich Wilhelm" bei Holtenau in den Kanal ein, auf 1000 Meter Abstand folgten die Panzerschiffe „Brandenburg", „Weißenburg", „Wörth" und Aviso „Jagd". Bei der Fahrt wurden durchweg 5 Knoten eingehalten, um halb 6 Uhr die Schleuse bei Brunnsbüttel passirt und in die Elbe eingelaufen. Die Fahrt hatte also 11 Stunden gedauert. Im Vergleich zum Wege um Skagen, der unter normalen Wellen- verhältnissen bei 10 Knoten Fahrt 48 Stunden er
fordert, ist das ein sehr günstiges Ergebniß, dessen Bedeutung für die Versammlung unserer Kriegsflotte entweder in der Nord- oder in der Ostsee keiner näheren Erörterung bedarf. Mit dieser Probe ist immerhin erst der Beweis geliefert, daß der Kanal dem Hauptzweck. welchen er dienen soll, nämlich dem strategischen, vollständige Genüge leistet. Bekanntlich hat dies kein Geringerer als Moltke in Zweifel gezogen, als das Projekt zum ersten Male zur Berathung kam. Die Fahrt ging bei Tage vor sich. Es ist jedoch nicht zweifelhaft, daß die Durchfahrt auch bei Nacht keinen Schwierigkeiten begegnet. Da nun „Ersatz Preußen" 12,000 Tonnen haben wird, so darf man erwarten, daß auch für solche Dimensionen die Raumverhältnisse des Kanals noch ausreichen.
Altona, 24. Okt. Heute Morgen 8 Uhr wurde der Doppelmörder Wut durch den Scharsrichter Reindel aus Magdeburg hingerichtet. Der Verbrecher behielt die bisher gezeigte große Ruhe und Kaltblütigkeit bis zum letzten Augenblick. Ueber den gleichfalls zum Tode verurtheilten Knabenmörder Breilrück ist die Entscheidung noch nicht eingetroffen.
Bremen. Die deutsche Wurst- und Fleischwaaren- fabrikation befindet sich im Allgemeinen in einer günstigen Lage. Dauerwaarc ist zur Zeit sehr gesucht, und die Bestände lichten sich auffallend rasch, so daß die Schlachtungen mindestens denselben Umfang wieder erreichen dürften in der bevorstehenden Saison, den sie im Vorjahre hatten. Eine ganz besonders schwere Konkurrenz macht den Fabrikanten der amerikanische Speck. Es wird seit einiger Zeit nämlich in den Schlächtereien Chicagos der Speck fast ganz genau wie hier zu Lande üblich zugeschnitlen, dann bei uns noch eunnal umgesalzen und geräuchert, um alsdann als deutsches Produkt in den Handel gebracht zu werden. Der amerikanische Speck war im letzten Jahre sehr billig, und dieses Verhältniß wirkte nachteilig auf das deutsche Produkt. Um Rechnung zu finden, hätte deutscher Speck mit 65 Mark pro Centner verkauft werden müssen, aber selbst zum Preise von 58 bis 60 Mark war schwer Absatz zu finden, und es müssen daher größere Posten alten Specks in diese Saison mit hinüber genommen werden.
Aus Hannover, 23. Oktober, wird gemeldet: Als gegen 11 Uhr der Komptoirbote der Firma Königs- wartcr und Ebell die Reichsbank mit Geldbeuteln verließ, wurde er im Hausflur von einem jungen Burschen Überfällen, mit einem Hammer hinterrücks niederge- geschlagen, doch nicht töütlich verletzt. Auf die Hilferufe des Ueberfallenen wuide der Verbrecher ergriffen, der auf dem Transporte zur Polizei dem Beamten mit einem Messer zu Leibe ging. — Die Nachforschungen über den Bankräuber, der übrigens nach wie vor, selbst feinem Opfer gegenüber, frech die Thäterschaft ableugnet, haben ergeben, daß der Name desselben Sinclaire ist und geboren ist derselbe in Philadelphia. Er scheint der internationalen Verbrecherbande anzugehören, die die Beraubung von Banken und Kassenboten zu ihrer Spezialität gemacht hat.
Aus Westfalen. Ein frommer Mörder. Eine vor dem Schwurgerichte in Münster vor einigen Tagen verhandelte Anklage ist recht charakteristisch. Ein Ackerer hatte ein Dienstmädchen überfallen und zu vergewaltigen versucht. Als es sich krästig währte und um Hülfe rief, schnitt er ihm mit seinem Taschenmesser die Gurgel durch, wusch sich das Blut ab, begab sich an die Arbeit, machte zwei des Weges kommende Jäger auf die in der Nähe seiner Arbeitsstelle liegende Leiche aufmerksam und begab sich mit den Beiden auch ruhig an den Ort der That. In der Verhandlung vor dem Schwurgericht, die mit der Verurtheilung zum Tode endete, wurde sestgestcllt, daß der Viörber dem Mädchen nach der That das Portemonnaie aus der Tasche zog und eine Mark aus demselben entnahm, um eine Messe für die Seelenruhe seines Opfers lesen zu lassen. „So geschehen im Jahre 1895.“
Trotz der Bahnsteigsperre ist in Hagen i. W., wie von dort geschrieben wird, die Miethe des Bahnhofs- Restaurants von den Anbietern von 16,500 Mark auf 40,000 Mark gesteigert. Wer bezahlt die Differenz? Zum größten Theil doch wohl das Publikum, aber auch der Wirth wird sich mit einem bescheidenen Nutzen begnügen müssen.
Bocholt, 25. Okt. Unter den Trümmern der ein-