Einzelbild herunterladen
 

chlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

,M 86. Samstag, den 26. Oktober 1895.

Quf ^eSchlüchterner Zeitung" JJtpllUUllyvIl werden noch fortwährend von allen ? ........... ---------" Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Das Eherecht im bürgerlichen Gesetzbuchs.

Die Arbeiten der Kommission für das bürgerliche Gesetzbuch sind der Natur der Sache nach von weitern Volkskreisen im allgemeinen nicht gerade mit großer Theilnahme verfolgt worden. Nur die Rechtsgelehrten und daneben auch die Mitglieder unserer Parlamente dürften sich mit ihnen beschäftigt haben. Die Ursache mag darin liegen, daß Rechtsfragen ein recht trockner Stoff sind, und daß Laienkreife sich von der Beschäftigung mit ihnen so lange fern halten, als dieselbe ihnen nicht durch das praktische Leben, insbesondere durch Rechts­streitigkeiten unmittelbar ausgezwungen wird. Unbedingt auf allgemeineres Interesse können die Bestimmungen über die Ehe rechnen, die in dem ersten Abschnitt des vierten Buches enthalten sind.

Zunächst wird der Grundsatz aufgestellt, daß aus dem Verlöbnisse nicht auf die Eingehung der Ehe geklagt werden kann. Im Anschluß hieran wird das Versprechen einer Strafe für den Fall, daß die Eheschließung unter­bleibt, für nichtig erklärt. Die Ehemündigkeit, d. h. das zur Eheschließung erforderliche Alter tritt nach dem bestehenden Gesetze für das männliche Geschlecht mit dem vollendeten 20., für das weibliche mit dem 16. Lebens­jahre ein. Die Kommission hat nun für Männer die untere Grenze auf 21 Jahre festgesetzt. Die elterliche Zustimmung zur Eheschließung, die bei Männern bisher nur bis zum vollendeten 25., bei Frauen bis zum vollendeten 24. Lebensjahre erforderlich ist, wird von dem Entwurf für beide bis zum vollendeten 25. Jahre verlangt.

Verboten ist gegenwärtig die Ehe zwischen Verwandten in gerader Linie, zwischen voll- und halbbürtigen Ge­schwistern, zwischen Stiefeltern und Stiefkindern, zwischen Schwiegereltern und Schwiegerkindern, zwischen Adoptiv- eltern und Adoptivkindern während der Dauer dieses Verhältnisses, sowie zwischen einem wegen Ehebruchs geschiedenen Ehegatten und seinem Mitschuldigen. Der Entwurf hat außerdem noch die Ehe verboten zwischen x Personen, von denen die eine mit Vorfahren oder Ab­kömmlingen der andern Geschlechtsgemeinschaft gepflogen hat. Die Bestimmungen über die Form der Ehe­schließung sind fast unverändert in den Entwurf auf­genommen worden.

Was nun die Ehescheidungsgründe betrifft, so hat die Kommission deren Zahl stark eingeschränkt. Besonders der erste Entwurf beruhte auf dem Grundsatz, daß nur bei Verschulden eines Ehegatten die Scheidung zugelassen werden sollte. Nur Ehebruch, Lebensnachftellung und bösliche Verlassung wurden als Scheidungsgründe anerkannt. Der zweite Entwurf hatte die Geisteskrankheit und grobe Verfehlungen gegen die ehelichen Pflichten den Scheidungsgründen hinzugefüge, und die in dem ersten Entwurf aufgenommenene Einrichtung der Trennung von Tisch und Bett wieder beseitigt. Aber noch jetzt ist jede Scheidung auf Grund gegenseitiger Einwilligung oder unüberwindlicher Abneigung, die Scheidung wegen zufälliger Umstände, namentlich wegen körperlicher Gebrechen, wegen krimineller Verurteilung u. s. w. ausgeschlossen.

Trotz der Erschwerung der Ehescheidung ist doch gerade dieser Punkt des bürgerlichen Gesetzbuches vielfach angegriffen worden. Hoffentlich werden die Gegner bei den Berathungen im Reichstage ihre Bedenken fallen lassen, damit das Werk der Rechtseinheit nicht gefährdet wird. Denn gerade das Eherecht bedarf, weil es in den einzelnen Theilen deS Reiches verschieden und theilweise recht mangelhaft gestaltet ist, dringend der Regelung.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser wird sich nach der Einweihung des Reichsgerichtsgebäudes am Sonnabend von Leipzig nach Lrebenberg begeben, um einer Einladung deS Grafen Philipp Eulenburg zur Jagd zu entsprechen.

Es wird gemeldet, daß die Verhandlung gegen Assessor Wchlau vor der Disziplinarkammer in Pots­dam am 24. stattsindct. Den Vorsitz in der Verhand­lung wird der Präsident des Landgerichts in Potsdam, p, Seydewitz, führen, der auch bei der Verhandlung

gegen den Kanzler Seift präsidierte. Der ehemalige Kanzler Leist ist, derGerm " zufolge, nach Chicago, abgereist, um sich dort als Rechtsanwalt niederzulassen.

* Die grauen Militärmäntel werden jetzt auch bei der Gendarmerie eingeführt. Die neu eintretenden Gendarmen erhalten diese Mäntel sofort, die im Ge­brauch befindlichen aber müssen von den älteren Gen­darmen aufgetragen werden. Ebenso gelangen zur Zeit die Helme nach neuestem Muster zur Vertheilung.

* Die Sonntagsruhe für den Stückgutverkehr ist vom Minister der öffentlichen Arbeiten mit Rücksicht auf den zeitigen Wagenmangel bis auf Weiteres aufgehoben worden. Dabei sind in den letzten vier Jahren über­haupt 24993 Güterwagen im Werthe von 85115 738 Mark neu beschafft, abgesehen von den für ausge­musterte Wagen neu beschafften 11310 Stück im Werthe von 34 096100 Mark. Infolge des ungewöhnlich niedrigen Wasserstandes und des Aufschwungs der In­dustrie haben die Eisenbahnen mehr zu bewältigen.

Kiel, 23. Okt. Wie am Sonntag beim Appell bekannt gegeben wurde, wird im nächsten Marine- Verordnungsblatt ein Erlaß des Kaisers erfolgen, in dem der Wunsch ausgesprochen wird, daß Deckoffiziere und Mannschaften der Marine entweder Vollbart tragen mögen oder glattrasirt gehen. Die am 1. Okt. erfolgte Einführung gleichmäßiger Tarife für Vieh für das ganze Gebiet der preuß. Staatsbahnen ist für die Landwirthe und Viehhändler von großem Vortheil. Darüber wird ge­schrieben r In der ersten Oktoberwoche betrugen die Ausgaben für das von dem schleswig-holsteinischen Hauptmarkte Husum nach Berlin, der Rheingegend, nach Mittel- und Süddeutschland versandte Vieh circa 6000 M. weniger als nach dem alten Tarif. Der Ab­satz hat sich wesentlich vermehrt, und die Konsumenten erlangen billigeres Fleisch.

Köln. Einen werthvollen Fund machten am Mon­tag nachmittag mehrere Arbeiter der Reparatur-Werkstätte von der Zentral-Werkstätte der Eisenbahn-Direktion Köln. Bei der Reparatur eines Wagens dritter Klasse wurde auch der Ofen in einem Abteil ausgeräumt. Unter den darinliegenden Papieren entdeckte ein Arbeiter ein zu- sammengebundenes Päckchen, welches sich bei näherer Be­sichtigung als ein Bündel Wertpapiere ergab. Bei näherer Untersuchung entdeckte man auf dem schrägen, zur Aufnahme von Handgepäck dienenden Brett über den Bänken ein zweites Paketchen, welches ebenfalls Wertpapiere enthielt. Wie sich herausstellt, repräsentieren diese Banknoten einen Gesamtwert von über 33,000 Mk. Die Arbeiter lieferten die wertvollen Fundstücke sofort ihrer Behörde ab. Allem Anschein nach rührt das Geld von einem Diebstahl her.

Bochum. Die durch den Bergbau hervorgerufenen Bodensenkungen mehren sich im Ruhrkohlenrevier all­jährlich. Nachdem man vor zwei Jahren das Bahn­geleise der Strecke Langendreer-Bochum über einen Meter hat höher legen müssen, muß jetzt dasselbe auf der Strecke Laer-Langendreer geschehen. Zur Ent­wässerung gesunkener Wiesen und Ländereien müssen Tiefthalgräben angelegt werden. In Wiemelhausen ist die katholische Kirche infolge großer Senkungen un­brauchbar geworden.

Mainz, 22. Oktober. Ein Familiendrama hat in der Münster-Caserne stattgefunden. Dasselbe scheint durch die Schuld der durch zwei Schußwunden erheblich verletzten Frau des Sergeanten und Hauptboisten Friedrich Berthold Löchner herbeigeführt zu sein. Letzterer dient bereits 11 Jahre und war ein sehr tüchtiger Musiker, weshalb er auch zur Verstärkung des städtischen Orchesters bei Symphonie-Concerten und größeren Opern-Aufführungen mit herangezogen wurde. Die Ehe mit der aus Mombach gebürtigen Frau bestand schon eine Reihe von Jahren und es waren aus der­selben sechs Kinder hervorgegangen, von welchen aber nur eines am Leben ist. Der Mann war überzeugt, daß seine Frau auf Abwege gerathen sei, die nach Frankfurt a. M. hinführen. Nach mehrfachen heftigen Auseinandersetzungen griff er deshalb gestern Abend zur Waffe und suchte seine Frau im Keller zu erschießen. Er gab drei Schüsse auf dieselbe ab, von welchen zwei trafen. Dann tödtete er sich selbst; die zweite Kugel ging ihm direkt durch das Herz.

Bamberg, 21. Okt. Das im Juragebirge gelegene Dorf Schederndorf ist gestern größtenteils niedergebrannt.

Grciz. In der jüngsten Sitzung des Greizer Vereins für Naturfreunde" wurde denM. N. N." zufolge die Mittheilung gemacht, daß der Kriegsinvalide Pfeifer in Greiz einem ungefähr seit einem Jahre in Gefangenscha t gehaltenen Sperling das Singen bei­gebracht habe, wozu ihm ein früher durch die Zeitungen gegangener Hinweis, daß der Haussperling von Natnr aus alle physischen Vorbedingungen zumKunstgesang" ebenso wie die anderen Singvögel besitze, die An­regung gegeben.

Danzig, 21. Oktober. Eine furchtbare Brandkala- strophe hat sich in Sajonschek bei Skurz, Kreis Preußisch-Stargardt, ereignet. Dort brannte am Sonn­abend das Haus eines Käthners ab. Zehn Kinder sind verbrannt, fünf wurden gerettet. Die Eltern be­fanden sich außer dem Hause auf Arbeit; man ver­muthet ein Bubenstück.

Ausland.

Wien. Der 72jährige pensionirte Feldmarschall- Lieutenant Dunst v. Adelsheim und dessen 50jährige Gemahlin haben sich am Montag früh im Praler bei Wien erschossen. Drückende finanzielle Lage soll, wie die Blätter melden, der Beweggrund gewesen sein. In der Angelegenheit des Selbstmordes des Feld­marschall-Lieutenants a. D. Dunst v. Adelsheim und seiner Gattin wurden in Wien zwei Agenten verhaftet und dem Landgerichte eingeliefert, welche einem Fleischhauer versprochen hatten, ihm die Kantine einer neuerbauten Kaserne durch Vermittelung eines hohen Militärs zu verschaffen, falls er diesem ein größere- Darlehen und ihnen selbst eine Vermittelungsgebühr in gleicher Höhe auszahle.

Die Nachrichten aus Konstantinopel erregen ernste Besorgnisse. Es soll eine Verschwörung entdeckt worden fein/ durch welche auch Persönlichkeiten auS der nächsten Umgebung des Sultans kompromitlirt erscheinen. Thatsache ist, daß der Sultan in den letzten Tagen sich förmlich abgeschlossen gehalten hat und nur den Ver­trauten Zutritt zu sich gewährte. Weiter spricht man davon, daß er sich selbst persönlich nicht mehr sicher fühle, weil er erfahren habe, daß darauf ausgegangen werde, ihn zu entthronen und an seiner Statt den Prinzen Mohamed-Reschad, seinen Bruder, den präsum- tiven Thronfolger, zum Sultan zu ernennen. Daß der englische Botschafter gerade in dieser kritischen Zeit Konstantinopel verläßt, erklärt sich aus dem Umstand, daß, wie verlautet, der Botschafter sich ebenfalls bedroht erachtet. Er soll in den letzten Tagen überhaupt nicht mehr im Botschaftspalais, sondern auf dem englischen Stationsschiffe sich aufgehalten haben.

Ncwyork, 21. Oktober. Ein Sturm, welcher seit Sonnabend über den Staat Minnesota, die Dalotaterri- tonen und Manitoba hinfegte, sachte kohlende Wald­brände wieder an. Diese verheerten meilenweite Strecken in verschiedenen Theilen jener Gegenden. Hunderte von Farmen sind verwüstet. Man schätzt, daß eint Viertelmillion Bushel Getreide und Millionen Tonnen Heu vom Feuer verzehrt sind. Sieben Personen ver- brannten bei lebendigem Leibe, etwa zwanzig Gebäude sind vom Feuer verzehrt.

Aokohama, 21. Okt. Man spricht in diplomatischen Kreisen offen davon, der russische Gesandte werde bei der koreanischen Regierung gegen die Verwaltung der Staatsangelegenheiten durch Taiwan Kung protestiren und verlangen, daß die Macht durch den König selbst ausgeübt werde. Man glaubt, wenn dieser Protest unberücksichtigt bleibe, werde ein Ultimatum folgen. DaS JournalAsai" versichert, der japanische Gesandte Miura und die übrigen Beamten, welche in die Vor­gänge in Söul verwickelt waren, kehrten unter dem Schutze von Gendarmen nach Japan zurück. Es geht das Gerücht, die Vertreter der fremden Mächte in Söul verlangten Schutz der Gesandtschaften. Sie stimmen darin überein, die Japaner für die Mörder der Königin von Korea, welche neulich ermordet wurde, zu erklären.

Lokales und Provinzielles.

Schlächtern, 25. Okt.

* Die unsere Stadt umgebenden Vorberge der Rhön, des Vogelsgebirges und des Spessarts waren gestern morgen mit Schnee bedeckt. Derfelbe schmolz im Laufe des Tages wieder. In den höheren Lagen