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ZchlWernerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

.M 82. Samstag, den 12. Oktober 1895.

auf bte "Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen !' -- Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Das eigenhändige Schreiben des Zaren an den deutschen Kaiser ist, wie Londoner Blätter berichten, äußerst freundschaftlich gehalten und läßt hoffen, daß der Zar mit seiner Gemahlin dem deutschen Kaiserpaar im Herbst nächsten Jahres einen Besuch zu machen in der Lage sein wird. Danach wird das russische Herrscher­paar seine Rundreise bei den europäischen Mächten antreten.

Ein deutsches Gebiet in China. Dem deutschen Generalconsul ist es gelungen, mit China ein Abkommen zu treffen, wonach China ein Gebiet in Hankau zur Errichtung einer deutschen Niederlassung als deutsches Krongut abtntt. Seither war es in den beiden Vertrags- häffn in Folge des chikanösen Verhaltens der dort an­sässigen Engländer für den Deutschen schwierig anzu- kommen, während jetzt die deutsche Kolonie freien Spiel­raum zur ungehinderten Entwickelung hat. Es wird die Hoffnung gehegt, daß es gelingt, auch in Tientsin ein gleiches Abkommen mit der chinesischen Regierung zu treffen.

Es wird von Versuchen gemeldet, nach Art des Bundes der Landwirthe einen. Bund der Industriellen zu bilden, und zwar wird ein in Berlin gebildetes Komitee in den nächsten Tagen an die gesammte Industrie Deutschlands einen Aufruf zur Betheiligung an den neu zu begründendenBund der Industriellen" ergehen lassen. Die Organisation wird ähnlich der deS Bundes der Landwirthe erfolgen.

München. Die bayerischen Jägerbataillone, welche bisher eine mit grünen Kragen und Aermelaufschlägen versehene Infanterie waren, sollen sowohl hinsichtlich der Rekrutierung und der Ausstattung (der preußische Jägertschako wurde kürzlich eingeführt) alS auch in Bezug auf besondere Ausbildung im Schießen eine aus- erwählte Truppe werden, in sie auf eine höhere Stufe der Schießausbildung gebracht werden sollen. Zu diesem Behufe wurde den Jägerbataillonen eine bedeutende Erhöhung der Ucbungsmunition zugestanden; insbe­sondere haben die Bestimmungen über das gefechtsmäßige Schießen im Gelände eine Erweiterung nach preußischem Vorbild erfahren.

Großes Aussehen erregt in Leipzig der Selbstmord des als Millionär geltenden Buchbindereibesitzers W. Bösenberg. Die dortigenNeuest. Nachr." schreiben darüber:Ueber die Gründe des Selbstmordes des Buchbindereibesitzers W. Bösenberg durchlaufen die mannigfaltigsten Gerüchte die Stadt. Als richtig läßt sich mittheilen, daß die Befürchtung vor einem staats- anwaltschaftlichen Eingreifen die Hauptursache seines Entschlusses war. Bösenberg hatte Gesangbücher zu liefern, die mit dem Stempel der betreffenden Ministerien versehen sein müssen. Eine große Zahl dieser Gesang­bücher hatte er nun im Geheimen Nachdrücken lassen und gestempelt. Einer deshalb für Dienstag, den l. Oktober, anberaumten Verhandlung vor Gericht ist B. duich Selbstmord aus dem Wege gegangen und hat sich so seinem irdischen Richter entzogen. Die Angelegenheit befindet sich schon seit einigen Wochen in den Händen der Staatsanwaltschaft. Bösenberg befand sich in aus­gezeichneten Vermögensverhältnissen und erscheint es z. Z. unerklärlich, daß er, offenbar nur aus schnöder Gewinnsucht, sich betrügerische Handlungen zu schulden kommen ließ."

Arolsc«. Die finanzielle Lage des FürstenthumS Waldeck, das bekanntlich von Preußen auf Grund des Accessions"-VertrageS verwaltet wird, hat sich so Ungünstig gestaltet, daß, wie dieNat.-Ztg." hört, im nächstjährigen preußischen Etat der Zuschuß Preußens um 90 000 Mk. hat erhöht werden müssen. Bisher betrug er 310000 Mark.

In Münster (Westmlen) wurden in der Nacht zum Dienstag wiederum Polizisten mißhandelt, welche durch berittene und Fußgendarmen verstärkt waren. Ganze Straßen mußten mit blanker Waffe gesäubert werden. Der Oberbürgermeister ersucht in einer Bekanntmachung an den Anschlagsäulen und in den Zeitungen die Bürger, sich der Ansammlungen zu enthalten, nachdem bedenkliche Elemente sich der Bewegung bemächtigt hätten und der

frühere Zustand der Polizeistunde im Wesentlichen wieder hergestellt worden sei.

Ausland.

Paris. Die madagassische Hauptstadt Antananarivo ist, wie jetzt erst bekannt wird, bereits am 27. Sep­tember in die Hände der Franzosen gefallen. Die stolze Königin der Howas hat angesichts der französischen Bajonette ihr Gelübde, die Stadt nicht zu verlassen, gebrochen und hat mit den übrigen hauptstädtischen Be­wohnern Reißaus genommen, sodaß sich die Franzosen ohne Schwertstreich der Residenz bemächtigen konnten. Die offizielle Nachricht von diesem endgültigen Siege der Franzosen auf Madagaskar hat sich dadurch verzögert, weil das Regenwetter auf der Insel begonnen hat und demgemäß der optische Telegraph infolge Nebels nicht funktioniren kann.

Aus San Franzisko wird gemeldet, daß neuen japanischen Berichten zufolge die in Formosa herrschenden Zustände sich täglich verschlimmern. Die eingeborenen Rebellen führen Krieg auf eigene Faust, an welchem sich selbst die Frauen mit großer Erbitterung betheiligen. Durch den ihnen begegnenden Widerstand erbittert und von der herrschenden Epidemie stark in ihren Reihen gelichtet, geben die Japaner keinen Pardon mehr.

Nord-Amerika. In Kanada ist ein Zwischenfall ein- getrcten, der in Belgien ein nicht geringes Aufsehen hervorruft. Die in Montreal erscheinende französisch­kanadische ZeitungLe Monde" hatte einen den König der Belgier anf das Aergste beschimpfenden Aufsatz veröffentlicht, der im Wesentlichen den König beschuldigte, das ganze Vermögen seiner Schwester, der Kaiserin Charlotte, verthan zu haben. Dieser Aufsatz machte großes Aufsehen, und der belgische Generalkonsul in Ottawa forderte die Zeitung auf, diesen Aufsatz sofort zu widerrufen. Die Redaktion lehnte diese Forderung rundweg ab. Der Generalkonsul erneuerte seine Forde­rung, abermals ohne Erfolg, worauf er nunmehr das Blatt benachrichtigte, daß, sofern nicht sofort die Zurück­nahme der Anschuldigung erfolgen sollte, er sogleich die belgische Regierung von dem Vorgänge in Kenntniß setzen und auf Grund des neuen Strafgesetzes das Blatt gerichtlich verfolgen werde. Das neue Straf­gesetz bestimmt, daß jede Person, die einen Fürsten oder eine, souveräne Autorität über einen Staat aus­übende Person öffentlich verleumdet, mit einem Jahr Gefängniß bestraft wird. Schreitet das belgische aus­wärtige Amt nicht ein, so wird dieserProzcß in Kanada zur Verhandlung kommen. Erwähnt sei, daß schon vor Jahresfrist von Paris aus das Gerücht verbreitet worden ist, das Vermögen der Kaiserin Charlotte, das der König zu verwalten hat, sei in dem Kongounter- nehmen verschlungen worden.

Lokales rrrrd Provinzielles.

Schlächtern, 11. Okt.

* Mit Rücksicht auf die Ausbrüche der Maul- und Klauenseuche in den Kreisen Rotenburg, Hersfeld, Hünffld. Ziegenhain, Homberg, Fritzlar und Schmal- kalden hat der Herr Regierungs Präsident auf Grund des §. 17 des Viehseuchen-Gesetzes vom 23. Juni 1880 bezw. 1. Mai 1894 angeordnet, daß im ganzen Regierungsbezirk die Ställe der Viehhändler, Gastwirihe sowie der privaten Schlachthäuser veterinärpolizeilich zu überwachen sind.

* In Wherling, Westvirginien, starb neulich ein alter Schlüchterner im hohen Alter von 81 Jahren, der Uhrmacher W. Jost, der in den vierziger Jahren nach Amerika auswanderte.

* Aus der Strafkammer vom 7. Oktober. Der Handelsmann Löb K. von Flieden hatte einen 65 Jahre alten Taglöhner, der zu ihm in seine Wohnung kam und seinen verdienten Lohn von 2,70 Mk. für lange vorher geleistete Arbeit verlangte, mit groben Schimpfworten abgefertigt und ihm dann auf der Treppe einen Stoß versetzt, daß er die etwa 10 12 Stufen hohe Treppe herunterfiel und sich mehrere Verletzungen und eine Quetschung an der linken Seite zuzog, wo­durch er sechs Tage arbeitsunfähig war. In dem Stall kamen sie nachher nochmals zusammen und drohte K. mit einer Mistgabel den Taglöhner zu erstechen. Das Schöffengericht in Neuhof hatte wegen der Be­drohung eine Gefängnißstrafe von 1 Woche, wegen der Körperverletzung eine solche von 2 Monuten verhängt,

da eine das Leben gefährdende Mißhandlung vorgekommen sei. Gegen letztere Straff hatte der Angeklagte Be­rufung eingelegt, die jedoch als unbegründet verworfen wurde.

* Der Verbandsanwalt der Raiffeisen'schen Genossenschaften für den Regierungsbezirk Kassel hat an eine große Anzahl landwirthschaftlicher Vereine und viele Landwirthe ein Circular versandt, welches Mittheilungen über ein Brod enthält, das ohne vorhergehenden Mehl- prozeß aus Korn hergcstellt werden soll. Das Patent für ein solches Verfahren hat eine Hamburger Firma. Das Circular fordert die Landwirthe auf, ihre Zustimmung dafür zu erklären, daß die Regierung ersucht wird, der Landwirthschaft zur Erwerbung dieses Patents hilf­reiche Hand zu bieten und finanzielle Mittel zur Ver­fügung zu stellen, damit überall Genossenschaftsbäckereien in Verbindung mit Siloanlagen begründet werden könnten. Der Landwirthschast müsse durch Erwerbung dieses Patents ein Monopol geschaffen werden; nur inländisches Korn solle da'ür benutzt, das fehlende Korn von den landwirthschaftlichen Vereinen im Auslande aufgekauft und schließlich der Preis deS zur Ver­arbeitung gelangenden Korns durch eine Kommission von Landwirthen festgestellt werden.

* Gutem Vernehmen nach wird seitens der Regierung gegenwärtig Umfrage gehalten über Be- thelligung der Lehrer als Vorstände von Consumvereinen, sowie auch darüber, ob aus einer solchen Betheiligung der Lehrer sich unliebsame Verhältnisse zu den Gemeinden und Schulen ergeben haben.

) :( MottgerS, 9. Oktober. Gestern Abend gegen 10 Uhr wurden die Bewohner unserer Gemeinde durch Feuerlärm erschreckt, jnbem die Gebäulichkeiten deS Müllers und Bauers Joh. Georg Sperzel auf der Haimühle in Hellen Flammen standen. Die Scheune und Stallung brannten total ab, daS Wohnhaus ist stark beschädigt.

X Romsthal, 10. Oktober. Dir Hessische Brand- versicherungs-Anstalt zu Kassel hat dem DominikuS Hubert zu Romsthal eine Prämie von 10 Mark, dem Weißbinder Schädel zu Eckardroth und dem Maurer Gräf zu Kerbersdorf eine solche von je 5 Mark für ihre Ausdauer bei dem in diesem Sommer stattgefundenen Brande in Romsthal bewilligt.

r . Frcicnsteinau, 8. Okt. In welch schmählicher Weise mitunter die Unerfahrenheit der Landbewohner ausgebeutet wird, beweist die seit zwei Jahren schwebende Prozeßsache gegen den Viehhändler und Makler David Sommer 111. von Crainfeld bezw. Schlüchtern. Sommer selbst hat sich, als er wegen schweren Wuchers verhaftet wurde, vor mehreren Monaten im Gießener Untersuchungsgesängniß erhängt. Der Prozeß wird gegen seine Erben, die sich theilweise durch die Flucht der Verantwortung wegen Beihilfe und Mitwissenschaft entzogen haben, weiter verfolgt. Im Jahre 1886 nahm ein Grcbenhainer Landwirth bei Sommer eine Hypothek von 5200 Mk. anf; er trug davon im Herbst 1887 600 Mk. ab, im Jahre 1888 nach Verkant mehrerer Grundstücke durch Cedirung weitere 2200 Mk. Sommer schrieb aber diese Ein­zahlungen an der Hypothek nicht ab, sondern erklärte seinem Schuldner, dies würde durch das Amtsgericht Herbstein besorgt. Nachdem der Mann von anderer Seite aufgeklärt worden, wurde er gegen die Erben Sommers klagbar auf Herausgabe von 2800 M. nebst 6 pCt. Zinsen seit 1887. Der btr. Mann, welcher jetzt als Knecht arbeitet, war früher Besitzer eines Vermögens von ca. 40,000 M., um welche er durch dieGeschästs- verbindungeu" mit Sommer nach und nach gekommen ist. Es ist Aussicht vorhanden, daß er wenigstens die 2800 M. rettet. Uebrigens steht dieser Fall von Ueber- vortheilung durch Sommer nicht vereinzelt da, eine ganze Anzahl ruinierter Bauern rückte erst mit ihren Angaben heraus, als Sommer hinter Schloß und Riegel saß bezw. Selbstmord begangen hatte.

Tann a d. Rhön, 9. Oktober. Unsere Stadt rüstet sich den 25jährigen Gedenktag der siegreichen Schlacht und Eroberung von Orleans durch den General Ludwig von der Tann-Rathsamhausen festlich zu begehen.

Floh, 3. Okt. In Folge des heftigen WindeS am gestrigen Abend und während der Nacht loderten plötzlich um 2 Uhr aus den Trümmern große Flammen empor, so daß die wachhabende Feuerwehr wieder eingreifen mußte. Die rasende Schnelligkeit, mit welcher das