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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 9. Oktober
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1895.
^oflolhtttnott °"^ bte »Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen
-- — Postanstalten undLanddriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Oktbr. Der Kaiser, welcher am Abend zuvor Rominten verlassen, ist am Sonnabend Bormittag im Jagdschloß Hubertusstock in der Schorfhaide (Reg.- Bez. Potsdam) eingetroffen. In Eberswalde erwartete die Kaiserin ihren Gemahl, und von dort begaben sich beide Majestäten gemeinsam nach Hubertusstock. Bald nach seiner Ankunft machte der Monarch einen Pürsch- gang. Am Sonntag besuchte das Kaiserpaar wie stets den Gottesdienst.
* — Die Klappkragen bei den Waffenröcken der Infanterie, welche seit nunmehr zwei Jahren vom 1. Bataillon des Kaiser Alexander-Regiments getragen werden, haben sich, so heißt es, durchaus nicht bewährt. In der augenblicklichen Form gewahren sie dem Soldaten durchaus keine Erleichterung und es ist gelegentlich der Manöver die sonderbare Thatsache konstatirt worden, daß die von dem genannten Regiment schlapp gewordenen Soldaten zum allergrößten Teile dem 1. Bataillon angehörten, die an Stelle des hohen Stehkragens, welchem so oft die Schuld am Schlappwerden des Mannes zugeschoben wurde, den neuen Klappkragen trugen. Eine definitive Einführung dieses Kragens wird also nicht stattfinden, sondern nur der vorhandene Vorrath au'getragen werden.
Dresden. Wie die vorläufigen Feststellungen zu dem Oederauer Eisenbahnunglück ergeben haben, hat der Blockwärter jenes Reviers, auf dem das Unglück sich ereignete, mit seltener Gewissenlosigkeit seines Amtes gewaltet. Auf sächsischen Bahnen ist die Abgabe des Zeichens „Strecke frei" nicht in die Hand eines Mannes gelegt. Es bedarf des Zusammenwirkens zweier Stationen. Im Oederauer Falle hat jedoch der Blockwärter mit Gewalt an der Signalstange gerüttelt, bis vor der Zeit das Zeichen „Strecke frei." — eine weiße Scheibe — herumfiel. — Der Wärter übte sein Amt derart pflichtwidrig aus, um sich einige Zeit später einen kurzen Gang an die Signalstange zu sparen. Um wenige Schritte hat der Unselige also eine Anzahl braver Soldaten geopfert.
Straßburg. Der Hexenglaube steht im Elsaß, zumal unter der ländlichen Bevölkerung, trotz aller Abklärungen leider immer noch in der vollsten Blüthe. Ein Hexen- prozeß hat sich soeben vor dem Landgerichte zu Straßburg abgespielt. Angeklagt ist die Wittwe Ottilie Siehli gewesen, welche weithin in dem Ruf einer unübertrefflichen Kartenlegerin und Besitzerin besonderer Geheimnisse steht. Ihre Specialität war ein sogenannter „Liebcs- zwang", den sie namentlich bei Kellnerinnen zur Wiedergewinnung untreu gewordener Liebhaber zu verwerthen öfter in die Lage kam. Gewöhnlich gab sie den unglücklichen Verliebten den Rath, Kerzen mit Nadeln zu brennen, drei Stück Brod übers Kreuz zu legen und mit Armensündersebmalz zu schmieren, Salz aus Kohlen zu brennen und dergleichen handgreiflichen Unsinn mehr. Diese Zaubermedizin kam auf 60 Mark und darüber zu stehen. Auch krankes Vieh heilte sie mit Sympathie- mitteln; öfters gab sie an, der vorliegende schwierige Fall bedürfe der Rathserholung von Baseler Zauberern, was natürlich die Kosten bedeutend erhöhte. Die Zahl der Hereingefallenen ist Legion. Das Gericht verdonnerte die Hexenmeisterin zu drei Jahren Zuchthaus und 1800 Mk. Geldbuße. Ihr Helfershelfer kam mit 6 Monaten Gefängniß davon.
Grünstadt in der Pfalz, 2. Okt. Bis heute Abend sind in dem von der Reblaus durchseuchten Gelände 25 Jnfektionsstellen entdeckt. Besonders der nach der Grünstadter Straße zu liegende Theil des eingezäunten Areales ist stark verseucht. Die Abschätzung der darin befindlichen Crescenz ergab 7200 Liter Traubenmost, die von Reichswegen vergütet werden. Die Commission arbeitet mit 25 Sachverständigen täglich acht Stunden und wird, so lange die Witterungsverhältnisse es erlauben, thätig sein. In der Umgebung ist so ziemlich alles gcerndet.
Ausland.
In Konstantinopel ist ein armenischer Aufruhr aus- gebrochen, über den jetzt eingehende Meldungen vorliegen,
In Konstantinopel leben etwa zweihunderttausend Armenier, unter denen schon längere Zeit eine Art Verschwörung bestand. Jeder Armenier in Stambul oder in der Provinz, der in türkischen Diensten stehend die armenische Sache nicht förderte, war auf geheimnißvolle Weise getödtet worden. Am Freitag voriger Woche erhielt der Großvezier Said Pascha von dem türkischen Armenier-Komitee die Anfrage, ob die türkische Regierung sich nicht entschließen werde, endlich die Forderungen der Mächte in Bezug auf die Armenier anzunehmen. Als kein Bescheid erging und nachdem die unruhigen Köpfe noch geflissentlich erhitzt worden waren, kam es zunächst zu lärmenden Demonstrationen. Unter den Rufen „Hoch Armenien! Wir wollen unseren eigenen König haben!" marschierten die Massen zum Palast desGroß- veziers. Auch zum Sultan drängte die Masse, um diesen zur sofortigen Annahme der Reformvorschläge zu nöthigen. Bald darauf entstand ein entsetzliches Handgemenge auf den Straßen, in dem der Revolver eine hervorragende Rolle spielte, ohne daß festzustellen gewesen wäre, auf welcher Seite die ersten Schüsse abgegeben worden sind, Im Verlaufe der Rauferei gab es auf beiden Seiten Todte, und es bestätigt sich, daß 300 Todte und Verwundete vom Platze getragen werden mußten. Den vereinten Kräften von Polizei und Militär gelang es wohl endlich, die Exzedenten auseinander zu treiben, die Gefahr einer Erneuerung des Aufruhrs besteht jedoch fort, sodaß die „Hohe Pforte" noch in weitem Umkreis von einer dichten Kette Militär umgeben und jeder irgendwie Verdächtige ohne weiteres verhaftet wird.
Newyork. Furchtbare Stürme haben auf den großen Nordamerikanischen Binnenseen gewüthet. 26 Dampfer und Schooner sind ausgelaufen oder gescheitert; der Schaden beläuft sich aus Millionen. Der Schooner „Elma" scheiterte bei Munfing und acht Mann von der Besatzung ertranken. In Whiting in Jndiana fanden drei Personen ihren Tod in den Wellen.
Ostasien. Wie berichtet wird, haben die siegreichen aufständischen Dunganen nach den neuesten Depeschen 22 chinesische Städte erobert und einen Neffen von Jakub Bey eingeladen, sich an ihre Spitze zu stellen. Jakub Bey war der bekannte mittelasiatische Abenteurer, dem es im Jahre 1858 durch verschiedene Machinationen gelang, sich zum Sultan von Kaschgar zu machen. Königin Victoria und Zar Alexander II. beehrten ihn mit Gesandtschaften, die sie an ihn abschickten. Im Jahre 1879 wurde dann das Heer Jakub Beys von einem chinesischen Heere bei Mamas geschlagen, worauf seine Macht in Trümmern ging und er selbst fliehen mußte. Kaschgar wurde wieder eine chinesische Provinz. Jetzt wollen die Dunganen abermals ein muhamedanisches Sultanat in Kaschgar errichten.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 8. Okt.
* — Die Kartoffel-Ernte ist in hiesiger Gegend in vollem Gange; soweit man übersetzen kann, ist dieselbe eine vorzügliche. Die Aecker liefern durchschnittlich einen hohen Ertrag und auch die Knollen sind von guter Beschaffenheit. Die Preise sind in Folge der guten Ernte niedrig, es werden 1.50 bis 2.00 Mark pro Centner bezahlt.
* — Obstbaumbesitzer wollen wir darauf aufmerksam machen, daß zur Zeit die Blütenbildung an den Obstbäumen für das nächste Jahr beginnt und jetzt die geeignetste Zeit zur Düngung ist.
* — Die Erneuerung der Loose zur 4. Klasse 193. preuß. Klassen-Lotterie muß bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 14. ds. Mls., Abends 6 Uhr, vorgenommen sein, worauf wir hiermit unsere Leser aufmerksam machen.
* — Am 23. Oktober d. Js., Nachmittags 3 Uhr findet im Vereinshaus Westend zu Frankfurt am Main (Neue Mainzerstraße 41) die erste Hauptversammlung des Verbandes von Rettungshäusern und verwandten Anstalten und Vereinen in dem Großherzogthum Hessen und der Provinz Hessen-Nassau statt. Die Gründung eines solchen Verbandes ist auf Anregung des Centralausschusses für innere Mission in Angriff genommen worden. Am 19. Juni d. Js. wurden die von einer Commission entworfenen Statuten von den Vertretern der in Betracht kommenden Vereine und Anstalten des ganzen Gebietes sowie von anwesenden Vertretern der
staatlichen Behörden berathen und angenommen. Inzwischen sind dieselben zur Versendung gekommen. Als seine nächste Aufgabe betrachtet der Verband die Errichtung von Anstalten für sittlich gefährdete, nicht mehr schulpflichtige Knaben und Mädchen, sowie die Anregung zur Gründung von Erziehungsvereinen. Diese Anstalten sind gedacht, entweder nach Art der Lehrlingsheime, in denen die Knaben eine Unterkunftsstätte haben, um von da aus zu ihren Lehrmeistern täglich zu gehen, oder als Lehrhäuser, in denen die Knaben durch eigens dazu angestellte Werkmeister oder Hausväter für einen Ledenslauf christlich erzogen werden. Jeder der ein Herz für die konsirmirte, heutigen Tags aber mehr als je sich selbst und damit der Verführung und der Ver- suchung überlassene Jugend hat, wird gebeten, zu dieser ersten Hauptversammlung zu erscheinen. Alle mit dieser Frage beschäftigten Vereine uud Anstalten sollen gebeten werden, im Interesse der Sache beizutreten. Aber auch jeder Einzelne ist als Mitglied des Verbandes herzlich willkommen. Anmeldungen und Beiträge nimmt Pfarrer Jäger, Bierstadt bei Wiesbaden, der vorläufige Vorsitzende, sowie Pfarrer Reuß, Preungesheim bei Frankfurt a. M., der vorläufige Schriftführer des Verbandes entgegen. Auf der Tagesordnung der Hauptversammlung stehen außer den geschäftlichen Angelegenheiten, Mittheilungen des Beigeordneten Köhler aus Darmstadt über die Anstalt Fechingen in Baden und des Pfarrers Reuß in Preungesheim über die Anstalt Gemünd a. Eisel in der Rheinprovinz.
— Der Herr Ober-Präsident der Provinz Hessen- Nassau hat durch Erlaß vom 12. September d. Js. die Errichtung einer neuen Apotheke in Raboldshausen im Kreise Homberg genehmigt. Geeignete Bewerber werden zur Meldung bis zum 1. November d. JS. mit dem Bemerken aufgefordert, daß persönliche Vorstellungen zwecklos sind und die an den Herrn .RegierungsPräsidenten in Kassel zu richtenden Bewerbungen lediglich schriftlich zu geschehen haben.
r. Obcrzell, 5. Okt. Wegen Vergehens gegen den §. 176 St.-G.-B. wurde der Weißbinder I. G. Jost dahier in Untersuchungshaft abgeführt. — Der I. Schäfer hier, welcher, wie berichtet worden, seinem Schwager im Streit einen gefährlichen Messerstich versetzte, wurde gegen Stellung einer Kaution von 7000 Mark wieder auf freien Fuß gesetzt.
Bad-Orb, 1. Okt. Am gestrigen Tage hat die hiesige „Orber Zeitung" aufgehört zu erscheinen. Nun wird der hiesigen Einwohnerschaft ein Abdruck der „Fuldaer Zeitung" unter dem Namen „Orber Volks- zeitung" als Ersatz präsentirt, vorausgesetzt, daß eine genügende Zahl Abonnenten sich findet.
Fnlda, 28. Scpt. Nachdem der Neubau der evangelischen Kirche dahier so weit gediehen, daß die Arbeiten der Zimmerleute mit der Errichtung des Thurmes ihren Abschluß fanden, wurde am Donnerstag gegen Abend das übliche „Richtfest" gefeiert.
Brottcrode, 3. Okt. Die Feststellungen der Ent- schädigungs-Beträge aus dem großen Brande sind seitens der Hessischen Brandversicherungs- Anstalt nunmehr beendet. Der Gesammt-Betrag beziffert sich auf 1,734,713.90 Mk. Die Zahl der Hofraithen beläuft sich annähernd auf 400, es entfallen also im Durchschnitt auf ein Anwesen ca. 4300 Mark. Dieser ver- hältnißmäßig niedrige Durchschnitts-Betrag kommt daher, daß sehr viele kleine Anwesen abgebrannt sind; einige Häuser sind nur mit 700 Mk. versichert. Die Grund- und Kellermauern waren allerdings zum großen Theil von der Versicherung ausgeschlossen. Bei der Fest- setzung der Enlschädigungs-Belräge ist seitens der Anstalt weitgehenste Kulanz geübt worden, aber mehr als versichert war, kann nicht ausgezahlt werden, so daß es einem Theile der Abgebrannten schwer fallen wird, für die Versicherungs-Summe wieder aufzubauen.
Rotenburg a. d. F. Am 4. d. M. Nachmittags brannte der v. Milchling'sche Hof „Alte ^cich" nieder. Der „Alte Teich" gehört zum Gute Ellingcrode und liegt etwa 40 Minuten von Rotenburg, in der Richtung auf Schloß Ludwigseck. Über die Entstehungsursache des Feuers ist vorläufig nichts bekannt. — Nachdem vor einiger Zeit das den Herren von Trott zu Solz gehörige Rittergut Bosserode den Besitzern durch Konkurs des Pächters wieder zugefallen war, muß jetzt auch das in Solz gelegene, denselben Besitzern gehörige Rittergut, „der Schafhof", aus Anlaß des Todes des bisherigen