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Samstag, dca 14. September
Die Kaiserbegegnung in Stettin.
Vom 9. bis 12. September sind auf pommerschem Boden die großen Herbstmanöver abgehalten worden. In ungewöhnlichem Maße haben sie die Aufmerksamkeit nicht nur der militärischen, sondern auch der politischen Welt auf sich gelenkt. Denn nicht nur hat unser Kaiser selbst in unermüdlichem, rastlosem Eifer den Uebungen beigewohnt und wiederholt die Führung selbst übernommen, sondern die militärischen Uebungen spielten sich auch vor den Kenneraugen des Kaisers Franz Joses von Oesterreich und des Königs Albert von Sachsen, des Siegers von St. Privat und Beaumont, ab.
Am Montag Nachmittag traf der Kaiser Franz Josef in Stettin ein, nachdem er vorher der Kaiserin Auguste Viktoria im Neuen Palais seine Aufwartung gemacht hatte. Bei seiner Ankunft in Stettin wurde dem hohen Verbündeten unseres Kaisers, wie immer, ein überaus herzlicher Empfang zu Therl. Giebt doch Kaiser Franz Josef mit seinem Besuche vor aller Welt klar zu erkennen, daß Oesterreich den Kampf mit dem nordischen Rivalen für alle Zeiten als abgeschlossen betrachtet, und äußert sich doch in der Anwesenheit des Oberhauptes der österreich-ungarischen Monarchie bei unsern Manövern der Gedanke, der nicht nur dem altbewährten Freundschaftsverhältniß zwischen Oesterreich- Ungarn und Deutschland, sondern überhaupt dem Dreibünde zu Grunde liegt, der Gedanke, die Bürgschaften des "Friedens zu verstärken, dem die Glieder des Dreibundes in derselben Weise und mit demselben Interesse
zugethan sind.
Durch die Dreibundspolitik ist Deutschland mit
Oesterreich Ungarn politisch, durch eine besonnene Handelsvertragspolittk zugleich volkswirthschaftlich vereint. Diese doppelte Gemeinschaft der großen Lebensinteressen hat hüben und drüben das Volksbewußtsein durchdrungen. Sie ist der rmverrittkbare Eckstein geworden, amstwelchem das Gleichgewicht der europäischen Gesammtpolitik ruht. So gewiß wir dessen auch sind, so empfinden wir es dennoch doppelt freudig, wenn bei solchen Gelegenheiten, wie der Zusammenkunft der beiden Herrscher, das Gefühl dieser Einheit uns besonders mächtig zum Bewußtsein kommt. In diesem Sinne lautet der Geleitbrief, den die österreichisch ungarische Presse ihrem Kaiser bei seiner Abreise auf den Weg gab.
Das Wiener „Fremdenblatt" hebe hervor, daß der Dreibund in das Bewußtsein der Völker übergegangen und Gemeingut der Nationen gewrrdcn sei, die unter dessen Schutze leben. „Der Dreibund," schreibt das Blatt, „bedarf keines äußeren Zeichens, daß er in unwandelbarer Festigkeit fortbesteht. Dessen ungeachtet freuen sich die Nationen jedes Ereignisses, das seine Bedeutung aller Welt offenbart. Solche Ereignisse sind die Begegnungen der beiden Kaiser und die innigen Beziehungen der beiden Heere" Das Blatt verweist auf den Besuch des deutschen Kaisers in Oesterreich und auf die ruhmvollen Erinnerungen und die Kameradschaft beider Armeen. In dieser imposanten Verbrüderung mächtiger Heere und Reiche verde man aber auch ein überzeugendes Symptom des Weltfriedens erblicken, als dessen vornehmster Hüter des Dreibund erscheint. Das Neue Wiener Tageblatt" verachtet die Kaifcrzusammen- k'unft unter dem Gesichtspunkte der gegenwärtigen politischen Lage, hebt die Lolksthümlichkcit des Kaisers Franz Josef in Deutschland hervor und kommt auch zu dem Schluß, daß die Malöverfelder vor Stettin trotz des militärischen Schauspiks Zeugen erneuter Fnedens-
bethätigung seien.
Die sympathischen Wrte, mit denen die deutsche Presse den hohen Gast urscres Kaisers begrüßt, und der herzliche Empfang, der ilm von unserem Kaiser und von der Bevö.ker ring zu thell wurde, haben in ganz Deutschland dankbaren und letzten Belsall gefunden, und ste werden auch weit überm Grenzen unseres Vaterlandes hinaus die Ueberzeugurg tragen, daß, wie hoch auch die Wogen der öffentlicher Meinung in Europa gehen, der Dreibund, diese musterhafte Schöpfung des Fürsten Bismarck, nach wie »r uneJchutterllch stystch..
Teutsches Reich.
Berlin. Eine Nachricht aus Metz zufolge wird Kaiser Wilhelm bei feine« Besuch der Reichslande im Oktober Metz nicht berührn. Der Kaiser trifft «m l 6. Oktober in Urville ein u'd übernachtet dort. Am Montag den 17. Oktober fin^t die Einweihung der neuen evangelqchen
Kirche in Kürzel statt. Abends erfolgt die Abfahrt nach Straßburg, von wo aus Kaiser Wilhelm am 18. Oktober der Enthüllung des Kaiser Friedrich- Denkmals bei Wörth beiwohnt. Der Kaiser reist nur mit kleinem Gefolge und begibt sich von Straßburg nach Karlsruhe.
— Zu den Kaisermanövern wird in dem „Bresl. Generalauz." ausgeführt, daß von den Versuchen, welche bei den Uebungen zur Durch ührung gelangen sollen, besonders zu erwähnen ist ein Passiren des von dem Wasserlauf der Randow durchströmten Wiesenniederungs- ausschnitts mit großen Truppenmassen zum Durchbrechen der Stellung des Gegners. Es solle gebrochen werden mit dem bisherigen üblichen Verlauf der Truppen- manöver und Felddienstübungen in der Armee, wonach jeder kleine Bach oder Fluß, der nicht leicht zu durchwaten ist, als ein Hinderniß respectirt wird, das in der Regel nur auf einem vorhandenen oder herzustellenden Uebergang zu passiren ist. Die Infanterie und Cavallerie soll daran gewöhnt werden, auch Wasser von beträchtlicher Tiefe und Breite mit vollem Gepäck und voller Ausrüstung nassen Fußes und Leibes zu durchwaten. Sodann handelt es sich um den Versuch der Verwendung der Cavallerie in größeren Verbänden auch außerhalb der Straßen in der Nachtzeit. Es sollen danach Attacken geritten werden, freilich nicht in starker Gangart. Der letzte Tag der Manöver soll aus einer großartigen taktischen und strategischen Verfolgung bestehen. Ferner soll ein Parteigängercorps gebildet werden aus Cavallerie und reitende Artillerie, welches als überraschend erscheinendes Streifcorps auftreten soll. Das Partei- gängcrcorps soll durch weit ausgreifendeUnternehmungeu Nachrichten und Meldungen über die Situation bei dem Feinde einzichen. Solche kleine Cavallerieabtheilungen sollen die Aufstellung, und Bewegung des Gegners, vornehmlich^ um?k BenlMNg cher Nacht, durchschleichen oder durchbrechen, um alsdann bei Tage einen gründlichen Einblick in die Verhältnisse bei den Armeen des Feindes zu erlangen. Neben den bereits formirten Meldereiterdetachcmcnts sollen einige Radfahrerabtheilungen gebildet und als radfahrende Infanterie, wie dieselbe bereits in ausgedehntem Maße in der englischen Armee besteht, verwendet werden. Es soll hierbei erprobt werden, in wie weit diese radfahrenden Infanterie- Abtheilungen im Stande sind, einen entfernt gelegenen Punkt des Manöver- oder Gefechts-Geländes von taktischer Wichtigkeit zu besetzen, zu welchem Zwecke man bisher Cavallerie-Abtheilungcn oder solche der Infanterie und Jäger auf Wagen verwandte. Versuche mit dem Telephon sollen angestellt werden durch Verbindung zweier Corps nebeneinander per Telephon. Ueberdies sollen verschiedene Regimenter und-Bataillone und höhere Stäbe per Telephon miteinander verbunden werden. Jedes Versuchsbataillon wird ein Telephon und drei Kilometer Drahtlänge auf dem Bataillonswagen mit sich führen, jedes Regiment drei Telephone und sieben Kilometer Drahtlänge, dazu Handwerkskasten und Reparaturmaterial. Auch werden Telephon-Abtheilungen für gewisse Zwecke gebildet werden, deren Führung ein technisch entsprechend gebildeter Offizier übernimmt. Endlich soll im Hauptquartier des Kaisers eine Felddruckerei in ausgedehnte Thätigkeit treten.
— Eine überaus seltene Ehrung wurde dem Schuhmachermeister Fritz Klingebeil in Soldin in der Mark, Inhaber des Eisernen Kreuzes erster und zweiter Klasse, von seiner ehemaligen Kompagnie des „Leib-Grenadier- Regiments Nr. 8" zu Theil. Als nämlich die Kompagnie auf ihrem Marsche nach dem Manöver-Felde Soldin passierte, suchte deren Hauptmann Herrn Klingebcil auf und führte dann später die ganze Kompagnie im Parademarsch an ihm vorüber.
Mainz, 9. Sept. Zwischen Civilisten und Soldaten vom Infanterie-Regiment Nr. 118, die nach Worms beurlaubt waren und den letzten Zug zur Heimfahrt benutzen wollten, entstand gestern Abend kurz vor 11 Uhr im dortigen Wartesaal ein Streit. Unter Hochrufen auf die Sozialdemokratie drang der Arbeiter Biegi auf einen Sergeanten vom Regiment Nr. 118 ein und versetzte diesem einen Messerstich in den Unterleib. Es entstand jetzt zwischen Freunden des Biegi und den Soldaten eine allgemeine Schlägerei; im Verlauf derselben griffen mehrere Soldaten zum Seitengewehr und prügelten den Biegi ganz fürchterlich durch, sodaß er in das Wormser Krankenhaus verbracht werden mußte.
Der verwundete Sergeant wurde im Eisenbahnzug hierher in das Lazareth verbracht. Als der Zug in Mainz an der Neulhor-Haltestelle vorfuhr, mußten auf Befehl eines vom Gouverneur inzwischen beorderten Offiziers lämmtliche Soldaten aussteigen, um in geschlossener Reihe nach der Citadelle geführt zu werden, wo die Urlaubspässe geprü t und der Thatbestand ausgenommen wurde.
Würzbnrg. Einen neuen Beitrag zum Kapitel „Bauschwindel" liefert ein Bericht der Handelskammer für Unterfranken und Aschaffenburg. Es ist aus ihm ersichtlich, daß in Würzburg binnen Jahresfrist 50 Häuser zur Zwangsversteigerung kamen. Die be- theiligten Handwerksmeister verloren dabei mehr als eine halbe Million Mark. Von den in Konkurs gerathenen Unternehmern waren etwa zwei Drittel von vornherein vollständig vermögenslos. Einer großen Anzahl mußte außerdem die persönliche Befähigung zur Bauleitung abg'esprochcn werden.
Ausland.
London, 10. Sept. Eine in Kars gestern auf- gegebene Depesche des armenischen Berichterstatters der „Daily News" bestätigt vollauf die jüngsten Meldungen über die Vorgänge unweit von Erzinghian. Ein türkischer Gendarmerieoberst reiste am 12. August, begleitet von einem türkischen Sergeanten, nach Erzinghian, als die Gesellschaft von Räubern, die in einer Schlucht verborgen lagen, überfallen wurde. Der Sergeant wurde getödtet, der Oberst verwundet, die Räuber entkamen. In Erzinghian angelangt, meldete der Oberst den Dorfall den Behörden, die ohne Weiteres sofort auf den Gedanken kamen, daß die Angreifer eine Bande von 60 armenischen Rebellen aus Kemakhs waren und dazu schritten, demgemäß Maßnahuren zu ergreifen. In Erzinghian wurden sofort zahlreiche angesehene Armenier verhaftet, die noch eingekerkert sind. Ein Corps von 1000 Mann wurde nach Kemakhs gesandt mit der üblichen Weisung, zu plündern und die Rebellen zu verhaften. Diese Befehle sind noch in der Ausführung begriffen. Der ganze Bezirk Kemakhs ist umzingelt. Nach den bislang vorliegenden Meldungen wurden fünf Dörfer geplündert, deren Bevölkerung (im Ganzen etwa 5003 Seelen) ruchlos mißhandelt. Männer wurden grausam gefoltert, junge Frauen und Kinder vergewaltigt, vier Klöster wurden ebenfalls geplündert, die Altare umgestürzt, Heiligenbilder unter Beschimpfungen vernichtet. Ein anderer noch unbestätigter Bericht giebt Einzelheiten über die Ermordung von sechs Frauen und mehrerer Kinder. Die Armenier von Erzinghian beschwören den englischen, französischen und russischen Konsul in Erzerum um Schutz gegen die Ortsbehörden und das Militär. Die Armenier bringen diese neuen Ausschreitungen in Zusammenhang mit der bevorstehenden Ankunft ihres alten Feindes Schakir Pascha, der nach Erzinghian unterwegs ist. Wie verlautet, bildeten sich in Musch und Bitlis antichristliche Türkenvereine, zwecks Ermordung der Christen, falls die Pforte den Reformplan der Mächte aunehme.
Paris, 9. Sept. Die französische Expedition auf Madagaskar befindet sich in Noth. Die Sterblichkeit unter den im Felde liegenden Truppen nimmt so über« Hand, daß General Duchesne in Verzweiflung ist. Es muß ernst stehen, wenn Pariser Blätter, ohne dabei in Lollwuth zu verfallen, von vorläufiger Aufgabe des Kampfes und Neuvorbereitung sprechen. Die Ausrüstung für den diesjährigen Feldzug erweist sich jeden Tag unzulänglicher. Nicht einmal für die nothwendigsten Dinge im Hospital ist gesorgt, keine Kühlapparate sind da, verdorbene Arzneien, schlechte Verbandstoffe sind in den mitgebrachten Feldapotheken. Die Unlust unter den Mannschaften ist daher sehr groß, General Duchesne ist außerdem gezwungen, selbst für die Herbeischaffung von Proviant für einen langen Winlerausenthalt zu sorgen. So ist er im Vormärsche behindert und wird alle Mühe haben, mit einer genügenden Truppenzahl vor der Hauptstadt der Howa anzulangen.
Spanien. Eine Blättermeldung aus Cuba zufolge inb bisher über 200 höhere Offiziere am gelben Fieber mfelbft gestorben. Die spanische Regierung hat bis ctzt noch kein Dementi gebracht, daß die Truppen in Luba durch obige Krankheit in erschreckender Weise heimgesucht werden.
Amsterdam. Man spricht hier ernstlich von einem