SchlüchternerMmg
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«M 72. Samstag, den 7. September 1895.
Kaiserliche Kundgebungen.
Die Feier von Sedan ist nicht vorüber gegangen ohne eine kaiserliche Kundgebung, die aus der Stimmung des Tages geboren, der Bedeutung der vaterländischen Feier in begeisterten Worten gerecht wird, um sich dann in schärfster Weise gegen die antinationalen Bestrebungen zu wenden, die in die von echt patriotischem Empfinden ringegebene Freude der weitesten Kreise unseres Volkes einen Mißton zu tragen versuchten. Bei dem großen Paradediner im Weißen Saale des königlichen Schlosses brächte der Kaiser folgenden Trinkspruch aus:
„Wenn ich am heutigen Tage einen Trinkspruch auf meine Garden ausbringe, so geschieht es srohbewcgten Herzens, denn ungewöhnlich feierlich und schön ist der heutige Tag. Den Rahmen für die heutige Parade gab ein in Begeisterung aufflammendes ganzes Volk, und das Motiv für die Begeisterung war die Erinnerung an die Gestalt, an die Persönlichkeit des großen verewigten Kaisers. Wer heute uud gestern auf die mit Eichenlaub geschmückten Fahnen blickte, der kann es nicht gethan haben, ohne wehmüthige Rührung im Herzen; denn der Geist und die Sprache, die aus dem Rauschen dieser zum Theil zerfetzten Feldzeichen zu uns redeten, erzählten von den Dingen, die vor fünfundzwanzig Jahren geschehen, von der großen Stunde, von dem großen Tage, da das Deutsche Reich wieder auf- erstand. Groß war die Schlacht und heiß war der Drang und gewaltig die Kräfte, die aufeinandersticßen. Tapfer kämpfte der Feind für seine Lorbeeren, für seine Vergangenheit, für seinen Kaiser; kämpfte mit dem Muth der Verzweiflung die tapfere französische Armee. Für ihre Güter, ihren Herd und für ihre zukünftige Einigung sümpften die Deutschen. Darum berührt es uns auch so warm, daß ein Jeder, der des Kaisers Rock getragen hat oder ihn noch trägt, in diesen Tagen von der Bevölkerung besonders geehrt wird: ein einziger aufflammender Dank gegen Kaiser Wilhelm 1, und für uns, besonders für die Jüngeren, die Aufgabe, das, was der Kaiser gegründet, zu erhalten! Doch in die hohe, große Festesfreude schlägt ein Ton hinein, der wahrlich nicht dazu gehört. Eine Rotte von Menschen, nicht werth, den Namen Deutscher zu tragen, wagte es, das deutsche Volk zu schmähen, wagt es, die uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers in den Staub zu ziehen. Möge das gesammte Volk in sich die Kraft finden, diese unerhörten Angriffe zurück- zuweisen! Geschieht es nicht, nun denn, so ru^e ich Sie, um der hochverrätherischen Schaar zu wehren, um einen Kampf zu führen, der uns befreit von solchen Elementen. Doch kann ich mein Glas auf das Wohl meiner Garden nicht leeren, ohne dessen zu gedenken, unter dem sie heute vor 25 Jahren gefochten haben. Der einstige Führer der Maasarme steht vor Ihnen! Seit 25 Jahren haben Se. Majestät der König von Sachsen alles Leid und alle Freude, die unser Haus und Land betroffen, treulich mit uns getheilt; desgleichen auch Württembergs König, dessen höchste Freude eS ist, in den Reihen des Gardehusaren-Regiments gestanden und Kaiser Wilhelm gedient zu haben, und der herbeigeeilt ist, um mit uns in Kameradschaft den Tag zu feiern. Wir können, wie gesagt, nur geloben, das zu erhalten, was die Herren für uns erstritten haben. Und so schließe ich denn in das Wohl des Gardecorps ein das Wohl der beiden hohen Herren, vor Allem des FührerS der Maasarmee: Seiner Majestät der König von Sachsen, er lebe hoch! und nochmals hoch! und zum dritten Male hoch!"
Nach dem Trinkspruche des Kaisers erhob sich der König von Sachsen und erwiderte Folgendes:
„Indem ich Eurer Majestät in meinem Namen und in dem Namen des Königs von Württemberg für die gnädigen Worte danke, erlaube ich mir, heute noch einmal die Führung des Gardecorps zu übernehmen und in dessen Namen das Glas zu leeren auf den erhabenen Chef: Seine Majestät der Kaiser, er lebe hoch! hoch! hoch!
Anläßlich der Sedanfeier hat der Kaiser an den Prinzregenten Luitpold von Bayern folgendes Telegramm gerichtet: „Ich kann Mir nicht versagen, Eurer Königlichen Hoheit auszusprechen, daß Ich am heutigen 25. Jahrestage der Schlacht von Sedan des helden- müthigen, entscheidungsvollen Eingreifens des bayrischen Armeekorps und der unter schweren Opfern errungenen Titge-lorbeeren in besonders herzlicher Dankbarkeit Mich
erinnere. Berlin, den 1. 9. 1895. Wilhelm Rex." Darauf erging aus Hohenschwangau an demselben Tage nachstehende Antwort des Prinzregenten: „Tiefgerührt durch die Anerkennung, welche Ew. Majestät die Gnade hatten, dem tapferen Verhalten des bayrischen Armeekorps bei der Entscheidungsschlacht von Sedan angedeihen zu lassen, bitte Ich Ew. Majestät überzeugt zu sein, daß meine Bayern auch in Zukunft ihrer angestammten Tapferkeit Treue bewahren werden. Luitpold.
An den Fürsten Bismarck hat der Kaiser aus Anlaß der Sedanfeier folgendes Telegramm gesandt: „Heute, wo ganz Deutschland die 25jährige Wiederkehr des weltgeschichtlichen Kapitulationstages von Sedan feiert, ist es mir Herzensbedürfniß, Euer Durchlaucht erneut auszusprechen, daß ich stets mit tiefempfundener Dankbarkeit der unvergänglichen Verdienste gedenken werde, welche Eure Durchlaucht sich auch in jener großen Zeit um meinen hochseligen Herrn Großvater, um das Vaterland und die deutsche Sache erworben haben." Hierauf ist aus Friedrichsruh nachstehendes Antwort- Telegramm eingegangen: „Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestät lege ich meinen ehrfurchtsvollen Dank zu Füßen für die gnädige telegraphische Begrüßung am heutigen Tage und für Eure Majestät huldreiche Anerkennung meiner Mitarbeit an dem nationalen Werke des Hochseligen Kaisers und Königs." von Bismarck.
Die Kaiserin hat an das Central-Komitee der deutschen Vereine vom Rothen Kreuz, zu Händen des Vorsitzenden, Fürsten zu Stolberg-Wernigerode, nachstehenden Erlaß gerichtet: „Die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr der ruhmreichen Waffentage unseres Heeres ruft auch die Erinnerung an die demselben in allen Kreisen unseres Volkes erwiesene LiebeSthätigkeit zurück. Es erscheint Mir daher angemessen, daß dem mit Gottes Segen erfolgten Zusammenwirken aller Organe der freiwilligen Kriegskrankenpflege, wie sie vor 25 Jahren unter dem Schutz und Vorbild der Kaiserin Augusta sich in ausdauernder Hingebung bewährt hat, eine ernste Gedenkfeier gewidmet nnd die dankbare Anerkennung kundgegeben werde, welche auch dieser Bethätigung der Liebe zum Vaterlande durch den Dienst an den Opfern und in den Leiden der Kriegszeit gebührt. .Ich beauftrage das Central-Komitee, die Veranstaltung einer solchen Feier nach geeignetem Benehmen mit den anderen in Betracht kommenden Organen der freiwilligen Krankenpflege, in die Wege zu leiten, die Wahl eines entsprechenden Zeitpunkts zu treffen und das weiter Erforderliche sodann zu veranlassen." Neuen Palais, den 1. September 1895. Auguste Viktoria.
Gelegenheiten Verständigung und Anknüpfung suchen? ' Fern liegt es uns, historisch gewordene Standesunterschiede aus der Welt schaffen zu wollen. Das ist eben so unklug als aussichtslos. Aber die Ueberspannung des Standesbewußtseins muß in unseren Tagen bekämpft werden, weil sie eine unheilvolle Scheidung der Geister herbeiführt und eine Verständigung unmöglich macht. Die gebildeten Stände ziehen sich von fast allen öffentlichen Veranstaltungen zurück in ihre Gesellschaften, Clubs und Casinos. Das Volk bleibt „unter sich"! Das sollte anders sein. Im Lande der allgemeinen Wehrpflicht sind so viele Berührungspunkte geboten, die nicht unbenutzt bleiben sollten. Gerade der persönliche Verkehr, wenn er in den richtigen Formen verläuft, und wenn auf der einen Seite das Mißtrauen und auf der andern die bewußte Herablassung wegfällt, dir das Ehrgefühl des andern verletzt, kann großen Segen stiften. Wir urtheilen wohl scharf über die Arbeiter, daß sie den sozialdemokratischen Führern und Genossen sich anschließen, vergessen aber, daß sich vielfach kein Mensch sonst um sie kümmert, während ihnen die sozialdemokratische Genoffenschaft auch zugleich einen gesellschaftlichen Anschluß gewährt. Es würde Vieles besser sein, wenn die führenden Classen ihre vornehme Zurückhaltung etwas aufgeben und mit dem Volke Fühlung suchen wollten, geleitet von dem ernsten Streben, „seine Freuden, seine Schmerzen mit empfinden nnd verstehen zu lernen." Das „Deutsche AdelSblatt" erklärt, es könne diese Sätze um so eher unterschreiben, als eS die in ihnen enthaltenen Forderungen an seinem Theile stets mit Nachdruck vertreten habe.
— Ein goldenes Wort hat kürzlich der Vorsitzende der zweiten Ferienstrafkammer am Landgericht II in Berlin ausgesprochen. Zwei Parteren hatten sich beklagt und widerbeklagt. Der BeNagte war vom Schöffengericht zu zehn Mark Geldstrafe verurtheilt worden, der Kläger und Widerbeklagte hatte vor dem Schöffengericht seine Freisprechung erzielt. Der Verurtheilte hatte Berufung eingelegt, der Vorsitzende riech jedoch eindringlich zur Einigung und Versöhnung, da die streitenden Parteien Nachbarn waren. Der Kläger weigerte sich entschieden, einen günstigen Vergleich einzugehen, welchen der Rechtsanwalt als Vertreter des Beklagten, anboh Der Vorsitzende fragte: „Warum wollen Sie sich nicht einigen? Rennen Sie doch Ihre Gründe!" Kläger: „Gründe habe ich wohl, ich habe mein Recht!" Vorsitzender: „Und wenn Sie Ihr Recht in Gold fassen lassen, so ist ist das nicht soviel werth, als wenn Sie Verträglichkeit zeigen gegenüber Ihrem Nachbar!" Der Kläger bestand auf seinem Schein und wurde durch richterliches Urtheil mit seiner Klage abgewiesen; der Beklagte wurde freigesprochen, weil die Antragsfrist nicht gewahrt war, und dem halsstarrigen Kläger wurden sämmtliche Kosten beider Instanzen auferlegt.
Auf dem Platze vor der Salvatorkirche in BreSlau ließ am Montag Abend ein Mann einen aus einer leeren Granate hergestellten Feuerwerkskörper los; dabei wurden durch die Splitter der Granate 11 Personen, davon 7 schwer, verwundet.
Aus Schneidemühl weiß die „Bresl. Ztg." zu melden, daß der katholische P arrer Wodda aus Fried- Heim nach dem Lesen der Messe unter Vergiftungs- erscheinungen gestorben ist. Der Wein, welchen der Pfarrer beim Meßopfer getrunken hat, war vergiftet; der Rest des Weins sammt dem Behälter und Pokal wurde polizeilich beschlagnahmt; die Staatsanwaltschaft ist benachrichtigt.
Essen, 2. Sept. Sedan-Feier. Die Veteranen der Krupp'schen Werke, eintausendsechshnndert Mann, erhielten heute Früh vom Geheimrath Krupp jeder einen Hundertmarkschein als Ehrensold.
Oldenburg, 31. Aug. Das Großherzogliche HauS in seiner regierenden Linie steht in Gefahr, in absehbarer Zeit auszusterben, falls nicht durch neue Heiralh ein männlicher Nachkomme erscheint. Der Großherzog hat zwei Söhne, von der jüngere, Prinz Georg, 1855 geboren, noch unvermählt ist. Wenn beide ohne männliche Erben sterben sollten, würde, da der einzige Bruder des Großherzogs, Herzog Elimar, morganatisch vermählt ist, die Regierung von Oldenburg auf die in Rußland lebende Linie übergehen. Von den zwei dortigen Herzogen von Oldenburg ist der jüngere, Konstantin, morganatisch
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist am Montag Abend nach Beendigung der Feierlichkeiten für den Sedantag nach Zessel bei Oels abgcnist, um dort militärische Besichtigungen vorzunehmen. Von dort zurückgekehrt, reist der Kaiser am Samstag nach Stettin zum Kaisermanöver.
— Die Sedanfeier ist, wie es auch nicht anders zu erwarten war, überall in Deutschland mit großer Begeisterung unter zahlreicher Betheiligung in weihevoller, I zum Theil glänzender Weise begangen worden.
— Sehr beherzigenSwcrthe Bemerkungen knüpft die Zeitung „Das Volk" an die jüngsten Gedenktage: „Kameraden sahen wir wieder, die sich seit dem Tag der Entlassung vor 25 Jahren "nicht mehr gesehen halten. Manche Thräne rollte über bärtige Wangen und mancher Freudenruf wurde laut, wenn erst nach langem Besinnen die Erinnerung wach wurde an den Kameraden, mit dem man Seite an Seite tm Feuer gestanden. Unter den Theilnehmern waren gewiß Tausende, die in die Wahlurne sozial-demokratische Stimmzettel legen, die aber nichtsdestoweniger sich ebenso über das Wiedersehen mit den Kampfgenossen wie über die Früchte jener großen Siege freuten, an denen sie theilgcnommen. Herzlich und mit Ehrerbietung wurden i die ehemaligen Offiziere von den ehemaligen Unter- . gebenen gegrüßt, von innerer Rührung zeugende Reden i wurden gehalten und mancher Herr im Frack legte seine z Hand in die schwielige Rechte eines Bauern, die ihm x im Felde vielleicht einst Liebesdienste erwiesen. Dem, l der Zeuge solcher Scenen war, kam wohl der Gedanke: t Warum könnte es nicht immer so sein? Warum i könnten die verschiedenen Classen und Stände sich nicht l auf gemeinsamem Boden näher treten und bei solchen v