Aus dem Kreise Hanau, 11. Juli. Die Sehnsucht nach der Heimath hat einen aus Hochstadt gebürtigen Mann Namens Henry Fifcher nach 40 Jahren, die er in Amerika zugebracht, nach seinem Heimathsorte gc* trieben. Er hatte niemals ein Lebenszeichen von sich gegeben, er war verschollen und vergessen. So kam er denn als altes Männchen vor zwei Jahren nach Hochstadt; er hatte keine Familienangehörigen mehr, Niemand erkannte ihn wieder und seine Hoffnung auf etwa ihm noch zu gut kommendes Vermögen war ebenfalls zu Wasser geworden. Er hatte den Amerikanischen Krieg s. Z. mitgemacht und bezog eine Invalidenrente von 6 Dollar monatlich. Seine Ersparnisse reichten nur für die Reise nach der Heimath; nun stand er auf heimathlichem Boden und hatte keinen Pfennig Geld. Hier und da wies man dem armen Kerl etwas Arbeit zn, .er wurde krank, kam in's Landkrankenhaus nach Hanau, später in die Landes-Armen-Anstalt Breitenau. Inzwischen hatten sich mitleidige Menschen für ihn bemüht, um wenigstens die rückständige Juvalidenpension aus Amerika ihm zu verschaffen, was auf große Schwierigkeit stieß. Endlich in den letzten Tagen kam die rückständige Pension an, für 2 Jahre 144 Dollars, über 600 Mark. Er wandte sofort der alten Heimath den Rücken und befindet sich feilte auf der See nach der neuen Heimath. Schusncht nach der alten Heimath wird er nicht mehr bekommen.
Hanau, 9. Juli. Hochherzige Stiftung. Die Anilinfarbenfabrik von Casella u. Co. in Mainkur bei Fecheu- heim hat anläßlich des 25jährigen Bestehens der Fabrik drei Stiftungen errichtet, und zwar 1) eine Pensionskasse mit 200 000 Mk. für die Beamten der Fabrik, 2) eine Pensionskasse mit 200 000 Mk. für die Arbeiter der Fabrik und 3) eine Sparkasse für Beamten, Arbeiter und deren Angehörige, bei der ein hoher Zins der Einlagen garanlirt ist.
Fulda, 13. Juli. Zwei junge Burschen, welche aus der Anstalt in Sannerz entlausen waren, trieben sich vorgestern in Salzschlirf herum und traten gestern von dort aus die Weiterreise an, wobei sie den Jagdhund eines Salzschlirfer Herrn Mitnahmen. Alsbald wurde die Verfolgung der Burschen ausgenommen; der eine, aus Kassel gebürtig, wurde gestern auf dem hiesigen Bahnhöfe von zwei Herren aus Salzschlirf ertappt und nach Salzschlirf zurückgeschafft. Wo der andere Bursche geblieben ist, weiß man zur Zeit noch nicht. Der Hund wird wohl seinen Herrn bald wiedergefunden haben. — Der Postbote Heumüller wurde gestern Abend auf dem hiesigen Bahnhöfe von einem Schnellzuge überfahren, ohne dabei, von kleinen Hautabschürfungen abgesehen, irgend welchen Schaden zu nehmen. Der Beamte wollte das Geleise überschreiten und siel dabei zu Boden, als der Schnellzug heranbrauste. In dem tiefer liegenden Raume zwischen den Schienen hingestreckt hatte er das Glück, daß der über ihn wegfahrende Zug ihn nicht berührte, so daß er mit dem allerdings nicht gelinden Schrecken davonkam.
Hünseld, 11. Juli. Nach der am 14. Juni er. in hiesiger Stadt vorgenommenen Gewerbezählung belief sich die Einwohnerzahl auf 364 Haushaltungen mit 1660 Personen. Bei der letzten Volkszählung am 1. Dezember 1890 betrug die Einwohnerzahl der Stadt 1706, sodaß also eine Verminderung um 46 Personen eingetreten ist.
Bebra, 8. Juli. Eine wesentliche Zunahme der Einwohnerzahl hat unser Ort in den letzten sieben Jahren zu verzeichnen. Während 1888 im ganzen 2303 Personen vorhanden waren, verzeichnet die Berufs- und Gewerbezählung vom 14. Juni d. Js. 2611 Personen (in 515 Hanshaltungen), und zwar 1305 männliche und 1306 weibliche Personen.
Rotenburg, 9. Juli. Es ist dankbar anzuerkennen, daß der Kreistag zur Hebung der Ziegenzucht 600 J6 verwilligt hat, und soll ganz besonders die schweizerische Saanenziege eingeführt werden, zu welchem Zwecke eine Kommission zum Ankauf nach der Schweiz entsendet werden soll. — Die gestern und vorgestern hier abgehaltene Geflügel-Ausstellung hat einen sehr befriedigenden Verlauf genommen. Die Ansstellung war reichhaltig, noch reichhaltiger als die vorjährige, beschickt, sodaß auch für den Laien erkennbar war, wie sehr sich die Ge- flügelzucht^am hiesigen Platze gehoben hat.
Gaffel 7 15. Juli. Das Generalkommando des XL Armeekorps in Cassel hat Pioniere nach der Brandstätte in Brotterode beordert; von der Regierung werden Baracken geliefert. — In dem benachbarten Nieder- kausungen ist eine Anzahl Personen nach dem Genusse von rohem Schweinefleisch lebensgefährlich an der Trichinose erkrankt.
Schmalkalden, 12. Juli. Ueber den bereits gemeldeten Brand in Brotterode schreibt ein Augenzeuge verschiedenen Blättern: Das blühende Städtchen Brotterode ist in wenigen Stunden in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt worden. Außer einigen abseits gelegenen Häusern ist von den 842 Gebäuden des Städtchens nichts übrig geblieben. Man kann sich gar keine Vorstellung machen von dem großen Unglück, welches so rasch über Brotterode gekommen und keine Feder ist im Stande, zu schildern, welche Noth und welches Elend über die Betroffenen hereingebrochen. Die Industrie des Ortes ist vernichtet, sämmtliche Waarenvorräthe der e^portirenden Kaufleute, jegliches
Werkzeug, womit die armen Bewohner in fleißiger Hände Thätigkeit ihr Brod verdienten, ist verbrannt, nichts, gar nichts mehr können sie ihr eigen nennen, nur was sie mit einem Griff nach dem Wichtigsten mitschleppen konnten auf der Flucht vor dem rasenden Feuer, ist ihnen geblieben, und das liegt nun auf freiem Felde. Neben den wenigen Habseligkeiten hocken jammernde Männer und Frauen, schreiende Kindchen. Das Vieh läuft frei umher und die Männer sind auf der Suche nach ihrer Kuh, den Schweinen oder der Ziege. Viel Vieh wird vermißt, es ist wahrscheinlich verbrannt. Zwei alte Frauen sind in den Flammen umgekommen. Mehrere Erwachsene und Kinder fehlen. Das Feuer ist kurz nach AMag bei scharfem Winde im Unterdorf ansgebrochen und zwar im Hause des Gustav Peter. Es verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit über das Städtchen. Die Ortsfeuerwehr rückte sofort aus und begann das Rettungswerk; aber ihr Bemühen und dasjenige aller anderen nach und nach herbeigeeilten Feuerwehren aus der Umgegend war umsonst. Dem Flugsener war nicht zu wehren. Immer wüthender tobte das entfesselte Element, immer dichter wurde der Rauch. Noch eben glaubten sich die Einwohner eines Hauses sicher, in den nächsten Augenblicken mußten sie sich schon beeilen, dem entfesselten Element zu weichen, um nur das Leben zu retten, denn Hitze und Qualm drohten die Leute zu ersticken, und nur mit Mühe und unter Lebensgefahr waren die Ausgänge des Ortes zu erreichen. Man muß die gefährliche Situation gesehen haben, um beurtheilen zu können, wie schwer es für die Bewohner war, aus dem Flammenmeer herauszukommen und sich in Sicherheit zu bringen, und man denke an die Kindlein, welche jammernd und schreiend sich um die Eltern drängten, oder nach denselben suchten, da sie vielleicht hier oder dort noch dem Freund und Bekannten helfen wollten. Mit welcher Geschwindigkeit das Feuer sich verbreitete, geht aus der Thatsache hervor, daß binnen V2—3M Stunden der ganze Ort vom Feuer ergriffen war, das rasselnd und prasselnd in die Häuser fuhr und durch die von Heu vollgepfropften Hausböden und vollen Scheunen immer wieder reichliche Nahrung fand. Bis hinauf zur Kirche raste das Feuer und äscherte dieselbe ebenfalls ein. Außerdem sind das Amtsgericht, die Pfarrei, die Post, das Bürgermeisteramt, die Apotheke, der Gasthof „Zum Jnselsberg", „Zum Thüringer Hof", „Krone", „Schmelings Wirthschaft", „Deutscher Kaiser", „Restaurant Langlotz" u. s. w. die sämmtlichen, theils recht stattlichen Häuser der Brotteroder Kaufmannschaft und Fabrikanten vom Erdboden verschwunden. Die Akten des Gerichts, der Post, der Bürgermeisterei und Pfarrei sind verbrannt. Selbst die Brotteroder Spritzen mußten ihrem Schicksale überlassen werden, etwa im Mittelpunkt der Unglücksstätte liegen deren Ueberreste, die eisernen Bestandtheile. — Eiserne Geldschränke, die mitten in Schutthaufen liegen, geben die Stelle an, wo früher die Geschäftshäuser waren. Leider haben sich mehrere Schränke nicht als widerstandsfähig erwiesen. In dem der Vorschußkasse gehörigen Geldschränke ist nahezu sämmtliches Geld geschmolzen. Nur der am Donnerstag Abend geöffnete Geldschrank des Hauses Langlotz hat sich als sicher erwiesen, sämmtliche darin aufbewahrte Gegenstände sind unversehrt geblieben. Mit dem Amtsgerichtsgebäude sind auch sämmtliche Akten sowie die Grundbücher ein Raub der Flammen geworden, trotzdem ein Theil davon in dem sicheren Gewölbe ausbewahrt war, welches erst im vorigen Jahr erbaut worden ist. Von öffentlichen Gebäuden stehen nur noch die neue Schule, der Schützenhof und das Armenhaus; von Privathäusern 12 auf der sog. Höh', einige an der Trift und am Weg nach Herges. Rechnet man Alles hinzu, so sind wohl 600 Gebäude eingeäschert. Das Elend ist unbeschreiblich. In der Nacht mußten alle die Unglücklichen im Freien kampiren, es fehlt an Nahrungsmitteln und an allem Nöthigsten, da die Meisten nur das nackte Leben retten konnten. Wie es möglich war, daß das Feuer tn so rasender Schnelligkeit einen so laug ausgedehnten Ort vernichten konnte, erklärt sich aus verschiedenen Ursachen. Einmal bestand Brotterode fast nur aus Holzhäusern, die zum Theil heute noch mit Schindeln gedeckt waren, und außerdem ist gegenwärtig die Zeit, wo die Einwohner ihr Brennholz für den Winter klein gemacht haben, so daß die ganze einzige Hauptstraße des Orts mit klein gemachtem Holz neben und zwischen den Häusern besetzt ist. Rechnet man noch dazu den gegenwärtigen Wassermangel und den starken Sturm, so wird die Katastrophe dadurch erklärlich. Ueber die Entstehungsursache verlautet, daß das Feuer in einer Scheune ausgenommen und angelegt sei.
Ein Bräutigam ohne Braut.
„Und ist denn gar fein anderer Ausweg möglich?" fragte der cand. med. Bergmann seinen Kouleurbruder und Busenfreund Köpke.
„Ich wüßte keinen andern!" erwiderte Köpke ruhig. „Aus irgend einen anderen Köder würde Dein Onkel nicht anbeißen, Du hast ihn schon zu oft unter allen möglichen Vorwänden augezapft — ich fürchte, der Alte wird diesmal Hartbleibig sein, wenn wir nicht mit etwas Neuem, noch nie Dagewesenem kommen."
»Fünfzehnhundert Mark sind allerdings eine enorme Summe!" seufzte Bergmann, „wenn mir nur die Mani- chäer nicht so auf den Hacken süßen! Vielleicht könnte ich mir ein paar hundert Mark anderweitig beschaffen und die schlimmsten Drünger vorläufig zum Schweigen bringen."
„Das wäre gerade das Verkehrte!" meinte der erfahrene Kommilitone. „Du kommst mir vor, wie ein Todtengräber, der ein Loch zumacht und ein anderes auf! Folge lieber meinem Rathe, fasse einen männlichen Entschluß und erleichtere Deinen Onkel um den elenden Mammon, der ja nur einen winzig kleinen Theil der von ihm aufgespeicherten Schütze flüssig macht!"
„Die Sache kommt mir aber sehr bedenklich vor!" wandte der Kandidat ein. „Wenn nur Alles glatt geht und der Onkel nicht hinter unsere Schliche kommt."
„Unsinn. Lass' die dummen Bedenken, der Zweck heiligt die Mittel. Du warst doch sonst nicht so spröde, wenn es galt, Deine zärtlichen Verwandten um einige Bläulinge zu erleichern. Also, fort mit den Skrupeln — wo ist Papier und Tinte?"
„Ich sann es nicht!" stöhnte Bergmann, indem er nach der Feder griff.
„Schreibe nur, ich werde Dir Alles diktiren!" ermunterte ihn der Versucher, „nur Muth, die Sache ist nicht so gefährlich, als Du denkst!"
Und der Kandidat schrieb seufzend nieder, was ihm Köpke mit feierlicher Stimme fonfftirte:
„Geliebter Onkel Karl!
Nur zagend ergreife ich die Feder, um Dir, meinem väterlichen Freunde und Wohlthäter, ein Geständniß zu machen, zu dem mich mein Herz drängt. Du weißt, daß mir das wüste Treiben der Universitätsstadt längst überdrüssig ist und daß ich mich nach einer stillen Häuslichkeit sehne. Nun habe ich endlich gefunden, was ich suchte: eine Gefährtin für's Leben. Gestern habe ich mich verlobt! Ich weiß, daß Dich diese Entdeckung überraschen wird, aber ich hoffe ebenso fest, daß Du meinem Entschluß segnen wirst.
In drei Wochen schon soll die Hochzeit sein. Die Zeit drängt also, wenn die Ausstattung bis dahin fertig werden soll. Zu diesem Zwecke bedarf ich aber eine Summe von fünfzehnhundert Mark, die ich als Anzahlung leisten muß. In meiner Verlegenheit wende ich ich mich an Dein väterliches Herz, theurer Onkel, der Du mir bisher immer als großmüthiger Wohlthäter bei- gestanden hast."—
„Nun knüpfe noch eine rührende Schlußbemerkung an die Epistel," lachte Köpke, „damit der Onkel pflaumenweich wird! Der Spaß wird gelingen, dafür bürgt mir die Gutmüthigkeit des alten Krautphilisters!"
Der Kandidat siegelte seufzend den Brief und Köpke nahm ihn zur weiteren Beförderung mit. Unzählige Schoppen mußte der „Bräutigam wider Willen" während des Tages noch vertilgen, um sein rebellisches Gewissen zu beschwichtigen.
* * -i-
Mit welcher Freude hatte der Kandidat sonst jeden fünfmal gesiegelten Brief begrüßt, der postwendend aus der Residenz des guten Onkels eintraf! Aber diesmal öffnete er das inhaltsvolle Schreiben mit zitternden Händen, und seine Mienen erhellten sich auch nicht, als aus dem Brief ein stattliches Päckchen blauer Scheine herausfiel. Die großen, steifen Buchstaben des Onkels flimmerten ihm förmlich vor den Augen, als er den gutgemeinten Glückwunsch las:
„Mein lieber Emil!
Zunächst die besten Glückwünsche zu Deiner Verlobung von mir und Deiner Tante, die ebenso erfreut über Deinen Entschluß war, als ich. Der Himmel bestärke Dich in dem Vorsatz, das wüste Leben anfzugeben und mit einer stillen zufriedenen Häuslichkeit zu vertauschen. Hoffentlich hast Du eine gute Wahl getroffen und wohl darauf gesehen, daß das Mädchen aus ehrbarer und anständiger Familie ist. Sehr erstaunt waren wir allerdings, daß Du die Sache so beschleunigt hast, Tante hat dies jedoch wegen Deiner Verliebtheit begreiflich gefunden.
Beifolgende fünfzehnhundert Mark sind für die Anschaffung der Ausstattung bestimmt; sei nur recht vorsichtig bei der Auswahl der Möbel und sieh' auf trockenes Holz. Tante stiftet Dir ein Wäschespind mit Inhalt, und wenn Du sonst noch etwas brauchst, so wird Dein alter Onkel schon dafür sorgen. Es grüßt Dich bestens auch von der Tante, Dein Onkel
Karl August Schmidtlein.
P. S. Eigentlich sollte es eine Ueberraschung für Dich sein, aber es ist vielleicht besser, wenn ich Dich darauf vorbereite. Uebermorgen kommen ich und die Tante zu Dir nach H., ich habe dort geschäftlich zu lhun. Tante will durchaus Deine liebe Braut kennen lernen und auch ich bin auf Deine Wahl neugierig. Du weißt doch, wie Frauen sind: Tante will sehen, ob die Ausstattung auch in Ordnung ist und ob vielleicht noch etwas fehlt." — (Schluß folgt.)
Vermichtes.
Fiuthen b. Mainz, 9. Juli. Die Spargelcrute ist nun bei uns vollständig beendet. Nach ziemlich genauer Schätzung haben die hiesigen Produzenten nahezu 200000 Mk. vereinnahmt. Der hessische Morgen (2500)