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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Mittwoch, den 26. Juni

1895.

Abommucuts-tMladnng.

Bestellungen auf das 3. Quartal 1895 (Juli, August, September) der

UÜF* ,,8^ln^terner Zeitung" ^WE bitten wir dnrch die Post (auch Landbriefträger) oder Voten gest, aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bis zum 27. d. Mts. Spätere Bestellungen resp. Nachlieferungen müssen an die Post e^tra bezahlt werden. Die Expedition.

Amtliches.

Die Erledigung der diesseitigen Verfügung vom 6. d. Mts. — Kreisblatt Nr. 23 — die Zahlung des Betruges für den Leitfaden für den Turnunterricht in den Preuß. Volksschulen von 1895 betreffend, wird hierdurch in Erinnerung gebracht nnd binnen L Tagen erwartet.

Schlüchtern, den 24. Juni 1895.

Der Königliche Landrath: i. D.: Goerz.

Personalkredit für den Mittelstand. I.

Die bedrängte Lage der Landwirthschaft und des Handwerks ist nicht zum geringsten Theil dem Umstände zuzuschreiben, daß es bisher an geeigneten Einrichtungen zur Befriedigung des Bedürfnisses nach Personalkredit fehlte. Sowohl der bäuerliche Besitzer, als auch der Handwerker bedarf eines soliden und billigen Personal­kredits. Denn ersterer ist im wesentlichen auf den Ertrag aus dem Verkauf der Ernte angewiesen und braucht für die Zwischenzeit des Kredits zur Fortführung seiner Wirthschaft. Letzterer benöthigt öfters die Mittel zum Ankauf von Rohmaterialien, welche er erst nach Verkauf der fertiggestellten Produkte zu bezahlen in der Lage ist. Beide sahen sich daher gezwungen, Personalkredit bei Privatpersonen zu suchen, in deren völlige wirthschaftliche Abhängigkeit sie nur zu leicht geriethen; oder aber sie nahmen den Realkredit in Anspruch, welcher die große Versuchung in sich birgt, eine dauernde Belastung des Besitzes herbeizuführen. Um diesem Uebelstande ab zu­helfen, haben sich, etwa um die Mitte des Jahrhunderts, die betheiligten produktiven Stände zu Kreditgenossen­schaften zusammengeschloffen, welche an die Namen Schulze-Delitzsch und Raiffeisen anknüpfen und von der Regierung nach jeder Richtung hin kräftig unterstützt werden.

So segensreich nun auch diese Genossenschaften ge­wirkt haben und obwohl sie sich zu Vereinigungen und Verbandskassen zusammenschloffen, welche als Geldaus­gleichsstellen für die angeschlossenen Genossenschaften dienen, d. h. diesen die für ihren Geschäftsbetrieb zeit­weilig mangelnden Mittel überweisen, anderseits die überschüssigen Baarbestände zinstragend unterbringen, so fehlte es doch bisher an einer Cemralausgleichstelle. Diese soll unter dem Namen einer „Centralanstalt zur Förderung des genossenschaftlichen Personalkredits; im Bedarfsfälle den einzelnen Vereinbarungen und Ver­bandskassen und durch diese den Genossenschaften zu billigen Bedingungen Geldmittel gewähren, und auf der anderen Seite die überschlüssigen Bestände dieser Ver­einigungen nutzbringend anlegen. Die GenossenschaUen waren zu diesem Zwecke bisher größtentheils auf Privat­banken angewiesen, welche ihnen einen verhältnißmäßig hohen Zinsfuß berechneten, während die Reichsbank und die Seehandlung nach der Natur der von ihnen be­triebenen Geschiffte als hierfür ungeeignet angesehen werden müssen, wie dies der Herr Finanz-Minister auch bei der ersten Lesung des Gesetzentwurfs hervorhob.

Nur wenn der Staat, welcher nicht wie die Privat­banken ein Geschäft dabei machen will, helfend eingreift, ist eS möglich, den Vereinigungen und dadurch den ein­zelnen Genossenschaften Gelegenheit zur Erlangung eines billigen Personalkredits zu verschaffen. Der Staat er­hofft aber gleichzeitig durch die Gründung der Central­anstalt eine Kräftigung und namentlich Wcitcrausbrcitnng der Kredit-Genossenschaften. Denn ein so großes Gebiet sich letztere auch bereits erobert haben, so beweist doch der Umstand, daß bisher noch fast 500 Städte einer solchen Genossenschaft entbehren, daß die Kreditorganisation noch einer bedeutenden Steigerung fähig und bcdülfüg ist. Und daß ein Bedürfniß für die Schaffung einer der­artigen Ceniralausgleichstelle vorhanden ist, ergiebt sich daraus, daß sich die aus den Reihen der Genossenschafter

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser wird auch mit den Bundesfürstcu am 26. Oktober die Einweihung des neuen Reichsgerichts in Leipzig beiwohnen. Nächsten Montag wird der Kaiser zur großen Truppenübung im Lockstüdter Lager erwartet.

— Offiziös wird die Nachricht als unrichtig be­zeichnet, daß der Kaiser beabsichtige, am 18. August in Gravelotte bei der Enthüllung des Denkmals anwesend zu sein. Wahrscheinlich wird er jedoch zur Enthüllung des Denkmals bei Wörth, welche am 18. Oktober er­folgen soll, anwesend sein.

— 22. Juni. Die Kaiserin muß wegen erneuten Unwohlseins das Bett hüten. Dieselbe wollte in Folge ihres leidenden Zustandes der feierlichen Eröffnung des Nordostscekanals überhaupt fern bleiben, entschloß sich aber in letzter Stunde dazu, wenigstens den Kieler Festlichkeiten beizuwohnen. Das Einlaufen der Kaiser- yacht „Hohenzollern" in den Kieler Hafen beobachtete die Kaiserin vom Hotel Bellevue aus, um sich dann später an Bord der „Hohenzollern" zu begeben. Leider haben die Strapazen der Reise auf das Allgemeinbefinden der hohen Frau derart ungünstig eingewirkt, daß sie bereits gestern Abend gezwungen war, die „Hohen­zollern" zu verlassen und sich nach dem Kieler Schlosse zurückzuziehen. Die Aerzte erklärten, der Zustand sei nicht besorgnißerregend, empfehlen indeß dringende Ruhe und Schonung.

— Das preußische Offizierkorps des Beurlaubten­standes zählte nach der neuesten Ranglisten 16650 im Jahre 1894 und 15922 im Jahre 1893. Rechnet man zu den Offizieren des Beurlaubtenstandes die vor­handenen 17787 Offiziere des Fricdensstandcs hinzu, so ergiebt sich für die preußische und württembergische Armee ein Offizierkorps von 306 Generalen, 377 Obersten, 548 Oberstlieutenants, 1765 Majors, 6523 Hauptleuten und Rittmeister, 9518 Premierlieutenants und 16290 Sekondelieutenants, zusammen 35327 Offiziere.

— Die Steigerung der Reichscinnahmen hält an. Während der Monate April und Mai sind an Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern vereinnahmt: 107,471,384 Mark (7,157,553 Mark mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, das selbst bekanntlich schon viel höhere Erträge als 1893 aufwies.) Dazu kommen aus den Stempelsteuern (einschließlich der kreditirten Beträge) an 9,7 Millionen (mehr fast 4,2 Millionen!), aus den Post- und Tclcgrapheneinnahmcn 47 ‘fz Millionen (mehr fast 4 Millionen) und aus den Reichscisenbahnen ca. 11 Millionen (mehr über 's» Million).

— Der Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten hat unter dem 7. d. M. sein Einverständniß damit erklärt, daß für die Zukunft bei Stundungen von Holzkaufgeldern die Zahlung von nur vier Prozent Verzugszinsen ausbedungen werde. In denjenigen Fällen

befragten Sachverständigen — mit einer Ausnahme — für die Errichtung der durch den augenblicklich der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses zur Berathung vorliegenden Gesetzentwurfs in Aussicht genommenen Anstalt ausgesprochen haben.

Die Bedeutung derselben liegt aber nicht allein auf wirthschastlichem Gebiete, sondern ist auch von großer politischen Wichtigkeit. Denn durch den Entwurf erkennt der Staat seine Verpflichtung zur Unterstützung der wirthschaftlich Schwachen ausdrücklich an. Die Vorlage muß aber auch deshalb mit Freuden begrüßt werden, weil sie einen Versuch darstellt, der Verschuldung der kleineren bäuerlichen Besitzer und Handwerker zu steuern, der, wenn er die Erwartungen erfüllt, weiteren segens­reichen Maßnahmen der Regierung zur Wiederkräftigung der Landwirthschaft und des Handwerks die Wege ebnet.

dagegen, in welchen bereits solche Stundungen bewilligt sind, und von den Holzkäufern die Verpflichtung zur Zahlung von fünf Prozent Verzugszinsen übernommen ist, sollc.es bei diesem Zinssatz verbleiben.

— Die Kosten des Nordostsec-Kanals werden auf 156 Millionen Mark veranschlagt, wovon Preußen vor­weg 50 Millionen übernahm. Durchschnittlich haben in den 8 Jahren im Herbst und Winter gegen 6000, im im Frühling und Sommer über 8000 Arbeiter gearbeitet. Unterbringung und Verpflegung der Arbeiter hatte die Kanalverwaltung selbst übernommen. Etwa 40 Ba­racken, in denen 100 bis 500 Mann untergebracht werden konnten, waren zu dem Zweck erbaut worden. Für Essen, Wäsche, Licht und Feuerung hatten hier die Arbeiter 60 Pfg. zu zahlen. Der Lohn betrug durch­schnittlich 3,50 Mk. pro Tag. Arbeiter aus allen Theilen Deutschlands, dazu Polen und Italiener waren ver­treten. Das Reich sorgte auch für eine besondere Seel- sorge für diese Arbeiter. Ihre Leistung bestand in der Bewegung von 80 Millionen Kubikmeter Erde. Dabei halfen ihnen allerdings einige 60 Baggermaschinen, 65 Lokomotiven, gegen 2500 Transportwagen, Kipper und Karren, 37 Schleppdampfer, 41 Dampfprühme, 123 Transportprähmc u. s. w. Zur Zeit der Höchstleistung betrug die Zahl dieser ^Hilfsarbeiter" sogar noch ganz bedeutend mehr.

— Der „Reichs-und Staatsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz, betreffend die Abänderung des Branntwein­steuergesetzes vom 24. Juni 1887, ferner bctr. die Ab­änderung von Bestimmungen des Ausführungsgesetzcs zur Deutschen Civilprozeßordnung vom 24. März 1879, und des Gesetzes vom 12. März 1895, betreffend die Anstellung gerichtlicher Erbbescheinigungen, sowie daS Gesetz, betreffend die Aufhebung des in dem vormaligen Fürstbisthum Fulda für die Einwilligang der Ehe­frauen in Bürgschaften und Expromissionen der Ehe­männer bestehenden Erfordernisses der gerichtlichen Form. Die durch letzteres Gesetz aufgehobenen Bestimmungen datiren aus den Jahre 1751 und 1766.

Kiel, 21. Juni. Bei dem gestrigen Diner auf dem Dampfer „Kaiser Wilhelm II.“ gab der Reichskanzler Fürst Hohenlohe seiner Freude und Genugthuung Aus­druck, daß der Kaiser in der Kabinetlsordre an den Staatsminister von Boetticher ausgesprochen, was auch sein, des Reichskanzlers, Herz voll erfülle. Staats­minister v. Boetticher erwiderte, er sei tief ergriffen von den anerkennenden Worten Chefs seines und er werde in treuer Pflichterfüllung am seinem Posten ausharren, so lange der Kaiser es wünsche. Herr v. Boetticher schloß, so lange der Kaiser über treue, uneigennützige Beamte oerfüge, sei es um Deutschland nicht schlecht bestellt. — Bei der heutigen Schlußsteinlegung waren die drei kaiserlichen Prinzen und die Söhne des Prinzregenten von Braunschweig in die Front der Leibkompagnie des 1. Garde-Regnneuts z. F. eingetreten. Der vierte Sohn des Kaisers befand sich mit dem Kaiserpaar im Kaiserzclt, ebenso der Sohn des Prinzen Heinrich. Die Zahl der in Kiel anwesenden Fremden wird auf 85,000 bis 100,000 geschätzt. Der Eindruck des heutigen Tages und des bisherigen Verlaufes des Festes über­haupt wird Allen unvergeßlich bleiben, zumal alle Vorkehrungen vorzüglich getroffen waren und kein Zwischenfall vorgekommmen ist.

— 22. Juni. Die Rede des Kaisers bei dem gestrigen Festdiner, die wiederholt von lebhaftem Beifall unterbrochen wurde, wird als bedeutsame Thronrede au gesagt, gewidmet nicht allein dem deutschen Volk, sondern allen Nationen, um Allen über den friedsamen Charakter des großen Werkes keinen Zweifel zu lassen. Nach dem Festmahl bcgab sich der Kaiser vor die Festhalle und hielt Cercle ab, während die Mnsik spielte. Im Hafen begann unterdessen das großartige Feuerwerk und die Illumination. Die Kriegsschiffe prangten im reichsten Lichterglanz, elektrische Glühlichter erstrahlten am Bordrand, an den Masten und in den Raaen, fortwährend stiegen Raketenschwärmen und Feucrrcgen auf. Das herrliche Schauspiel hat den Festtag in unvergeßlich schöner Weise abgeschlossen.

Königsberg, 17. Juni. Ein gelähmter Schneider mit einem Jahreseinkommen von 40,000 Mark dürfte wohl als ein Naturwunder angesehen werden. Und in der That ist er ein Naturwunder, der Schneider Julius Keller, welcher das Publikum in dem hier gaftirenben Cirkus Corty - Althoff in Erstaunen setzte,