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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 50. Samstag, den 22. Juni 1895.

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Die Kaiserfahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal.

Am Mittwoch Abend 11 Uhr erfolgte von Hamburg die Abfahrt des Kaisers und der Fürsten an den beleuchteten Usern der Elbe vorbei nach Brunsbüttel, wo Donnerstag Morgen um 4 Uhr die Fest fahrt durch den Kanal begann. Das Kaisergeschwader setzte sich aus drei Schiffen der Kaiserlich deutschen Marine, fünf Dampfern der Hamburg-Amerika-Linie und des Nord­deutschen Loyd, vier Jachten und elf Avisos fremd­ländischer Staaten, int ganzen mithin aus 23 Fahrzeugen zusammen.

Voran dampfte an erster Stelle S. M. Jacht Hohenzollern" mit dem Kaiser, dem Kronprinzen und den kaiserlichen Prinzen an Bord, und ihm folgend die übrigen Schiffe in nachstehender Reihenfolge. Der AvisoKaiseradler" (die frühere Kaiser JachtHohen­zollern") mit dem Prinzregenten von Bayern, dem König von Sachsen, dem König von Württemberg, dem Großherzog von Baden und dem Großfürsten Alexis von Rußland. An dritter Stelle segelte der zur australischen Reichspostlinie gehörige Schnelldampfer Kaiser Wilhelm II.", auf welchem die übrigen deutschen Fürsten und die Senatspräsidenten der freien Hansa­städte folgten. An Bord befanden sich die Prinzen Friedrich Leopold, Friedrich Heinrich, Joachim Albrecht von Preußen, Herzog Ernst zu Schleswig -Holstein- Sonderburg-Augustenburg, Herzog Friedrich zu Schlcs- wig-Holstein Sonderburg-Glücksburg, der Großherzog von Hessen und bei Rhein, der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, der Großherzog von Sachsen, der Erbgroßherzog von Mecklenburg -Strelitz, der Großherzog von Oldenburg, Prinz Albrecht von Preußen, Regent des Herzogthums Braunschweig, Prinz Ernst von Sachsen-Altenburg, der Herzog von Sachsen- Koburg und Gotha, der Fürst von Schwarzburg- Sondershausen, der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt, der Fürst zu Waldeck und Pyrmout, der Fürst Reuß älterer Linie, der Erbprinz Reuß jüngerer Linie, der Fürst von Schaumburg-Lippe, der Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe, der Präsident des Senats der freien und Hausastadt Lübeck, Bürgermeister Dr. Bchn, der Präsident der freien und Hansastadt Bremen, Bürger­meister Dr. Gröning, der Präsident des Senats der freien und Hansastadt Hamburg, Bürgermeister Dr. Lehmann, nebst Gefolge und ferner zahlreiche Staatsminister, Gesandte u. s. w.

An fünfter, sechster und siebenter Stelle dampften die JachtLensahn", an Bord der Erbgroßherzog von Oldenburg, die englische JachtOsborne", an Bord der Herzog von Jork, Vertreter der Königin Viktoria von England, der österreichische AvisoTrabant", an Bord der Erzherzog Karl Stephan von Oesterreich, Savoia" mit dem Herzog von Genua an Bord.

An achter, neunter, zehnter und elfter Stelle folgten vier Schnelldampfer der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd, sämmtlich prächtige neue Doppel- schraubenschisfe, die sowohl wegen ihrer Bauart als wegen ihrer wundervollen Ausstattung von Beginn ihrer Fahrten diesseits und jenseits des Ozeans Aussehen erregt haben. Auf derAuguste Victoria" befanden sich die Botschafter und Gesandten der fremden Mächte, sowie die in Berlin beglaubigten Gesandten der deutschen Bundesstaaten und die Bevollmächtigten zum Bundesrath, während sich auf derTrave", der Rugia" und derColumbia" die Mitglieder des Reichstags und des Landtags, die geladenen Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, sowie alle übrigen Gäste emgeschifft hatten.

Dann folgtenGrille" mit dem Admiral Knorr, welche an der Spitze der Schiffe der verschiedenen Nationen dampfte. Ihr schloß sich zunächst an Enchantreß" mit dem Vize-Admiral Lord Kerr, der Mimische TorpedokreuzerAretusa" mit dem Vize­

Admiral Accini, der französische Torpedokreuzer Surcouf" mit dem Kontre-Admiral Menard, das russische Panzer-KanonenbootGroßjaschtschi" mit dem Kontre-Admiral Skrydloff, der spanische Kreuzer Marques dc la Eusenada" mit dem Kontre-Admiral de Espinola, das schwedische KanonenbootEdda" mit dem Kontre-Admiral v. Klinteberg, das norwegische KanonenbootViking", Kommandant Kovetten-Kapitän Klingenberg, der amerikanische KreuzerMarblchead" mit dem Kontre-Admiral Kirkland, die rumänische Brigg Mircea" mit dem Kapitän z. S. Urseanu, der dänische KreuzerHekla" mit dem Kapitän z. S. Gad und der niederländische KreuzerAlkmaar" mit dem Kapitän z. S. von Waning.

Ein ähnliches Difilee der Kriegsschiffe sämmtlicher Nationen, die bei der Nacht weithin über das Land zu beiden Seiten das Licht ihrer elektrischen Beleuchtung entsandten und von der auf beiden Usern ausgestellten Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt wurden, ist in der Geschichte der Marinen aller Völker noch nicht dage­wesen. Es machte den Eindruck, als ob die Schiffe von einer unheimlichen Kraft unmittelbar auf dem Lande und auf den Wiesen weiter befördert würden.

In langen, sich über eine Wegstrecke von 4 Stunden ausdehtwnden Zuge passirte dies Kaisergeschwader in langsamer Fahrt (5,3 Seemeilen gleich 10 Kilometer pro Stunde) den Kanal, hierbei die Drehbrücke der Marschbahn, die imposante Hochbrücke bei Grünenthal, sodann die Drehbrücken bet Rendsburg, die weiten, von schönen Ufern umrahmten Obercidersecen durchfahrend, dann hart am Nordende des mit seinem Wasserspiegel durch den Kanalbau um 7 Meter gesenkten Flemhuder Sees, an dessen Südseite ein Wasserfall hcrabrauicht.

Wie das Bild aus einem Zauberlande gestaltete sich die Fahrt der mächtigen elektrisch beleuchteten Schiffe, und die Begeisterung, den Kaiser begrüßen zu können, fand kein Ende. In das Hurrahrufen der Menge mischte sich der Donner der Geschütze, die an beiden Seiten des Kanals bei Brunsbüttel, Burg, Grünenthal, Rendsburg. Levensau und Holtenau ausgefallen waren, um den Salut für den Kaiser und dessen hohe Gäste darzubringen. Außer der Artillerie hatten Infanterie und Pioniere Aufstellung genommen, und Husaren- Kommandos von den in Schleswig und Wandsbeck garnisonierenden Regimentern Nr. 15 und 16 begleiteten etappenweise das Kaisergeschwader, von der Westmündang bis zur Ostmüiidnng, indem sie unmittelbar neben dem Nordostsce Kanal einherritten.

Donnerstag Mittag 12 's Uhr erfolgte die Ankunft derHohenzollern" bei Holtenau, wo sie durch die Ehrenwache des 1. Secbattaillons und die Ehrenkompagnie des 1. Garde-Regiments zu Fuß und des Füsilier- Regiments Königin Nr. 86 empfangen wurde. Lang­sam verließ das stolze Kaiserschiff die Holtenauer Schleußt; da auf einmal donnert von allen Kriegsschiffen der Kaiser-Salut, 33 Schüsse jedes Schiff, und wie durch einen Zauberstab haben plötzlich die 73 Schiffe in der Kieler Föhrde ihre Flaggen gehißt, den Kaiser zu begrüßen. Ein tausendstimmiges Hurrah braust zum Kaiserschiff hinüber. Für die fremden Offizierskorps fand nach Maßgabe des Eintreffens ihrer Aviso's eine Defilier-Cour vor dem Kaiser an Bord derHohen­zollern" statt. Dem für die Vertreter der Presse reser­vierten DampferWaldemar" war Gelegenheit gegeben, das hübsche Bild der Ausfahrt des Festzuges aus dem Kanal von dem ihm zugewiesenen Liegenplatze zu beob­achten.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Vorstand des Bundes der Ritter vom Eisernen Kreuz, der Ende voriger Woche in Berlin tagte, hatte einen Empfang beim Kaiser nachgesucht, ist aber abschlägig beschieden worden. Dagegen hat der preußische Kriegsminister die Abgeordneten des Bundes

lauf Geheiß des Kaisers empfangen und ihnen nach derPost" in dessen Namen eröffnet, daß es zwar gut sei, wenn die Veteranen sich zusammenschlössen und Schulter an Schulter ständen, um Königstreue und Vaterlandsliebe zu pflegen und einen Damm zu bilden gegen Bestrebungen, die auf den Umsturz der staatlichen Ordnung zielen. Der Kaiser halte es aber für richtiger, wenn die Inhaber des Kreuzes ihre patriotischen Bestrebungen in den Kriegervereinen, in denen sie ein weites Feld der Thätigkeit fänden, zum Ausdruck brächten, nicht aber in einem Bund, dem doch nur ein Theil der Dekorierten angehöre. Endlich dürfe er, der Kriegsminister, nicht unerwähnt lassen, daß er sich mit der Nummer der Statuten des Vereins, die die Er­langung eines Ehrensoldes für alle Besitzer des Kreuzes gewissermaßen programmatisch anstrcbe, nicht befreunden könne. Das sei zur Zeit nicht durchführbar, gegen­wärtig wäre nur möglich, die erwerbsunfähig und hilfs­bedürftig gewordenen Veteranen, die keine Jnvaliden- Wohlthaten erhielten, aus Reichsmitteln zu unterstützen. Diesen Gedanken habe der Kaiser schon lange verfolgt und einer Anregung dazu nie bedurft. Es hätte ihn daher eine solche aus dem Kreis alter Soldaten un­angenehm berühren müssen. Infolge dieser Auslassungen des Ministers sollen bereits viele Offiziere aus dem Bund ausgetreten sein.

Das Abgeordnetenhaus hat am Dienstag die Vorlage betreffend die Errichtung einer Central-Anstalt zur Förderung des genossenschaftlichen Personal-Kredits an die Budget-Kommission übertviefen, ein Beweis, daß das Zustandekommen des Gesetzentwurfs gesichert ist. Es handelt sich bekanntlich darum, in Berlin eine staat­lich verwaltete Central-Anstalt für den Personal-Kredit der Landwirthschaft und des Handwerks zu begründen, welche größeren Verbänden von Genossenschaften, die vermöge ihres Umfanges genügende Sicherheit darbieten, den ihnen nothwendigen Kredit gewähren soll; die er­forderlichen Geldmittel hofft man hauptsächlich dadurch zu erhalten, daß die zeitweilig verfügbaren Geldmittel von Genossenschaften und Genossenschasts-Verbänden bei der Central-Anstalt zinsbar angelegt würden; außerdem soll der Staat sich mit einem leihweise hergegebenen Kapital von fünf Millionen Mark betheiligen. Die Generaldebatte hatte keine größere Bedeutung, weil die grundsätzlichen Gegner sich an der Verhandlung nicht betheiligen und nur die Freunde der Vorlage das Wort ergriffen. Herr Finanzminister Dr. Miguel entrollte auch diesmal wieder in großen umfassenden Zügen die Beweggründe, die dem Gesetzentwurf zu Grunde liegen. Dem Centralinstitut liegt der direkte Eingriff in die Kreditgewährung der einzelnen Anstalten vollständig fern; es will nur mit den Genossenschaftsverbänden zu thun haben, zu denen sich zusammcnzuschließen den einzelnen Genossenschaften empfohlen wird. Späterhin soll vielleicht auch die Sparkasse in geeigneter Weise dem neuen Institute dienstbar gemacht werden. Der nationale Abgeordnete Knebel, der viele Erfahrungen auf dem Gebiete des Genossenschaftswesens gesammelt hat, legte mit Recht das Hauptgewicht darauf, daß die Zentral-Anstalt auch für die genoffentschaftlichen Kredite ein Sinken des Zinsfußes zur Folge haben werde. Der kleine Handwerker ober Geschäftsmann, der heutzutage seinen Kundenwechsel an der Genossenschaftsbank dis- kontirt, hat, wenn er die Provision und alle sonstigen Unkosten dazu rechnet, meistens nicht unter 5-6 Proz. nicht selten sogar 79 Prozent Zinsen zu zahlen.

Einem idylischen Stillleben eines Amtsrichters soll durch eine an das Herrenhaus gebrachte Vorlage ein Ende bereitet werden. Der Gesetzentwurf bezweckt die Aufhebung des Amtsgerichts auf der Insel Pell- warm. Vor demselben sind jährlich höchstens 4, im Jahre 1891 gar keine Schöffengerichtssitzungen abge­halten und im Ganzen während 9 Jahren 4 Privat­klagen, sowie 12 Anklagen wegen Vergehen zur Ver­handlung gekommen. Die Konkursordnung ist noch gar nicht zur Anwendung gekommen. Auch die Grundbuch­sachen und Vormundschaftssachen bleiben bei d m nur 2390 Seelen zählenden Gutsbezirk hinter der Durch­schnittszahl eines normal beschäftigten Gerichts sehr weil zurück. Das gesammte Arbeitspensum nimmt den Richter selbst in den beschä tigsten Zeilen wöchentlich nur wenige Stunden in Anspruch.

Dem Entwürfe, betreffend den Handel mit Giften, welcher soeben dem Landtage zugegangen, ent-