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MWemerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

J£ 45.

Mittwoch, den 5. Juni

1895.

Zur Einführung in die Kieler Floltenparade.

(Schluß)

Die großen Dimensionen dieser Schiffe, ihre Ar- mirung, der Panzerschutz sind Merkmale, die sich dem Auge des Beobachters schon beim ersten Blicke aus­drängen. Anders dagegen verhält es sich mit der Arbeitsleistung ihrer Maschinen; dieser verdanken die Fahrzeuge daS, was heute den allerwichtigsten Faktor in der Kriegsführung ausmacht, ihre Geschwindigkeit. Was bedeuten schwere Geschütze, armdicke Panzer, wenn man den Feind nicht zu einem Gefecht zwingen kann, wenn er es in der Macht hat, einem Rencontre aus- zuweichen, wenn er es will, wenn er mit seinen flinkeren Fahrzeugen unsere Blockaden durchbrechen kann. Armirung, Panzerschutz und Geschwindigkeit sind die drei wichtigen Grundlagen der Marinetaktik und von diesen dreien steht die Fahrgeschwindigkeit jetzt obenan.

Welcher Kraft es bedarf, um einen der modernen Schiffstolosse mit einer Fahrt, wie sie heute als noth wendig erachtet wird, d. h. etwa 20 Seemeilen in der Stunde, durchs Mass r zu treiben, davon kann sich der Uneingeweihte mir schwer einen Begriff machen. Die Maschinen des amerikanischen KreuzersColumbia", beiläufig erwähnt eines der schnellsten Kriegsschiffe, die es gibt, wenn man von den kleineren Torpedobooten und Torpedojägern absieht, leisten eine Arbeit von 23,000 P erdelräflen. Ihm zunächst steht unter den Schiffen, btc an der Floltenparade theilnehmen, das italienische SchlachtschiffSardigna", dessen Maschinen 22,700 Pferdekräfte indiciren und weiter der britifche PanzerkreuzerBlenheim" mit 21,406 P erdekrästen. Das sind Maschinenanlagen, wie sie in den größten Landbetrieben auch nicht annähernd so mächtig vor­kommen.

Die 53 ausländischen Kriegsschiffe sind insgesammt im Stande, eine Arbeit von ca 380,000 Pferdekräften zu leisten und die 26 größeren Fahrzeuge der deutschen Marine, die zwischen den fremden Nationen verteilt sein werden, weisen zusammen an Maschinenkra'l l30,000 Pferdekräfte auf, so daß rund eine halbe Million Pserdckräjte sich als Arbeitsleistung der Paradeflotte ergeben. Rechnet man die Arbeit einer Maschinen- Pferdekraft gleich der von acht Männern, so ergibt sich, daß man etwa 4 Millionen Arbeiter benöthigen würde, um auch nur auf eine kurze Zeit einen Krastau wand zu erzielen, wie er in den Maschinen der 79 Dampfer ausgespeichert liegt. Zu einer dauernden Arbeitsleistung von dem nämlichen Umfange würden freilich auch diese 4 Millionen Mensche», so groß die Zahl auch scheinen mag, nicht ausreichen, denn der Mensch unterscheidet sich eben von der Maschine dadurch, daß er nicht dauernd zu arbeiten vermag, sondern in regelmäßigen Perioden der Ruhe pflegen muß. Nimmt man an, daß ein Mann täglich 8 Stunden ununterbrochen zu arbeiten vermag, so ergibt sich, daß für eine längere Zeitdauer rund zwölf Millionen Menschen erforderlich wären, um das nämliche Maaß von Arbeit zu leisten, wie die Maschinen der zur Floltenparade versammelten ausländischen und deutschen Kriegsschiffe. Was will es dagegen sagen, daß die Armada 20,000 Soldaten, 9000 Matrosen und etwa 2000 Sklaven an Bord führte, während heute die Schiffe, die an der Flotten- parade theilnehmen, durch einen Druck auf die Um­steuerung ihrer Maschinen sich eine Kra t dienstbar machen können, zu deren Leistung damals zwölf Millionen Menschen erforderlich gewesen wären.

Diese ungeheure Arbeitskraft sitzt nun freilich nicht wie ein eingeschlossenes Teufelchen in den Maschinen, das nur auf die Zauberformel wartet, um mit aller Wucht loszubrechen. Znr Auslösung dieses Giganten bedarf es der Wärme und zur Erzeugung dieser wieder der Steinkohle. Eine genaue Schätzung des Kohlen- verbrauches der einzelnen Kriegsschiffe läßt sich nicht wohl geben, da diese Daten selten in die Oeffentlichkeit bringen. Man wird aber kaum fehlgreifen, wenn man die Zahlen, die erfahrungsmäßig für die Handels­marine seststchen, auch für die Kriegsflotte in Anschlag bringt. Demnach darf man auf je 1000 Pferdkräfte einen Kohlenverbrauch von 15 Tonnen ä 1000 kg rechnen. Die ganze Flotte würde also unter Dampf Tag für Tag etwa 7500 Tonnen (siebeneinhalb Millionen Kilogramm) Kohlen verbrauchen, und um für diese rauchenden Schornsteine auf einen Tag das Brennmaterial heranzuschaffen, wären neunzehn Eisen-

bahnzügr von 40 Doppelwaggons erforderlich. Bei einem Kostenpreis der Kohle von 15 Mark pro Tonne gehen bei der gesammten Flotte, sofern sie in Fahrt ist, alltäglich 112,000 Mark in Rauch auf.

Die größten Geschwader von allen fremden Nationen stellen zur Flottenschau Großbritannien und Italien. England ziemt es, als dem ersten Seestaat eine seiner Machtstellung entsprechenden Flotte zu entsenden, Italien will seinem nordischen Bundesgenossen eine besondere Ehre erweisen. Aber nicht nur in der Zahl der Schiffe zeigt sich die Ueberlegenheit dieser beiden Geschwader, auch in der Stärke der einzelnen Schiffe tritt sie hervor. Die vier Schiffe derRoyal Sovereign&laffe, welche Großbritannien entsendet, gehören zu den mächtigsten Panzern seiner Flotte, ja der ganzen Welt. Die Gürtelpanzer, welche ihre ver­wundbaren Theile beschützen, sind nahezu einen halben Meter dick und durch ebenso schwere Panzerplatten sind ihre Geschützthürme gegen feindliche Geschosse gesichert. Nur wenig hinter ihnen zurück stehen die vier Schlacht­schiffe Italiens,Re Umberto,Andrea Doria", Saidegna und Ruggeio du Lauria". Besondere Beachtung verdient der amerikanische KreuzerColumbia", ein Dreischraubenschiff, das zu dem Zwecke gebaut ist, als Kreuzer den feindlichen Handel lahm zu legen, weshalb ihm die Amerikaner den NamenCommerce destroyer-, der Handelszerstörer, gegeben. Die Columbia" soll der schnellste Kreuzer der Welt sein, so behaupten wenigstens die Amerikaner. Ein besonders interessantes Schiff ist auch der französische Hochseepanzer ,,Hoche, es ist das schnellste Schlacht­schiff der Franzosen und von ihren neueren auch wohl das tüchtigste.

Nicht zum Kampfe gegen einen gemeinsamen Feind wird diese Flotte aus aller Herren Länder sich im Kieler Hafen zusammenfinden, sondern um ein Werk einzuweihen, das, während es Deutschlands Wehr­fähigkeit erhöht, auch einem friedlichen Zwecke dient, der Hebung des Seeverkehrs. Aber jeder der großen Seestaaten will doch in sein Geschwader den Ausdruck seiner Macht legen und beim friedlichen Feste zeigen, wie er sich als Feind furchtbar erweisen könnte.

Die rührende Zuversicht früherer Zeiten, daß eine höhere Macht der beste Helfer im Kriege sei, das Ver­trauen wie es sich in demaffluvit Deus et dissipati sunt zeigt, hat Berechnung auf Panzerstärke, Pferde­stärken und Durchschlagskraft der Geschosse weichen müssen. So ist es eine Art von Scheinkampf, der sich bei dieser Gelegenheit vollzieht, in dem sich die Gegner messen, ohne sich zu schlagen. Kapitän L.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Juni. Der Kaiser arbeitete am Samstag Vormittag mit dem stellvertretenden Chef des Militär-Kabinets, General a la suite Generalmajor v. Lippe, und hörte dann den Vortrag des Chefs des Marine-Kabinets. Nachmittags fuhr der Kaiser mit Sonderzug nach der Station Briesen der königl. schlesischen Bahn. Die Ankunft dort dürfte kurz nach 5> Uhr erfolgt sein. Der Kaiser gedachte, sich von dort zu einem Pürschgange in das Madlitzer Revier zu begeben, dann nach dem Schlosse Madlitz des Grafen Finck von Finckenstein zu fahren und von Briesen aus die Rückfahrt um 10'/s Uhr Abends anzutreten.

Wie in militärischen Kreisen verlautet, werden bis zum Beginn der Manöver über ein Dutzend Generäle ihr Abschiedsgesuch einreichen. Von der be­trächtlichen Anzahl von Generälen, welche hierzu prädestinirt erschienen, wurde erst die Hälfte in den letzten Monaten verabschiedet, und es lag in der Ab­sicht, die große Anzahl auf einen längeren Zeitraum zu verthcil(N. Der Vorgang befindet sich mit dem Inhalte einer bereits vor längerer Zeit ergangenen Kabinetsordre in Uebereinstimmung, mit welcher anf ein rascheres Verabschieden in der Armee hingewirkt und als Grund für dieselbe, wenn kein anderer vorliege, auf vorgeschrittenes Lebensalter hingewiesen wurde.

Die amtliche Berl. Corr. schreibt: In der österreichisch ungarischen Schweinemast- und Kontumaz­anstalt zu Steinbruch bei Budapest herrscht seit einiger eine Seuche unter den Schweinen, welche mit außer­ordentlicher Heftigkeit auftritt und zahlreiche Opfer nach Zeitungsnachrichten bis zu 300 Stück täglich

fordert, ohne daß das Wesen der Krankheit bisher wissenschaftlich sicher ergründet wäre. Die königliche Staatsregierung, welche diesen Vorgängen die größte Aufmerksamkeit widmet, hat hieraus Aulaß genommen, den Rektor der Tierärztlichen Hochschule, Professor Dr Schütz, sofort nach Steinbruch zu entsenden, um das Wesen der Krankheit zu erforschen. Die Gefahr einer Einschleppung der Seuche aus Oesterreich-Ungarn nach Deutschland erscheint für die Folge ausgeschlossen, nachdem die bis vor kurzem zu Gunsten einiger ober* schlesischen Städte bestandene Vergünstigung, zur Ver­sorgung der Jnduftricbcvölkerung mit Fleischnahrung Schweine aus dem freien Verkehr Oesterreich-Ungarns einzuführen, in Folge eines Falles der Einschleppung der Maul- und Klauenseuche zurückgezogen worden ist, die Schweinemastanstalt Steinbruch aber, aus welcher nur allein noch die Einsuhr 'von Schweinen aus Oesterreich-Ungarn mit gewissen Einschränkungen zugelassen war, von der österreichisch - ungarischen Regierung selbst gegen die Ausfuhr von Schweinen mit Rücksicht auf die gegenwärtig herrschende Seuche gesperrt worden ist. Wenn hiernach thatsächlich eine Enischleppungsgefahr zur Zeit nicht besteht, so glaubt die Staatsregierung doch des wirksameren Schutzes einer völligen Adsperrrung der Grenze gegen die Einfuhr von Schweinen aus Oesterreich - Ungarn eine Maßnahme, welche im Hinblick auf frühere Fälle der Einschleppung -von Seuchen aus Oesterreich Ungarn nach den Bestimmungen des Vieh- senchen-Uebereinkommcns vom 6. Dezember 1891 zulässig erscheint nicht entbehren zu dürfen und hat, da ein solches Vorgehen ohne Betheiligung der übrigen deutschen Bundesstaaten unwirksam sein würde, sofort mit denselben Verhandlungen darüber eingeleitet.

* Die Verwendung hölzerner Bahnschwellen auf den preußischen Staatsbahnen wird in neuerer Zeit wieder allgemeiner, nachdem die ausgedehnten Versuche, die seit Jahren mit eisernen Schwellen gemacht wurden, nicht befriedigt haben. Die eisernen Schwellen haben die in Bezug auf deren Haltbarkeit gehegten Hoffnungen nicht erfüllt und es fehlt ihnen auch die erwünschte Elastizität. Die Eisenbahndirektion Bromberg hat jetzt, was für den ostdeutschen Sleeperhandel von erheblicher Bedeutung ist, eine Submission auf über 600,000 Stück durchschnittlich von 2,5 Meter lange eichene und kieferne Bahnschwellen und etwa 30,000 Stück Weichenschwellen ausgeschrieben. Die zu liefernden Hölzer repräsentiern einen Werth von mindestens 1 's Mill. Mark.

* In Folge der amerikanischen Petroleum-Preis­treiberei hat der Minister der öffentlichen Arbeiten angeordnet, daß auf allen Bahnstationen solcher Orte, die Gasanstalten haben, sämmtliche Kabelader und Weichenlaternen, soweit dieselben noch nicht Gasbe­leuchtung haben, sondern bisher mit Petroleum gespeist wurden, an die Gasleitung angeschlossen werden sollen.

Harburg, 31. Mäi. Um 6 Uhr Abends schlug während eines furchtbaren Gewitters der Blitz in ein Petroleumbassin der Bremer Firma Trading u. Co. Nach wenigen Sekunden entzündeten sich noch zwei gewaltige Bassins und Tausende von entleerten Fässern. Das Feuer zerstörte das gesammte Petroleumlager, das Maschinenhaus und Schuppen. Der Schaden wird aus 2 Millionen geschätzt. Sämmtliche benachbarten Fabriken und Wohnungsgebände sind Dank der um die Tanks gezogenen Erdwälle und der günstigen Windrichtung gerettet. Das Feuer brennt weiter im Innern der Tanks, kann aber als gelöscht betrachtet werden. Jede weitere Gefahr ist ausgeschlossen.

Kiel. Vor einiger Zeit wnrde berichtet, daß das Nordostsee-Kanalwasser von Holtenau bis Schirnau hin salzig geworden sei. Es stehe demnach zu er­warten, daß das Wasser überall im Kanal dieselbe Beschaffenheit erhalten werde. Wie fcstgcstellt wurde, ist die Vermischung des Süßwassers mit dem salzigen Meerwasser nunmehr bereits bis Rendsburg vorgeschritten, und es steht außer Zweifel, daß der Nordostsee-Kanal thatsächlich Salzwasser führen und daß auch das Wasser des Obereiderbassins salzig werden wird. Wenn das Wasser des Kanals salzig wird, so ist damit eine ver­größerte Sicherheit gegen das Zufriereu im Winter gegeben, was ja höchst erfreulich wäre. Andererseits würde die Fischerei in den zahlreichen Wasserläufen und Seen, die mit dem Kanal in Verbindung stehen, zweifellos sehr geschädigt werden.