SchlWemerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzergen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 44. Samstag, den 1. Juni 1895.
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Pfingsten.
Welch heimlicher Zauber liegt in dem Wort, welch herrliche Wonne liegt über dem Fest! Als uralter Zug, als Erdtheil von den Vätern eignete dem Deutschen die Freude an der wieder erwachten Natur, das Verlangen, mit der unvernünftigen Kreatur um die Wette in jubelndem Sang, mit fröhlichem Dank den himmlischen Allvater zu preisen, der jährlich die Erde ver jungt durch seine Macht, und in seiner Liebe mit herrlichem Frühlingsschmuck bekleidet. Darum strömen an Pfingsten die Schaaren hinaus in die Fluren und Felder, in die Wiesen und Wälder, in's Gebirge und in's Thal, um all überall die Wunder des Frühun s zu schauen und seine Wonne mit vollen Zügen zu genießen, darum trägt man den Frühling m's Haus und schmückt das Fest mit Maien
Gewiß, der müßte ein grämlich verbittertes Herz haben, der sich der Frühlingswonne nicht freuen oder anderen sie neiden wollte. Sicherlich ist es auch ein Gottesdienst, die Wunder der göttlichen Macht und Liebe anbetend zu schauen, dankbar zu preisen, und schon mancher ist mit frommer Andacht erfüllt hingerissen worden zu dem brünstigem Gebet: „Herr, wie sind Deine Werke so groß und viel, Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll Deiner Güre." Aber Freude an der Natur, und wäre es auch die tiefere und reinere Freude an der schöpferischen Liebesmacht Gottes, ist noch keine Pfingstfreude. Pfingst- freude ist wohl Frühlingsfreude, aber es ist der gcift liche Frühling, an den sie sich knüpft. Das Erwachen des neuen Lebens aus Gott und in Gott ist der echten Pfingstfreude Grund und Inhalt. Das neuerwachte Leben im Reich der Natur ist nur eine Weissagung von dem neuen Leben im Reich der Gnade. Wah^e Pfingstfreude kann nur da herrschen, wo Bild und Abbild sich decken, wo die Weissagung Erfülln-^ geworden.
Unsere Väter besangen und verherrlichten in ihren Mythen und Sagen den Kampf des Sommers mit dem Winter, des Lichtes mit der Finsterniß. Sie klagen in schwermüthigen Weisen, daß immer wieder die Sommerwärme von der Winterkälte verscheucht, das Licht von der Finsterniß verschlungen werde. Aber der fröhlichen Hoffnung getrösten sie sich, daß einst der Kampf geendet und eine ewige Frühlingssonne ewige Frühlingswonne bringen werde. Von ähnlichen Empfindungen und Hoffnungen wird der erfüllt, welcher mit dem liebevollen Herzen eines wahren Volksfreundes das Leben und Treiben unserer Zeit betrachtet. Er hofft auf ein großes Pfingsten, wo der Geist Gottes alles zum neuen Leben erwecken und darin erhalten wird; aber zur Zeit sieht er auch schmerzlich bewegt, wie der Kampf auf den verschiedensten Gebieten des Lebens wogt und wallt, hin und her, auf und ab; wie Stand wieder Stand, Partei wider Partei, Konfession wider Konfession in die Schranken tritt, wie die Wahrheit mit der Lüge, die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit, der Glaube mit dem Unglauben, das Christenthum mit dem gottesleugnerischen Materialismus um den Sieg und die Existenz, um Leben und Herrschaft streitet. Draußen weht der Frühlingsodem, schaffend und gestaltend, aber wer vernimmt das Rauschen des Pfingst- geistes drinnen im Herzen, im Hause und im Volke? Draußen knospet es und sprießt es, grünt es und blüht es, aber drinnen bleibt es so still, im Herzen regt sich so wenig Frühlingskraft und das Leben bleibt so friedlos und freudlos. Rechte Pfingstfreude sehen wir nicht, rechte Psingstlieder hören wir nicht, wahre Pfingstrosen finden wir nicht. Soll denn der Kamps nicht enden und Frieden einkehren, die Nacht nicht weichen und es zu tagen beginnen, soll nicht ein neues Leben im Glauben und in der Liebe, der Gottesliebe und der Bruderliebe erwachen? Es wird geschehen, wenn der Pfingstgeist uns geschenkt wird und Raum im Volke findet. Wo der Pfingstgeist waltet nnd wirkt, da ist Leben, seliges, ewiges Leben schon in der Zeit. Darum: fröhliche Pfingsten!
Zur Einführung in die Kieler Flottenparade.
An hundert Kriegsschiffe sind es, die um die Mitte des Monats Juni in der Kieler Föhrde unter den Augen des deutschen Kaisers ihre Flaggen entfalten, mit dem Donner ihrer Geschütze die Hohenzollernflagge falutiren und dem Akte der Eröffnung des Nord-
Ostseekanals unseres neuesten deutschen Werkes, das Gepräge einer Welt eier verleihen werden, wie sie großartiger in der Marincgeschichie nicht verzeichnet steht.
Wer die See und das Seeleben nur aus Büchern kennt, wer niemals einen Blick in den komplizirten Mechanismus eines Kriegsschiffes gethan, der wird sich kaum eine Vorstellung davon machen können, welch' großartigen Anblick eine solche Flottenparade, zu der alle bedeuiendcn Seemächte der Welt ihre stolzesten Schiffe entsenden, bieten wird.
Wohl sind in früheren Tagen Flotten ausgerüstet worden und in Aklion getreten, die an Zahl der Schiffe den in unserem deutschen Kriegshafen sich ein- findenden gleichkamen. Die Armada bestand aus 130 Schiffen und ebenso viele zählte das Geschwader, das die Engländer der unüberwindlichen Flotte ent- gegewetzten, aber würden wir heute all' diese Fahrzeuge neben den modernen Stahlriesen sehen, wie winzig müßten sie uns erscheinen, wie unbeholfen und harmlos, ii otzdem sie mit Kanonen gespickt und mit Mannschaften oollgep'ropft waren.
Wenn der Leser im Binnenlande sich die Größe eines Schiffes klar zu machen sucht, so verfällt er unwillkürlich auf den Vergleich mit einem Hause, und er legt sich in Gedanken zurecht, wie sich das Schiff dagegen ausnehmen müßte. Er denkt sich, etwa so groß wie ein tüchtiges Haus muß ein Schiff wohl sein, wenn es wirklich das Monstrum ist, als welches es uns geschildert wird. Nun läßt sich zwar ein Fahrzeug, dessen Linien nicht so gerade und regelmäßig verlaufen, wie bei einem Gebäude, nur schwer mit einem solchen vergleichen. Einen Anhalt gewinnt man für den Vergleich mit Körpern, die wir am Lande zu sehen gewohnt sind, aus der Angabe über die Wasserverdrängung, die beim Bau eines Kriegsschiffes berechnet wird und in den amtlichen Liften verzeichnet steht. Bei einem der größten Schisse von denen, die an der Kieler Flottenparade theilnehmen, dem englischen Thurmschiffe .,Royal Sovereign“, betrügt die Wasserverdrängung 15,150 Tonnen pro 1000 kg. Die Masse des von diesem englischen Schlachtschiffe verdrängten Wassers würde also einen Raum von ebenso viel Kubikmeter einnehmen und demnach etwa einem Haus gleichkommen, das bei einer Straßenfront von 30 Metern und bei 10 Meter Tiefe 47 Meter hoch sein würde, so daß sich also bequem 8—9 Stockwerke in demselben einrichten ließen. Nun gibt aber die Wasserverdrängung immerhin nur den Körperinhalt des Schisfsrumpfes, während der über Wasser liegende je nach der Form und der Bestimmung des Fahrzeuges, ein halb oder auch noch- mal so groß ist, wie der Theil unterhalb der Wasserlinie. Um so viel wäre also die Raumgröße unseres neunstöckigen Hauses noch zu erhöhen, d. h. es müßten etwa noch 5—9 Etagen aufgesetzt werden, wenn wir es an Größe dem berühmten englischen Schlachtschiffe gleichmachen wollten.
Genauere Angaben besitzen wir in dieser Beziehung über die Handelsschiffe; bei diesen wird, nicht wie bei Kriegsfahrzeugen die Wasserverdrängung gemessen, sondern der Raumgehalt unter dem obersten Deck. Der größte deutsche Schnelldampfer z. B. die „Normannia" von der Hamburg-Amerika-Linie, mißt 8716 Register- Tonnen ä 100 Kubikfuß oder rund etwa 24,000 Kubikmeter. Um unser Haus dem inneren Raume dieses Schiffes gleich zu machen, müßten wir es auf 80 Meter bringen, d. h. etwa 13—14 Stockwerke. Hierbei bliebe aber immer noch die Schiffsschaale, Kiel und die verschiedenen Decke unberücksichtigt und um diese unterzubringen, müßte man wohl noch einen recht geräumigen Estrich darüber bauen, auf dem wir die taufende von Tonnen Eisen, die zu einem solchen schwimmenden Paläste gehören, aufstapeln könnten.
An größeren Kriegsschiffen (Torpedoboote, Tender rc. abgerechnet) werden etwa 53 ausländische und 26 deutsche Fahrzeuge anläßlich der Flottenparade in der Kieler Bucht verankert sein. Roh gerechnet wird sich ihr Deplacement insgesammt auf 400,000 Tonnen belaufen. Wollte man für diese Wasscrmcnge einen Kanal bauen, so müßte derselbe, vorausgesetzt, daß man ihm eine Breite von 10 Meter und eine Tiefe von 3 Meter gäbe, eine Länge von 13 Kilometern oder zwei deutschen Meilen erhalten. Es ist also nicht zu verwundern, wenn die Kieler Föhrde, trotzdem man sie mit Recht als einen der geräumigsten, nebenbei auch einen der
schönsten Kriegshäfen der Erde bezeichnen darf, kaum Piatz genug bieten kann, um die ganze Flotte, die sich dort versammelt, unterzubringen, zumal zu diesen Schiffen noch eine ganze Reihe kleinerer Fahrzeuge hinzukommt, wie Torpedobote, ferner die Hotelschiffe, Vergnügungsdampfer u. s. w. die in unserer Berechnung nicht mit einbegriffen sind. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin. Eine ungewöhnliche Ehrung hat S. M. der Kaiser für zwei Regimenter der 2. Garde-Jnfanterie- Brigade ersonnen, über die er 29. d. Mts. zur Erinnerung an die letzte Parade vor seinem seligen Vater eine Besichtigung auf dem Tempelhofer Feld abhielt. Der Kaiser verlieh bei dieser Gelegenheit den Fahnen des 2. und 4. Garde-Jnfanterie-Regiments die Kette des Hohenzoller'schen Hausordens, die alsbald über den Fahnenbändern befestigt wurde.
— Die Verwaltung der Handelskammern soll vervollkommnet werden. Zu diesem Zweck hat der Minister für Handel und Gewerbe ein Rundschreiben an die Handelskammern gerichtet mit der Anfforderung, eine Reihe von Fragen über die bisherige Verwaltung und deren Zweckmäßigkeit zu beantworten.
— Ueber die Behandlung der Landwirthe in Bezug auf das Maß- und Gewichtswesen ist an die Verwaltungsbehörden Preußens folgende Anweisung ergangen: Landwirthe, die ein Nebengewerbe in nicht ganz unbedeutendem Umfange betreiben, sind insoweit den maß- und gewichtspolizeilichen Vorschriften in derselben Weise wie andere Gewerbetreibende zu unterwerfen. Dagegen haben die Polizeibehörden von der Herbeiführung eines strafrechtlichen Verfahrens wegen Ucbertretung dieser Vorschriften bei Landwirthen, die sich auf Verwerthung der Erzeugnisse ihres landschaftlichen Betriebes beschränken, in Zukunft ganz abzusehen und die Beobachtung der fraglichen Vorschriften geeigneten Falls durch polizeiliche Verfügung herbci- zuführen. Zu solchem polizeilichen Eingreifen ist aber nur dannzu schreiten, wenn das öffentliche Interesse es erfordert; eine Voraussetzung, die in der Regel als gegeben nur anzunehmen ist, wenn ein ständiger Absatz landwirthschaftlichcr Erzeugnisse an das Publikum oder ein sehr bedeudender Absatz an Händler stattfindet. Von dieser Voraussetzung ist namentlich auch die Forderung an Landwirthe abhängig zu machen, bei den im §. 68 Ziffer 1 der Aichordnung bezeichneten fest- fundamentirten Waagen die Wiederholung der Aichung in den vorgesehenen Fristen herbeizuführen.
Kiel, 28. Mai. Auf einem neuerbauten türkischen Torpedoboote, welches auf eine Probefahrt in der Eckern- fördener Bucht begriffen war, erfolgte gestern eine Kes- selexplosion, durch welche 30 Mann verwundet wurden. Sie sind sämmtlich Angestellte der Germaniawerft, auf der das Boot erbaut worden ist und wohnten zum Theil in Kiel, zum Theil in Gaarden. Neun Personen sind getödtet und zwölf schwer verwundet. Acht Leichtverwundete und zehn Schwerverwundete blieben in Eckern- förte, wo sie nach dem Krankenhause geschafft wuedin. Die Todten und die übrigen Verwundeten wurden von dem sofort ausgesandten Dampfer „Hollmann" hierher gebracht. Die Katastrophe fand bei forcirter Fahrt bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 23 Knoten statt. Es befanden sich 49 Personen an Bord. Das Schiff ist 75 Meter lang, 9 Meter breit und 5 Meter tief; es gleicht dem Aviso „Meteor" und ist das zwölfte Marinefahrzeug, das von der Germaniawerft für türkische Rechnung gebaut wurde. Blutige Körperteile fand man überall an Bord umherliegend. Im Laufe des heutigen Vormittags fand die gerichtliche Besichtigung des Schiffes statt. Getödtet wurden bis auf einen Heizer nur Mannschaften vom Deckpersonal. Der Montagelehrling Poehls flog bei der Explosion über Bord und wird vermißt. Das Unglück soll durch Wassermangel in einem Kessel verursacht sein.
München, 26. Mai. Vor ungefähr vier Monaten verschluckte der dreizehnjährige Sohn eines in der Maistraße wohnenden Schneidermeisters eine Nähnadel, deren Spitze abgebrochen war. Das gefährliche Objekt drang nach ärztlichem Befunde in den Blinddarm ein und war trotz aller angewandten Mittel aus dem Körper nicht mehr zu entfernen. Vor etwa fünf Tagen nun spürte plötzlich der Knabe im rechten Arme, und zwar am Handgelenk, heftige Schmerzen. Das Gelenk schwoll
ME- Des hl. Psiiigstscstcs wegen erscheint das nächste Blatt Mittwoch Mittag.