Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 4X ~ Mittwoch, den 29. Mai 1895.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser widmet sich seit seiner Rückkehr aus Pröckelwitz wieder in hervorragendem Maße der Besichtigung der in Berlin und Umgebung übenden Truppen.

Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe inspizirt am 4. und 5. Juni den Nord-Ostseekanal. Die Reise geht über Hamburg, Brnnsbüttel und Kiel.

Zur Feier der Eröffnung des Nord-Ostsee- Kanals sind, wie diePost" schreibt, die Chefs sämmt­licher europäischen Botschaften in Berlin, von den nicht-europäischen nur der amerikanische Botschafter Runyon eingeladen.

Graf v. d. Schulenburg-Beetzendorf hat im Herrenhause nachstehende Resolution beantragt:Im Interesse der Erhaltung des ländlichen Grundbesitzer- standes ist es geboten, der reißend anwachsenden Booen- verschuldung Einhalt zu thun und auf eine allmähliche Schuldentlastung Bedacht zu nehmen. Die römisch­rechtlichen Bestimmungen über Verschuldung, Theilbar- keit und Vererbung des Grundes und Bodens sind durch einschränkende deutsch-rechtliche Vorschriften zu er­setzen. Als solche kommen in Betracht: die Einführung des Anerbenrechtes in den Gegenden, wo es der Volks­sitte entspricht; die Errichtung von Heimstätten auf Grund des dem Deutschen Reichstage vorgelegten Gesetz- Entwurfes; die Ersetzung der kündbaren privaten Hypothek durch die seitens des Gläubigers unkündbare, binnen einer bestimmten Zeit zu amortisirende Jnstituts- Hypothek.

Die obligatorische Nachaichung wird ohne Zwelsel in Preußen eingeführt werden, vielleicht wird die Sache sogar für das ganze Reich geregelt. Auf eine Anfrage des Handelsministers bei den Handelskammern und kaufmännischen Vereinen hat die große Mehrzahl sich für die obligatorische Nachaichung ausgesprochen, und darauf hat der Handelsminister die weiteren Verhand­lungen eingeleitet. Die periodische Nachaichung besteht darin, daß die Meß- und Wäge-Mittel in bestimmten Fristen bei den Aichungsstellen znr Prüfung vorzulegen sind und auf Grund der Prüfung eine deren Zeitpunkt kennzeichnende. Stempelung erhalten. Bei solcher Regelung könnten die regelmäßigen technischen Prüfungen weg'allen; es genügte eine gelegentliche polizeiliche Fest­stellung, ob die Nachprüfung nach Ausweis der Stempel rechtzeitig stattgefunden hat.

* Die gepriesene Spiritusglühlampe steckt, so meint dieDeutsche Tageszeitung", noch vollständig in den Kinderschuhen; ob die weiteren Experimente zur Vervollkommung derselben einmal zu dem Ergebnis führen werden, daß die Herstellung einer wirklich brauch­baren für die praktische Anwendung geeigneten Lampe ermöglicht wird, steht dahin. Bis jetzt sei das beste an derbahnbrechenden Erfindung" die Reklame, die dafür gemacht wird. Der Strumpf müsse sehr oft erneuert werden, weil er bei der geringsten Berührung oder Erschütterung zerfällt. Die Erneuerung des Glüh- körpers kostet aber jedesmal 2 Mk. 50 P,g. Dafür bekommt man ca. 810 Liter Petroleum. Was aber die Brauchbarkeit der Triumph-Spirituslampe sehr be­einträchtigt, ist nach den Versicherungen von Käufern derselben der Umstand, daß es ca. 10 Minuten dauert, ehe die Spiritusdümpfe erzeugt und der Glüh- strumpf in Weißglühhitze versetzt wird. Eine Petroleum­lampe vermag man dagegen jeden Augenblick auszu- löschen und wieder anzuzünden. Ein weiterer und vielleicht der schlimmste Uedelstand, der sich bei der Benutzung der Spiritusglühlampe herausstelK, ist der geradezu unerträgliche, Kopfschmerzen erzeugende, jeden­falls also gesundheitsschädliche Dunst, welcher der Lampe entströmt. Auch von verschiedenen anderen Zeiten wird darauf hingewiesen, daß die Lache jedenfalls noch nicht in einem Stadium sich befinde, das die dasür gemachte Reklame als gerechtfertigt erscheinen lasse.

22. Mai. DieStatische Correspondenz" meldet den Durchschnitt des Saatenstandes Preußens von Mitte Mai: Waizen 2,6; Winterroggen 3,4; Sommerroggen 2,8; Sommergerste 2,5; Hafer 2,6; Erbsen 2,7; Kar­toffeln 2,7; Klee 2,2; Wiesen 2,3 wobei 1 sehr gilt, 2 gut, 3 Mittel, 4 gering, 5 sehr gering bedeutet. Wegen Auswinterung ist die umgepstügte Anbaufläche des Winterroggens 369,675 ha 8,3 % gegen 0,1% vom Vorjahre.

24, Mas. Der Kriminalpolizei ist es gelungen,

eine aus zwanzig Personen bestehende Einbrecher- und Hehlerbande, der u. A. die Einbrüche bei der Gräfin Wengerska und dem Probst Aßmann zur Last fallen, festzunehmen., Unter den nach und nach zur Hast gebrachten Spitzbuben befinden sich Veteranen der Einbrecherzunft, die schon ein halbes Menschenalter im ZuchthaUse zugebracht haben; andererseits sind aber auch Personen darunter, die bisher noch nicht bestraft sind, und zwei, die unmittelbar vom Bauplatz, wo sie am Tage arbeiteten, während sie in der Nacht Einbrüche verübten, abgeholt worden sind. Ein anderer hat drei Feldzüge mitgemacht, ist Wachtmeister gewesen und trägt Orden und Ehrenzeichen auf der Brust. Die Bande hat seit mehreren Monaten die vornehmen Viertel von Berlin, Charlottenburg und Schöneberg in Schrecken versetzt, indem sie Nachts Einbrüche in besseren Häusern ausführte und dort baares Geld, Werthpapiere und Gold- und Silbersachen raubte. Der Werth, der bis jetzt in etwa dreißig Fällen festgesetzten Beute mag sich auf hundert Tausend Mark belaufen. Den größten Theil des Silbergeräthes und Goldes haben die zur Bande gehörigen Hehler eingeschmolzen, darunter auch das Kreuz des Bischofs Aßmann, das nebst Kette und Ring in der Wohnung eines der Hauptthäter, Radetzky, zertrümmert wurde. Die in den Stücken befindlichen Reliquien wurden einfach sort- g ew orfen.

Lübeck, 24. Mai. Ein Prozeß um ein faules Ei wird am 13. Juni hier zur Verhandlung gelangen. Ein Schuhmacher deckte regelmäßig bei einem Kauf­mann seinen Bedarf an Eiern, unter der ausdrücklichen Bedingung, nur frische Waare zu erhalten. Als er nun trotzdem eines Tages ein verdorbenes Ei erhielt, verlangte er vom Verkäufer Ersatz oder Rückgabe der bezahlten 5 Pfg. Letzterer weigerte sich hartnäckig, so daß sich der Käufer veranlaßt fühlte, auf dem Klage­wege sein vermeintliches Recht zu erhalten.

Dessau, 24. Mai. Den größten Gaskochheerd, der je gesehen worden, hat die Centralwerkstatt der deutschen Kontinental-Gasgesellschaft hierselbst vollendet. Der­selbe hat eine Länge von 4% und eine Breite von l/a Metern, beansprucht mithin einen Flächenraum von 7 Quadratmetern und können auf demselben Speisen gleichzeitig für 10002000 Personen bereitet werden. Dieses kochende und bratende, dampfende Ungcthüm ist für den neuen Staatsbahnhof in Dresden bestimmt. In dem Gaskochherde, der vollständig aus Eisen bezw. Messing gebaut ist, und dessen Eisenblechwände emallirt sind, so daß von einer Einwirkung der sich bei der Verbrennung von Leuchtgas entwickelnden schwefligen Säure nicht die Rede sein kann, befinden sich sechs Bratröhren, zwei große Backöfen, vier Wärmschränke, acht Kochherdplatten, ein großes kupfernes Wasser­reservoir u. s. w. Die Bedienung des Küchenkolosses ist eine ebenso leichte und bequeme, wie saubere. Bei dem Probekochen wurde fünf Centner Fleisch gebraten. Die Probe gelang glänzend.

Eisenach, 24. Mai. Wie von unterrichteter Seite mitgetheilt wird, dürfte das jetzt volle 21 Jahre alte Bahnprojekt Gerstungen-Ettenhausen nach der Ver­staatlichung der Werrabahn wohl zur Ausführung ge- bracht werden, und zwar in Verbindung mit dem Projekt Eisenach - Eschwege. Jedenfalls baut dann Preußen von Eschwege nach Herleshausen oder Wommen nnd leitet den ganzen nordwestdeutsch bayerischen Ver­kehr über Wommen-Ettenhausen, wodurch die Benutzung der schwierigen Bergstrccke Eisenach-Marksuhl vermieden wird. Die genannte Linie bildet auch für den Verkehr von Köln-Cassel-Bebra nach Meiningen-Bayern eine sehr wesentliche Abkürzung. _

Ausland.

Manilla, 22. Mai. Das japanische SchiffGra- vina" ist infolge eines heftigen Cyclons an der Küste von Zambales mit 167 Personen, darunter 4 Offiziere und 2 Missionare, gesunken. Nur 3 Personen wurden gerettet. Der Dampfer versah den Dienst zwischen den verschiedenen Inseln der Philippinen und gehörte einem englisch-spanischen Hause.

Lokales und Provinzielles.

* Schlächtern, 28. Mai.

* ,Am Samstag kam eine ca. 60 Personen starke Zigeunerbande mit 10 Wagen von Fulda hier an. Dieselbe wurde jedoch schleunigst nach Niederzell von

der Polizei abgeschoben, wo die braune Gesellschaft bei Sonntag über an der Chaussee campirte.

* Sämmtliche Postsendungen, die in Angelegen heilen von Familien der zu Friedensübungen ein berufenen Mannschaften von oder un Reichs-, Staats und Gemeindebehörden ergehen, sind als portofrei, Sendungen anzusehen.

* Vom nächsten Jahr ab müssen bekanntlich du zum Militär ausgehobenen Volksschullehrer ein Iaht dienen. Damit diese Neuerung keinen Lehrermangel zur Folge habe, beabsichtigt die preußische Unterrichts- verwaltung an verschiedenen Lehrerseminarien zwei parallele dritte Klassen zu bilden.

Auf Grund einer Polizeiverordnung der kgl. Regierung zu Kassel darf fortan das ausgeschmolzene Fett trichinöser Schweine auch als Nahrungsmittel ver­wendet, als solches aber nur dann verkauft werden, wenn es ausdrücklich als von trichinösen Schweinen herrührend bezeichnet wird. Dasselbe gilt von dem von finnigen Schweinen herrührenden Fette. Trichinös be­fundenes Fleisch dagegen bleibt auch dann vom Nahrungs- gebrauchc ausgeschlossen, wenn es ausgeschmolzen ist.

Für Radfahrer wichtig ist eine soeben erlassene neue Bestimmung zum deutschen Eisenbahn-Personen- und Gepäcktarif, demzufolge für Fahrräder, welche zur Beförderung als Reisegepäck aufgeliefert werden, zum Zwecke einfacherer Frachtberechnung als Normalgewicht angenommen werden soll: für Zweiräder, und zwar einsitzige 20 kg, zweisitzige 30 kg, für Dreiräder einsitzige 40 kg, zweisitzige 50 kg. Wird indessen eine Verwiegung ausdrücklich verlangt, und kann dieselbe mittelst der Stationswage erfolgen, so wird das hierbei ermittelte Gewicht der Frachtberechnung zu Grunde gelegt.

Ueber eine verhältnißmäßig starke Cirkulation beschädigter Reichsmünzen wird, namentlich in den Kreisen der Besitzer von Kleingeschäften, gegenwärtig wieder lebhafte Klage geführt. Besonders sind es 50-Pfennigstücke und Nickelmünzen, welche dem Anschein nach meist aus Muchwillen verbogen, zerschlagen oder auf andere Weise beschädigt sind. Da solche beschädigten Reichsmünzen keinen kastenmäßigen Geldwerth besitzen und deshalb auch von den Banken niemals in Zahlung genommen werden, so kann nur Jedem gerathen werden, bei Annahme von Zahlungen rc. derartige Münzen zurückzuweisen.

* Am Samstag Nachmittag entluden sich in der Nhön und im südlichen Theile des Kreises Fulda schwere Gewitter, die von wolkenbruchartigem Regen und theilweise starkem Hagelschlag begleitet waren und an Fluren und Feldern vielfach Schaden verursachten. Der Blitz schlug in Flieden in eine von drei zusammen- stehenden Pappeln, welche zwischen dem Stall des Heinrich Füller und der Scheuer des Friedrich Mahr hoch in die Luft ragen. Von dem einen zum andern dieser Gebäude ist ein Draht zu israelitischen Kultus­zwecken gezogen. Auf diesen Draht sprang der Blitz von der Pappel über und traf somit auch beide Gebäude. Während er von der Scheuer einen Eckpfosten heransriß, tödtete er im Stalle zwei Kühe, welche mit 300 Mark versichert sind. Der dritte Theil des Blitzes fuhr an der Pappel hinunter in die Erde. In Reulbach tödtete der Blitz eine Kalbin, welche von einem Knecht über den Hof geführt wurde. Dem Knecht wurde kein Haar gekrümmt. Im selben Ort fuhr der Blitz mitten durch einen Kuchen, den eine Frau aus dem Backhause trug. Der Frau ist ebenfalls nichts dabei geschehen.

* Am 24. d. Mts. verstarb in Folge eines Schlaganfalls während der Gesangstunde der Lehrer Joh. Rosenstock in Elm im Kreise seiner Familie und seiner Sänger. Der Verblichene wollte am 1. nächsten Monats in den Ruhestand treten. Er ruhe in Frieden.

Dictges, 26. Mai. Hier schlug am Samstag während eines Gewitters der Blitz in das Anwesen eines jungen Oekonomen, der im Begriffe stand, einen eigenen Hausstand zu gründen. Der Blitz tödtete vier Stück Vleh, die der Besitzer sich erst kürzlich gekauft hatte; ein fünftes Stück wurde betäubt.

Vom Lande, 24. Mai. DieMagdeburgische Zeitung" enthält folgende Anzeige:Rittergntsverkänfe. Osferire bei nun eingetretenem Frühling 148 Ritter­güter, in Größe von 500 bis 12,000 Morgen, mit und ohne Wald sehr preiswerth. Als besondere Gelegenheitskäufe im Bezirk Magdeburg belegen empfehle