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SchWernerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 42~ Samstag den 25. Mai 1895.

Sozialdemokratische Landagitation.

In Schafskleidern werden sie zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe." Dieses Wort gilt auch von der socialdemokratischen Landagitation. Die Zweideutigkeit, mit welcher die Sozialdemokraten bei ihrerBauernfängerei" vorgehen, tritt in einem Artikel desVorwärts" recht deutlich zu Tage.

Eine Genosse, derdurch seine Thätigkeit viele Er­fahrungen in der Landagitation gesammelt hat," gibt darin gute Lehren, wie manBauernfang" treibt, und plaudert mit einer an Hohn grenzenden Naivität das neue geheimnißolle Aktionsprogramm aus:Der Agitator mußan die praktischen Fragen des Lebens anknüpfen, wenn er Erfolge erzielen will." Dann heißt es weiter:Mit schwülstigen Theorien ist dem Bauer nicht beizukommen, dafür hat er kein Verständniß. Er ist von Natur aus praktisch und nüchtern veranlagt, und dem entsprechend soll, wenn er sich von der einen Partei ab* und der anderen zuwenden soll, etwas für ihn Vortheilhaftes herauskommen." Die Partei, die ihm verspricht, für billigen Zins und höhere Getreidepreise einzutreten, ist für den Bauer die allein richtige. Hier gilt es einzusetzen."

Mit Hilfe einer bodenlosen Heuchelei will demnach die Sozialdemokratie auf dem Lande Anhänger werben. Wenn sie Landbewohnern gegenüberstehen, geberden sich die Sozialdemokraten als ihre Freunde und beklagen Vieh- und Getreidepreise, unter deren niedrigem Stande die Landwirthschaft heutzutage so schwer zu leiden hat. Im Reichstage aber sümpfen sie an der Seite der Freisinnigen und suchen alle Maßregeln zu hintertreiben, die zur Hebung der Nothlage der Land- wirthscha't vorgeschlagen werden. Dieses Doppelspiel kann man schon nicht mehr politisch nennen, das ist der Betrug in seiner grassesten Form.

Die Landbewohner mögen sich daher daraus gefaßt machen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren ihnen goldene Berge versprechen. Aber die Sozialdemokraten wissen sehr gut, daß sich die Bauern von ihnen kein L für ein U vormachen lassen; so heißt es denn auch imVorwärts":Werden die Genossen als Sozial­demokraten erkannt, so sind sie förmlich geächtet, wes­wegen sie auch nur im Stillen und auch nur sehr vor­sichtig wirken können." Damit dies geräuschlose Vor­gehen besseren Erfolg habe, stellt derVorwärts" ein bestimmtes System" auf, wonachvon den Städten oder den größeren Orten aus, wo sich schon ein fester Stamm von überzeugten Genossen findet, das Land in bestimmten Zwischenräumen besucht werden" soll.Am besten sind für jede Ortschaft zwei Mann, bei deren Auswahl man natürlich vorsichtig sein muß. Unzu­verlässige Elemente sind streng zurückzuweisen. Diese zwei Mann haben die Orte immer wieder zu besuchen, um Fühlung mit den Bauern zu gewinnen."

DerGenosse, der durch seine Thätigkeit viele Er­fahrungen in der Landagitation gesammelt hat," ver­spricht sich von seinem System, wenn man den Bauern richtig anfaßt" und dieGeduld nicht verliert," recht viel Erfolg. Wir aber glauben, daß sich die sozial- demokratischen Sendlinge bei der Landagitation in ihrer eigenen Schlinge fangen werden. Wenn die nöthige Wachsamkeit nicht außer Acht gelassen wird, werden auch die von den Sozialdemokraten so unterschätzten Bauern den Wolf im Schafspelze bald erkannt haben, und wenn sich dann die beidenFreunde" mal wieder auf dem Lande sehen lassen,um Fühlung mit den Bauern zu gewinnen," dann könnte dieseFühlung" für sie leicht eine recht empfindliche werden.

Deutsches Reich.

Berlin. Die Kaiserin nebst Kindern und Gefolge wird längeren Sommeraufenthalt in Wuk auf der Insel Führ nehmen. Das Ober-Hofmarschallamt miethete vier Villen für die kaiserliche Familie.

Elbiug, den 15. Mai. Einen großen Fund machten demGesell." zufolge Arbeiter beim Abbruch eines einem Kutscher gehörigen Hauses in der Heiligen Leichnam- straße. Sie fanden unter den Dielen einen Kessel voll Geld, welches den Jahreszahlen nach zu urtheilen, wahr­scheinlich zur Zeit des unglücklichen Krieges Preußens versteckt worden ist. Die Arbeiter steckten sich das Geld heimlich in alle Taschen und veräußerten es bei ver­schiedenen Gastwirthen. Mittlerweile erhielt die Polizei hiervon Kenntniß; es ist bis jetzt festgestellt, daß an 3000 Geldstücke gefunden worden sind.

Nordhausen. Auf dem beim Nachbardorf Jechaburg belegenen sagenreich n, eine großartige vorhistorische Watlburg und die Reste einer uralten Marienkapelle tragendenFrauenberg" ist dieser Tage ein unterirdischer Gang entdeckt worden, von dem es noch nicht klar ist, ob er von Menschen hergestellt werden, oder ob er der Eingang zu einer im Innern des angeblichhohlen Berges" befindlichen Höhle ist. Die Sage erzählt, daß in diesem hohlen Berg auf einem großen unterirdischen See ein schneeweißer Schwan schwimmt, der einen goldenen Ring im Schnabel trägt. Läßt der Schwan diesen Ring fallen, so erfolgt der Untergang der Welt.

Paderborn, 21. Mai. Wie dasWestfälische Volks­blatt" erfährt, ist in Düsseldorf eine Urkunde eingetroffen, durch welche die deutsche Ordensprovinz der Dominikaner neu errichtet wird. Zum Provinzial ist Pater Trapp in Düsseldorf erwählt worden. Der Ordensprovinz ge­hören die Klöster in Düsseldorf, Venlo und Berlin an. Weitere Niederlassungen stehen in Aussicht.

Essen, 21. Mai. Die Einwohnerzahl unserer Stadt ist in jüngster Zeit so erheblich gestiegen, daß man auf dem Meldeamte in der nächsten Zeit die Eintragung des hunderttausendsten Bürgers erwartet. Essen würde damit in die Reihe der deutschen Großstädte einrücken, bereit wir dann im Regierungsbezirk Düsseldorf fünf haben (Düsseldorf, Elberfeld, Barmen, Krefeld und Essen).

Mainz, 15. Mai. Eine hier abgehaltene Ver­sammlung des Landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Rheinhessen nahm den genossenschaftlichen Verkauf des Getreides in Aussicht, nm dem Zwischen­handel soviel wie möglich zu entgehen. Im Herbst soll zum ersten Mal das Drusch-Ergebniß in den Getreide­speicher der Stadt Mainz eingelagert werden. In der ganzen Provinz sollen Getkeide-Genossenschaften gebildet, besonders aber darauf hingewirkt werden, daß die Landwirthe im Interesse eines leichteren und besseren Absatzes einheitliches, möglichst gleichmäßiges Getreide bauen.

Mannheim, 18. Mai. Ganz Süddeutschland meldet starke Schneefälle, welche großen Schaden verursachen. Die Schwarzwaldberge sind vollständig in Schnee ein­gehüllt.

Hirschberg i. Schl., 18. Mai. Das Riesengebirge ist mit frischen Schnee bedeckt.

Vom Rennsteig, 19. Mai. Seit gestern ist der Winter wieder völlig zu uns zurückgekehrt. Auf dem Gebirge lagert eine stellenweise mehr als fußhohe Schnee­decke und breitet sich wie ein Leichentuch über die seither im schönsten Frühlingsschmuck prangenden Wiesen und Wälder aus, so daß man fast glaubt, nicht Pfingsten sondern Weihnachten sei vor der Thür. Gestern sah man bereits mehrfach Schlitten im Gebrauch. An den Dächern hängen in langer Reihe die Eiszapfen. Die bedauernswerten Frühlingssänger sind verstummt, und es werden wohl manche den Tod davon tragen. Eines solchen Winters im Wonnemonat weiß man sich fast nicht zu erinnern. Hoffentlich ist sein Regiment nur von kurzer Dauer.

Busland.

Schweden-Norwegen. Das Zerwürfniß zwischen Schweden und Norwegen spitzt sich immer mehr zu. Vergebens versuchte man in Schweden, gegen den Radikalismus und die Sonderpolitik Norwegens an- zukämpfen. Vor wenigen Wochen hat nun Schweden das Zollgesetz, das beide Reiche verband, gekündigt, und jetzt kommt die Meldung aus Stockholm, daß am Freitag die beiden schwedischen Kammern beschlossen, die besonderen Dispositionsfonds der Regierung für militärische und andere außerordentliche Zwecke um mehrere Millionen zu erhöhen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlächtern, 24. Mai.

* Die Getreidepreise steigen in Südrußland, woher viel Korn nach Deutschland kommt, langsam in die Höhe, weil man in diesem Jahre auf keine so reich­liche Ernte glaubt rechnen zu dürfen wie im vergangenen Jahre. Einem Landwirth soll, wir dieGermania" berichtet, mit Rücksicht auf diesen Umstand auf seinen im Herbste 1895 erst noch zu erntenden Roggen 9 Mark pro Centner schon geboten worden sein. Die Bauern mögen also mit dem Verkauf von Korn und Stroh es nicht zu eilig haben,

* Heute wurde uns eine reife Erdbeere, gefunden im Wald bei Steinau, überbracht. Vorige Woche noch Schnee und jetzt reife Erdbeeren, das ist doch erwähnenswerth.

* Zum Schutze gegen Waldbrände veröffentlicht dieFranks. Ztg." folgende beherzigenswerthe Mahnung: Gewiß ist es für den Stadtbewohner ein unabweisbares Bedürfniß, nach des Werktags Last und Mühen in frischer Wald- und Bergluft Erholung zu suchen, aber wo Licht ist, da ist auch Schatten. Leider bergen die Maffenwauderungen in den Wald eine nicht unbeträcht­liche Gefahr. Alljährlich kommen im Frühjahr und Sommer aus allen Gauen die Hiobsposten von Wald­bränden, dieser schrecklichen Geißel der Wälder, die in wenigen Stunden vernichtet, was Tausende fleißiger Hände in Jahrzehnten gehegt und gepflegt haben. Die Forstverwaltungen unseres benachbarten Taunusgebirges haben mit Liberalität der Markirung der schönsten Touristenwege durch den Taunusklub zugestimmt. Da zieht nun der Städter hinaus, erfrischt sich an der reinen Waldluft und raucht dabei seine Giftnudel! Nicht mit Unrecht darf man wohl die Frage auf- werfen: Ist das Rauchen in diesem Falle verständig oder gehört es zur Erholung? Wer will es einem Forstmann verdenken, daß ihn ein heiliger Grimm erfaßt, wenn er rauchende Touristen sieht und der Gefahren gedenkt, die durch die geringste, vielleicht nur durch ein anregendes Gespräch hervorgerufene Unachtsamkeit bei dem Gebrauche von Streichhölzern, dem Wegwerfen von Cigarren- und Cigarettenstumpfen und durch der­gleichen mehr dem Walde drohen! Gesetzlich ist das Rauchen von Cigarren und offenen Pfeifen im Walde und hierzu gehören auch alle nicht chaussirten Waldwege und Schneisen unbedingt verboten, und nur der Langmuth unserer Forstleute verdankt man eine nicht allzu strenge Handhabung dieser Vorschrift. Ein­sichtige Touristen, denen der Wald lieb und werth ist, sollten durch Beispiel und gelegentliche, den Umständen angepaßte Belehrung dahin wirken, daß Schäden und Scherereien uns erspart bleiben.

* Von den Freunden des Thier- und Vogel­schutzes wird ein zahlreiches Anpflanzen von Sonnen­blumen empfohlen, die an allen möglichen Stellen gedeihen. Der Samen ist für unsere durch Schnee und Eis in Futternoth gerathenen Vögel ein vor­treffliches Nahrungsmittel. Die Sonnenblumen müssen zu diesem Zweck, sobald sie im Herbst verblüht sind und ihre Stengel zu vertrocknen beginnen, mit den Stielen abgcschnitten und in trockenen Räumen auf* gehängt werden. Wenn später dann der Schnee die Felder bedeckt und die bei uns ausharrenden Vögel Noth zu leiden beginnen, so hole man die Sonnenblumen hervor und hänge sie an den Bäumen auf oder stecke sie am besten in ein eigens dazu hergerichtete Schnee­haufen, weil die Vögel dann besser an den Samen herankönnen. Die geringe Mühe wird schon durch den hübschen Anblick belohnt, den die Vögel gewähren, wenn sie unter allerlei turnerischen Kunststücken und Kapriolen den Samen aus den Scheiben zu picken suchen.

* Aus der Strafkammer vom 20. Mai. Zur wiederholten Verhandlung gelangte die Strafsache gegen den Rentner Adolf Meixner von Frankfurt a. M. wegen Jagdvergehens. Meixner hatte sich am 8. No­vember d. Js. an der von dem Lederhändler Katzenstein in Frankfurt auf seinem in Bernbacher Gemarkung ge- legenenen Jagdgebiet veranstalteten großen Treibjagd, an welcher 36 Jäger theilnahmen, als Gast beteiligt. Dabei soll er einen Rehkitzbock, der bereits über die Grenze auf Altenmittlauer Jagdgebiet gelaufen war, erlegt haben. Das Rehkitzchen wurde damals konfiszirt und Meixner ein Strafbefehl von 30 Mk. zugestellt. Damit wäre die ganze Geschichte erledigt gewesen, aber Meixner appellirte gegen den Strafbefehl und kam die Sache zunächst zur Verhandlung vor das Schöffen­gericht in Meerholz. Dasselbe sprach jedoch, nachdem dort zwei Termine stattgefnnden hatten, seine Un­zuständigkeit aus und verwies die Angelegenheit zur Entscheidung an die Strafkammer in Hanau. Hier fand die erste Verhandlung am 28. Februar statt. Von 2 Zeugen wurde bekundet, daß sie gesehen, wie am Waldesrand nach dem Schuß der Pulverdampf aufgestiegen und das Reh nach einigen Sätzen im Felde gestürzt sei. Der Angeklagte, der als Schütze dort im Walde aufgestellt war, gab an, daß er hinter einem