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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

H Mittwoch den 1. Mai " 1895.

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Deutsches Reich.

Berlin. Nachdem der Kaiser am Freitag aus dem Jagdrevier bei Kaltenbronn nach Kalsruhe zurückgekehrt war, snhr er am nächsten Tage nach Darmstadt, woselbst auch die Königin von England zur Zeit Gast ist, und verlebte den Sonntag in Darmstadt. Am Montag früh setzte der Kaiser die Fahrt nach Schlitz fort.

* Der Reichskanzler hat den preußischen Ministerien folgende Mittheilung zugehen lassen: Bei der Ausführung des Gesetzes vom 10. Mai 1892 sind hinsichflich der Bemessung der Familien-Unterstützungen der zu Friedensübungen einberufenen, aber als so­genannte Prozentleute nicht zur Einstellung gelangten Mannschaften Zweifel darüber hervorgetreten, ob die Unterstützungen für einen Halbmonat oder nur für die Zeit der thatsächlichen Abwesenheit vom Wohnsitz zu gewähren sind. Nach Auffassung des Reichskanzlers und des Kriegsministers ist nun die Vorschrift im §. 4 der Ausführungs-Äestimmungen vom 2. Juni 1892 tatst» auszulegen, daß bei Nichteinstellung oder vor­zeitiger Entlassung des Einberufenen der Unterstütznugs- Anspruch sich nur auf diejenigen Tage einschließlich der regelmäßigen Marschtage erstreckt, in denen der Einberufene seiner bürgerlichen Beschäftigung thatsächlich entzogen ist. Die einzige Ausnahme von diesem Grund­sätze bildet die aus Billigkeitsgründe» getroffene An­ordnung, daß vorausbezahlte Beträge nicht erstattet werden. Wie die sogenannte Prozentleute sind auch diejenigen Mannschaften zu behandeln, die in Bcrück- sichtigung einer Reklamation nicht zur Einstellung gelangt sind.

Die preußische Staats-Eisenbahn-Verwaltung hatAnordnung getroffen, daß auf allen mit Telegraphen- Apparaten versehenen Stationen einmal an jedem Tage zu bestimmter Stunde ein auf Bruchtheile von Sekunden richtiges Zeitsignal hervorgebracht wird. Hierdurch wird die genaue Einstellung der Dienstuhren auf den einzelnen Stationen ermöglicht und der für den pünkt­lichen Zugverkehr unerläßliche Gleichgang sämmtlicher Stationsuhren in vollkommener Weise gewährleistet. Im Telegraphcnzimmcr des Schlesischen Bahnhofes in Berlin ist eine Normaluhr aufgestellt, welche durch eine mit der Königlichen Sternwarte elektrisch verbundene Central- uhr auf elektrischem Wege regulirt wird und somit stets die astronomisch richtige Zeit angibt. An jedem Morgen um 8 Uhr setzt nun diese Normaluhr einen Zeitsignalgeber in Thätigkeit, welcher gleichzeitig nach allen mit Berlin direkt verbundenen Stationen ein hörbares telegraphisches Zeichen übermittelt. Auf den Uebergaugsstationen sind Einrichtungen vorhanden, welche das cinlrcsfcude Zcitsignal augenblicklich selbst­thätig nach den sämmtlichen telegraphischen Anschluß­linien übertragen, so daß die mit Morseapparaten ver­sehenen Stationen des Staatseisenbahnnetzes jeden Morgen 8 Uhr die auf Bruchtheile von Sekunden richtige mitteleuropäische Zeit erhalten. Dem allgemeinen Interesse ist diese in erster Reihe für den Eisenbahn- Betriebsdienst getroffene Einrichtung insofern dienstbar gemacht, als es der GesellschaftNormal Zeit" unter bestimmten Bedingungen gestattet ist, das den einzelnen Stationen übermittelte Zcitsignal zur Regulirung städtischer oder privater Uhren zu benutzen.

An eine Einführung des Umlegekragens bei der Armee ist, wie Berliner Blätter berichten, nicht zu denken, da das Urtheil der mit dem Probeversuch der neuen Uniform beauftragten Truppentheile sich über­wiegend gegen denselben ausgesprochen hat. Der Kragen sehe sehr unmilitärisch aus, schütze den Hals bei Kälte weniger als der Stehkragen und erfordere, viel mehr Werth auf die Binde zu legen als bisher.

Erfreuliche Botschaft kommt aus Helgoland eine wahre Erleichterung nach den ersten besorgniserregenden Nachrichten über den Schaden, den die Sturmflut auf der Düne eingerichtet hat. Auf Helgoland ist man eifrig beschäftigt, die Verwüstungen, welche die Sturm­fluten vom letzten Winter der Düne zugefügt haben, zu beseitigen. Glücklicherweise hat sich das Terrain der Düne aber nicht nur nicht verringert, sondern es ist durch Neubildungen sogar nicht unwesentlich vergrößert worden.

Oldenburg, 25. April. Der falsche Pastor Partisch wurde von der Anklage wegen Unterschlagung von 20,000 Mk. freigesprochen, weil nicht feststcht, ob der Angeklagte bewußt rechtswidrig gehandelt hat. Wegen

Unterschlagung von 2000 Mk. wurde Partisch zu drei Jahren Gefängneß und wegen unbefugter Führung des Doktortitels zu sechs Wochen Haft verurtheilt, die auf die Untersuchungshaft angerechnet werden. Der Staats­anwalt hatte in allen drei Fragen das Schuldig und eine Gesammtstrafe von 7/s Jahren Gefängniß und 6 Wochen Halt beantragt. Der Angeklagte hat 10 Jahre lang in Oldenburg unter dem TitelPastor Dr. Partisch" gelebt. Er hat sich in seinem Lcbcnslauf verschiedene höhere Stellungen durch Benutzung ge­fälschter Papiere zu verschaffen gewußt. Am 19. November 1882 wurde er auf diese Weise als Pfarrer an der Lambertikirche zu Oldenburg angestellt. Er wurde später Vorstand für das Diakonissen- und Jdioten-Wescn in Oldenburg und in dieser Stellung beging er die Unterschlagungen. Nachdem er infolge der laut gewordenen Gerüchte seiner Aemter entkleidet, wurde er flüchtig und endlich in Venedig als Bettler verhaftet.

Braunschweig. Der Gerichtshof auf der Kegelbahn. Auf eine höchst originelle Weise hat das hiesige Herzog­liche Landgericht eine Entscheidung in einer lang­wierigen Privatklage herbeigeführt, die der Schuhmacher- meister Fricke gegen seinen Nachbar, den Restaurateur Feuge, wegen Störung der nächtlichen Ruhe durch Be­nutzung der dem Letzteren gehörenden Kegelbahn an­gestrengt hatte. Da der Beklagte beftritt, daß in Folge der angewendeten Schutzvorrichtungen irgend welches Geräusch in das dem Kläger gehörende Grundstück dringen könne, und auch Sachverständige sich in ähn­licher Weise geäußert hatten, so beschloß der Gerichtshof in der vorigen Verhandlung der Klagesache, sich an einem den Parteien vorher nicht mitzuthcilcudcn Tage auf das klägerische Grundstück zu begeben, um sich so durch den Augenschein ein Urtheil bilden zu können. Dies geschah denn auch in folgender Weise. Ein Land­gerichtsrath, zwei Beisitzer und ein Gerichtssekretär be- gaben sich eines Vormittags auf das Grundstück des Schuhmachermeisters Fricke, während vier Referendare den Auftrag erhielten, einen juristischen Frühschoppen ex officio auf der Feugeschen Kegelbahn zu sich nehmen. Die Viere sangen studentische Kneiplieder, schoben Kegel und entwickelten schließlich, als der Inhalt des Fasses auf dicNeige ging, eine derartige Fidelität, daß es dem Wirthe, der natürlich keine Ahnung von dem amtlichen Charakter dieser Kneiperei hatte, angst und bange wurde. Das Ergebniß dieser seltsamen Veranstaltung wurde in der heutigen Sitzung der Civilkammer bekannt gegeben. Der damalsgerichtsseitig verübte Skandal" war näm­lich dermaßen gewesen, daß der Gerichtshof die Ueber­zeugung gewonnen hatte, daß der Kläger sich mit seiner Klage im Rechte befinde. Der beklagte Restaurateur wurde darauf verurtheilt, bei einer Geldstrafe von 15 Mark für jeden Fall des Zuwiderhandelns jeden durch die Benutzung der Kegelbahn hervorgernfcncn überflüssigen Lärm von zehn Uhr Abends ab zu unter­lassen und dem Kläger einen Schadenersatz, dessen Höhe das Gericht sich zu bestimmen vorbehält, zn zahlen. Mit diesem Urtheil ist glcichzrilig eine oberlandes- gerichtliche Entscheidung, wonach die Nachtruhe um zehn und nicht um elf Uhr Abends beginne, bestätigt worden.

Aus Bayern. Die Raupe des Kiefernspanners hat im Reichswald bei Nürnberg furchtbar gehaust. Aus­gedehnte Waldstrecken sind völlig entnadelt und bieten, ganz kahlgeiressen und röthlich schimmernd, einen öden Anblick. Da das Wiedergrünen nicht mehr erwartet wird, hat die Regierung den Einschlag von 20000 Tagwerk, d. i. '/* des ganzen Waldes, angeordnet. Von einem Weltwunder berichtet ein Bamberger Blatt. Es schreibt:Auf der Altenburg hat sich ein Felsblock aus der Mauer losgelöst und hängt frei in der Luft."

Weiden, 27. April. Im Fuchsmühler Bauern- Prozeß wurden 23 Angeklagte freige'prochcn; die übrigen erhielten 14 Tage bis 4 Monate 15 Tage Gefängniß. Zwei der Angeklagten wurden zu 683 Mark 67 Pfennig Geldstrafe verurtheilt. Die höchste Strafe erhielt der Bürgermeister Joseph Stock. Die Krämer Pappenberger und Reger, die ebenfalls eine führende Rolle gespielt hatten, wurden je vier Monaten verurtheilt.

Ausland.

Wien, 27. April. Wie man derNeuen freien Presse" aus Lemberg berichtet, herrscht in mehreren Bezirken Galiziens eine Fleck Typhus Epidemie. Von

den seitens der Regierung in das betr. Gebiet entsandten Aerzten sind bereits 7 gestorben.

Frankreich. Etwa eine Meile von Spinat hat das Wasser des Hauptwasserreservoirs des großen Ostkanals den Damm durchbrochen und eine furchtbare Katastrophe herbeigeführt. Das Reservoir ist nach dem Moselthal zu abgeschlossen durch einen 500 Meter langen, durch­schnittlich 20 Meter hohen, an der Basis 20 Meter breiten und 9 Meter tief fundamentirten und gemauerten Damm. Derselbe wurde im Jahre 1884 aufgeführt, 1889 verstärkt und galt für absolut sicher. Letzten Sonnabend wurde die ganze Gegend von einem donner- artigen Getöse in große Aufregung versetzt, und un­mittelbar darauf ergoß sich die ungeheure Wassermasse des Kanalreservoirs über das Thal. Die riesige Mauer war auf ca. 100 Meter aufgebrochen. Ein Eisenbahn- arbeiicr, der sich in der Nähe befand, sah den oberen Theil des Deiches einstürzen und das Wasser in einer ungefähren Breite von 150 Metern ins Thal brausen. Es war eine einzige breite Woge von fünf Metern Höhe. Gerade in diesem Augenblick näherte sich der Stelle eine Kompagnie des 152. Regiments. Einige Minuten später, und sie wäre unter den Fluthen be­graben gewesen. In der ganzen Umgegend hörte man das Getöse des Wassers. Der Flecken Bouzey wurde total vernichtet, seine Bewohner, einige siebzig Personen, werden bis auf Wenige vermißt. Auch vier andere kleine Orte haben schwer gelitten. Der Wasserstrom ging weiter durch das Thal, Trümmer und Leichen mit sich forttragend und immer neue Trümmer, neue Leichen erobernd. Er durchbrach die Eisenbahndämme, ver­nichtete ganze Dörfer. In einer Viertelstunde war das Sccbccken geleert. Die Fluth erreichte 7 Uhr die Mosel bei Nomery. An der Moselbrücke bei Charmes stieg das Wasser plötzlich so rapide, daß mehrere Leute, die am Ufer arbeiteten, umkamen. Auf dem weite» Weg, den der Wasserstrom aus dem Seebecken bis zur Mosel genommen, liegt eine fußhohe Schlammschicht. Soldaten suchen unter Schlamm und Trümmern die Leichen. Gefunden sind bis jetzt 42 Leichen und zahl­lose Kadaver von Hausthieren. Viele Leichen sind aber zweifellos von dem Strome mit fortgerissen worden. Der Schaden wird auf fünfzig Millionen Franks ge­schätzt. Ueberall, wo die Wildwasser durchbrochen sind, ist alles vernichtet. Der Flecken Bouzey ist vom Erd­boden verschwunden.

Die Franzosen scheinen bisher auf Madagaskar mit Glück operiert zu haben. Nach neueren Nachrichten, die vom französischen Kriegsminister veröffentlicht wurden, nahmen die Franzosen das Fort Ambohimarina und die kleine Batterie Mahabo. In dem letzteren Kampf verloren die Howas 8 Mann und 2 Kanonen. Vier Kompagnien und 2 Sektionen Artillerie unter dem Befehl des General Metzinger nahmen am 3. April das verschanzte Lager von Miadane, das von 3000 Howas verteidigt wurde. Etwa 100 Howas wurden getötet und viele verwundet; drei französische TirailleurS wurden verwundet; die Howas wurden in die Flucht geschlagen.

Zu dem Verhältniß Rußlands zu Japan wird demB. T." von einem mit den ostasiatischen Ver­hältnissen wohl vertrauten Japaner geschrieben:Die über dasJahr 1894 soeben erschienene statistische Tabelle über die Einfuhr in Ostsibirien giebt den Schlüssel zu dem Verhalten Rußlands. Ist doch aus dieser Tabelle klar ersichtlich, daß bis auf einen verschwindend kleinen Bruchtheil, das was Ostsibirien an Nahrungsmitteln gebraucht, vom Auslande ihm zugeführt und in Wladiwostock gelandet wird. Hierfür nur einige Zahlen. An Salz wurde in Wladiwostock für 87,000 Rubel ausgeschifft, davon aus Japan für 60,263 Rubel und aus Odessa für 1120 Rubel. Weizen lieferte Japan im Betrage von 143,350 Rubel, Amerika für 36,348 Rubel, Odessa für 4559 Rubel. Reis schickte Japan für 332,104 Rubel, China für 48,985 Rubel, Amerika für 6000 Rubel. Liegt darin immerhin schon etwas Bedenkliches, so wird diese Situation noch durch den Umstand erhöht, daß die Zufahrtsstraße sich heute völlig in den Händen Japans befindet. Ein Blick aus die Karte lehrt dies. Die nach Wladiwostock segelnden Schiffe haben zur Rechten das Jnselreich und zur Linken Korea. So lange das letztere sich selbst über­lassen war, mochte das gehen. Heute, da es völlig unter japanischem Einfluß steht, ist der Seeweg nach