M 33. MtwMW 24. April 1895.
Deutsches Reich.
Berlin. Kaiser Wilhelm traf Freitag Nachmittag zum Besuch des großherzoglichen Paares in Weimar ein und fuhr Abends zur Auerhahnjagd nach Eisenach weiter. Der Kaiser wird Anfangs August zum Besuche der Königinnen im Schlosse zu Haag erwartet. Bei seinem Aufenthalt in Eisenach spendete der Kaiser für das dortige Wagner-Museum 1000 Mk.
— Durch Urtheil des Königl. Oberverwaltungsgerichts vom 1. März 1895 ist festgestellt worden, daß in Preußen die Ortspolizeibehörden befugt sind, zur Ausführung desJmpfgesctzes impfpflichtige Kinder zwangsweise vorführen zu lassen, falls deren Eltern der Aufforderung, die Kinder an einem bestimmten Tage dem Jmpfarzte zuzuführen, nicht Folge geleistet haben.
— Der „Reichsanzeiger" giebt bekannt: Es werden fortgesetzt falsche Fünfzig Mark-Reichskassenscheine angehalten. Die Reichsschulden-Verwaltung sichert eine Belohnung bis zu 3000 Mark Demjenigen zu, welcher den Verfertiget: oder wissentlichen Verbreiter zuerst derart ermittelt und nachweist, daß er zur Untersuchung und Strafe gezogen werden kann.
Dortmund. Aus unserer unter den wirthschaft- lich schlechten Verhältnissen ebenfalls leidenden Gegend ist die erfreuliche Thatsache zu melden, daß das Eisen- und Stahlwerk Hösch vom 1. Mai ab in allen Betrieben wieder die Doppelschicht aufnimmt und somit Aussicht vorhanden ist, daß die im Herbst entlassenen Arbeiter wieder eingestellt werden können. Das Werk ist zu diesen Maßnahmen im Stande durch günstige Abschlüsse mit Eisenerzgruben.
Nordhausen, 18. April. Ein hervorragender Fall von Op'erfreudigkcit eines evangelischen Geistlichen ist aus Nordhausen zu berichten: Dort ist es seit alten Zeiten gebräuchlich, daß die Konfirmanden nach Abschluß der heiligen Handlung den betreffenden Gemeinde- geistlichen Geldschenke zuwcnden, und zwar das sogenannte „kleine" und das sogenannte „große" Geschenk. Der Superintendent Rosenthal von der Hauptkirche St. Nikolai hat diese Geschenke von jeher zwar auch angenommen, sie aber, ohne Jemand hiervon zu sagen, auf der städtischen Sparkasse zinsbar angelegt und jetzt, wo er eine Landpfarrstelle übernimmt, den auf rund 4800 Mk. angewachsenen Sparbuchbetrag seiner bisherigen Gemeinde als Grundstock zur Beschaffung einer neuen Orgel übergeben.
Würzburg, 14. April. Gestern ließ die Firma Graab u. Maurer einen Wagen mit 7 Fässern Benzin in ihren Lagerraum in der Nähe des Lindleinsberges bringen. Ungefähr 100 Meter vom Lager entfernt entzündete sich ein Faß, dem in kurzen Zwischenpausen die weiteren folgten. Die Pferde gingen beim Explodiren des 1. Fasfes mit dem brennenden Wagen durch. Sie • sind am Hintertheil stark verbrannt worden. Die Fuhrleute Schmidt und Leisentntt haben ebenfalls schwere Brandwunden erlitten. Während der schleunigen Flucht wurden die 5 Fässer vom Wagen geschleudert, die auf der Straße cxplodirten. Große Feuerwolken stiegen haushoch auf. Die Feuerwehr und in der Nähe beschäftigte Leute eilten herbei und dämpften den Brand.
Aus Bayern. Eine grauenerregende Blutthat wurde, wie die „Donauztg." berichtet, am Ostersonntag auf dem Weg zwischen Aidenbach und Haidenburg verübt. Der Lehrer Dobler von Emmersdorf wurde Sonntag Abend an genannter Stelle mit durchschnittenem Hals ermordet aufgefunden und als Thäter wurde — sein eigener 15 Jahre alter Sohn Heinrich ermittelt, welcher zur Zeit bei einem Kaufmann in Aidenbach in der Lehre steht. Der Sohn des Ermordeten, Heinrich, mußte von seinem Lehrherrn wegen suncs unordentlichen Betragens mehrmals gerügt werden, und der Vater wurde von der unordentlichen Führung des Lehrjungen verständigt. Am Ostersonntag ging der Lehrjunge zu seinen Eltern nach Haus und erklärte, daß er nicht mehr bei seinem Lehrherrn bleiben wolle; sein Vater, der auf strenge Zucht hielt, bestimmte, daß er unbedingt aushalten müsse, und drohte ihm mit körperlicher Züchtigung. Als der Sohn Sonntag Abend zurückging, begleitete ihn sein Vater nach Aidenbach. In der Nähe der HubertuSsäule verlangte der Sohn von seinem Vater ein Messer, um sich eine Gerte abzuschneiden. Der Vater gab dem Unhold sein sog. Slilet und alsbald schnitt ihm der Sohn den Hals durch. Der Ermordete wollte noch den Namen eines seiner Söhne, „Konrad", rufen, woraus
der unnatürliche Sohn den Hals seines Vaters bis zur Wirbelsäure durchschnitt. Hierauf nahm der Mörder seinem Vater einiges Bargeld, die Ringe und Uhrkette sammt Uhr und Schlüssel ab und legte das Messer auf den Ermordeten, um einen Raubmord zu fingieren. Der Mörder kam um etwa 7 Uhr bei seinem Lehrherrn an, wo er sich auf sein Zimmer begab. Der Ermordete wurde später au^gefunden; als der Thäter hiervon mit möglichster Schonung verständigt wurde, simulirte derselbe unter Thränen seinen Schmerz und ließ sich zum Thatort fahren, ohne von da an die mindeste Theilnahme mehr zit zeigen. Der unnatürliche Sohn wurde ins Verhör genommen und verhaftet und gestand auch später Alles ein.
Metz, 17. April. Ein bei den Soldaten wegen seiner außeroroentlichen Strenge vielgenannter hiesiger Militär-Auditeur ist seit acht Tagen spurlos verschwunden. In der Stadt gehen, wie die N. Fr. Pr. mittheilt, die unglaublichsten Gerüchte herum. Wie verschiedene Blätter melden, wurde der Bursche des Verschwundenen verhaftet. Die Militärbehörde ist fieberhaft thätig, um Licht in die mysteriöse Angelegenheit zu bringen. ___________________________________________
Ausland.
Wien, 22. April. Die am Sonnabend gemeldete Explosion des fiskalischen Pulversiebwerkes in Blumau in Niederösterreich führte zu der hochwichtigen Entdeckung, daß rauchschwaches Pulver eine längere Einlagerung nicht vertrage, da die beigemischte Schießbaumwolle sich zersetze und Explosionen herbeiführe.
In San Franzisko wurden seit einigen Tagen drei junge Frauen vermißt. Alle drei waren hervorragende Mitglieder einer Baptistenkirche. Die Leiche der einen Frau, die anscheinend vergewaltigt und ermordet worden ist, wurde in dem Studierzimmer des Pastors gefunden, die Leiche einer anderen Frau, die ebenfalls vergewaltigt und erdrosselt zu sein scheint, entdeckte man im Glockenthurm der Kirche; einen Arm und andere menschliche Glieder, welche wahrscheinlich Theile der dritten vermißten Frau sind, fand die Polizei im Boden der Kirche.
Japan. In der japanischen Stadt Kioto ist am 15. April eine Gewerbeausstellung eröffnet worden, ein Beweis, daß der Krieg mit China in Japan selbst fast gar keine Störung im wirthschaftlichen Leben hervorgerufen hat. Diese Ausstellung hat gerade jetzt, wo soviel von der Eröffnung Chinas für den fremden Handel die Rede ist, ein besonderes Interesse, denn sie zeigt, wie man der „Times" aus Kioto telegraphiert, daß in Japan Textil-, Wirk- und Lederwaaren, Maschinen, irdene Waaren, chirurgische und wissenschaftliche Instrumente, Chemikalien, Glaswaaren u. s. w. zu Preisen hergestellt werden, die jede Konkurrenz fast unmöglich machen. Auf diesen Umstand hat kürzlich auch Herr M. von Brandt, der frühere deutsche Gesandte in China und Japan, in seinem Buch über die Zukunft Ostasiens sehr nachdrücklich hingewiesen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 23. April.
* — In dem am 17. d. AUs. hier abgehaltenen Kreistage wurde folgendes verhandelt und beschlossen: Zunächst wurden die im Dezember 1894 vor- genommenen Kreistagsergänzungswahlen als richtig vollzogen anerkannt und die gewählten 11 Mitglieder von dem Herrn Vorsitzenden eingeführt. Der für die hiesige Verpflegungsstation gewährte Zuschuß wurde auf ein Jahr auf 1000 Mk. erhöht. Gegen den Kreis- hauShaltsetat nebst Verwaltungsbericht wurden Einwendungen nicht erhoben und der Etat in Einnahme und Ausgabe auf 108,000 Mk. festgesetzt. Dem Gesuch des Kreis-AusschußSekretairs Wolfs um Entlassung vom 1. Juli er. ab wurde stattgegeben. Die Vorlage des Kreisausschusses, bei der Vertheilung der Kreissteuer auch in Zukunft die Realsteuern (Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer) mit 50 % und die Einkommensteuer mit 100 °/o ihres Betrages heranzuziehen, wurde beschlossen Gegen die Kreis-Communalkassen Rechnung pro 1893/94 wurden Einwendungen nicht erhoben, diese in Einnahme auf 86,904.94 Mk. und in Ausgabe auf 81,925.67 Mk. somit einen Ucberschuß von 4,979.17 Mk. festgesetzt und dem Rendanten Decharge ertheilt. Die bei der Revision der Kreissparkassen-Rechnung pro 1893 gefundenen Mängel wurden als erledigt angesehen. Als
Schiedsmann für den Bezirk Hohcnzcll-Lindenberg wurde der Gutspächter Leipold-Lindenberg und als Stellvertreter der Oekonom Zipf-Hohenzell gewählt. Es wurde beschlossen: a. den Weg Soden-Udenhain in das allgemeine Wegetableau aufzunehmen in der Voraussetzung, daß tie Stadt Soden seiner Zeit bereit sein wird, einen angemessenen Wegebaukostenbeitrag zu leisten, b. die Herren Communallandtagsabgeordneten zu ersuchen, im Kommunallandtage dahin zu wirken, daß die gesammte Wegebauverwaltung (Landwege und Landstraßen) den Kreisen übertragen werde gegen entsprechende Dotationen aus dem Landwegebaufonds. Zur Gebäudesteuer-Veranlagungs-Kommission wurden als Mitglieder Uhrmacher Orth hier, Fabrikant Romeiser in Steinau und als Stellvertreter Bürgermeister Seipel in Ulmbach, Bauer Simon in Gundhelm, sowie zur Körungs-Kommission als Mitglieder Oekonom Köhler hier, Gutsinspektor Weichet in Ramholz, Gastwirth Kohlhepp in Schwarzenfels, als Stellvertreter Schau- berger in Niederzell, Bauer Heinrich Blum in Sterbfritz, Bürgermeister Spielmann in Seidenroth. In Betreff des Gesuchs des Lauowirths Meyer in Steinau verbleibt der Kreistag bei seinem früheren Beschluß und stellt es lediglich dem Ermessen des Kreis-Ausschusses anheim, ob und wie dem Gesuchstellenden eine Entschädigung zu erwirken sei. Zu 12 der Tagesordnung betreffend Bildung von Kreis-Kommissionen für land- wirthschaftliche und gewerbliche Angelegenheiten wurde der vom Kreisausschuß in Vorschlag gebrachte Beschluß mit einigen Abänderungen genehmigt. Schließlich erklärte sich der Kreistag, vorbehaltlich des später definitiv zu fassenden Beschlusses, damit einverstanden, daß dem Mutterhause der barmherzigen Schwestern in Fulda zur Errichtung einer Kinderbewahranstalt und einer Haus- Haltungsschule die Benutzung der bereits im Gebrauch der Schwestern befindlichen Gebäude und Grundstücke unentgeltlich überlassen werden und die Weiterbewilligung des vom Kommunalverband gewährten Zuschusses beantragt wird.
— Eine bedeutende Erhöhung des Detailpreises des Petroleums ist erfolgt. Der seitherige Preis von 18 Pfg. das Liter ist jetzt auf 30 Pfg. gestiegen. Fragt man nun nach der Ursache dieser rapiden Steigerung, so dürste dieselbe zunächst in den von Amerika ausgehenden Börsenmanövern zu suchen sein. Daneben wirken aber ohne Zweifel auch die inneren Verhältnisse auf dem Gebiete der Petroleum-Produktion mit, die freilich auch zu einem Theile künstlich beeinflußt sein können. Daß die Preissteigerung des Oels nicht nur in den Haushaltungen besonders der kleinen Leute aufs Bitterste empfunden wird, sondern auch namentlich dem Kleinmotorenbetrieb rc. einen ganz empfindlichen Schaden versetzt, bedarf keiner besonderen Klarstellung. Wenig wahrscheinlich ist, daß ohne kräftige Steigerung der amerikanischen Produktion die durch Manipulationen der Standard Oil-Kompagnie zur Bekämpfung der Konkurrenz lange Zeit gedrückten Preise bald wieder auf den früheren abnorm niedrigen Stand zurückkehren werden.
* — Mit Rücksicht darauf, daß dem Käufer des als Schichlnutzholz zur Aufarbeitung und Verwerthung gelangenden Grubenholzes das Aufsetzen desselben in Meterstößen in der Regel nicht erwünscht ist, weil dadurch das Austrocknen des Holzes erschwert wird, und daher der Käufer das dergestalt aufgesetzte Grubenholz alsbald nach der Ueberweisung aus der festen Lagerung zu entfernen und in loser, krcuzweiser Schichtung über einander aufzustellen pflegt, hat der Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten durch Erlaß vom 8. April 1895 die Königlichen Regierungen — ausschließlich Aurich und Sigmaringen — ermächtigt, das vor dem Einschläge verkaufte Grubenholz, den Wünschen des Käufers entsprechend, nach Sortimenten getrennt, kreuzweise geschichtet in Stößen von beliebiger Höhe zusammen zu lassen, nachdem a) für das nach Raummaß (rtn) verkaufte Holz in den einzelnen Schlägen durch Mufstellen von Probe-Mcterstößcn ermittelt worden ist, wie viel Stücke des betreffenden, nach Stärke und Länge bestimmten Grubenholz- Sortimentes durchschnittlich zu einem Raummeter gehören, und b) für das nach Festgehalt und zwar in der Stärke von mehr als 10 cm Durchmesser am Zopfe verkaufte Grubenholz mit Hülfe der Kubiktabclle der Festgehalt des einzelnen Stückes für jedes Sortiment (auf zwei bis drei Dezimalstellen) festgestellt und als-