MüchtemerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Samstag, den 20. April
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&fMhtttAM1 °"k die „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen
- ------------Postanstaltennnd Landbriefträgern owie von der Expedition entgegen genommen.
Frankreich und die Bismarckfeicr
Mit der Beendigung der Bismarckfeier oder richtiger ihres Haupttheils, denn noch wochenlang werden Deputationen zur Beglückwünschung des Altreichskanzlers nach dem Sachsenwald wallfahrten, kommt auch die französische Presse noch einmal auf diese ebenso bedeutsamen wie eigenartigen Feste zurück. Daß dieses nicht in freundlicher Weise geschieht, liegt in der Natur der Dinge. Aber lernen kann man aus den französischen Stimmen über den Altreichskanzler sehr wohl und sehr viel. Am meisten interessieren uns, wie die „Allg. Ztg." ausführt, unter den zahlreichen Betrachtungen unserer westlichen Nachbarn die über das Thema: Bismarck in seiner Stellung zu Frankreich. Der Fürst hat sein Leben lang dem deutschen Volk die Franzosen als den „Erbfeind" hingestellt. Erbfeind ist auch ein französisches Wort geworden. Man hat es in Frankreich nicht übersetzt, man hat es aber auch nicht begriffen. Denn Erbfeind, in dem Sinn wie Fürst Bismarck und wir es brauchen, bezeichnet Jemanden, der uns mit angeborener Feindschaft behandelt und verfolgt, der uns fort und fort zu schädigen sucht; die Franzosen hingegen meinen, daß wir Deutschen unter Erbfeind etwas verständen, dem wir feind sind, Jemanden, den wir mit unserm Haß verfolgen und schädigen wollten. Aus dieser prinzipiell verschiedenen Auffassung des Begriffes, der dem Wort Erbfeind zu Grunde liegt, erklärt sich am besten, warum in Frankreich auch diejenigen Leute, die in politicis ganz ehrlich sind, stets glauben und predigen, Deutschland verfolge Frankreich mit seinem Haß nnd mit seiner Feindschaft, Frankreich sei fortgesetzt von Deutschland bedroht; diese Begriffsverwirrung erklärt ferner, warum man in den letzten Wochen dort wieder jede Anspielung Bismarcks auf die deutsch-französischen Beziehungen, jeden Hinweis des einstigen Kanzlers darauf, daß Frankreich des Deutschen Rnchcs Haupt- feind sei, als eine gehässige Provokation, als eine Drohung angesehen hat. Kein Mensch sagt sich dort oder giebt zu, daß Deutschland, obgleich aus den letzten großen Kämpfen als Sieger hervorgegangen, doch ein Recht dazu hat, in Frankreich seit fast einem Jahrtausend einen anererbten Feind, in den Franzosen dasjenige Volk zu erblicke», von welchem den deutschen Stämmen fortgesetzt Gefahr droht, den „Erbfeind" also, der von Generation zu Generation nur immer daraus aus gewesen ist, plündernd und raubend, sengend und brennend über Deutschland herzufallen. Seit dem Krieg 1870/71 wird natürlich die alte französische Erbfeindschaft gegen Deutschland beharrlich fortkultiviert. Sie hat nur andere Formen als in früheren Zeiten angenommen. Ehemals war sie hochmüthig und siegesgewiß; jetzt ist sie erbittert und vorsichtig; früher war sie aufrichtig, jetzt ist sie heimtückisch. Der H»ß gegen Deutschland wird den Franzosen jetzt, wie früher die Verachtung, von der frühesten Jugend auf eingeimpft. Erst wirkt die Kinderlitteratur, dann die Schule und später die Tagespresse in nie versagender Harmonie immer gleichmäßig auf die sich erneuernden Generationen ein, derart, daß ihnen mit dem Haß gegen Deutschland und alles Deutsche als vornehmstes patriotisches Ziel der Gedanke an den Rachekrieg gegen Deutschland als unvermeidlich, als nothwendig in Fleisch und Blut übergeht. Alles, aber auch Alles, wirkt in Frankreich in dieser Richtung zusammen. Es wird ein Zustand der Hypnose erzeugt, m dem jeder einzelne Franzose, er mag Reaktionär oder Sozialdemokrat, Christ oder Jude, arm oder reich, Bauer, Arbeiter, Rentner oder Berufssoldat sein, aus die Vogesen hinstarrt, bereit, in jedem Augenblick sein Alles daranzusctzen, um über den „Feind" herzufallen. Für ihn ist die Feindschaft „angeerbt". Was aber den Franzosen gar nicht paßt, ist, daß über diese ihre Wünsche und Hoffnungen viel geredet wird. Man ist in Frankreich von dem Uebermulh, mit dem man früher die Nachbarn und namentlich die Deutsche», Herausforderle, zur Heuchelei übergegangen. Wenn man an Krieg denkt, spricht man von Frieden, und je lauter man von Frieden spricht, um so zielbewußter sinnt man auf Krieg. Nicht für sofort, o nein — in diesem Punkt ist man aufrichtig —, aber sür die erste sich
bietende günstige Gelegenheit. Das hat in seiner dürren, drastischen, eine Diskussion gar nicht zulassenden Art der alte Bismarck den Galliern in der letzten Zeit wiederholt gesagt. Die Hiebe haben gesessen, so wie die des alten Kanzlers nun einmal zu sitzen pflegen, und daher das Geschimpfe über den, der die Hiebe ausgetheilt. Wenn sich auch aus den französischen Preß stimmen über die Bismarckfeier keine Festartikel über den Jubilar zusammeiistelleii lassen, so tiefern sie doch zu den Bismarckschen Geburtstagsreden einen interessanten Kommentar, der über den wahren Charakter unserer Feinde feine Täuschung auskommen läßt und mit der Belehrung eine heilsame Mahnung für uns verbindet.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser gewährte Dienstag Mittag dem englischen Maler Cope eine Porträt-Sitzung. Nachmittags 3 Uhr stattete der Kaiser der Königin von Sachsen einen Besuch ab und machte sodann einen Spazierritt nach dem Grunewald. Am Mittwoch gewährte er dem Maler Cope abermals eine Sitzung. — Das Befinden der Kaiserin hat sich etwas gebessert; die Erkältungs- crscheinuugen sind zurückgegangen, sodaß die hohe Frau in aller Kürze wieder hergestellt sein dürfte.
— Politische Erwägungen, so wird aus dem Reichs- marine-Amt geschrieben, haben zu dem Entschluß geführt, das deutsche Kreuzer-Geschwader in Ostasien unverzüglich bedeutend zu verstärken. Ausersehen ist für diese Verstärkung das Panzerschiff 2. Klasse „Kaiser" und der Kreuzer 2. Klasse „Prinzeß Wilhelm". Die Begründung dieser Maßregel läßt erkennen, daß die bedeutende Stärkung, welche Japan's Macht durch den soeben mit China abgeschlossenen Präliminar-Frieden erfährt, von der deutschen Regierung, wie zweifellos von allen europäischen Mächten, als eine ernste Gefährdung der europäischen Interessen aufgefaßt wird. Es ist deshalb zweifelhaft, ob die Japaner wirklich in den Vollgcnuß der Früchte ihres Sieges gelangen werden. Streitigkeiten mit europäischen Mächten, insbesondere mit Rußland, scheinen den Japanern nahe bevorzustehen.
— Das Schicksal der Umsturz-Vorlage beschäftigt, je näher die Entscheidung rückt, desto mehr alle politiischen Kreise. Gegenüber den verschiedenen, sich widersprechenden Mittheilungen über die Haltung der Regierung zu den Beschlüssen der Kommission glaubt man auch jetzt »och, daß die maßgebenden Persönlichkeiten im Ganzen und Großen mit den Kommissions-Beschlüssen zufrieden sein und sich bemühen werden, auf Grund derselben das Gesetz im Plenum zu Stande zu bringen. Auch der „Reichsbote" will wissen, die Regierung habe sich kürzlich mit den Kommissionsbeschlüssen beschäftigt und hoffe, daß die Vorlage mit einigen Aenderungen der Kom- missions-Beschlüsse zu Stande kommen wird. Ob allerdings sich im Plenum für die Kommissionsbeschlüsse eine Mehrheit findet, bleibt fraglich, und fast scheint es, als ob die neuerdings mit frischer Kraft einsetzende Agitation auf die Mittelparteie» nicht ohne Einfluß bleiben solle.
— Ueber die Einführung der Sonntagsruhe im Gastwirthschaftsbetriebe finden Erhebungen statt. Dem „Gastwirthscha tlichen Spar- und Kredilvercin" in Berlin ist vom Reichskanzler (gcz. v. Koller) ein Fragebogen angegangen, dessen Beantwortung gewünscht wird. Der Fragebogen enthält 20 Fragen, von denen die wichtigsten also lauten: „Ist die Sonntagsruhe im Gastwirthsgewerbe durchzuführen und in welcher Weise könnte dies geschehen? Ist die Arbeitszeit für Kellner und Lehrlinge geregelt und in welcher Weise? Werden die Lehrlinge bei der Arbeitszeit berücksichtigt und in welcher Weise? Wenn der Sonntag den Gastwirths- gehilsen nicht freigegeben werden kann, werden dieselben für die Soimtagsarbeit entschädigt, und in welcher Weise? Wie stellen sich die Löhne zu den Trinkgeldern und wie hoch wird der Prozentsatz der Trinkgelder bei den Löhnen in Anrechnung gebracht? Wie gestaltet sich das Familienleben der Kellner? Der Verein wird in seiner nächsten Sitzung zu den Fragen Stellung nehmen und Beschlüsse fassen.
— Der konservative „Reichsbote" schreibt: „Das Duell Kotze — und noch dazu an dem heiligsten Tage der Christenheit, am Char Sonnabend — erregt in christlichen Kreisen die höchste Entrüstung. Man greift sich an die Stirn und fragt sich: Was soll daraus
werden? Wer darf es da den demokratischen und sozial- demokratischen Blätter» noch verdenken, wenn sie angesichts solcher krassen Verstöße gegen Religion und Sitte in den höchsten Gesellschaftskreisen nur noch Spott und Hohn haben für die Bestrebungen zum Schutze von Religion, Sitte und Ordnung! — Das Herz trampst sich zusammen in Schmerz und Zorn über diese Vorgänge , die in ihrer Rücksichtslosigkeit an ähnliche Vorgänge vor der große» französischen Revolution erinnern. Wenn Niemand sonst mehr eine Empfindung für diese Dinge hat und den Duellanten noch Ehrenbezeugungen dargebracht werde», so erwarten wir, daß wenigstens der Staatsanwalt seine Schuldigkeit thut; denn das Duell ist bei uns unter Strafe gestellt. Eine solche Handlung straflos zu lassen, würde eine Billigung derselben gleichkommen, welche man eben erst in der Umsturzvorlage unter Strafe stellt."
München, 17. April. Am Abend des Oster- Sonntag ermordete ein 15jähriger Lehrerssohn von Emmersdorf in Niederbayern seinen Vater auf offener Straße, indem er ihm mit einem Taschenmesser den Hals abschnitt.
Hammellmrg, 10. April. Hunderte von Arbeitern sind eben mit der Herrichtung des provisorischen Lagers des Ucbungsplatzes Hammelburg beschäftigt. Gegenwärtig wird an der Planirung der Plätze für Wellblech- Baracken, Stalltingen, Geschützhallen rc. gearbeitet. Das provisorische Lager dürfte für ein vollständiges Infanterie- und Artillerie-Regiment Unterkunft bieten. Bis Mitte Mai müssen die Arbeiten fertiggestellt sein. Das Platzkommando und das Proviantamt werden hier errichtet.
Ausland.
OUc». In der Nacht zum Dienstag sind Erdstösie mehr oder minder heftiger Art in Italien und Oesterreich- Ungarn beobachtet worden. Es scheint, daß die Erschütterung sich wie eine Welle vom Süden aus in nordwestlicher Richtung fortgepflanzt hat. Die ersten Stöße wurden gegen 11 Uhr 17 Minuten nachts in Florenz, Padua, Verona, Venedig u. s. w. wahrgenommen. In der Lagunenstadt dauerte die Erd- erschütterung 12 Sekunden. Ihr waren andere kleine Erdstöße und unterirdisches Rollen vorausgegangen, die sich nach dem Erdbeben wiederholten. Die seis- mographischen Instrumente zeigten das Erdbeben an. Auch in Siena, Pavia und in Navenua wurden die Erderschüttcrungeu beobachtet. Weit heftiger ist das Erdbeben in Oesterreich Ungarn aufgetreten. In Krain- burg wurde bald nach 11 '/* Uhr ein mächtiges Erdbeben verspürt; der erste Stoß dauerte 20 Sekunden. Um 4 Uhr nachts wurden 16 Erdstöße wahrgenommen. Viele Gebäude erlitten Bcschädignngen. Das Erdbeben scheint sich weiter auf den ganzen südlichen Theil der österreichisch ungarischen Monarchie erstreckt z» haben; besonders heftig trat es in Krain und Triest, sowie im Küstengebiet auf. Ueberall sind Gebäude beschädigt worden. In Laibach wurden 10 Personen schwer verletzt. Die erschreckte Bevölkerung mehrerer Krainer Städte verbrachte die Nacht im Freien. Auch aus Graz^ und Agram wurden Erdstöße gemeldet. In Wien wurde um 1130 nachts ein schwacher Erdstoß verspürt, der meist unbemerkt blieb, aber Uhren und telegraphische Apparate theilweise zum Stehen brächte. In Bozen wurden um 11 ‘/e Uhr zwei Erderschütterungen verspürt. Die Geologen sind der Ansicht, daß der Hecrd des Erdbebens im Karst liege, und sie befürchten, daß im Karstgebiete eine Erdbebenperiode eingetreten sei, die vielleicht noch Wochenlang dauern wird. Am meisten litten Laibach und Cilli, für welche staatliche Hilfe cin- geteitet wird. In Laibach lagern die Einwohner unter Zelten, in Wagen, Sauerkraut-Bottichen und anf Plätzen, wohin während des gestrigen Tages Matratzen und Betten geschafft wurden. Der Landesprüsident Baron Hein und viele hohe Beamte und Militärs mit ihren Familien übernachteten in Waggons, welche die Süd- bahn bereitgestellt hatte. Amtlich wird gemeldet, daß in der Umgebung Laibachs sieben Personen durch Einstürze getödtet wurden. Auch in vielen Orten Bosniens und Herzegowina fanden in derselben Nacht und früh Morgens von unterirdischem Getöse begleitete Erdstöße statt. Die Ansicht der Geologen gewinnt leider an Wahrscheinlichkeit durch eine neue Meldung aus Laibach, wonach dort in der Nacht zum Dienstag