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Amtliches.
Diejenigen Herrn Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises, welche noch mit Erledigung der diess. Verfügung vom 11. d. Mis. Nr. 1583 — Kreisblatt Nr. 10 — betreffend die Einsendung der Jmpflisten bezw. Erstattung des Berichts über aus anderen Gemeinden rc. zugezogene Kinder im Rückstände sind, werden hiermit erinnert und die Erledigung binnen 3 Tagen erwartet.
Schlüchlern, den 29. März 1895.
Der Königliche Landrath: i. V.: Goerz.
Zur Charwuchs.
Wir sind in die Charwoche eingetreten. Sie heißt auch die stille Woche. Es wird stiller im Leben und Treiben um uns her. Die lauten Feste und rauschenden Vergnügungen schweigen und machen einem größeren Ernste im äußeren Leben Platz. Unsere Seele wird auch stiller und ihre Gedanken richten sich auf die großen christlichen Erinnerungen, welche diese Woche wachrmt. Wir nähern uns dem Charireitage, dem stillen Freitage. Ein frischer Hauch der Andacht geht durch die Herzen hindurch und sacht auch auf manchem erkalteten Herde neue Gluth an. Die christliche Gemeinde sammelt sich um das Kreuz und stimmt an:
O Haupt voll Blut und Wunden,
Gcgrüßet seist du mir!
Sie feiert das größte Ereigniß, das sich je auf Erden zugetragen hat. Oder giebt es Größeres als Christi Liebestod? Wir sehen eine Liebe, die für die stirbt, durch die sie stirbt. Christi Tod ist ein freiwilliger, selbstgeweihter Opfertod für die Welt. Viel giebt es, was unsere Seele im Innersten ergreifen und bewegen kann, nichts aber bewegt so den innersten Grund wie die Geschichte von Golgatha, diese Geschichte einer weltumfassenden Liebe. Wenn nichts im Himmel und auf Erden eine Menschenseele überwinden kann, dieser Botschaft widersteht kein Menschenherz, wenn es nicht völlig verhärtet und verstockt und aller menschlichen Empfindungen sich entäußert hat. Wer wollte den Char- freitag ohne Andacht begehen? Eine der kräftigsten Gestalten deutscher Frömmigkeit aus den Freiheitskriegen ist der Freiherr von Stein. Bei ihm meldete sich einst Hans von Gagern, ein ihm befreundeter Staatsmann, zum Besuche an. „Willkommen", schrieb ihm Stein, der in Gottesfurcht keine Menschenfurcht kannte, „willkommen, aber nur nicht am (Karfreitage, denn diesen Tag habe ich ganz der Andacht bestimmt". Wem sollte es nicht heilsam sein, am stillen Freitage aus der lauten Welt in die Sülle der Andacht zu gehen und sein Herz der Macht und Herrlichkeit der Heilands- liebe hinzugeben? Was Liebe ist lernen wir nur bei Christo, und die echten Züge ihres Bildes schauen wir am deutlichsten im An.litz des Gekreuzigten.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist aus Kiel bezw. Hollenau wieder nach Berlin zurückgekehrt. In ^oUemm hat der Kaiser mit den dort anwesenden Ministern und Mitgliedern der Kanalkommission auf daS Genaueste die für die Eröffnungsfeier auf dem Festplatze zu treffenden Arrangements besprochen. Zu wiederholten Malen betonte dabei der Kaiser, die Eröffnungsfeier solle ein Nationalsest in weitem Sinne mit besonderer Berücksichtigung des Volkes in allen Schichten werden. Die bisher geplanten Bauten von Zelten und Trübinen schienen dem Kaiser daher nicht recht ausreichend, er wünschte, daß Zelte für die große Masse des Volkes errichtet und, wenn irgend angängig, mit hinreichender Restaurationsgelegenheit versehen würden. Der bisher vorgesehene Festplatz, meinte der Kaiser, wäre zu klein; denn bei ihm hätten sich schon jetzt 4000 Personen gemeldet, die er als seine Gäste ansehe. Es wurde demgemäß ins Auge gefaßt, das durch Auf chüttungen am Ufer in der Richtung auf Friedrichsort gewonnene Vorland in weiteren Umfange für die Bebauung mit Zelten heranzuziehen.
— Der „Retchsanzeiger" meldet im nichtamtlichen
Theil: „Sr. Maj. dem Kaiser und König sind aus Anlaß der Feier des 80. Geburtstags des Fürsten von Bismarck, Herzogs von Lauenburg, zahlreich: HuldigungsTelegramme von Festversammlungen und Vereinen, von städtischen Behörden und einzelnen Personen zugegangen. Seine Majestät, haben diese Kundgebungen, deren Beantwortung im Einzelnen unmöglich ist, mit Genug- thung entgegengenommen und Allerhöchst ihre Freude über diesen Ausdruck patriotischer Gesinnung zu erkennen gegeben."
— Von einem Geburtstagstisch des Fürsten Bismarck zu sprechen, heißt es in der „Nat. Ztg.", ist eigentlich nicht ganz richtig. Es ist ein Geburtstagsbahnhof, eine Geburtstagsstube und ein Geburtstagsgarten. Die Geschenke haben das ganze Haus und seine ganze Umgebung beschlagnahmt. Sie stehen in noch unausgevackten riesigen Kisten auf den Bahnsteigen, sie füllen über das unsprünglich dafür eingeräumte große Zimmer gleich zur rechten der Diele hinaus ein zweites, sie senden ihren berauschenden Blütenduft aus tausend Kelchen und von drüben, vom Stall her, schnattern sechs weiße Enten und ein Erpel — „zuchtbar" wie der angehängte Zettel sagt - , das Geschenk eines Geflügelliebhabers aus London. Jetzt liegen die Dinge vielfach noch kreuz und quer übereinander, und zahlreiche Stücke stecken noch in ihren Hüllen. Wenn erst Alles übersichtlich geordnet sein wird, dürfte sich Herausstellen, daß für das Bismarck- Museum in Schönhausen, wohin auch sie schließlich kommen werden, ein Anbau nöthig ist. Besondere Gruppen unter den Geschenken bilden natürlich die Adressen und die Blumen. Die buchstäblich Tausende von Adressen, welche Bismarck in den vergangenen Jahrzehnten gestiftet wurden, haben jetzt einen bedeutsamen Zuwachs erhalten. Sie auizuzählen wäre thöricht Beginnen. Haben doch ganze Landestheile gruppenweise durch alle ihre Stadtvertretungen ihn zum Ehrenbürger gemacht. Sie alle haben die Urkunden aus- statten lassen. Manche schlicht, andere pomphaft, die meisten aber in edlem Stil. Was die Blumen betrifft, so ists ein Geheimniß der Gärtner, wo sie hergekommen. Das Kostbarste war eben gerade gut genug. Ursprünglich waren auch sie und die Kränze in dem Hauptgeburtstagszimmer aufgestellt und au den Wänden, an den Knäufen der Spinden u. s. w. arffgehängt. Aber bald wurden sie entfernt. Professor Lenbach, der um Rath gefragt wurde, ob alles gut arrangiert sei, dirigierte sie sämmtlich hinaus in den Garten. Da gruppierte man sie auf den Aesten der Bäume, da setzte man die großen Blumenstücke in die Erde, und nun erst entfaltete sich die ganze Pracht der Orchideen, Azaleen, der dunklen, wundervollen Rosen und der entzückenden Maiglöckchen. Es bleibt nichts übrig als die Geschenke, will man sie einigermaßen übersichtlich erwähnen, zu klassifizieren. Man kann den Fürsten buchstäblich von Kopr bis zu Fuß kleiden. Eine alte Landfrau, die ihren Namen nicht genannt hat, hat ihm sechs Paar Strümpfe gestrickt. Es ist eines der Geschenke, auf denen das Auge mit stillem Behagen ruht. Aber anspruchsvoller treten schon die aus feinstem Kalbleder gemachten Kanonen stiefeln auf, die aus Butzbach kommen, und in die mit beträchtlichem künstlerischen Aufwand, Kyfshäuser und Niederwald mit ihrer landschaftlichen Umgebung eingebrannt sind und dazu die Verse:
Germania hat der Schuh gedrückt, Dir ist das rechte Maß geglückt usw.
Breslau. Wie der „Breslauer Generalanzeiger" von zuverlässiger Seite erfährt, konferierte dieser Tage ein schlesischer Magnat mit dem Kardinal Fürstbischof Kopp. Der Magnat fragte, wie der Kardinal über die Haltung des Zentrums bei der Abstimmung über den Antrag Levetzow, betreffend die Bismarck Ehrung im Reichstag, denke. Der Kardinal antwortete, daß er die ablehnende Haltung des Zentrums aufs tiefste bedaure. Auf die Frage des Magnaten, ob er von dieser Aeußerung Gebrauch machen dürfe, erwiderte der Kirchenfürst: „Ich stelle Ihnen anheim, von meiner Aeußerung jedem gegenüber beliebigen Gebrauch zu machen." Und der P arrer Hansjakob in Freiburg, ein alter Zentrumsmann, sagte über den Fürsten Bismarck einem katholischen Mediziner auf dessen Frage, ob ein guter Katholik an der Huldigungs fahrt der Studenten nach Friedrichsruh theilnehmen
könne, gegenüber: „Wenn ichs'Student wäre und könnte den Festzug nach Friedrichsruh mitmachen, würde ich mich keine Sekunde besinnen und mitgehen zu einem Tag bleibender Erinnerung. Ich bin für die Ehrung Bismarcks aus folgenden Gründen, auch von katholischchristlichen Standpunkt aus: 1. Weil Niemand anders der Begründer des Deutschen Reiches ist. Wer diese Leistung nicht begreift, kennt die Geschichte des Vaterlandes und dessen Elend nicht vor 1870. 2. Weil Bismarck den von mir und jedem Katholiken verurtheilten Kulturkampf nicht bloß angefangen, sondern auch beendet hat. Er ging, als er sich besiegt sah, nach Canossa. „Ueber einen Sünder, der Buße thut, soll aber im Himmel mehr Freude sein als über 99 Gerechte usw." Wenn also der Himmel sich freut, dürfen wir es auch. 3. Soll der Christ seinen Feind lieben und ihm siebzig Mal sieben Mal, wie der Heiland sagt, verzeihen — also kann er auch einem achtzigjährigen Greise, der sein Feind war, Glück wünschen. 4. Bismarck stürzte über eine Verhandlung mit Windthorst, welche, wie ich sicher weiß, die volle Aussöhnung mit der katholischen Kirche bezweckte. Das Zentrum hat vom christlichen und politischen Standpunkt aus einen großen Fehler gemacht, daß es sich nicht, — unter Protest gegen den Kulturkampf — an einer patriotischen Feier bctheiligt hat. Der Papst hat nach dem Kulturkampf Bismarck geehrt, also durfte es auch das Zentrum und jeder Katholik. Die Zukunft wird lehren, das man klüger gethan hätte, mitzuthun. Dies meine Anschauung, von der Sie Jedermann Mittheilung machen können und die ich vor Jedermann, der sie wissen will, vertrete."
Aus Bayern, 2. April. Während der jetzigen Schwurgerichtssession sind in Bayern sechs TodcSmthelle verhängt worden. In fünf Fällen handelte eS sich um Gattenmord und nur in einem Falle war es der Mann, der seine Frau beseitigte.
Aus Mögelsdorf in Mittel ranken wird mitgetheilt, daß es interessant zn beobachten ist, wie dort die Krähen Forstpolizei auSüben. In der Nähe des Schmansenbucks findet man gegenwärtig ganze Strecken WaldcS, deren Moosdecke wie umgehackt erscheint. Es ist das die Arbeit von Krähen, die scharenweise den Waldboden aufhacken, um die Puppen des schädlichen Kiefernspanners massenhaft als leckeren Fraß zu gewinnen.
In Würzburg erregt es großes Aufsehen, daß der bekannte Hofbuchhändler Leo Wörl, Besitzer einer Kunstanstalt und Buchdruckerei, sowie der Katholischen Kiliansblätter, seinen Konkurs erklärt hat. Die Passiva sollen 400,000 Mark betragen.
Vom Eichsfelde, 4. April. Jüngst ist in Gicbolde- Hausen ein Stück Ackerland von etwa einem Morgen Größe, welches zwar an einem Bergabhange gelegen ist, aber sich zur Kartoffelkultur eignet, öffentlich meistbietend für 4 Mk. verkauft worden. Der Fall steht leider nicht vereinzelt da. Dieser kaum glaublichen Ent« wcrthung der Grundstücke liegt der sich hier geltend machende Sirbettermangel zu Grunde. Es sind hier nicht genug Arbeitskräfte vorhanden, um den gesummten Grundbesitz zu bewirthschaften.
Gießen, 2. April. Eine ohne Zweifel beachtenswerthe Einrichtung, die geeignet ist, mancherlei Gefahren für die Gesundheit der Konsumenten zu beseitigen, trat mit dem 1. April d. I. im Kreise Gießen in Kraft. DaS Kreisamt hat nämlich verfügt, daß von genanntem Tage ab eine regelmäßige Untersuchung von NahrungS- und Genußmilteln sowie von Verbrauchsgegenständen durch das chemische UntcrsuchungSamt für die Provinz Oberhessen stattfindet. Die Kosten der Untersuchung werden auf die Kreiskasse übernommen. In erster Linie sind die größeren Gemeinden in Betracht gezogen, doch soll zeitweise auch in kleineren Gemeinden die Entnahme von Proben behufs Untersuchung erfolgen.
Ausiaud.
Schweden. Die Möglichkeit eines KriegeS zwischen Schweden und Norwegen wird in beiden Unionsstaaten mit einem Ernste erörtert, der die Gefährlichkeit der Lage deutlich erkennen läßt. Im Storthing in (Kristiania brächte der ehemalige Minister Astrun bezügl. des außerordentlichen Heeresbudgets eine Interpellation ein, in welcher er betonte, es sei die Hauptsache der Vertheidigung, Ordnung zu halten, da man bei der jetzigen Lage der auswärtigen Angelegenheiten nicht wissen könne, wann ein Krieg ausbrechen werde. Im weiteren Verlaufe