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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 28. ' 1895?
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Die Geburtstagsfeier in Friedrichsruh.
Im vollen Glanz der Frühlingssonne hat in Friedrichsruh die Feier des 80. Geburtstages des Altreichskanzlers begonnen, zu der eine überwältigende Völkerwanderung nach dem Sachsenwalde stattgefunden hatte. Fürst Bismarck war gegen 9 Uhr nach vortrefflicher Nachtruhe abgestanden. Er war bei prächtigster Laune. Die erste Begrüßung erfolgte durch den Geh.-Rath Pro'. Schweninger, ber mit einem Bonquet von achtzig Rosen erschien. Im Balkonsaal war die gesammte Familie mit Professor von Lenbach und Dr. Chrysander versammelt. Die drei Töchter des Grafen Wilhelm Bismarck, die drei Rantzau'schen Kinder und Graf Herberts Baby waren ebenfalls da. Der Fürst war tief gerührt von dem blumenbekränzten großen Bild der verstorbenen Fürstin. Die gemeinsame Frühstückstafel wurde im langgestreckten weißen Saal eingenommen. Eine gemeinsame Gratulation des Hauptpersonals fand nicht statt, es war Jedem überlassen geblieben, bei der Begegnung mit dem Fürsten selbst zu gratulieren, auch die Morgcninusik war ab- gelchnt worden. Von Hunderten von Vereinen waren Deputationen erschienen, die nur Zuschauerkarten erlangen konnten. Auf der Post herrschte eine ungewöhnliche Thätigkeit. Die Million Postkarten ist längst voll, sie werden nicht mehr gezählt, sondern zentnerweise gewogen. Von fast sämmtlichen Fürsten Deutschlands sind Hand- schreiben eingetroffen, ein besonders herzliches von der Kaiserin Friedrich. Der Kaiser hat an den Fürsten ein längeres Glückwunschtelegramm gerichtet. Auch der König von Württemberg hat ein in den herzlichsten Ausdrücken abgesagtes Glückwunschtelegramm gesandt Im Namen des Sultans hat Tewsik Pascha deroFürsten beglückwünscht.
Punkt 10 Uhr betrat der Altreichskanzler, geleitet von Schweninger, den Park zur Besichtigung der Blumenfelder. Er trug die Uniform der Halberstädter Kürassiere mit dem eisernen Kreuz. Sein Gesicht war strahlend vor innigster Freude. Alles beglückwünschte ihn. Den Bekannten reichte er die Hand mit _ ben Worten: „Ah, Sie sind auch zur Stelle," dann fügte er, sich umschattend, hinzu: „Ich wollte, es wäre erst Abend." Prozessor Schweninger gibt einen leisen Wink, ins Haus zurückzukehren. Fürst Bismarck verabschiedet sich von den Anwesenden mit militärischem Gruß: „Ich kann nicht so lange stehen, habe heute noch viel vor mir", bemerkt er. Um 12 Uhr wurde der Park hermetisch abgeschlossen, auch für die Presse. Vor 12 Uhr traf das gesammte Offizierkorps der Halber- städter Kürassiere zur Gratulation ein, dann wurde die Generalität empfangen und kurz darauf die Rektoren der Universitäten. Ferner erschienen auf Befehl des Kaisers eine Abordnung des 9. Jägerbataillons aus Ratzebmg, sowie Musikchöre des 4. Garde-Regiments, des 31. und und 76. Jmantcrie-Rcgts., des 9. Pionir-Bataillns und des 24. Feld-Artillerie-Regts., um dem Fürsten Ständchen darzubringen. Der Rektor der Berliner Universität, Professor Pfleiderer, beglückwü sichte beim Emp'ang der Professoren - Deputation den Fürsten Bismarck als Ehrendoktor dreier Fakultäten und dankte ihm für seine Thaten. Dazu liege ein besonderer Grund vor, da der Fürst darauf hingewirkt habe, daß das alte Deutschthum eine Stätte der Kultur und eine Heimstätte der deutschen Wissenschaft geworden sei. Der Rektor schilderte sodann die Verdienste des Fürsten um die Förderung der nationalen Interessen. Die Vertreter der Universitäten wünschten, daß dieser Tag dem ganzen Volk zum Segen gereichen möge.
Das eigentliche Fcstlreiden begann erst, als der Huldigungszug der Studentenschaft, an welchem etwa 6000 Studenten von 30 Hochschulen theilnahmen, Ausstellung nahm und kurz nach 12 Uhr vor der Terrasse des Schlosses auf marschierte. Als der Fürst auf diesem erschien, wurde er mit einem dreimaligen enthusiastischen Hurrah begrüßt. In jugendlicher Begeisterung stimmte die Versammlung in Hochrufe ein, welche sich minutenlang fortsetzten. Darauf trank der Fürst den Chargierten auS einem Pokal zu und stieg die Treppe hinab, um sich mit einigen Studirenden zu unterhalten. Dabei
verehrte er aus den ihm gespendeten Sträußen Blumen an die Studentenschaft, welche unausgesetzt Hochrufe auf den Fürsten unter dem Zusammenschlagen ber Rappiere ausbrachte. Nach dem Empfang ist den Studenten vom Fürsten Hackerbräu kredenzt worden.
Die Meldungen über Bismarckfeiern im Reich sind so zahlreich, daß es unmöglich ist, dieselben einzeln wiederzugeben. Ueberall haben zu Ehren des Altreichskanzlers Festlichkeiten stattgefunden, die volles Zeugniß ablegen von der Herrschaft, die dieser einzige Mann über Geister und Herzen ausübt. Die Stadt Berlin hat, namentlich in den Hauptstraßen, am Montag ein festliches Gepräge gezeigt. Alle öffentlichen und viele Privatgebäude waren beflaggt. Viele große Geschäfte waren bereits am späten Nachmittag geschlossen und unter den Linden wogte gegen Abend eine unübersehbare Menschenmenge. Nicht unerwähnt soll die Feier am Niederwald-Denkmal bleiben, die wohl mit zu den schönsten Veranstaltungen dieses denkwürdigen Tages gehört. Professor Onken-Gießen hielt die mit Begeisterung aufgenommene Festrede, welche in einem Hoch auf den Fürsten Bismarck gipfelte. Hierauf wurden von den Anwesenden die Nationalhymne und das Lied „Deutschland, Deutschland über Alles" gesungen. Der Feier wohnten der Oberpräsident der Rheinprovinz, Nasse, Generallieutenant v. Bardelebcn» sowie zahlreich höhere Offiziere und Notabelitäten aus den Stheinlanben bei. Aus 35 rheinischen Städten waren offizielle Vertretungen erschienen.
Die Zahl der Fremden, die am Sonntag in Hamburg eingetroffen waren, um von dort nach Friedrichsruh zu pilgern, wird auf nahezu 50000 geschätzt. Dieselben mußten natürlich zum weitaus größten Theil in Privatquartieren Unterkunft suchen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. April. Der Kaiser ist am Mittwoch, früh von Berlin aus in Kiel eingetroffen, begleitet vom Staatssekretär Viccadmiral Hollmann. Um 10 Uhr fand der Stapellauf des Panzerschiffes „7" statt. Die Feierlichkeit nahm einen glänzenden Verlauf. Sc. Majestät der Kaiser taufte das Schiff auf den Namen „Acgir". Die Rückkehr des Kaisers nach Berlin wird erst in einigen Tagen erfolgen. Der Monarch gedenkt verschiedene Fahrten in See zu unternehmen.
— Der Reichsanzeiger schreibt an der Spitze seiner Montagsnummer: „Fürst Bismarck vollendet heute sein 80. Lebensjahr. Zahllose Beweise aufrichtiger Liebe und Verehrung, welche ihm aus diesem Anlaß von Nah und Fern, von Hoch und Niedrig in den letzten Wochen zu Theil geworden sind, legen Zeugniß ab, daß die Dankbarkeit für seine unsterblichen Verdienste um Deutschlands Macht und Größe unauslöschlich in den Herzen des Deutschen Volkes eingegraben sind. Möchten die heißen Wünsche für sein ferneres Wohlergehen, welche heute überall, wo Deutsche zusammen wohnen, zu Gott emporfteigen, in Erfüllung gehen! Möchte Deutschlands größter Sohn noch lange Jahre hindurch die Freude haben, daS von ihm im Dienst des glor- i eichen HeldenkaiserS geschaffene Werk der deutschen Einheit wachsen und sich befestigen zu sehen!"
— Fürst Bismarck befindet sich trotz der großen Aufregungen und Anstrengungen der letzten Tage sehr wohl.
— Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe, welcher am Sonntag seinen 76. Geburtstag feierte, erhielt aus Anlaß desselben zahlreiche Blumenspenden und Telegramme, darunter ein solches auch vom Fürsten Bismarck. Im Laufe des Tages erschienen zahlreiche Fürstlichkeiten zur Bcglückwünsch.rng, Nachmittags um 2 Uhr auch der Kaiser und die Kaiserin. Abends war größere Tafel. Die Nordd. Allg. Ztg. widmet dem Reichskanzler einen längeren Artikel, an dessen Schluß es heißt: „Das dürfen wir zum Geburtstage des Fürsten Hohenlohe auSfpredj n und den herzlichen Ausdruck der Hoffnung hinzmügen, daß ihm ein weiterer gedeihlicher Fortgang des Übernommenen Werkes und ein glückliches Gelingen, zum Heil des Vaterlandes, beschieden sein möge."
— Neue Militärmäntel. Wie es heißt, werden infolge der schlechten Erfahrungen mit den grauen Offiziersmänteln Versuche angestellt, mit einer neuen grünlich-grauen Farbe, die praktischer sein soll und der Farbe der russischen Militärmäntel mehr ähnelt.
Bonn, 2. April. Der Fabrikbesitzer Franz Guillcaume, Inhaber der Firma Franz Anton Mehlem, machte anläßlich des Geburtstages des Fürsten Bismarck eine Stiftung von 50,000 Mark für seine Arbeiter.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 5. April.
* — Der Rektor unseres Progymnasiums, Herr Dr. Hayner, tritt mit Schluß des Schuljahres einen von ihm erbetenen längeren llilaub an.
* — Am 17. April, Morgens 10 Uhr findet dahier ein Kreistag für den Kreis Schlüchtern statt.
— Der Gesammtvorstand der Invaliden- und Altersvcrsichcrnngs Anstalt Hessen-Nassau hat beschlossen, die Versicherung von Personen nicht in Anspruch zu nehmen, die selbstständige Betriebsuntcrnchmcr sind und nur kurze Zeit jährlich gegen Lohn arbeiten, da sie voraussichtlich aus ihrer Versicherung niemals Vortheil ziehen können, und hat diesen Beschluß auch auf Haus- lrauen und Hauskinder erstreckt, die nur ausnahmsweise Lohnarbeit verrichten. Es haben also Arbeiter, die eigenen Betrieb haben, für ihre Hausfrauen und Hauskinder keine Beitragsmarken zur genannten Versicherung zu verwenden, wenn sie zweifellos in weniger als zwölf Wochen jährlich gegen Lohn arbeiten und selbst von der Versicherung frei zu bleiben wünschen. Für alle Personen die mehr als zwölf Wochen oder nahe ein Jahr, wenn auch nur an einzelnen Tagen in der Woche, gegen Lohn arbeiten, sind Marken wie bisher zu sieben, wie auch bei solchen, wo Zweifel hinsichtlich ihrer Beschäftigungszeit bestehen. Quittungskarten aus dem Jahre 1891, die bis Ende 1894 nicht umgetauscht sind, sind ungiltig geworden. Die obige Erleichterung der Klebcbcstimmungcn wird freudig begrüßt werden.
Bon der Fulda, 28. März. In diesem Frühjahr ist Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen, ob die ai den Wehren der sieben Fuldaschleusen zwischen Kassel und Münden angelegten Fischpässe sich bewähren und ob sie thatsächlich zur Förderung der Fischzucht wesentlich beitragen. Nach Eröffnung der Fuldaschifffahrt, sei es durch Schleppdampfer, sei es auch blos durch mit Pferdekräften bergwärts gezogene Weserkähne, werden natürlich die Laichplätze beunruhigt, und wird viel Fischlaich zerstört werden. Eine lebhafte Fuldaschifffahrt würde daher den Ruin der Fischerei in der Fulda herbeiführen. Um letztere nicht völlig lahm zu legen und um den Laichen der Fische Vorschub zu leisten, ist das Wehr bei jeder Schleuse durch einen sogenannten Fischpaß unterbrochen, welcher auf Veranlassung der königlichen Wasserbaubehörde im Interesse der Fischerei besonders angelegt ist. Hierdurch wird es den zum Laichen strvmau wärts ziehenden Fischen ermöglicht, den oft über zwei Meter betragenden Wassersturz der Wehre zu überwinden. Die Fischpässe liegen in der Mitte des Stromes und bestehen aus einer je nach der zu überwindenden Höhe des Wassersturzes größeren od^r geringeren Anzahl von stufenförmig erhöht liegenden Kammern. In jeder dieser Kammer ist eine Zunge aus Ziegelsteinen cingcmaucrt, um den Fischen einen ström reien Raum zum AuSruhen zu verschaffen. Da diese Fischpaßanlagen die erste ihrer Art in Deutschland sind, so werden die Beobachtungen über deren Erfolg weite Kreise iutercssiren.
Hersfeld, 29. Wärz. Die hiesige Kriegsschule eröffnet am 1. April d. I. ihren 6. Cursus in der Stärke von 18 Offizieren, 109 Kriegsschülern (56 . Infanteristen, 4 Jägern, 16 Kavalleristen, 17 Feld- artilleristen, 5 Fußartillcristcu, 9 Pioniere und 2 deS Trains) 42 Infanterie-Ordonnanzen, 20 Kavallerie- Ordonnanzen, 17 Burschen und 40 Pferden.
Sontra, 1. April. Wie durch ein Wunder entging die Familie des Buchbinders H. dem Erstickungstode. Gegen 3 Uhr Nachts erwachte die Ehefrau. Beißender Rauch veranlaßte sie zum Husten. Sie weckte ihren Mann und dieser sah sofort nach dem Ofen, konnte aber hier nichts Auffallendes entdecken. Da aber auch ein starker Brandgeruch das Zimmer erfüllte, lief er in den untersten Stock des Hauses, woselbst sich die Wohnstube und der Laden befinden. Hier entdeckte er zu seinem nicht geringen Schrecken, daß der an dem Schornstein befindliche Balken bräunte. Nur mit Mühe arbeitete er sich am die Straße, weckte die Nachbarsleute, und ihrer Anstrengung gelang es nach dreistündiger Thätigkeit, jede Gefahr zu beseitigen. Bei den Nettungs-