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SchlWernerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 20.

Samstag, den 30. März

1895.

i^oftoHltltrtOtt °^^ dieSchlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ms Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Zum 80. Geburtstag des Altreichskanzlers.

Es war im Jahre 1844, sicbenuudzwanzig Jahre vor der Einigung des zerrissenen deutschen Volkes, als ein junger deutscher Dichter allen wahrhaft deutschen Herzen zurief:

Zum Himmel bete, wer da beten kann! Ein Mann ist noth, ein Nibelungeuenkel, Daß er die Zeit, den toll gcwordnen Renner, Mit ehrner Faust beherrsch' und ehrnem Schenkel!"

Emanuel Gcibel ahnte nicht, daß in seinem eigenen Geburtsjahr (1815) auch der Mann geboren war, der des Dichters Sehnsucht erfüllen, den Traum aller Deutschen verwirklichen sollte. Der große Sänger Lübecks schlä t nun schon elf Jahre auf dem Friedhofe seiner Vaterstadt. Aber der, den er prophezeit, ist uns erhalten geblieben. Der Eiche gleich in seinem Sachsenlande, steht Otto von Bismarck hoch und stolz unter dem Geschlechte der Enkel, das, heißen Dank im Herzen, dem Achtzigjährigen heute zujauchzt mit millionenstimmigem Heilruf.

Ein Volk, das seine großen Männer ehrt, das ehrt sich selber.

Heute gedenkt All-Deutschland seines ersten und größten Kanzlers. In allen Gauen unseres Vaterlands feiert man den achtzigsten Geburtstag Bismarcks. Ja, auf dem ganzen Erdenrund, wo immer die deutsche Sprache erklingt, wo deutsche Herzen schlagen, ist dieser Tag dem Manne geweiht, der den deutschen Namen wieder zu Ehren in der Welt gebracht hat, der den Deutschen ein einiges Vaterland gegeben, ein Reich, das im Rathe der Völker nicht an letzter Stelle steht. Darum brechen denn auch heute heißer denn je die Gefühle des Dankes aus den Herzen aller Deutschen hervor, und brausen als ein Strom der Begeisterung mächtig durch alle Lande, dem Fürsten am Abend seines Lebens Erquickung und Freude spendend. Und das geschieht mit Recht. Denn dieser gewaltige Mann gehört nicht einer Partei an, er steht über den Par­teien, er gehört dem ganzen Volke. Man braucht den Namen Bismarck nur zu nennen, so tritt mit ihm die ganze glorreiche deutsche Geschichte der letzten Jahrzehnte vor unser Auge. Jeder Blick in unsre jüngste Ver­gangenheit trifft auf ihn, als auf den Namen des Mannes, der in drei Jahrzehnten im Mittelpunkt als die treibende Kraft unserer ganzen Entwicklung gestanden. Seine Lebeusgeschichte ist zugleich die Geschichte seiner Zeit.

Es ist der Helden Art, viel Widerspruch heraus- zufordern. Der ist kein Mann, der sich nicht Gegner schafft durch Thun und Wirken. Auch Fürst Bismarck hat viele Anfeindung in seinem langen Leben cr'ahren, erfährt sie noch immer, obgleich er längst das Steuer des Reichsschiffes in andere Hände gelegt hat. Aber heute, an seinem Ehrentage müssen Neid und Hader schweigen. Wem wirklich ein deutsches Herz in der Brust flopt, dem wird es leicht werden, rückhaltslos mitzufeieru am 1. April und freudig mit einzustimmen in den innigen Wunsch des deutschen Volks: Gott erhalte dem Kaiser und dem Reiche, erhalte allen Deutschen auf dem weiteren Erdenrund den größten aller Deutschen noch manches Jahr!

Deutschlands Einheit, das deutsche Reich das war das Suchen und Sehnen der edelsten Geister, war die Lebensfrage der Nation seit den Freiheitskriegen, Jahrzehnte schauten nach diesem herrlichen Ziele aus. Und diese Frage zn lösen, diesen Traum des deutschen Volkes zu verwirklichen, dazu war Bismarck berufen. Er ist der Deutscheste der Deutschen. Von seinem ersten Auftreten an sahen wir in ihm deutsche Art und Gesinnung gleichsam verkörpert.

Darum wird der Name Bismarck für Jahrtausende in den Annalen der deutschen Geschichte in unaus­löschlichen Lettern prangen. So lange man von der Einigung der deutschen Stämme singt und sagt, wird man auch singen und sagen von dem eisernen Kanzler. Er ist neben Luther der größte Sohn seines Volkes. Jener machte die Deutschen frei von den Fesseln des Papstes, dieser machte sie einig unter dem evangelischen Kaiserthum der Hohenzollern. Das sei ihm heute an einem Judeltaze unvergessen!

Wenn Fürst Bismarck einst nicht mehr sein wird, werden wir erst ganz ermessen, was wir ihn ihm be­sessen haben. Der beste Dank, den ihm heute sein Volk zollen kann, besteht aber darin, seinem Volbilde nachzueifern, treu zu werden, wie er in der Hingabe an seinen kaiserlichen Herrn, unbeugsam wie er, wo es des Vaterlandes Wohlfahrt gilt, muthig wie er, Gottes­furcht im Gemüthe, wo es gilt, Gefahr und Noth zu besiegen. Dazu helfe uns Gott!

Deutsches Reich.

Berlin, 27. März. Ein besonderer kaiserlicher Erlaß zum Geburtstag des Fürsten Bismarck wird, wie es heißt, am I. April veröffentlicht werden, welcher den staatsmännischen Verdiensten des Jubilars gerecht wird, nachdem die am Dienstag in Friedrichsruh stattgehabte Kaiserfcicr nur einen militärischen Charakter gehabt hat, und der oberste Kricgsherrr in seiner Ansprache auch als Angehörigen der Armee hingewiesen hat. Einig sind alle Friedrichsruher Berichte in der Betonung der Herzlichkeit des Verkehrs zwischen dem Herrscher und seinem einstigen und alten ersten Rath.

Im Schauspielhaus zu Berlin ist es am Sonntag bei der Aufführung derJungfrau von Orleans" zu einer lebhaften Demonstration gekommen. Bei den Worten:Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre!" brach ein geradezu betäubender, fortwährend sich erneuernder Beifall aus, so daß die Vorstellung auf Minuten unterbrochen werden mußte.

Auch die großen euglischen Blätter, von der konservativenTimes" bis zu dem radikalenChronicle", sind einstimmig in dem Ausdruck der Mißbilligung und Geringschätzung gegenüber dem vom deutschen Reichstag in Sachen der Bismarck-Feier gefaßten Beschluß, und ebenso urtheilt die italienische Presse. Eines der römischen Blätter spricht von der Rache der Pygmäen. Ebenso wird durchweg im Ausland dem Telegramm des Kaisers an den Fürsten Bismarck zugestimmt.

Graf Matuschka veröffentlich in den berliner Abend­blättern folgende Erklärung: Langweil b. Züllichan, 24. März. Als guter Katholik und deutscher Patriot erkläre ich hiermit öffentlich, daß der Beschluß des Zentrums, den großen Schöpfer des Deutschen Reiches an seinem 80 Geburtstage nicht zu beglückwünschen, von Millionen von Katholiken als eine unsterbliche Blamage dieser Partei bedauert wird, welche .mit den Parteien des Umsturzes und der Reichsfeinde sich als identisch erwiesen. Ich halte es als Katholik für eine ernste Pflicht, Namens von Millionen meiner Glaubensbrüter diese Erklärung zu veröffentlichen, um uns nicht dem Verdachte auszusetzen:qui tacet, consentire vidatur.

Killer Graf Matuschka.

Friedrichsruh, 26. März. Bereits gestern waren in Aumühle, wo der Kaiser abgestiegen ist, folgende Truppentheile »«gekommen und in der Umgegend von Friedrichsruh einguartirt worden: eine Eskadron Kürassiere aus Halberstadt, eine Eskadron Husaren Nr. 15 aus Wandsbeck, eine Kompagnie des 76. Infanterie-Regi­ments aus Hamburg, eine Batterie zu sechs Geschützen des Regiments Nr. 24 aus Altoua. Diese Truppen führte der Kaiser, der beritten war, auf den Truppen- aufstellungsplatz des Parks von Friedrichsruh. Die Truppen waren feldmarschmäßig, die Kavallerie mit Standarte und Trompeterkorps, die Infanterie mit Fahne, Spielleuten und Musik, die Kürassiere trugen den Küraß. Nachdem die Truppen Aufstellung ge- -nommen, ritt der Kaiser, neben ihm zur Rechten der Fürst Bismarck im Wagen, die Fronten ab, die Truppen präscutirlen im Ganzen. Die Begleitung des Kaisers war zu Fuß. Nach dem Präsentiren hielt der Kaiser in dem von den Truppen gebildeten, nach einer Seite offenen Karrä an den in offenen Wagen in Kürassier-Uniform stehenden Fürsten die angekündigte Ansprache. Der Kaiser wies darauf hin, daß die Armee heute ihren Kameraden feiere und deshalb ein Theil derselben per berufen sei. Dem Fürsten Bismarck sei es Vorbehalten gewesen, für die Tüchtigkeit der Armee gewaltige Thaten auszuführen. Als Symbol des Dankes seien die Feldzeichen zur Stelle, die an Kurbrandenburg erinnerten.Ew. Durchlaucht," so mbr der Kaiser fort,mögen im Geiste hinter dieser Schaar das gestimmte kampfgerüstete Heer aller germanischen Stämme sehen. Im Anblick dieser Schaar

überreiche ich Ew. Durchlaucht eine Gib'. Ich kann kein besseres Geschenk finden als ein Schwert, die vornehmste Waffe der Germanen. Das Schwert sei ein Instrument, das in der Hand von Königen und Fürsten nie versage, wenn's noth thue. Auf dem Schwert sei das Wappen von Elsaß-Lothringen als Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse, die sich vor 2.) Jahren abspielten, eingravirt. Nachdem nach diesen Worten:Achtung, präsentirt das Gewehr!" kommandirt war, rief der Kaiser:Seine Durchlaucht, Fürst Bismarck, Herzog von Lanenburg, hurrah, hurrah, hiirrah!" Bismarck, der vor Ueberreichung des goldenen Schwertes den Mantel abgenommen, stand in blauem Waffenrock da und sprach seinen Dank in einer kurzen Ansprache. Darnach marschirten die Truppen im Parademarsch am Fürsten vorbei und rückten in ihre Quartiere ab, während die Batterie zurückblieb. Der Fürst bgab sich nun ins Schloß, wo er bald nachher den Kaiser empfing. Die Fahne und Standarten der Truppen wurden ins Schloß gebracht, eine Ehrenwache von sieben Kürassieren zog für vierundzwanzig Stunden auf.

Kiel. Die Sonderburger Bank hat am Montag ihren Konkurs angemeldet. Wie verlautet, soll bisher eine Unterbilanz von 2 040 000 Mk. festgestellt worden sein, die der vor 10 Tagen verstorbene Kassierer Joergensen der Bank geschuldet habe. Da viele kleinere Leute von dem Bankbruch betroffen sind, herrscht auf Alsen große Aufregung. Die Staatsanwaltschaft hat die Untersuchung der Angelegenheit eingeleitet.

Schlesien. Inmitten des aufgcschlagcncu Zigeuner­lagers wurde dieser Tage im dichten Holzbestande des Steiner Waldreviers bei Rybnik eine aus sechs Mit­gliedern bestehende Zigcuiwrtrsippc, zwei Männer, drei Malten und ein Kind, todt im Schnee von einem Forstbeamten au'gefundcn. Die Leichen haben an­scheinend schon lange unter der hohen Schneedecke gelegen, deren Schmelzen die Körper zum Vorschein brächte. Dem Kinde ist vermuthlich durch Raubzeug ein Auge ausgehackt worden. Ein Feldkessel und ein eiserner Dreifuß lagen neben den Leichen, ebenso ein todter Hund.

Mainz. Die Schiffswerft Ruthof in Saftet bei Mainz hat von der japanischen Regierung den Auftrag erhalten, die Oberleitung zur Hebung der in verschiedenen Häfen gesunkenen und erbeuteten chinesischen Kriegs­schiffe zu übernehmen. Ferner hat die Firma den Amtrag erhalten, nach deutschem Muster in Japan mehrere staatliche Schiffswerften zur Erbauung von Kaufsahrtei-, Last- und Kriegsschiffen einzurichten. Herrn Ruthof und seinen Arbeitern wird freie Fahrt nach und von Japan zugesichert. Die Verhandlungen werden durch die japanische Gesandtschaft in Berlin geführt.

Ausland.

Persien Nach authentischen Daten sind beim Unter­gang der Stadt Kutschan in Persien ungefähr 8000 Personen umgekommen, untres unterliegt keinem Zweifel, daß unter den Trümmern noch viele Opfer dieses Naturereignisses begraben liegen. Das unterirdische Getöse ist jetzt noch nicht verstummt. Die beim Unter­gänge der Stadt Geretteten, ungefähr 400 Personen an Zahl, kampircu jetzt im Freien und ihr Looö ist äußerst beklagenSwerth. Der Schaden ist ungeheuer groß, denn die Stadt Kutschan existirt nunmehr nur als geo­graphischer Begriff.

Lokales und Provinzielles.

* Schlächtern, 29. März.

* Dem Regierungspräsidenten Grafen Clairon d'Houssonvill e zU Cassel ist der Charakter als wirk­licher Geheimer Ober Regierungsrath mit dem Range der Räthe erster Klasse Allerhöchst verliehen woaden.

* Lehrer Weider ist von hier vom I. April ab nach Dillenburg versetzt worden.

* Der auf hiesiger Steuerkasse beschäftigt ge­wesene Kassengehil'e Homburg, gebürtig ans Ziegen- hain, ist nach Verübung mehrfacher Unterschlagungen und falschen Buchungen am Samstag flüchtig gegangen, unbekannt wohin. Die Gesammtsumme der veruntreuten Gelder soll mehrere Tausend Mark betragen.

t. Steinau, 26. März. Am 14. Januar, Vormittags gegen 12 Uhr, hörte der Sladtförster Klotz, als er seinen Revirrbeganz machte, einen verdächtigen Schuß