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Samstag, 1895.
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M^ „Sclifüditerner Aeitung" "^WI bitten wir durch die Post (auch Landbriefträger) oder Boten gest, aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bis zum 27. d. Mts. Spätere Bestellungen resp. Nachlieferungen müssen an die Post extra bezahlt werden. Die Expedition.
Sublimatpulver absichtlich in das Anlipyrin-Gefäß gelegt zu haben. Eine Reihe von Aeußerungen und Handlungen Prowe's, die in der Gerichtsverhandlung festgestellt werden konnten, lassen den Verdacht als begründet erscheinen. Prowe gibt zu, einem Studenten schon einmal eine Tinktur aus spanischen Fliegen ins Bier geschüttet zu haben. Der Beweggrund seiner That in der Dorischen Apotheke soll Rache gegen den Prinzipal gewesen sein.
Deutsches Reich.
Berlin. Wie die „Norddeutsche Allgem. Zeitung" erfährt, bestätigt es sich, daß der Kaiser am 26. d. M. zum Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh fahren wird. In Berlin verlautet, daß auch der König von Sachsen dem Altreichskanzler aus Anlaß dessen 80. Geburtstags in Friedrichsruh einen Besuch abstatten werde.
Mit dem Tode des Fürsten Woldemar von Lippe- Detmold ist das Haus Lippe-Detmold im Mannesstamme erloschen. Der Fürst hat mit Rücksicht auf die bestehenden Thronfolgestreitigkeiten bis zu deren Erledigung letztwillig eine Regentschaft eingesetzt, an deren -Spitze der Prinz Adolf von Schanmburg, Schwager des Kaisers, treten wird.
Spandau. Das Schicksal der Oberfeuerwerker- Schüler, die durch ihr Berhalten zu dem bekannten kriegsgerichtlichen Verfahren Anlaß gegeben haben, gestaltet sich sehr ungünstig. Bier von ihnen, die eitlem hiesigen Garde-Artillerie-Regiment angehörten, sind nach Verbüßung der erkannten sechswöchigen Strafe zu dem Truppentheil zurückgekehrt und wurden in der vorigen Woche zu dem Kommandeur befohlen. Dort wurde ihnen eröffnet, daß das Regiment bestrafte Unteroffiziere nicht gebrauchen könne und daß sie aus dem aktiven Militärverbande entlassen seien.
Kiel, 17. März. Die großartige elektrische Beleuchtungsanlage am Nord-Ostseekanal geht ihrer Vollendung entgegen. Seit fast einem halben Jahre wird an der Niesenanlage, deren Ausführung der Elektrizitäts- gesellschaft „Helios" in Köln-Ehrcnfeld übertragen ist, gearbeitet; am k.Juni soll kontraktlich das Unternehmen sertiggestellt sein. 5000 Leitungspfähle, die aus dem Sachsenwalde stammen, sind errichtet worden. Der Nord-Ostseekanal ist die längste Strecke der Welt, die durch Elektrizität erleuchtet wird. Die Schiffer werden im Stande fein, Nachts das Fahrwasser genau zu verfolgen. Sie brauchen demnach bei Holtenan oder Brunsbüttel Abends keinen Aufenthalt zu nehmen, sondern können nach eingetretener Dunkelheit ohne Gefahr die Reise fortsetzen. Einige genauere Angaben über die Beleuchtungsanlage dürften interessiren. _ Die Beleuchtung der 98,6 Kilometer langen Kanalstrecke erfolgt durch Glühlampen von 25 Normalkerzen. Die Lampen werden auf Gestellen von vier Nieter Höhe längs der beiden U^er angebracht und in einem Abstand von 250 Metern errichtet. Für die Gesammtbelenchtung des Kanuls sind 952 Lampen von 25 Normalkerzen erforderlich. Die beiden Schleusen an der Ost- und Westmündung, bei Holtenan und Brunsbüttel, die Binnen- und Außenhäfen werden durch Glüh- und Bogenlampen verschiedener Lichtstärke erleuchtet. Die Hafen- und Schleuseneingänge erhalten entsprechende farbige Lampen. Die Speisung der großen Anlage geschieht durch die beiden Central-Maschinenstationen Holtenau und Brunsbüttel, die so groß angelegt werden, daß sie den zum Betrieb der elektrischen Maschinen nöthigen Dampf liefern können. Auf den Strecken, wo der Kanal Seen durchschneidet, erfolgt die Beleuchtung durch Fettgasbojen.
Ein Unikum in der deutschen Geschäftswelt besteht in Königswinter a. Rh., nämlich eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, bestehend aus einem einzigen Mitglied. Es giebt also, wie die „Monatsschrift für Actienrecht und Bankwesen" hierzu bemerkt, thatsächlich in Deutschland einen Menschen, der neben seiner physischen Person zugleich eine juristische Person darstellt, also zwei Persönlichkeiten in sich vereintgt. Er hat sich selbst das Vertrauen geschenkt, sich zum Geschäftsführer zu bestellen und es ist zu erwarten, daß er dieses Vertrauen rechtfertigen und die ihm von selbst gegebenen Vorschriften streng befolgen wird, damit er Nicht in die Lage kommt, sobald er sich als Generalversammlung konstituirt, sich aus seiner Stellung als Geschäftsführer abzuberufen. Dir Beschlusse in dieser
Generalversammlung werden jedenfalls einstimmig gefaßt, denn es ist nicht zu befürchten, daß er sich von sich majorisiren lassen wird. Jedenfalls kann er sich sein Gehalt jeden Augenblick erhöhen lassen und es ist ein feierlicher Moment, wenn der versammelte Gesellschafter sich den Dank für seine Geschäftsführung durch Erheben von seinem Platze aussprechen wird.
Köln, 20. März. Gestern Abend explodirte der „Köln. Vztg." zufolge bei Wesel ein Dynamitschiff, wobei 25 Personen getödtet wurden. Das Schiff wurde völlig zerstört, ein daneben liegendes Schiff brennt. In Emmerich sind viele Fensterscheiben gesprungen.
Die Vorgeschichte dieser furchtbaren Explosion ist: Im Anfang Februar befanden sich auf dem alten Rhein, beim Dorfe Kecken; etwa zwei Kilometer von der holländischen Grenze entfernt, sieben mit Dynamit und Pulver beladene Schiffe, welche gezwungen waren, ihre Fahrt nach Antwerpen wegen des Eisganges zu unterbrechen und in der Nähe des oben erwähnten Dorfes Schutz zu suchen. Später froren die Schiffe ein. Die Behörden hatten natürlich angesichts der den Uferbewohnern drohenden Gefahr Schutzmaßregeln getroffen. Als nun Eisstauung eintrat, wurde angcordnet, daß die Schiffe ausgeladen und der Sprengstoff in Sicherheit gebracht werden solle. — Die Wirkung der Explosion, welche Dienstag Abend zwischen 5 und 6 Uhr in Kecken stattfand, war eine entsetzliche. Eines der von der Explosion mitbetroffenen Schiffe ging vollständig in Trümmer, ein anderes gcrieth in Brand. In den Werfen zunächst liegenden Dörfern stürzten in Folge des ungeheuren Luftdruckes mehrere Häuser ein, in allen Städten und Ortschaften in weitem Umkreise gingen zahlreiche Glasscheiben in Trümmer. In dem 8 Kilometer von der Schenkenschanz entfernten Eleve waren die Wirkungen der Explosion so stark, daß Thüren und Fenster aufsprangen und vielfach Schaden angerichtet wurde. Tausende von Einwohnern eilten auf den Schloßberg, von wo aus man Rauch und Flammen an der Schenkenschanz erkennen konnte. In Dinslaken machte sich die Explosion durch Stöße bemerkbar, welche in Zeiträumen von 1 bis 11 a Sekunden erfolgten und Thüren und Fenster beschädigten. An verschiedenen Orten glaubte man zur Zeit der Explosion, es hätte ein Erdbeben stattgefunden. Die Meldung über die Zahl der durch die Explosion an der Unglücksstelle Getödteten gehen aus einander und schwanken zwischen 12 und 25 Personen. Unter den Opfern befinden sich auch fünf deutsche Arbeiter.
Halle a. S , 16. März. In dem Städtchen Wiche an der Unstrut wurde der Schornsteinfegermeister Kunst und sein Sohn in einem Schornstein erstickt gefunden. Infolge Ansammlung von Kohlengasen waren die beiden Unglücklichen beim Kehren des Schornsteins ums Leben gekommen. In dem Haus des Arztes in Wiche. hatte Kunst eine altdeutsche Esse, die nur von oben bestiegen werden konnte, zu reinigen. Um seinen Sohn mit der Steigerkunst vertraut zu machen, hatte er diesen mit in die Esse genommen. Dem Dienstmädchen fiel es zunächst auf, daß beide lange Zeit nichts von sich hören ließen. Auf Veranlassung der Hausfrau bcgab sich das Mädchen nach oben und rief in die offene Effe hinein, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Es wurde nunmehr von den Hausbewohnern der in der Küche am Fuß der Esse befindliche Essenschieber geöffnet und es zeigten sich die fest eingerannten Beine des Vaters. Sofort riß man die Backsteinmauer ein. Vater und Sohn fand man erstickt vor. Jedenfalls in Folge deS Mangels an Sauerstoff, dessen Zuführung durch den geschlossenen Schieber von der Küche aus verhindert war, war der Erstickungstod beider eingetreten.
Freiburg i. B. Der Tod des stud. jur Böttcher scheint nun doch seine Aufklärung zu finden. Der frühere Apothekerlehrling Prowe, jetzt 18 Jahre alt, ist unter dem dringenden Verdacht verhaftet worden, die
Ausland.
Cadix, 19. März. Der Kreuzer „Alfonso XII.", welcher hierher zurückgekehrt ist, hat die „Reina Regente“ unter Wasser liegend bei Acotas Cajas in der Nähe der Küste von Conils aufgefunden. Ein Mast deS untergegangenen Schiffes ragte ungefähr ^ Meter aus dem Wasser hervor. „Alfonso XII." ist mit Tauchern und dcn nöthigen Apparaten an den Ort des Unglücks zurückgekehrt. Die Nachricht von dem Schiffbruchc erregt unbeschreibliche Trauer. Die „Königin-Regentin" war bestimmt, zur Eröffnungsfeier des Nord Ostseekanals in Kiel zu erscheinen. Das 1887 erbaute, durch Panzerdeck geschützte Doppelschraubenschiff hatte zwei sehr starke Maschinen, die zusammen bei den Probefahrten 11 600 Pferdekräfte entwickelten und dem 4780 Tonnen großen Kreuzer 20 Meilen Schnelligkeit verliehen. Das Schiff konnte 500 Tonnen Kohlen, im Nothfälle 1200 Tonnen fassen, besaß aber bei ersterem Quantum einen Aktionskreis von 6500 Meilen bei der gewöhnlich innegchaltenen Fahrt von 10 Meilen in der Stunde. Der Kreuzer, welcher einen Werth von etwa 6 Millionen Mark repräsentirt und 480 Köpfe Besatzung an Bord hat, ist bewaffnet mit vier 24 Centimeter- Hinicrladern, sechs 12 Centimeter-, sechs 5,7 Centimeter-, zwei‘4,2 Centiincter-Schnellladern, acht Revolverkanonen und Mitrailleusen, hatte einen Cellulosegürtel in der Schwimmlinie und wasserdichte Schotten. Es ist nicht anzunehmen, daß in freiem Wasser einem so konstruirten Schiff mit so starken Maschinen, deren Gang nicht forcirt wird, ernstliches zugestoßen ist, wohl aber können die zahlreichen Klippen an der Südküste Spaniens, die noch vor vier Jahren dem englischen Kreuzer „Serpent" mit seiner gefammten Mannscha t den Untergang brachten, auch diesem schönen Schiff zum Verderben gereicht haben.
Ostasicn. Ueber die Lage auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz meldet der „Newyork Herald" aus Shanghai, daß die Japaner in der Nähe von Niutschung die auf drei Monate berechneten Borräthe der chinesischen Truppen in der Mandschurei fortgenommen haben. Die Chinesen müßten sich daher ergeben oder sich nach Peking zurückziehen. Die dritte japanische Armee, welche Wci-Hai-Wei genommen hat, ist nunmehr für den bevorstehenden Fcldzug in der Provinz Pctschili, in welcher Peking liegt, bestimmt. Sie wird ohne Zweifel mit der Flotte an der dortigen Küste erscheinen, während die erste und zweite Armee von Norden zu Land heranrücken.
Lokales und Provinzielle?.
* Schlächtern, 22. März.
* — Dem Herrn Prcmierlieutenant der Landwehr Henrichs dahier, wurde von Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzrcgcntcn Luitpold von Bayern die Dienst- auszeichnung erster Klasse verliehen.
* — Der berittene Gendarm Kirchner in Steinau ist vom 1. April er. ab als interimist. Oberwachtmeister nach Montabaur versetzt.
* — Im heutigen Auzcigenthcil veröffentlicht die Königl. Eisenbahn-Direktion zu Frankfurt a. M. die in Folge der Neuordnung der Eisenbahn-Verwaltung sich ergebenden Aenderungen. Die neue Ordnung der Staatseisenbahn-Verwaltung unterscheidet sich von den gegenwärtigen Einrichtungen im Wesentlichen .dadurch, daß für Verwaltung und Betrieb des staatlichen Eisenbahnnetzes unter dem Minister der öffentlichen Arbeiten nicht mehr, wie bisher, zwei Instanzen (Eisenbahn- Direktionen und Eisenbahn-Betriebsämtcr) wirken werden, sondern nur noch eine Instanz (Eisenbahn-Direktion) bestehen wird. Die untere Instanz der Betriebsäniter wird beseitigt, ihre von den früheren Eisenbahn-Direktionen abgeneigten Berwaltungsbefugnisse werden auf die Direkttonen zurückübertragen, welche fortan Verwaltung und Betrieb der ihnen unterstellten Strecken unter der oberen Leitung des Ministers wiederum unmittelbar