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M 23. Mittwoch, den 20. März 1895.
Deutsches Reich.
Berlin D.rKiiser theilte i;tb. rieften Sitzung des Ztaats-' raths einen Artikel der Zeitung „Das Volk" Dom 15. d. M. ; mit, in welchem abfällige Bemerkungen über den i Staatsrath gemacht werden. Der Kaiser ei klärte, daß derartige Beschimpfungen des Staatsrathes, dessen Vorsitzender zu sein er sich zu einer besonderen Ehre rechne, eine Bosheit und Taktlosigkeit dieses Blattes bezeugten, die man nicht ungerügt hinnehmen könne, sondern öffentlich zurückwcisen müsse.
— Ueber das Befinden des Prinzen Joachim, des jüngsten Sohnes unseres Kaiser Paares, wird Folgendes gemeldet: Der Prinz verbrachte einen Theil der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ruhiger als bisher. Das Fieber hatte sich gesteigert. In den örtlichen Krankheitserscheinungen ist eine Minderung der oor- handenen Störungen nicht mit Sicherheit sestzustesien.
— Es steht jetzt fest, daß die feierliche Eröffnung des Nordostsee-Kanals am 19. Juni stattfinden soll. So schreibt die „Post" und fügt hinzu: Tags zuvor werden der Kaiser und die zur Theilnahme an der Feier der Schlußsteinlegung erschienenen Fürstlichkeiten und geladenen Gäste das Fest der Stadt Hamburg annehmen, das in einer Beleuchtung der Elbufer seine Krönung erhalten wird. Die erste Durchfahrt der kaiserlichen Schiffe, die von einigen Schiffen der Hamburger Packet- sahrtgesellschaft und des Bremer Lloyd begleitet. sind, wird in Rendsburg unterbrochen. Dort sollen größere Truppenvorstellungen entgegen genommen werden. Nach dem Auslaufen der Schiffe aus dem Kanal wird der Kaiser Namens des Bundesraths ersucht werden, die Schlußsteinlegung zu vollziehen. Alle zu der Feier erschienenen Schiffe geben den Salut ab. Dann folgen Feste auf der „Hohenzollcru" und dem „König Wilhelm", zu welchen die Offiziere aller im Kieler Hafen erscheinenden Geschwader Einladungen erhalten.
— Zum Geburtslage des Fürsten Bismarck. Vom preußischen Kultusministerium wird, der „N.-Z." zufolge, der Schluß sämmtlicher Schulen am 1. April veranlaßt, sowie den Schulleitungen nahe gelegt werden, den Tag durch eine Feier festlich zu begehen. Ob der Obcrkirchcnralh am Sonntag, den 31. März, in Predigt und Gebet des Fürsten Bismarck gedenken wird, stehe noch dahin, jedoch dürfte es ziemlich wahrscheinlich sein.
— 15. März. O deutsches Volk, wie bist Du herrlich groß vertreten! Nach Meldung eines Par- lauientsberichterstaltcrs fand gestern im Seniorenkonvent des Reichstags eine lebhafte Debatte über die Beglück- wünschung des Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstag statt. Während die Konservativen, die Reichs- partei, die Nationalliberalen und die freisinnige Vereinigung der Entsendung einer Deputation zustimmten, erklärten sich das Zentrum, die freisinnige Volkspartei und die Sozialisiert entschieden dagegen.
— Der Antrag Kanitz macht Schule. Dem preußischen Staatsrath ist aus Zellingcu a. d. Mosel von Winzern eine Eingabe zugegangen, worin nach dem Muster des Antrages Kanitz der Wunsch ausgesprochen wird, es solle zur Hebung des Preises für reine Naturweine der Ein- und Verkauf des anS- ländischen nach dem Reiche kommenden Weines nur für Rechnung des Reiches erfolgen. Ferner soll der auf künstliche Weise vermehrte Wein dem Fabrikanten durch das Reich abgetanst und dann vom Reich an die Konsumenten verkauft werden. Den Ueberschuß soll das Reich behalten dürfen.
— Der „Norddeutsche Lloyd" hat mit argentinischen Agenten Verträge abgeschlossen, wonach dem Llohd 50 000 ha Land für Auswanderer überwiesen werden, die von Mai 1895 bis Mai 1896 in Argentinien ein- treffen. Der Llohd wird jeder Familie 100 ha Land zuweisen, wenn nöthig, auch Vorschüsse für die Einrichtung bis zu 2000 Mk. gewähren.
— Die Stadtvogtei in Berlin hat dieser Tage mit 1927 Ge'angcnen den höchsten Bestand, der bisher in diesem Winter überhaupt erreicht worden ist, gehabt. Der lange Winter mit seiner Arbeitslosigkeit dürfte als die Ursache dieser Erscheinung anzuschen sein. Im Vorjahr waren um die jetzige Zeit Bau- und Erd arbeiten schon längst im Gang. Auch Plötzensce mit 2305 Gefangenen ist z. Z. mehr wie überfüllt. Was kostet allein die Unterhaltung dieser Gefangenen dem Steuerzahler!
Bei der verkrachten Kreditbank in Parchim sind nach amtlicher Feststellung nur 2800 Mk. Paar bestand vorhanden gewesen, während nach den Büchern 461 155 Mk. hätten vorhanden sein müssen! Bei der Bank ist alles verschwunden, selbst die Depots. Unter den Bankaktien sind zahlreiche, läugstvermllenc wenhlose Wechsel vom Jahr 1881 an ge ührt. Laut neuester Feststellung schuldet die Firma Klaehn u. Kompagnie der Bank allein 400 000 Mk. Die verhafteten Kaufleute Klaehn, Triebsees und Walter Ehlcrs sind wieder freigelassen worden, während der Bankdirektor Ehlers wegen Selbst- mordverdachts ständig in seiner Zelle bewacht wird.
Aus der Provinz Sachsen, 14. März. Im Weißen- werder Forst bei Stendal wurden bei einer veranstalteten Suche etwa 80 todte Rehe aufgefunden. Daraus ist zu ersehen, wie staik der grimmige Winter das Wild mitgenommen hat.
Hildcshcim, 15. März. Eine Bestie in Menschengestalt wurde dieser Tage vom hiesigen Schwurgericht unschädlich gemacht. Der Dachdecker Leise aus Salz- detsurth hatte das vorchliche Kind seiner Frau durch unsagbar rohe Behandlung und Entziehung der Lebens- mittel ermordet und wurde deshalb zum Tode verurtheilt. Damit ist aber das Sündenregister dieses Unmenschen noch nicht abgeschlossen. Vor zehn Jahren hat L., wie erst jetzt bekannt wird, seinen eigenen zehnjährigen Sohn durch fortgesetzte Brutalitäten zum Selbstmorde getrieben, auch hierbei wurde ein Mordverdacht gegen L. laut. Endlich ist vor Jahresfrist noch ein anderes Kind des L. verschwunden, und alle behördlichen Nachsuchungen nach dein Verbleib desselben sind erfolglos geblieben. Jetzt hat man aber Kleidungsstücke des verschwundenen Kindes aufgefunden, so daß die Wahrscheinlichkeit immer mehr Platz grei t, daß auch dieses Kind ein Op'er seines Vaters, dieses Scheusals in Menschengestalt, geworden ist.
Weimar, 13. März. Die hiesige Schutzgemeinschaft für Handel und Gewerbe veröffentlicht folgende dankens- wcrthe Au klärung über ein drastisches Beispiel unlauteren Wettbewerbs: Unter der Reklame: „Trostlose Zustände herrschen auf dem mexikanischen Silbermarkt, wir verschenken fast 40 Stück Patent-Silber-Messer, Gabeln, Löffel m s. lv. für eine kleine Vergütung von nur 15 Mk. (früherer Preis 50 Mk.)" versucht eine Firma Nelken in Berlin durch eine für den Uneingeweihten leicht mißverständliche Annonce in vielen Zeitungen den Glauben beim Publikum zu erwecken, als hätten diese Artikel mit Silber etwas zu thun. Wir haben durch mehrere Sachverständige fcstgcstcUt, daß diese Waaren keine Spur von Silber enthalten, vielmehr nur aus poliertem Zinn bestehen und in jedem Laden um ein Drittel des Angebots billiger zu haben sind.
Aus Bayern, 14. März. Das Schwurgericht in Amberg (Oberpfalz) hat eine Taglöhnersfrau wegen Vergiftung ihres Ehemannes zum Tode verurtheilt; das zweite Todesurtheil wegen Gattenmordes in dieser Session der bayerischen Schwurgerichte. Der Mord wurde schon vor 10 Jahren verübt. Die G.meinde wußte darum, unterdrückte die Sache aber, weil sie fürchtete, die Kinder der Mörderin ernähren zu müssen, wenn sie angezeigt würde. Erst jetzt ist ein neu in die Gegend versetzter Gendarm dahinter gekommen.
Ausland.
Türkei. Die armenischen Greuel. Eine Abordnung der Ucberlebenben der Metzelei von Sassun in Armenien erschien vor der UnlcrsnchuiigSkommissioii, machte eingehende Aussagen und überreichte einen schriftlichen Bericht über die Vorgänge, den tcr Berichterstatter des Londoner „Daily Telegraph" übermittelt hat. Darnach wurden in verschiedenen Dörfern 1357 Häuser, 16 Kirchen und 8 Schulen niedergebrannt. Der Bericht machte einen gewaltigen Eindruck auf die Delegirten. Der Berichterstatter selber und seine Gehilfen verhörten über 200 Zeugen, darunter Kurden und türkische Unteroffiziere. Auf Grund deren Aussagen stellt er die Behauptung, daß die Armenier die Ausschreitungen hervorriefen, nachdrücklich in Abrede. Die Zahl der zerstörten Dörfer ist 40. Die internationale Kommission in Masche macht sehr langsame Fortschritte; sie hat nun jenen Punkt erreicht, wo es nöthig ist, die Thaten der türkischen Generale zu untersuchen. Der einzige Dragoman fürchte sich, seine Schuldigkeit zu thun. Es kommen Reibungen zwischen den türkischen Kommissaren und den europäische» Del girten vor.
Die erstgenannten richten ihre Anstrengungen jetzt hauptsächlich darauf, die Verantwortlichkeit für die Gräuel auf die Kurden zu wälzen.
Belgrad, 9. März. Der Direktor des Lehrerseminars zu Nisch wurde von seinen sozialistischen Zuhörern mißhandelt, verwundet und aus dem Fenster geworfen, weil er mehrere Schüler wegen sozialistischer Umtriebe bestraft hatte.
— Der „Magd. ,Z." wird aus Madrid, 15. März, telegraphirt: „Nach amtlicher Angabe befanden sich an Bord des Kriegsschiffes „Reina Rengente" 582 Matrosen uud 17 Officiere. Das Kriegsschiff trug 5 schwere Geschütze. Da bisher kein Ueberlebcnder-vorhanden ist, so ist man auf bloße Vermuthungen angewiesen. Man nimmt an, daß das Unglück in der Nacht von Sonntag auf Montag erfolgte, indem das Kriegsschiff vom Sturme erfaßt wurde und, gegen die Gibraltarfelsen geschleudert, zerschellte. Hier herrscht ungeheure Aufregung. Vor dem Marineministerium sammelt sich beständig eine ungeheure Menschenmenge, die den amtlichen Bericht erwartet; gleiche Ansammlungen geschehen vor den Cortes. Minister Sagasta fuhr am Abend nach dem Palast, um der Königin-Regentin Bericht zu erstatten. Fast alle Matrosen des Dampfers stammen aus Cadix, wo die Bestürzung allgemein ist. Niemand hätte gedacht, daß während einer so kurzen Ueberfahrt ein derartiges Unglück möglich sein könne. — Das vermißte Schiff war einer der beiden besten unge- panzerten Kreuzer der spanischen Marine. Sein Schwesterschiff ist der „Alfonfo XIII " Das Schiff ist 1887 gebaut worden. Es hatte eine Fahrgeschwindigkeit von 20 Knoten die Stunde und eine Wasserverdrängung von 5000 Tonnen. Die Maschinen halten 11000 Pferdekräfte.
Belgicu. Die Folge der kürzlich erfolgten Verwundung der Königin Marie Henriellc durch einen Pferdebiß, wird, wie die Aerzte festgestellt haben, eine dauernde Lähmung des rechten Armes sein.
Lokales und Provinzielles.
* Tchlüchtern, 19. März.
* — Der Schaden, den der harte Frost an den Bäumen eingerichtet hat, ist nach dem Weichen des Schnees vielfach zu sehen. Es sind selten zuvor so viele Bäume erfroren, wie in diesem Winter.
* — Die diesjährige Konferenz der Seminar- direktoren und der Seminarlehrer der Provinz Hessen- Nassan findet am 7. Juni zu Hombcrg statt. Seminar» Oberlehrer Dr. Lewin-Schlüchtern wird über den Modus der zweiten (praktischen) Lehrerprü ung sprechen. Außerdem soll über das „Sachrechnen" und über das Ueben der zu behandelten Unterrichtsstoffe" verhandelt werden.
— Die Manöver der großh. Hess. 25. Division (Brigade- und Divifions-Ucbungen) in der Provinz Oberhessen und in den Theilen der preußischen Kreise Kirchhain und Marburg werden von etwa Mitte September ab stattfinden. Die Korpsmanöver (25 uno 22. Division) 'picken sich zwischen Lauterbach und Fulda ab und endigen am 24. September.
* — In Hau an fand am 15. d. M. die zweite Hauptversammlung des Sparkassen Verbandes für den Regierungsbezirk Sasse! statt. Schlüchtern war auf derselben vertreten durch Herrn Bürgermcister Salomon. Als Ort der nächsten Hauptversammlung wurde Mel- jungeu gewählt.
* — Aus der Strafkammer-Sitzung vom 14. März. Der Ha'nerges.lle Peter Schüßler von Altengronau ist beschuldigt, den Förster Heindorf von dort am Abend des 8. Oktober ant der Straße von Altengronau nach Jossa mit einen dicken Knüppel bedroht, ihm am Halse gepackt und durch Schimpfworte beleidigt zu haben. Der Angeklagte war an dem genannten Tage dem Förster mit einem Handkoffer auf dem Rücken begegnet. Da der Vater, obgleich Jagdpächter, im Verdacht der Wilddieberei steht, hielt der Förster den Sohn, in der Meinung, daß er Wild in dem Koffer trage, an und forderte ihn anst mit nach Altengronau zurückzugchen und zwar zum Bürgermeister, um den Koffer auf seinen Jnhali zu untersuchen. Alsbald nach der Aufforderung hatte nun, nach den Angaben des Försters, der Angeklagte seinen Koffer hingcsteUt, ihn am Halse gepackt, dann mit hochgehobenem Knüppel mit Schlagen gedroht und grobe Schimpfworte gegen ihn ausgestoßen. 'Nachdem der Föistcr ihn abgewehrt und sein Gewehr